Autor Thema: Ausgebeutet bei SYKES  (Gelesen 185 mal)

Kuddel

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Ausgebeutet bei SYKES
« am: 10:09:49 Di. 22.Juni 2021 »
Zitat
Ein Interview über eine erfolgreiche Lohnklage gegen das multinationale Call-Center-Unternehmen SYKES.

SYKES ist ein multinationales Unternehmen, welches sich auf outgesourcte Call-Center-Dienste verschiedener Kund:innen spezialisiert hat. Die Firma bietet zum Beispiel PlayStation und Sonos ihre Dienste an. Die neoliberale Praxis, aus den ausgelagerten Bereichen anderer Unternehmen Kapital zu schlagen, funktioniert auch über die Ausbeutung der Angestellten, die unter einem enormen Arbeitsdruck stehen. Global betrifft diese Unternehmenspraxis 55.000 Angestellte. Daher ist es gut, wenn viele um ihren Lohn geprellte Menschen sich wehren. In Berlin hat sich dazu eine Betriebsgruppe bei SYKES gegründet. Nach der erfolgreichen Lohnklage von Joe aus Berlin, hat er uns ein Interview gegeben. [1]

DA: Kannst du zunächst ein wenig über den Arbeitsalltag bei SYKES berichten?


J: Die Agents müssen sich genau zu der Zeit an die Leitung anschließen, zu der sie ihre Schicht beginnen sollen. Das bedeutet, dass wir 10 Minuten vorher anfangen müssen, weil es eine Weile dauert, bis die Verbindung hergestellt ist (sowohl im Büro als auch vom Home-Office aus). Diese Zeit ist unbezahlt (obwohl etwas zusätzliche Pausenzeit als Entschädigung gegeben wird).

Wenn du dann in der Leitung bist und Glück hast und niemand anruft, kannst du dich beeilen, um eine Pause zu beantragen: ja, jeden Tag muss die Pause beantragt und von der Teamleitung genehmigt werden (manche Arbeiter:innen kommen sogar früher, um sicher zu sein, dass sie die Pause bekommen, wenn sie sie wollen). Dieser Prozess des Beantragens der Pause ist wie ein Wettbewerb, denn die Priorität des Unternehmens ist es, dass immer genug Agents in der Schlange sind, und nicht, dass die Agents ihre Pausen haben, wenn sie sie zum Ausruhen brauchen.

Die Menge der Arbeit variiert sehr stark zwischen den Teams. Einige Teams erhalten nur sehr wenige Anrufe während des Tages und sie haben jede Menge Leerlaufzeit. Andere Teams arbeiten nonstop, nach einem Anruf wartet schon der nächste. Wie auch immer, es gibt viele Aufgaben (E-Mails, Chats, Rückrufe, etc.) während der Leerlaufzeit zu erledigen. Aber selbst wenn es nichts mehr zu tun gibt und niemand anruft, müssen die Agents in der Leitung bleiben, ohne etwas zu tun.

Die Agents sollen ihre Pause machen, wenn ein Fenster auftaucht. Das Problem ist, dass dieses Fenster manchmal nicht erscheint (auch wenn man 5 Stunden nonstop vor dem Computer gearbeitet hat).

DA: Wie lange warst du in der Firma?

J: Ich habe nur 1 1/2 Monate dort gearbeitet.

DA: Hattest du einen befristeten Vertrag? Was für eine Art von Beschäftigungsverhältnis war das?

J: Alle Arbeiter:innen fangen mit einem befristeten Vertrag an. Alle haben in den ersten 2 Jahren einen befristeten Vertrag.

DA: SYKES hat viele Kunden, wie Sonos oder PlayStation. Wird immer für dieselbe Firma gearbeitet?

J: Jede:r Agent arbeitet für einen Kunden. Allerdings wechseln die Mitarbeiter:innen manchmal die Kunden nach einiger Zeit.

DA: Wie kam es zu der Kündigung?

J: Ich habe wegen des Stresses gekündigt. Es war sehr anstrengend, besonders wegen der Probleme mit den Pausen. Das hat sich auf meine Gesundheit ausgewirkt und mein Arzt empfahl mir, den Job zu wechseln.

DA: Wie war die Situation, nachdem du gekündigt hattest?

J: Nachdem ich gekündigt hatte, zahlten sie meine Überstunden nicht aus, sie haben den Resturlaub nicht bezahlt und sie haben mir das Empfehlungsschreiben nicht geschickt. Außerdem haben sie die mir zustehenden Bonusprämien nicht ausgezahlt.

DA: Wie lange hat der ganze Prozess gedauert?


J: Wir haben uns in der FAU Berlin entschieden, ohne Anwalt vor Gericht zu gehen, da wir dachten, dass der Fall klar und einfach genug war, um ihn zu bewältigen (und natürlich gibt es in der Gewerkschaft tolle Genoss:innen mit viel Wissen!) und wir wollten ja auch etwas lernen. Das hat es wahrscheinlich beschleunigt, so dass es insgesamt weniger als 6 Monate gedauert hat.

DA: Hast du noch Kontakt zu Kolleg:innen?

J: Ja, ich bin immer noch in Kontakt mit ehemaligen Kolleg:innen und wir haben eine FAU-Betriebsgruppe bei SYKES gegründet. Das Ziel ist es, eine Anlaufstelle für Arbeitnehmer:innen zu sein, die Fragen haben über ihre Situation (zum Beispiel haben alle Probleme mit der Auszahlung der Prämie). Es muss Vertreter:innen geben, die gegen den Druck der Chefs und Vorgesetzten ein Ort für die Organisierung der Belegschaft sind.

Aus meiner Sicht ist das langfristige Ziel die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, einschließlich mehr Würde und Demokratie am Arbeitsplatz und mehr Sicherheit in den Verträgen. Aber um das zu erreichen, brauchen wir mehr Arbeiter:innen, die sich uns anschließen!
https://direkteaktion.org/ausgebeutet-bei-sykes/