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Die Fleischmafia

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regenwurm:
Reinhard Bauch ist ein einfacher Mann, rechtschaffen, Vater von acht Kindern. Gelernt hat er Schlachter - zu einer Zeit, als das ein sicherer Job war - in einer Region, die vom Fleisch lebt, in der mehr fleischverarbeitende Betriebe existieren als irgendwo in Deutschland. Jetzt ist Reinhard Bauch arbeitslos. Ein halbes Jahr Arbeitslosengeld bekommt er noch, dann droht auch ihm Hartz IV. Reinhard Bauch wurde entlassen - zusammen mit der gesamten Kolonne, mit der er am Band einer großen Firma arbeitete. Nur wenige Meter von seinem Haus entfernt sind die Polen untergebracht, die jetzt seinen Job machen. Sie sind in Streik getreten, erzählen von ausstehenden Löhnen, menschenunwürdigen Arbeitszeiten. Das Wohnheim, in dem sie hausen, ist in einem erbärmlichen Zustand. Auf wenigen Quadratmetern wird hier die Situation einer ganzen Branche deutlich. Der hemmungslose Konkurrenzkampf um Arbeit und Kosten, der Zehntausende Deutsche ihren Job gekostet hat, wird greifbar.

Ob auf dem Bau, im Handwerk oder im Fleischgewerbe - die Osteuropäer drängen auf den Markt zu Löhnen, bei denen Deutsche nicht mehr konkurrenzfähig sind. Dabei hatte die Politik vor einem Jahr versprochen, dass genau das nicht passieren würde: Die Freizügigkeit für die Beitrittsländer wurde eingeschränkt für sieben Jahre. Doch niemand rechnete mit dem Erfindungsreichtum einer Mafia, die jede Lücke nutzt, um Kapital aus dem Lohngefälle zwischen Ost und West zu schlagen. Dank monatelanger Recherchen ist es gelungen, exklusive Zugänge in dieses Milieu zu bekommen. Dadurch ist es möglich, konkret die Hintermänner der Fleisch-Mafia, ihre Geschäfte und Tricks zu zeigen.

Die Geschichte beginnt Anfang der 90er-Jahre. Es ist die Zeit des Wandels in Osteuropa - reihenweise fallen die kommunistischen Regime. Unter Helmut Kohl als Kanzler werden gegenseitige Abkommen geschlossen. Kaum im Fokus der Öffentlichkeit damals: die so genannten Werkvertragsabkommen. Sie erlauben es deutschen Firmen, sich 'Kontingente' osteuropäischer Arbeiter in die Betriebe zu holen - wenn sie belegen können, dass Deutsche für diese Arbeiten nicht zu finden sind. Es ist die Geburtsstunde einer Mafia, die bis heute am Werk ist.

Die Recherche zur 'Fleisch-Mafia' führt in eine Welt, in der es vor allem um schnelles Geld geht. Wir zeigen die Hintermänner und Profiteure eines Menschenhandels von riesigem Ausmaß. Wir lernen Staatsanwälte und Gewerkschafter kennen, die seit Jahren gegen das Problem ankämpfen und immer wieder hilflos erleben, wie die Paten der Fleisch-Mafia immer wieder in neue Gesetzeslücken stoßen. Wir sind bei aktuellen Razzien und Verhaftungen dabei, die wir exklusiv drehen konnten, und bieten einen Einblick in eine Szene, die man eher im kriminellen Milieu als in der Ernährungsindustrie erwartet hätte.    

Quelle:
NDR, Montag, 12.09., Magazin/Dokumentation  23:00 - 23:45 Uhr

Kater:
3Sat, Montag, den 08 Januar 2007, 20.15 Uhr


--- Zitat ---Die Fleisch-Mafia  
   
In deutschen Schlachthöfen stehen fast nur noch Osteuropäer an den Bändern.    
"Fleisch" - ein Wort, bei dem "Skandal" oder "Gammel" fast automatisch hinzugedacht wird. Bei der Häufung der Ermittlungsverfahren in Deutschland scheint es nicht mehr nur um die Verfehlungen einzelner "Bösewichte" zu gehen - das System der Fleischverarbeitung und der Kontrolle an sich hat strukturelle Defizite. Eine ungenügende Prüfungsdichte und vor allem Prüfungsintensität der Betriebe ist für die nicht enden wollenden Skandale verantwortlich. Doch der Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch weist nur auf eine Lücke im System, die Verdrängung deutscher Arbeitnehmer aus den Fleischfabriken auf eine andere, nicht minder schwerwiegende.  
 
Hemmungslose Konkurrenzkampf um Arbeit und Kosten  
 
Ganz "legal" schuften in vielen deutschen Schlachtereien osteuropäische Arbeitskräfte unter erbärmlichen Bedingungen, die an frühe Formen des Manchesterkapitalismus erinnern. Reinhard B. ist ein einfacher Mann und Vater von acht Kindern. Gelernt hat er Schlachter - zu einer Zeit, als das ein sicherer Job war - in einer Region, die vom Fleisch lebt, in der mehr fleischverarbeitende Betriebe existieren als irgendwo sonst in Deutschland. Jetzt ist Reinhard B. arbeitslos. Ein halbes Jahr Arbeitslosengeld bekommt er noch, dann droht auch ihm Hartz IV. Er wurde entlassen - zusammen mit der gesamten Kolonne, mit der er am Band einer großen Firma arbeitete. Nur wenige Meter von seinem Haus entfernt sind die Polen untergebracht, die jetzt ihren Job machen.  

Gesetze und Schlupflöcher  
   
In einem der größten Schlachthöfe Europas  
 
Die polnischen Fleischer, die ihm den Arbeitsplatz weggenommen haben, sind auch Opfer, keine Täter. Sie erzählen von ausstehenden Löhnen und menschenunwürdigen Arbeitszeiten. Das Wohnheim, in dem sie hausen, ist in einem erbärmlichen Zustand. Auf wenigen Quadratmetern wird hier die Situation einer ganzen Branche deutlich. Der hemmungslose Konkurrenzkampf um Arbeit und Kosten, der zehntausenden Deutschen ihren Job gekostet hat, wird greifbar.
Ob in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im Fleischgewerbe: Osteuropäer aus EU-Ländern können ganz legal in Deutschland arbeiten. In der Europäische Union herrscht Freizügigkeit für Waren und Dienstleistungen, also auch für Arbeitnehmer - im Prinzip zumindest. Doch für die jüngst beigetretenen Mitgliedstaaten in Osteuropa gelten bis 2011 Übergangsfristen. Bis dahin haben Osteuropäer keinen Zutritt zum Arbeitsmarkt in der EU. Dennoch drängen osteuropäische Arbeitskräfte mit einer Arbeitserlaubnis auf den Markt zu Löhnen, bei denen Deutsche nicht mehr konkurrenzfähig sind. Dabei hatte die Politik versprochen, dass genau das nicht passieren würde: Doch niemand rechnete mit dem Erfindungsreichtum einer "Mafia", die jede Lücke nutzt, um Kapital aus dem Lohngefälle zwischen Ost und West zu schlagen. Wie ist das möglich?
 
Menschenhandel wie bei der Prostitution  
   
Die Geschichte beginnt Anfang der 1990er Jahre. Es ist die Zeit des Wandels in Osteuropa - reihenweise fallen die kommunistischen Regimes. Unter Helmut Kohl als Kanzler werden gegenseitige Abkommen geschlossen. Kaum im Fokus der Öffentlichkeit damals: die sogenannten Werkvertragsabkommen. Sie erlauben es deutschen Firmen, sich "Kontingente" osteuropäischer Arbeiter in die Betriebe zu holen - wenn sie belegen können, dass Deutsche für diese Arbeiten nicht zu finden sind. Es ist die Geburtsstunde einer Mafia, die bis heute am Werk ist.

Das Werkvertragsabkommen hilft, die heutigen Beschränkungen für Osteuropäische Arbeitnehmer zu umgehen. Denn oft wurden die "Leiharbeiter" nicht von Schlachthöfen entsandt, so wie es das Gesetz vorsieht, sondern nur von Briefkastenfirmen, die als Anwerbebüros fungieren. Die Arbeiter, die so nach Deutschland gelangen, hausen menschenunwürdig zu sechst in kleinen Zimmern, ohne Kühlschrank - ihre blutige Arbeitskleidung müssen sie in Müllsäcken deponieren. Sie erhalten nicht den regulären Lohn, den ihnen in der Heimat versprochen wurde und arbeiten nach eigenen Aussagen von 4.30 bis 20 Uhr im Knochenjob der Fleischzerlegung. Kein Wunder, dass unter solchen Arbeitsbedingungen Skandale um abgelaufenes und umetikettiertes Fleisch gehäuft auftreten. Es ist eine moderne Form des Menschenhandels mitten in Deutschland, sagen die Gewerkschaften - "Mafiaähnliche Strukturen" sieht der Oldenburger Staatsanwalt Bernard Südbeck.
 
Kriminelles Milieu in der Ernährungsindustrie?  
 
Der Film von Adrian Peter, den Sie am Montag, den 08 Januar 2007 um 20.15 Uhr sehen können, führt in die Welt der "Fleisch-Mafia", in der es vor allem um schnelles Geld geht. Wir zeigen die Hintermänner und Profiteure eines Menschenhandels von riesigem Ausmaß. Wir lernen Staatsanwälte und Gewerkschafter kennen, die seit Jahren gegen das Problem ankämpfen und immer wieder hilflos erleben, wie die Paten der "Fleisch-Mafia" immer wieder in neue Gesetzeslücken stoßen. Wir geben Ihnen Einblick in eine Szene, die man eher im kriminellen Milieu als in der Ernährungsindustrie erwartet hätte.  
 
Literatur:  
Vom selben Autor ist folgendes Buch erschienen:
Adrian Peter: Die Fleischmafia
Kriminelle Geschäfte mit Fleisch und Menschen. Econ Verlag Oktober 2006, 208 Seiten, 16,95 EUR, ISBN: 3430300134
--- Ende Zitat ---

http://www.3sat.de

Efeu:
Pro Vegetarismus, jetzt erst recht. -Wehrt euch wo ihr könnt!

Kuddel:

--- Zitat ---Schlachthof-Produktion so groß wie nie zuvor

Der Dioxin-Skandal hat eine wichtige Debatte in Gang gebracht: Wie kann angesichts der heutigen Fleischproduktion Qualität, Tierschutz und Gesundheit gewährleistet werden? Viele Fragen bleiben offen. Derweil ist die Menge an hierzulande produzierten Fleisch auf einen neuen Rekord gestiegen.

Wiesbaden. Noch nie ist in deutschen Schlachthöfen so viel Fleisch produziert worden wie im vergangenen Jahr. Mehr als zwei Drittel der Gesamtmenge von 8,0 Millionen Tonnen entfiel dabei auf Schweinefleisch, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden berichtete. Insgesamt wurden 302.000 Tonnen oder 3,9 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2009 produziert.

Überdurchschnittliche Zuwächse von 7,0 Prozent gab es 2010 bei der Produktion von Geflügelfleisch, dessen Gesamtmenge mit 1,38 Millionen Tonnen erneut größer war als die Rindfleisch-Menge mit 1,19 Millionen Tonnen und einem Zuwachs von 0,9 Prozent. Beim Putenfleisch wuchs die Produktion um 9,2 Prozent.

Für den steigenden Fleischhunger im In- und Ausland mussten 58,1 Millionen Schweine, 3,7 Millionen Rinder und Kälber, 974.000 Schafe sowie mehr als 32.000 Ziegen und Pferde ihr Leben lassen. Geflügel wird nur nach Gewicht statistisch erfasst.
--- Ende Zitat ---
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/schlachthof-produktion-so-gross-wie-nie-zuvor/3844064.html

Judy:
Die Fleisch-Mafia, von Peter Adrian.
http://www.amazon.de/Die-Fleischmafia-Kriminelle-Gesch%C3%A4fte-Menschen/dp/3548369685/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1300200605&sr=8-1
Das Buch hat durchwegs 5 Sterne bei der Leserbewertung, soweit ich sehen kann.

Wenn man die Buchbeschreibung und die Rezensionen durchliest, braucht man das Buch aber fast gar nimmer kaufen, dort gibt es dann auch ein wenig unverblümtere Sprache als in den Artikeln die hier ím Fred verlinkt sind, weil es Leser sind und keine Journalisten, die halt aufpassen müssen, es möglichst jedem recht zu machen mit ihrer Schreibe.

Bin durch Radio 1 drauf gekommen, und ich glaube es war auch dort, wo dann gesagt wurde, dass es oft genug auch die gleichen Hintermänner sind, die auch für den anderen "Fleischhandel" mit hauptsächlich weiblichem Frischfleisch ein Faktor des Übels sind. Das ist mir noch ganz besonders widerwärtig in Erinnerung geblieben und wenn ich nicht schon Vegetarier gewesen wäre, dann spätestens nach Bekanntwerden dieser üblen Machenschaften.

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