Autor Thema: Es geht auch anders: Marinaleda  (Gelesen 333 mal)

Kuddel

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Es geht auch anders: Marinaleda
« am: 17:24:31 Fr. 30.Oktober 2020 »
Zitat
Marinaleda, das bewundernswerte Dorf in Andalusien

Stellen Sie sich vor, Sie erhalten monatlich 1.200 Euro als Einkommen auf Ihr Konto überwiesen und müssen davon nur 15 Euro Miete bezahlen. Gut, in Deutschland ist das kaum denkbar


Die Situation, so wie sie in Marinaleda vorherrscht, ist das Ergebnis eines schweren Aufstands in den 70er Jahren. Denn bevor in der kleinen Ortschaft alle Arbeit, ein festes Einkommen und günstigen Wohnraum bekamen, war man so situiert wie jedes andere arme Dorf drumherum auch. Bis heute hat man in Andalusien mit einer Arbeitslosenrate von 30 Prozent zu kämpfen. Bis heute müssen in Sevilla jeden Tag Familien ihre Häuser räumen, weil sie sich ihre Miete nicht mehr leisten können. Nur in Marinaleda nicht.

Vor etwa 40-45 Jahren begannen die Bewohner des bis dahin genauso armen Dorfs damit, sich für die großen Landwirtschaftsflächen drumherum einzusetzen. Einerseits, um sich selbst besser versorgen zu können. Andererseits, um zu handeln. Die Landwirtschaft spielte in Marinaleda schon immer eine übergeordnete Rolle. Das Problem war nur, dass die gewünschte Nutzungsfläche einem General gehörte und dass dieser General sie partout nicht verkaufen oder verpachten wollte.

So kam es zu einem jahrelangen Protest. Die Einwohner Marinaledas belagerten die Villa des Generals, blockierten Straßen, Landebahnen und Schienen und ließen sich auch von den polizeilichen Gegenaktionen des Generals nicht einschüchtern. So wurde die Luft für den General über zwölf Jahre hinweg immer knapper und schließlich gab man nach. Die Menschen bekamen ihr Land und begannen, eine feste Wirtschaftsstruktur aus Genossenschaften aufzubauen. Bis heute ist alles in Marinaleda in Genossenschaften organisiert.

Die Genossenschaften sind nicht nur für die Arbeitssituation verantwortlich. Sie sorgen auch dafür, dass sich jeder Wohnraum leisten kann. Sehr viel von dem erwirtschafteten Geld bleibt direkt im Dorf. In Marinaleda gibt es keine Führungsebenen, die sich Millionengewinne einstreichen. Im Gegenteil – die Genossenschaftler treffen sich kontinuierlich mit den Bürgerinnen und Bürgern zu Stadtversammlungen und entscheiden dort, was man wie anbaut und was man wie investiert. Außerdem, wie viele neue Häuser gebaut werden.

Jeder Einwohner Marinaledas bekommt ein vollkommen kostenloses Grundstück bereitgestellt. Architekten und Maurer werden von der Dorfgemeinschaft bezahlt. Die Regierung Andalusiens bezuschusst Baumaterialien und so bleiben nur noch 50.000 Euro abzuzahlen. Das Geld wird mit der Miete von monatlich 15 Euro verrechnet. Der Betrag fällt so gering aus, weil niemand in Marinaleda in Armut leben soll. Dort heißt es: „Wohnen ist ein Menschenrecht und keine Ware, mit der Handel betrieben werden kann.“
https://stark-dienstleistungen.de/news/marinaleda/

Zitat
"Autonome Republik"
Ein Dorf macht sein Ding
Ein Duque ließ hier einst Ernten verdorren, heute haben Bauern das Ruder in der Hand. In Andalusien gibt es einen Ort, wo die Utopie vom gerechten Wohlstand Alltag ist.

(...)
Wenn Mohammed heute nach Marokko reist, fühlt er sich dort weniger zu Hause als in Marinaleda. "Dieses Land schenkt dir ein Recht auf Arbeit, dauerhaft, nicht nur für die nächste Ernte. Du arbeitest für dich, keiner sagt von jetzt auf gleich: ›Morgen brauchst du nicht zu kommen!‹" Die Anbaupläne besprechen alle Mitglieder der Kooperative gemeinsam, ebenso die Organisation von Aussaat, Ernte oder Verkauf. "Wir sind", sagt Mohammed, "unser eigener Chef."

Und das sind sie nicht nur, wenn es um die Arbeit geht, sondern auch beim Wohnen. Massenhaft werden im ganzen Land Familien auf die Straße gesetzt, weil sie die Hypotheken auf ihre Häuser nicht mehr bezahlen können. In Marinaleda stellt die Gemeinde Grundstücke und Baumaterialien, beim Errichten der Häuser packen alle mit an. Mehrere Hundert der einfachen, weißen Häuser sind so bereits entstanden; die Bewohner zahlen im Gegenzug den symbolischen Preis von 15 Euro pro Monat, festgeschrieben für 70 Jahre. Nur verkaufen dürfen sie ihre Häuser später nicht, beim Auszug wird der Besitz Gemeingut.
(...)
Vieles, was in Marinaleda heute selbstverständlich ist, wird andernorts in Andalusien ein unerreichbarer Traum bleiben. "Wir können hier heute sehr viele fundamentale Bedürfnisse stillen", sagt Bürgermeister Juan Manuel Sánchez Gordillo am Abend in seinem traditionellen Innenhof, "Dinge, die einst eine Utopie waren – Arbeit, ein eigenes Haus, Würde, die Freiheit, selbst Entscheidungen zu treffen. Es ist uns gelungen, viele Utopien Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn du so etwas erreicht hast, scheint es manchen, als wären unsere Errungenschaften einfach vom Himmel gefallen. Aber das sind sie nicht. Um diese Dinge muss man weiterkämpfen."
https://www.zeit.de/entdecken/reisen/merian/autonome-republik-marinaleda-utopie-wohlstand-gerechtigkeit/komplettansicht

6 min von der ARD. (Video in schlechter Qualität.)

Eine 20 min Doku mit deutschen Untertiteln: