Autor Thema: Corona, Krankschreibungen, Absentismus  (Gelesen 365 mal)

Kuddel

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Corona, Krankschreibungen, Absentismus
« am: 11:19:40 Sa. 25.Dezember 2021 »
Es ist mehr als auffällig, daß in Krankenhäusern erhebliche Teile der Belgeschaft krankgeschrieben sind, daß Subermärkte einige ihrer Kassen geschlossen haben, da Personal fehlt, eine beachtliche Zahl an Flügen mußte gecancelt werden, weil Piloten sich krank gemeldet haben. Produktionsbetriebe und Dienstleister stehen auf dem Schlauch.

Ich habe bisher von keiner Interpretation dieser ungewöhnlichen Situation gehört.
Ich denke, daß da eine Menge hereinspielt.
Erst einmal ist da Corona selbst. Es haben sich möglicherweile viele infiziert, gerade in Bereichen mit vielen engen Kontakten wie im Krankenhaus. Und gerade im Krankenhaus dürfte Überarbeitung ein Grund für völlige Erschöpfung sein.

Insgesamt geht vielen die Coronasituation nah. Ermüdung, Tristesse, Angst, Depression.

Das sind quasi die medizinischen Gründe für den hohen Krankenstand.

Ich gehe davon aus, daß es weitere Gründe oder Ursachen hat.
Es ist jetzt leichter, eine Krankschreibung zu bekommen. Man packt einfach die Gelegenheit beim Schopf. So gern geht man eben nicht zur Maloche. Jetzt nutzt man die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, für all das, was man immer aufgeschoben hat. Sich Gedanken zu machen über ein ödes Leben.

Die Gewerkschaften haben sich meist nur um die Höhe des Lohns gekümmert, aber herzlich wenig darum, wie lange man was, wie und warum macht. Sie waren völlig überrascht, als sie mal zur Wahl stellten, ob die Leute lieber mehr Geld oder mehr Freizeit wollten, sich die große Mehrheit für Freizeit entschied.

Dieses "Hauptsache Arbeit" zieht nicht mehr. Man fühlt sich meist scheiße bei der Arbeit und viele schleppen sich mit Medikamenten durch den Arbeitstag. Diese schreckliche Verbindung und Identifikation mit dem Betrieb, mit dem "Arbeitgeber", wie es in Deutschland sehr verbreitet war, hat sich mehr und mehr verflüchtigt.

Zitat
Klotz ist Managementdozent an der Texas A&M University und hat einen Begriff erfunden, der mittlerweile in den deutschen Arbeitsmarktjargon Einzug gefunden hat: „The Great Resignation“, die große Kündigungswelle inmitten der Pandemie.

Die ist auch in Deutschland real, wie eine noch nicht veröffentlichte Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY unter 1500 Angestellten zeigt, die dem Handelsblatt vorliegt.

Danach ist derzeit fast die Hälfte aller Beschäftigten in Deutschland auf dem Sprung. Vor allem junge Angestellte und Frauen sind laut der Befragung wechselwillig. Nur 22 Prozent fühlen sich ihrem Arbeitgeber „sehr verbunden“ – ein Rekordtief.
https://www.handelsblatt.com/karriere/karriere-jeder-zweite-will-seinen-job-kuendigen-sieben-anzeichen-dafuer-dass-auch-fuer-sie-die-zeit-zu-gehen-gekommen-ist/27881462.html

Wenn es den Gewerkschaften nicht gelingt, ausreichend freie Lebenszeit zu erkämpfen, macht man es halt individuell. Wo die Gewerkschaften versagen und eine Linke nicht in Sicht ist, wird der Arzt zum letzten Verbündeten und der Gelbe Schein zu einer Waffe. Daß die bewußt eingesetzte Krankschreibung immer mehr Bedetung gewinnt, sollte vielleicht nochmal gesondert diskutiert werden. Kollektive Krankschreibungen finde ich cool. Diese Entwicklung sollte man keinesfalls ignorieren.

Es geht aber vielleicht noch weiter. Ich vermute eine noch viel, viel tiefere Unzufriedenheit, eine die sich weltweit durch die Gesellschaften zieht und in den USA am krassesten zu Tage tritt mit der Opioidwelle und den Massshootings. Es ist mehr als ein Unbehagen und mehr als Tendenz zur Selbstzerstörung. Es sind wohl Nebeneffekte eines zusammenbrechenden Systems. Ein amerikanischer Soziologe hat sich mal über Massshootings am Arbeitsplatz, an Schulen und Universitäten Gedanken gemacht. In den USA redet man dabei vom "Going Postal", da die eine der Ersten Schießereien am Arbeitsplatz in einer Postfiliale stattfand. Dieser Soziologe versuchte eine poltische Dimension in diesen Schießereien zu sehen. Er sah Paralellen zu dem Anfang der Aufständsbewegung gegen die Sklaverei. Sie begann mit vielen gewaltsamen Kamikazeaktionen, die nicht auf eine gezielte Befreiung hinausliefen, sondern ein wildes Aufbäumen gegen unerträgliche Zustände waren.

Jedenfalls gibt es weltweit die Tendenz, daß sich die Menschen immer weniger mit der Arbeit identifizieren, sich aber auch müder und kranker fühlen. Das ist in China nicht anders als in den USA oder bei uns. Ich denke, es ist mehr als "Entfremdung". Das Unwohlsein, ein Rädchen in einem System zu sein, das auf Autopilot läuft, macht sich körperlich bemerkbar. Sinnlose Produkte, unnötige Dienstleistungen, eine amoklaufende Maschinerie. Das spüren auch Leute, die sich keine politischen Gedanken machen. Es hat die komischten Folgen, Betäubung, sinnlose Gewalt, Selbstzerstörung, religiöser Wahn, Verschwörungsblabla.

Es ist wohl die Erkenntnis, daß ein "weiter so" weder erstrebenswert noch möglich ist.

Frauenpower

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Re: Corona, Krankschreibungen, Absentismus
« Antwort #1 am: 14:11:24 Sa. 15.Januar 2022 »
Bei BMW soll im Zuge der Angleichung Ost, Anfang 2026 die 35 h Woche eingefuehrt werden.
https://www.igmetall-perspektive-ost.de/home-aktuelles/meldung/35-stunden-woche-fuer-die-beschaeftigten-bei-bmw-in-leipzig-ab-1-januar-2026

Beginn der Reduktion in drei Schritten, beginnendend ab diesem Jahr.