Wat Noch > Streikpraxis

Geschichtsträchtig: Wilder Streik bei Gorillas

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Kuddel:
Es waren wohl nur 70 Beschäftigte, die spontan ihre Arbeit bei dem Lieferdienst Gorillas niederlegten.
Das kommt jedoch in Deutschland nicht so oft vor. Zuletzt waren es die Erntearbeiter in Bornheim.

Man möchte meinen, es sei ein popeliger Streik.
Aber warum berichtet inzwischen die gesamte Mainstreampresse darüber? Warum ist der Wilde Streik ein Thema bei den Wirtschaftmedien? Ja selbst internationale Medien. Warum reagiert ein CEO eines Unternehmens, das mit einer Milliarde Dollar bewertet wurde?

Streiks der Metaller unter der IGM Fahne wird nicht diese Beachtung zuteil, auch wenn zehntausende daran teilnehmen.

Die Streiks der Metaller laufen nach Schema F ab. Vielleicht eine Demo. Trillerpfeifen. Ein paar Reden von Funktionären. Dann wieder brav zurück an die Arbeit. Das ist alles so vorhersehbar. Das tut niemandem weh und ist alles vom Management mit eingeplant.

Aber nun plötzlich Unruhe in der Gig-Economy? Die Gig-Worker galten doch als völlig vereinzelt und unorganisierbar. Die Beschäftigten, die ihre Arbeitsauftäge per App erhalten, sahen sich doch nicht als Belegschaft. Und speziel die Radkuriere waren doch geblendet vom hippen Image der "Rider". Was ist passiert?

Dieser verschissene moderne Wirtschaftssektor hat den Bogen überspannt. Die Hipster mit ihren milliardenschweren Start-ups dachten, man könnte immer mehr aus den unorganisierten Taglöhnern herauspressen. Aber irgendwann ist schluß. Die Ausgebeuteten können und wollen nicht mehr. Es rumohrt weltweit in der App-basierten Branche.

Es ist dort nicht alles spontan, was sich da jetzt bewegt. Einige waren schon lange im Vorfeld aktiv, versuchten sich in einer zermürbenden Wühlarbeit betrieblicher Organisierung. Sie hat viele Formen. Es gehören oft Diskussionsgruppen in sozialen Medien dazu. Bei den Gorillas gab es Leute, die sich bei der NGG oder der FAU gewerkschaftlich organisiert hatten, aber es wurde auch die gewerkschaftunabhängige Betriebsgruppe Gorilla Workers Collektve gegründet.

Es gibt eine spürbaren Klimawandel. Bisher waren Leute aus der linken Subkultur für alle möglichen Themen zu haben und sie kämpfen gegen Rassismus, die Räumung besetzter Häuser, Umweltzerstörung und Nazis, doch Arbeitsbeingungen werden als individuelles Problem und nicht als politischen Thema gesehen. Das scheint sich gerade zu ändern. Und es ist erstaunlich wie offen man für Organisationsformen ist. Einige rufen auf zum Eintriff in die NGG oder die FAU, andere ziehe die lockere Organiserung die die Direkte Aktion vor.  Man probiert sich da aus, ist erstaulich offen den verschiedenen Möglichkeiten gegenüber und schaut, welcher Weg in der Sache weiterhelfen mag.

Es entwickelt sich gerade rasant. Unterstüzer von außen, die die Blockdae des Labers verstärken. Solidarität von Fahrern anderer Essenslieferdienste. die Onlineberichte, Fotos und Filmchen gingen Viral. Der Freitag staunte:
--- Zitat ---Das neue Gesicht der Arbeiter*innenklasse zeigte sich in den letzten Tagen beim Streik des Lebensmittellieferanten „Gorillas“. Es ist jung, spricht Englisch und Spanisch
--- Ende Zitat ---
https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/alle-rider-stehen-still

Das ist wenig überraschend. Die Riders sind oftamls migrantisch aus aller Herren Länder. Sie verständigen sich untereinander auf Englisch. Ihre sozialen Netzwerke haben meist auch englsich als Sprache. Da geht der Gedanke bereits einen Schritt weiter. Sie sind oftmals offen für Kollegne in anderen Ländern. Die grenzübergreifende Vernetzung ist da schon Realität.


--- Zitat ---Auf allen Versammlungen wurde in englischer Sprache kommuniziert. Viele der Rider sprechen auch Spanisch. Denn die meist jungen Kurierfahrer*innen kommen aus den verschiedensten Ländern. Solidaritätsadressen für den Arbeitskampf in Berlin trafen mitterweile nicht nur von Kolleg*innen aus Köln sondern auch aus Madrid und Bologna ein. Wenn wieder mal über das Ende der Arbeiter*innenklasse schwadroniert wird, dann schaut Euch die kurzfristig einberufenen Assambleas vor den Gorilla-Lagern an. Dort stehen junge Frauen und Männer, die Englisch, Spanisch und viele andere Sprachen sprechen, die mit Kolleg*innen in aller Welt vernetzt sind. Das ist der Vorschein einer neuen Arbeiter*innenklasse, von der wir hoffentlich noch viel hören und sehen werden.
--- Ende Zitat ---
s.o.

Diese Netzwerke nehmen bereits Form an. Überall auf der Welt istr der Eindruck ähnlich. Man hat schlechte Erfahrungen mit den traditionellen Gewerkschaften gemacht. Man hat teilweise neue Organisationen geschaffen. Einige kämpfen um ihre gewerkschaftliche Anerkennung. Es gibt Bewegung in dem Bereich in Europa, in Osteuropa, in den USA, in Südostasien und anderswo.

Im Zusammenhang mit der Soliarbeit für den in China inhaftieren Kurierfahrer Mengzhu lernen sich die Netzwerke über die Kontinente näher kennen.

Eine wahrlich spannende Entwicklung.

counselor:

Kuddel:

--- Zitat ---Arbeitsbedingungen in der schönen neuen Welt
Der Streik als Stock in den Speichen

Arbeitskämpfe lassen nicht nur den Lack vom Startup Gorillas abplatzen

Der wilde Streik beim Onlinelieferdienst Gorillas, der am 10. Juni 2021 in Berlin losbrach, führte nicht nur Blockade mehrerer Lager und zur zeitweiligen Unterbrechung der Auslieferung in Berlin.

Der einhergehende Shitstorm dürfte den Hype um das deutsche Start-up beendet und dessen weitere Expansion nachhaltig blockiert haben. Möglicherweise erleben wir sogar mehr: das Platzen einer Spekulationsblase. Der Arbeitskampf macht außerdem klar: Auch in deutschen Großstädten formiert sich eine internationale, digital vernetzte Hobo-Bohème, deren explosive Mischung von deutschen Kapitalisten bislang unterschätzt wurde.

Die sogenannten Riders, also die Fahrerinnen und Fahrer, sind in Deutschland bereits erfolgreich gewesen: Das Modell der völligen Scheinselbstständigkeit ist für Fahrradkuriere nach massiven Protesten seit 2018 de facto vom Tisch. Damals holte sich Deliveroo als aggressivster Lieferdienst (nach dem Modell von Uber und Amazon) eine blutige Nase und verließ Deutschland fluchtartig. Lieferando, Gorillas und Co. werben inzwischen mit regulären Verträgen. Der Deliveroo-Börsengang in London geriet im März 2021 zum Misserfolg -- auch weil die Rider die mediale Aufmerksamkeit nutzten, um gegen miese Arbeitsbedingungen in England zu protestieren.

Auslöser für den wilden Streik in Berlin war die unangekündigte und willkürliche Kündigung des Kollegen Santiago aufgrund einer Lappalie, die höchstens eine Abmahnung rechtfertigen dürfte: er hatte sich verspätet. Da Santiago zu den leistungsstärksten Fahrern gehörte, können wir davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um eine Vergeltungsmaßnahme des Managements gehandelt hat, das seine Macht demonstrieren und einen (vermeintlichen) Rädelsführer abschießen wollte. Bereits im Februar 2021 hatten Fahrerinnen und Fahrer mit einem spontanen Streik die Schließung eines Lagers in Berlin erzwungen. Während eines Schneesturms sollten sie ohne Winterkleidung weiter ausliefern. Ein Lagerleiter soll gesagt haben: »Wenn ihr nicht fahren könnt, dann lauft!« Im Mai 2021 leiteten sie die Gründung eines Betriebsrats ein, die vom Management mit schmutzigen Methoden verzögert wurde. Jetzt heißt es: Weg mit Befristung und willkürlichen Kündigungen!

Noch im März hatte sich die Wirtschaftspresse vor Freude beinahe eingenässt, weil Gorillas in einer Finanzierungsrunde weitere 244 Millionen Euro von Risikoinvestoren einsammeln konnte. Dazu gehörte neben den üblichen aggressiven US-Finanzinvestoren auch die chinesische Tech-Holding Tencent.

Sollten die Risikokapitalgeber, die inzwischen die Mehrheit an Gorillas halten, weiter am Gründer und CEO Kağan Sümer festhalten, dürften sich die Gorillas endgültig im Nebel verirren. Sümer, der 2019 aus Istanbul kam, ließ in einer Zoomkonferenz am zweiten Tag es Streiks folgendes vernehmen: »Ich habe zu Public Affairs und PR-Agenturen gesprochen. Ich würde lieber sterben, um die Werte zu verteidigen, als zu deeskalieren.« Da sind jemandem wohl die Sicherungen durchgebrannt. Offenbar wehrt sich Sümer, so lese ich das Zitat, aktiv gegen professionelle Hilfe. Er nimmt die Sache persönlich. Auch seine Idee, eine Fahrradtour durch Deutschland zu organisieren, um alle Auslieferungslager zu beglücken, dürfte in die Kategorie »Das kann ja heiter werden!« fallen.

In einer nächsten Finanzierungsrunde wollten die Gorrillas, so war im Mai zu lesen, weitere 500 Millionen Euro einsammeln und eine Bewertung von 6 Milliarden Euro erreichen. Heute Berlin, morgen London, Paris, dann New York! Das wirkt größenwahnsinnig und dürfte mit einem beratungsresistenten CEO auf Kollisionskurs schwierig werden. Und dabei ist die wichtigste Frage nicht beantwortet: Wer braucht überhaupt einen Lieferdienst, der in zehn Minuten aus der Nachbarschaft in die Nachbarschaft liefert? Warum nicht einen kleinen Spaziergang zum Laden um die Ecke unternehmen? Das regt Kreislauf und Appetit an. Und vielleicht klingle ich derweil bei Oma Schmitz, ob ich was mitbringen soll. Die ist nicht mehr so gut zu Fuß und einsam, seit ihr Mann gestorben ist... Also: In welcher Welt wollen wir leben?
--- Ende Zitat ---
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1153326.arbeitsbedingungen-in-der-schoenen-neuen-welt-der-streik-als-stock-in-den-speichen.html

Fritz Linow:

Kuddel:
Treffend formuliert:


--- Zitat ---In deutschen Großstädten formiert sich eine internationale, digital vernetzte Hobo-Bohème, deren explosive Mischung von deutschen Kapitalisten bislang unterschätzt wurde.
--- Ende Zitat ---
aus einem Tweet von Arbeitsunrecht

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