Autor Thema: Taxi in Hamburg: Mancher verdient nur noch 3 Euro pro Stunde  (Gelesen 4071 mal)

Kater

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Taxi in Hamburg: Mancher verdient nur noch 3 Euro pro Stunde
« am: 14:04:24 Mo. 07.November 2005 »
Zitat
Mancher verdient nur noch 3 Euro pro Stunde
Taxi-Krise: Verband fordert Konzessionsstopp. Die wirtschaftliche Situation hat sich durch hohe Spritpreise verschärft. Behörde erstellt Gutachten.
Von Karsten Broockmann

Die Lage der Hamburger Taxifahrer wird immer dramatischer: hohe Benzinpreise, eine großzügige Konzessionsvergabe und die Einführung der subventionierten Nachtfahrten beim HVV - das ohnehin notleidende Gewerbe ist an der Schmerzgrenze angekommen. Einzelne Unternehmer sollen nach Abendblatt-Informationen sogar ihre Häuser verkauft haben, um die Betriebe zu retten.

"Wer legal fährt, kann zusehen, wie sein Kapital aufgebraucht wird", sagt Martin Berndt, Vorstand des Hamburger Taxiverbandes. Der 47jährige hat sein Taxi 2004 verkauft, fährt wieder als Angestellter, weil es sich für ihn nicht mehr gelohnt hat.

Und Alexander Lux, zweiter Vorsitzender des Landesverbands für das Personenverkehrsgewerbe, sagt: "50 Prozent der Taxifahrer arbeiten unter Sozialhilfeniveau, verdienen 3 bis 5 Euro brutto pro Stunde. Zu diesen Stundenlöhnen kriegt man nicht einmal mehr Studenten auf die Taxis. Auf dem Bau wäre das strafbar", so der Unternehmer. Lux hat eines seiner drei Taxis in diesem Jahr verkauft, sein privates Geld in den Betrieb gesteckt. "In meinem Alter habe ich keine Alternative mehr", sagt der 54jährige, der seine kleine Firma unbedingt erhalten will.

Die Stimmung bei Fahrern und Unternehmern ist düster. "Allein eine Familie satt machen, das geht nicht", sagt Jürgen Pocha (52), der seit 20 Jahren Taxi fährt. Und Andreas Eilers (63): "Wer hiervon leben will, kann sich gleich einen Kopfschuß geben." Seine Frau hat noch eine Kneipe. Er selbst sitzt seit 31 Jahren auf dem Bock. "Früher habe ich bei 1,10 Mark pro Kilometer dreimal soviel eingefahren wie heute." Der aktuelle Kilometerpreis liegt in Hamburg bei 1,60 Euro für die ersten elf Kilometer, danach sinkt er auf 1,28 Euro.

Damit ist Hamburg die teuerste deutsche Großstadt - scheinbar. "Auf einer sechs Kilometer langen Vergleichstour sind wir um 20 Prozent günstiger als die Kollegen in anderen Städten", behauptet Alexander Lux. Der Grund: Hamburg ist laut aktuellem Geschäftsbericht des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes neben Berlin die einzige Großstadt, in der die Wartezeit an roten Ampeln oder im Stau nicht sofort berechnet wird. Erst ab der zweiten Minute läuft das Taxameter mit 23 Euro pro Stunde mit - theoretisch.

"Es gibt während der Fahrt keine Minute absoluten Stillstands. Irgendwie rollt man immer weiter", sagt Fahrer Hussein Hesan (35). Die Folge: Hamburgs Taxifahrer nehmen auch auf zeitraubenden Tagestouren durch die Innenstadt kaum Geld für Wartezeiten ein. Hesan wünscht sich deshalb, daß die Wartezeitenregelung auf zehn Sekunden herabgesetzt wird. Andere wollen die Regelung ganz kippen, schließlich sei auch Wartezeit Arbeitszeit.

"Richtig in die Kniekehle hat der Hamburger Senat uns auch mit der Einführung des durchgehenden HVV-Nachtverkehrs getreten. Dadurch hat das Taxigewerbe Umsatzeinbußen von gut einem Drittel an Wochenenden", sagt Martin Berndt. Wirklich Geld verdienen würden nur noch die großen Unternehmen, deren Taxis rund um die Uhr liefen. Und wie zur Bestätigung sagt Fahrer Izzet Karyagdi: "Manchmal ist das hier wie ein Hartz-IV-Job. Da verdient man in vier Stunden 4 Euro."

Einen Ausweg aus der Misere böten aus Sicht der Verbände vor allem zwei Maßnahmen: die Aufhebung der Regelung über die verkehrsbedingten Wartezeiten - also weiterzählende Taxameter an roten Ampeln und im Stau sowie eine "marktverträgliche", also beschränkte Konzessionsvergabe. Denn laut Geschäftsbericht des Taxi- und Mietwagenverbandes ist die Taxikonzentration in keinem Bundesland so hoch wie in Hamburg. Bei mehr als 3500 Taxis kamen bei den jüngsten Zählungen 424 Einwohner auf ein Taxi. Selbst in Berlin waren es 490 Menschen. Und im Flächenland Rheinland-Pfalz kam ein Taxi auf 3144 Bewohner.

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http://www.abendblatt.de/daten/2005/11/07/500412.html