Wat Noch > Theoriebereich

Kurdistan... Rojava.Militanter feministischer Kampf? Bewaffneter Antifaschismus?

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Kuddel:
Einerseits ist alles globalisiert. Die Einzelteile eines Autos kommen von verschiedenen Erdteilen und werden irgendwo zusammengeschraubt. Junge Leute finden Fernreisen normal, müllen Instagram mit ihren Selfies vor irgendwelchen Tempelanlagen voll und fachsimpeln in sozialen Medien darüber, in welcher Seitengasse es das beste Fingerfood gibt. Der Spiegel hat für den Touri mit dem besonderen Geschmack Kaschstan als Reiseziel empfohlen, da es noch so "authentisch sei und so wenig vom Tourismus versaut.

Andererseits: Rojava (Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien) ist nicht halb so weit weg, doch für die meisten steht es nicht auf der Landkarte. Für sie befindet es sich auf einem fremden Planeten.

Dort zeigt sich, daß nicht alles so sein muß, wie es ist. Dort hat man die Waffe in die Hand genommen, um sich gegen IS Faschisten und gegen die Nato zu wehren.

Ein Teil der radikalen Linken unterstützt es, der Rest der Welt scheint komplett auszublenden, was sich da tut. Ich halte es für ein Problem, das zu glorifizieren, aber es ist enorm wichtig, was sich dort entwickelt hat. Ich möchte eine kritische Diskussion zu diesem Thema und frage mich, wie man vermitteln kann, daß es ein Thema nicht nur für Linksradikale sein sollte.

Kuddel:
Für uns mag Kurdistan weit, weit weg sein.
Erdogan ist gedoch ein enger Partner der Bundesregierung und der EU. Für den letzten Flüchtlingsdeal erhielt Erdogan 6 Milliarden Euro. Erdogan hält der EU Flüchtlinge vom Leib. Er führt einen Krieg gegen den kurdischen Kampf gegen Unterdückung.



Kuddel:
Eigentlich sollte ich die Meldung in einen Türkeithread stellen.
Ich finde es aber erwähnenswert, wie doll der Antidemokrat Erdoğan vom Freien Westen® hofiert und unterstützt wird.

Wenn man sich mit Erdoğan anlegt, legt man sich mit dem Freien Westen® an.


--- Zitat ---Ist Interpol Erdoğans Polizei?
Staatschefs wie Erdoğan, Putin und Xi betrachten Interpol als ihre persönliche Polizeiorganisation. Nun wurde bei der Jahrestagung in Istanbul ein neuer Chef gewählt.
--- Ende Zitat ---
https://www.zeit.de/kultur/2021-11/interpol-recep-tayyip-erdogan-tuerkei

ManOfConstantSorrow:
Zur Diskussion. Ein Reisebericht und Auseinandersetzungen mit der politischen Situation:


--- Zitat ---Ein langer Weg nach Kurdistan, ein langer Weg zum Frieden

Mitte Juni 2021. Wir fahren durch die Berge der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, unsere Busse sind voller Internationationalist_innen. (...) Als Gewerkschafter:innen der FAU sind wir Teil einer internationalen Delegation zur Unterstützung der kommunalistischen Bewegungen der Region und zum Protest gegen einen drohenden türkischen Invasionskrieg im Nordirak. Die Busse winden sich die steilen Schotterstraßen des Zagros-Gebirges (Çiyayên Zagrosê) hinauf, wir sind keine 20 Kilometer von der Front entfernt.

In den nächsten Tagen soll unsere heterogene Delegation auf über 150 Vertreter_innen verschiedenster Organisationen, Parteien, Gewerkschaften und Medien aus über 20 Ländern anwachsen. Wir sollen uns mit Vertreter_innen von Parteien und Zivilgesellschaft aber auch mit Geflüchteten und Kriegsopfern treffen. Ziel ist es, einen Eindruck von der Lage in der Autonomen Region Kurdistans zu bekommen, wo seit dem 24. April 2021 (Jahrestag des türkischen Völkermords an den Armenier_innen) eine großangelegte türkische Militäroffensive begonnen hat. Offiziell gilt diese der Niederschlagung der PKK im Zagros-Gebirge, viele Beobachter*innen befürchten indes darüber hinaus eine dauerhafte türkische Besetzung, Vertreibungs- und Umsiedlungspolitik in den attackierten Gebieten. (...)

Die kurdische PKK, verknüpft mit parteiinternen Machtkämpfen und Säuberungen, habe eine Kehrtwende gemacht. Von einer marxistisch-leninistischen Kaderpartei soll sie sich den anarchistischen Ideen des Anacho-Kommunismus und Kommunalsismus angenähert haben. Ich stutze, ist mir doch kein Beispiel in der revolutionären Geschichte für eine ähnliche Entwicklung in so kurzer Zeit bekannt. Auf dem Kongress treffe ich langjährige Freund_innen, exilierte Anarchist*innen aus der Türkei – sie bestätigen mir, das etwas dran ist, sich die Entwicklung schon mehrere Jahre vollziehe und das die kommunalistisch-kurdische Bewegung mittlerweile größere Teile Nordsyriens und auch Teile der Türkei de facto unter Kontrolle halte.

Zu Hause beginne ich zu recherchieren, mehr Informationen einzuholen, doch die Informationslage bleibt dürftig. Ein paar Artikel im Internet geben sehr unterschiedliche Einschätzungen darüber, ob es sich bei all dem wirklich um eine Konzeptänderung oder schlicht einen PR-Gag vor dem Hintergrund des weltweiten Niedergangs des autoritär-kommunistischen Lagers handelt.

Daesh, Pegida und linke Gegenwehr

Zwei Jahre später, die nordsyrische Stadt Kobane wird vom Daesh (auch bekannt als Islamischer Staat) bedrängt. (...) Wie mir ging es vielen in und außerhalb unserer Gewerkschaftsbewegung. Wir begannen Reportagen, Einschätzungen und Dokus zu sichten und uns ein Bild von der Situation zu machen, gleichzeitig wurde die Bewegung durch ihren erfolgreichen Bodenkampf gegen den Daesh weltberühmt, Rojava ein Schlagwort, welches vielen Menschen auch außerhalb der linken Bewegung ein Begriff wurde. (...)

Ein großes Problem für die kommunalistischen Bewegungen in Türkei, Nord-Ost-Syrien, Iran und Nordirak ist, dass ihnen internationale Aufmerksamkeit meist nur während akuter Kriegszeiten zu Teil wurde und wird. Ich war da leider zunächst keine Ausnahme. Mit dem 19. Januar 2018 sah sich die Revolution in Nord-Ost-Syrien einer neuerlichen, türkischen Invasion gegenüber. Anders als bei vorherigen Konflikten, nahm ich diesmal sehr aktiv an der Solidaritätsarbeit teil, lernte Menschen vor Ort kennen, sichtete tägliche Berichte über Frontverläufe, Menschenrechtsverletzungen und auch Videos der dschihadistischen Milizen, die als Verbündete der Türkei kurdische Kämpfer:innen vergewaltigten, verstümmelten, töteten. Natürlich hatte mich all dies schon vorher beschäftigt, doch diesmal konnte ich nicht mehr schlafen, mir verging der Appetit und ich verzweifelte ob unserer Machtlosigkeit und dem Desinteresse der deutschen Öffentlichkeit, deren Regierung den türkischen Diktator deckte, Panzer und Drohnentechnologie lieferte, um im nächsten Moment wieder etwas von humanistischen Werten und Rechtsstaatlichkeit zu faseln.(...)
--- Ende Zitat ---
https://direkteaktion.org/ein-langer-weg-nach-kurdistan-ein-langer-weg-zum-frieden/

Lesenswert.

Kuddel:
Es geht nicht allein um Rojava oder Kämpfe in Kurdistan.
Es geht darum, wie man lebt und wie man mit der herrschenden Normalität umgeht. Unserer Normalität.
Unser Alltag. Das was ist, muß es so sein? Muß es ewig so weitergehen?
Suche, Träume, Sehnsüchte.
Vielleicht werden die Hoffnungen sich nie erfüllen.
Ich halte es aber für sinnvoll, sich mit dieser Suche und den Träumen und Hoffnungen auseinanderzusetzen.


--- Zitat ---Warum der Internationalist Bruno in Rojava ist

Bruno ist aus Deutschland nach Nordsyrien gereist und lebt in der Internationalistischen Kommune Rojava. Für ihn ist es der ideale Ort, um etwas über den revolutionären Prozess zu lernen und einen Anfang in der Arbeit vor Ort zu machen.



Die Internationalistische Kommune in Nordsyrien ist ein Ort, an dem Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, um sich über die ideologischen Grundlagen der revolutionären Bewegung in Kurdistan zu informieren und sich an der Revolution in Rojava zu beteiligen. Einer von ihnen ist Bruno aus Deutschland. In einem von der Kommune veröffentlichten Beitrag erzählt er von seinen Beweggründen, nach Rojava zu kommen:

„Ich bin ein Internationalist aus Europa. Ich bin nach Rojava gekommen, weil die Ideologie der kurdischen Freiheitsbewegung und der demokratische Konföderalismus eine große Quelle der Hoffnung und des Verständnisses sind.

Ich komme aus der radikalen Linken in Deutschland. Dort habe ich gesehen, dass die Mentalität des Systems nicht vor der Linken halt macht. Individualismus, Liberalismus, patriarchalisches Verhalten, Reformismus oder eine große Hoffnungslosigkeit sind vorherrschende Phänomene.
Ich bin hierher gekommen, um in der Revolution eine Haltung zu entwickeln, die dem auf Dauer standhalten und einen anderen Weg einschlagen kann. Das Leben und die Gesellschaften in Europa sind zersplittert, durch den Kapitalismus sehr isoliert und weit entfernt von einem gemeinsamen Verständnis. Das macht es uns sehr schwer, ein Leben nach gemeinschaftlichen und sozialistischen Prinzipien zu führen.

In Rojava und Kurdistan findet eine der wichtigsten Revolutionen unserer Zeit statt. Für revolutionäre Menschen und alle, die nach einem Ausweg aus der kapitalistischen Herrschaft suchen, ist sie ein wichtiger Bezugspunkt und Hoffnungsfunke. Diesen Hoffnungsfunken zu unterstützen und zu verteidigen, durch Öffentlichkeits- und Medienarbeit, Aufklärung und Berichterstattung vor Ort, ist auch ein wichtiger Grund, warum ich hierher gekommen bin.

Um die Revolution in Rojava kennenzulernen, ist die internationalistische Kommune der ideale Ort, hier lernt man die Kultur der Region, die Sprache und die politischen Besonderheiten der Revolution kennen. Auch der gemeinsame Austausch über die Situation in unseren Heimatländern ist eine wertvolle Erfahrung. Hier findet ein Bewusstseinsprozess statt, der die Möglichkeit bietet, dass wir uns entsprechend den revolutionären Notwendigkeiten organisieren können, um unseren eigenen Platz zu finden. Es ist der ideale Ort, um etwas über den revolutionären Prozess hier zu lernen und einen Anfang in der Arbeit hier vor Ort zu machen.

Im Kollektiv zu leben und zu lernen, sich gegenseitig zu helfen, sich zu entwickeln, die Mentalität des Systems und des Patriarchats zu reflektieren und zu verändern, ist eine sehr gute Erfahrung. Das Verständnis von Kritik als etwas, das uns weiterbringt und uns hilft, uns zu verändern, statt uns damit über andere zu stellen, ist ein wichtiger Teil dieser gegenseitigen Hilfe. Nach einiger Zeit des Zusammenlebens und des gegenseitigen Kritisierens entsteht ein tiefes Verständnis und eine Verbindung miteinander. Diese Verbindungen sind das, was revolutionäre Organisierung braucht, und es ist hier in der internationalistischen Kommune möglich, die Fähigkeit aufzubauen, gemeinsam zu lernen und sich zu entwickeln."
--- Ende Zitat ---
https://anfdeutsch.com/rojava-syrien/warum-der-internationalist-bruno-in-rojava-ist-30198

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