Autor Thema: Unwürdige Bildungsvision  (Gelesen 3096 mal)

Klassenkampf

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Unwürdige Bildungsvision
« am: 13:31:36 Di. 22.November 2005 »
Der eigene Weg ist schon lange verlassen, europäische Wurzeln werden aufgegeben, um dem American Way of Life den Vorzug zu geben. Nachmachen, nicht Bessermachen...

Nicht erst seit Michael Moores Polemik wissen wir ob der Zustände amerikanischer Schulen. Veraltete Schulbibliotheken, morsches Mobiliar, fehlende Lehrkörper, Laien zu Lehrkörpern gemacht...man möchte annehmen, daß die Situation hoffnungslos ist, zumal unter George W. Bush die staatlichen Ausgaben für das Bildungswesen erneut drastisch gesenkt wurden.

Hierin liegt die Chance für die Wirtschaft: Sie kauft sich ins Schulsystem, zieht somit neue Konsumenten heran. Propaganda, Propaganda, Propaganda - auf Schulwänden und Dächern, auf als Schuluniform fungierenden T-Shirts, auf Einrichtungen. Ja, der "große Bruder" hütet seine Schützlinge...

Schlimmer noch: Anstatt Milchautomaten ist in vielen amerikanischen Schulen Coca-Cola oder Pepsi zum offiziellen "Getränk des Hauses" ernannt worden - erreicht die Schule den vereinbarten Absatz, winkt eine belohnende Prämie.

Menschliche Würde, ein inflationärer Begriff unserer Zeit: Ist es mit der Würde des Menschen, damit mit der Gesellschaftswürde vereinbar, sich derart dem Kapital zu beugen? Können wir aufrechten Gangs das Leben bestreiten, wenn wir uns zum Spielball kapitalistischer Interessen degradieren lassen?
Wer sein Rückgrat krumm, sich damit zum Wurme mache, tritt laut Kant seine eigene Würde mit Füßen. Die kantianische Auffassung der Würdelosigkeit ist allerorts zu beobachten, aber gerade beim Heranziehen neuer Generationen erscheint sie würdeloser denn sonstwo.

Zitat
Wissensgesellschaft à la Bertelsmann. Das Projekt „Media Smart“ der werbetreibenden Wirtschaft soll in den Schulen "Medien- und Werbekompetenz von Kindern" fördern – oder der Bock macht sich zum Gärtner
 
Liberalisierung, Privatisierung, Flexibilisierung, mehr Eigenverantwortung, mehr Wettbewerb - dieselben Zauberformeln und Rezepte, die seit über zwanzig Jahren in der Wirtschaft ziemlich erfolglos waren, sollen künftig verstärkt auch auf die Bildungspolitik, auf Schulen und Hochschulen übertragen werden.
Die Methoden, mit denen man die Rezepte propagiert, folgen immer dem gleichen Schema: Deutschland fällt in den internationalen Rankings zurück, unser Land ist nicht mehr konkurrenzfähig, weil die Strukturen verkrustet sind und Reformen blockiert werden.
Vor allem beim Umbau des Bildungssystems engagiert sich seit vielen Jahren die Bertelsmann-Stiftung. Unsere Leserin Christine Wicht hat Informationen zusammengetragen, wie Bertelsmann die Bildungspolitik durch intensive Lobbyarbeit beeinflusst und sogar versucht, direkt die in den Schulen vermittelten Inhalte zu bestimmen.


Von Christiane Wicht
 
Alle Welt redet darüber, dass wir in einer "Wissensgesellschaft" leben. Die Pisa-Studie scheint zu beweisen, dass bis da hin für Deutschland noch ein weiter weg ist.
Man kann sich nun lange über Sinn und Unsinn der Methoden und vor allem über den parteipolitischen Missbrauch der Pisa-Ergebnisse streiten, eines ist unbestreitbar: Die Studien werden dafür benutzt, das Bildungssystem verstärkt nach wettbewerblichen und betriebswirtschaftlichen Kriterien zu gestalten und den staatlichen und parlamentarisch-demokratischen Einfluss zurückzudrängen...


Hier gehts weiter...
„Diese Verhältnisse sind nicht die von Individuum zu Individuum, sondern die von Arbeiter zu Kapitalist... Streicht diese Verhältnisse, und ihr habt die ganze Gesellschaft aufgehoben.“
--- Karl Marx, "Das Elend der Philosophie" ---

Carsten König

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Unwürdige Bildungsvision
« Antwort #1 am: 19:53:49 Mi. 23.November 2005 »
Zitat
Ist es mit der Würde des Menschen, damit mit der Gesellschaftswürde vereinbar, sich derart dem Kapital zu beugen? Können wir aufrechten Gangs das Leben bestreiten, wenn wir uns zum Spielball kapitalistischer Interessen degradieren lassen?

Durch Ihre Wortwahl, lieber Klassenkampf, mit allen Ihren früheren Beiträgen haben Sie diese Frage, die zu stellen fast ein undenkbares Unding ist, bereits beantwortet.
Aber sicher - in Zeiten der Kapitalisierung aller menschlicher Werte, unter Bedingungen, die schwerlich human genannt werden können, unter dem Einfluß einer medialen Propagandamaschine des Molochs Kapital ist es unabdingbar, dieses Denken hoch- und die Frage nach dem Menschen offen zu lassen.

Die Würde des Menschen, von totalitären System offen und unmittelbar mit den Füssen getreten, steht in heutigen Zeiten nicht weniger unter Bedrängnis und der kritische Beobachter verfolgt mit Unglauben den vorauseilenden Gehorsam, mit dem sich viele Artgenossen der Mechanik des Kapitals unterwerfen.

Wo bleibt die menschliche Würde? Vielleicht ist sogar die Frage falsch gestellt? Vielleicht gehört es zu der conditio humana, erst in der Bedrängnis die menschlichen Werte und seine Würde kämpfend zu verteidigen. Die Freiheit des Menschen und seine Würde konstituieren sich erst im bewußten Kampf für sie.

Soweit -  Sie, wir alle sind gehalten, die Würde zu bewahren, die abzusprechen Krämerseelen von Finanzhaien sich jeden Tag von der Wallstreet bis nach Singapur aufmachen.

Klassenkampf

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Unwürdige Bildungsvision
« Antwort #2 am: 08:46:27 Do. 24.November 2005 »
Zitat
Vielleicht gehört es zu der conditio humana, erst in der Bedrängnis die menschlichen Werte und seine Würde kämpfend zu verteidigen.

Der Würdebegriff taucht auf, wenn in Afrika Menschen hungern; wenn dort Diktatoren geschundene Völker in den Krieg treiben; wenn Kindersoldaten Minenfelder räumen müssen.
Würde wird proklamiert, wenn eine Großmacht feindliche Kämpfer unter unmenschlichen Umständen, gleich einer Horde Tiere, in Lagern hält; wenn Familien mittels Bombenpolitik auseinandergerissen werden; wenn Glaubens- und Weltanschauungsfreiheit sanktioniert wird.
Ein Aufschrei für Würde geht durch die Masse, wenn junge Mädchen des fernen Ostens als Kinderhuren dienen sollen; wenn dortige Menschen in engen Wellblechhütten leben müssen; wenn die Arbeitskraft dieser Menschen zudem ausgebeutet und nicht angemessene sowie befriedigende Entlohnung erfährt, die ihnen und ihren Familien eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 23, 3).

Selbst gesellschaftsintern läßt sich Würde als Begriff dort vorfinden, wo Würde eben nicht vorhanden ist. Würde schwebt über Arbeitslose die oft untragbare finanzielle wie gesellschaftliche Folgen ertragen müssen; über Kranke, die zum Spielball kostentragender Einrichtungen gemacht werden; über Rentner, die ab Renteneintritt als Gesellschaftsballast angesehen werden. Wo ist die Würde, wenn es um Ungleichheit, staatliche Armenpolizei und geknebelte Informationspflicht geht?
Und zuletzt: Der Aufschrei nach Würde des Kindes und Jugendlichen würde laut, wäre das Schulsystem verkauft und Sponsoren in die Hände gegeben...

Eines wird also bewußt, um es mit abgewandelten Worten Carstens zu sagen: Erst in der Bedrängnis werden menschlichen Werte und seine Würde kämpfend eingefordert. Wer unbewußt Würde erlebt, ist sich seiner eigenen Stellung als Subjekt nicht im Klaren.
Und damit ergibt sich folgende Gegenthese: Herrscht Würde, erlaubt man der Einzelperson freie Entfaltung, erkennt sie als Subjekt, läßt sie seiner Nacktheit nicht alleine, so wird der Würdebegriff nicht strapaziert.
Deswegen ist gerade das Hochhalten der menschlichen Würde dort wichtig, wo sie getreten wird, denn dort wo sie existiert, ist sie nur leere Worthülse.

Wahr ist aber auch: Würde - ihre Wurzeln und ihr Wandel - ist den wenigsten Zeitgenossen wirklich definierbarer Begriff. Selbst Denkern fiel es nicht leicht, diese klar zu umreißen. Viele Interpretationen gibt es, zwar auch epochenübergreifend und damit dem Lauf der Zeit unterworfen, doch auch zeitgleiche Definitionen, die unterschiedlicher Art sind. Würde vereint aber in jedem Falle lex naturae, und läßt sich dann über lex humana in diverse Richtungen interpretieren - Ziel des Zweiteren muß es aber immer sein, Zustände zu schaffen, die niemanden nackt sein lassen.
Somit ist Würde niemals direkt einzufordern, ist lediglich ein hehrer Begriff, der so kaum einklagbar ist. Indirekt erzeugt man Würde, nicht indem man Würde zum Leitspruch erklärt und es darauf beruhen läßt. Um es mit Schiller zu sagen: "Würde des Menschen - Nichts mehr davon, ich bitt eich. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst."
Allerdings: Würde bedeutet auch, einer Strafe würdevoll ins Auge zu blicken. Wer sich der Gesellschaft schuldig macht, gerade im Bezug auf lex naturae muß ebenso würdevoll behandelt werden, wie man es einem mündigen und subjektiven Bürger zukommen lassen sollte. Wer einer gegen das Gesetz verstoßenen Einzelperson Strafe verwährt, erkennt diesen nicht als mündigen Mitmenschen würdevoller Natur an. Hier hört - was in der menschlichen Natur liegt - die Freude an der Würde auf.

Für heutigen Gesellschaftszustand läßt sich sagen: Würde wird geraubt, man wird zu Boden gedrückt, gleich einem Wurme; es bleiben viele liegen, andere pochen, ganz im Sinne ihrer Würde, auf menschliche Behandlung.
Jene, welche unbewußt Würde erfahren, glauben an die ewige Existenz der Würde für Jedermann. Erst der Schaden an der eigenen Würde, läßt sie zu Würdenverfechter werden. Die Würde des Mitmenschen scheint also dem in Würde lebenden, erst dann ins Auge zu stechen, wenn das Leid und die Not unübersehbar sind, kleine Makel an der Würde des Nächsten werden aber duldend akzeptiert. Doch setzt man diese Einzelpersonen selbst "kleiner Makel" aus, so spielt ihnen die persönliche Eitelkeit im Bezug auf Würde einen Streich: Sie fühlen sich würdelos behandelt!
„Diese Verhältnisse sind nicht die von Individuum zu Individuum, sondern die von Arbeiter zu Kapitalist... Streicht diese Verhältnisse, und ihr habt die ganze Gesellschaft aufgehoben.“
--- Karl Marx, "Das Elend der Philosophie" ---

Kuddel

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Re:Unwürdige Bildungsvision
« Antwort #3 am: 13:04:40 Mo. 30.Juli 2018 »
Braunes Geld, weiße Westen. Adolf Messer und die Uni Frankfurt

Zitat
Die Goethe-Universität Frankfurt will ihre Geldgeber nicht verprellen. Sie benennt sogar einen Raum nach einem ehemaligen NSDAP-Mitglied.
http://www.labournet.de/?p=135332