Autor Thema: Tricks und Täuschungen  (Gelesen 1541 mal)

regenwurm

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Tricks und Täuschungen
« am: 08:53:02 Sa. 28.Januar 2006 »
Tricks und Täuschungen
Die bewusste Irreführung der Öffentlichkeit
von Manfred Julius Müller

 Zu hohe Zollbarrieren??
Im ersten Moment klingt es recht einleuchtend: "Der Dritten Welt kann nur durch weiteren Zollabbau geholfen werden"! Hintergrund dieser Empfehlung ist die Behauptung, der Westen behindere die Wareneinfuhr aus Entwicklungsländern durch Zollbarrieren und Einfuhrbeschränkungen, während er im Gegenzug die armen Länder mit westlichen Produkten überschwemmt.

Eine derartige Argumentation ist an Hinterlist kaum zu überbieten. Denn natürlich verhält es sich ganz anders. Der allgemeine Zollabbau soll geadelt werden, und deshalb bedient man sich solcher Schauermärchen. Die Einfuhrzölle für Dritte-Welt-Produkte sind extrem niedrig, daran scheitert es bestimmt nicht. Und Einfuhrbeschränkungen gibt es nur in wenigen Bereichen, meistens gerade im Interesse der Erzeugerländer (um den ruinösen Dumpingwettbewerb bei Bananen, Kaffee usw. zu entschärfen).

Auch der zweite Vorwurf, die Industrieländer sind nur an den dortigen Absatzmärkten interessiert, ist unhaltbar. Die Kaufkraft in den Armutsländern ist so gering, dass dort, wenn überhaupt, fast ausschließlich asiatische Produktplagiate und subventionierte Medikamente abgesetzt werden. Ein Ausbeutungsvorwurf in diese Richtung ist geradezu lächerlich.

Sicher muss den Entwicklungsländern geholfen werden! Dafür gibt es eine Reihe nützlicher Maßnahmen (wie im Buch "Anti-Globalisierung. Zurück zur Vernunft!" ausführlich beschrieben). Vor allem muss die Kaufkraft der dortigen Bevölkerung erheblich gestärkt und somit ein eigener Binnenmarkt geschaffen werden (der durch angemessene Zölle geschützt wird). Eine Abhängigkeit vom Export bedeutet auch für die Entwicklungsländer eine Einbindung in das globale Dumpingsystem des Großkapitals. Den Hunger in der Welt zu instrumentalisieren und daraus ausgerechnet einen Beweis für die Notwendigkeit des totalen Freihandels abzuleiten, unterstreicht einmal mehr die Dreistigkeit der neoliberalen Heilsverkünder.

Nebenbei bemerkt: Einige Entwicklungsländer haben längst den Zoll als Wunderwaffe entdeckt und unterstützen den Aufbau einer eigenen Industrie durch rigorose Abschottung. In Vietnam z. B. haben viele ausländische Firmen nur deshalb Produktionsstandorte errichtet, weil sie dort sonst kaum Marktchancen hätten (durch die hohen Zölle werden Importe einfach zu teuer).


Noch so ein Trick:
"Die unheilvolle demographische Entwicklung"
Sie kennen die allgegenwärtige Argumentationskette, wie sie von Politkern und Medien mehrmals täglich heruntergeleiert wird: "Schuld an unserer Misere (Massenarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Lohnabbau) ist die demographische Entwicklung. Die Geburtenrate in Deutschland ist so niedrig, dass das Verhältnis Erwerbstätige zu Rentner immer ungünstiger wird. Also geht kein Weg daran vorbei: Die Renten müssen gekürzt, die Arbeitszeit verlängert, der Sozialstaat abgebaut werden."

Nein, auch das stimmt nicht - auch diese Argumentation ist nur ein Trick, eine Ablenkung von den eigentlichen Übeln.
Was nicht erwähnt wird: Den Trend zu weniger Kindern gibt es seit 100 Jahren. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm in den Industrieländern die Geburtenrate kontinuierlich ab -- ohne dass es zur Verelendung kam. Ganz im Gegenteil entwickelte sich ein rasanter Wohlstandsanstieg (wenn man einmal die Kriegseinflüsse unberücksichtigt lässt). Auch von 1950 bis 1980 sank die Geburtenrate, und trotzdem brummte die Wirtschaft, stieg der Lebensstandard. Die zunehmenden Kosten für die Sozialversicherungen stellten überhaupt kein Problem dar.

Diejenigen, die uns heute die Unbezahlbarkeit der Sozialsysteme vorgaukeln wollen, verschweigen einen ganz, ganz wichtigen Aspekt: die fortlaufende Zunahme der Produktivität. Dadurch, dass die Produktivität sich im letzten Jahrhundert nahezu verzehnfacht hat und sich weiter verbessert, ist auch die demographische Entwicklung nur ein untergeordnetes Problem. Warum soll es in fünfzig Jahren nicht möglich sein, dass ein Erwerbstätiger einen Rentner miternährt, wenn sich die Produktivität weiterhin durch neue Techniken und eine fortschreitende Automatisierung vervielfacht?

Eine Bemerkung am Rande: Der Anstieg der Lebenserwartung ist nicht so dramatisch, wie Statistiken uns glauben lassen. Es ist vor allem die starke Abnahme der Säuglings- und Kindersterblichkeit, die die durchschnittliche Lebenserwartung in die Höhe schnellen ließ. Ohne diesen Effekt sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache: Im Jahre 1900 hatte ein 60jähriger Mann noch eine statistische Lebenserwartung von 13,1 Jahren, im Jahre 2000 betrug dieser Durchschnittswert gerade einmal 19,2 Jahre.
Verheimlicht wird auch dies: Im Jahre 1900 musste ein Erwerbstätiger mehr Kinder und Rentner ernähren als heute. Die Beschäftigungsquote war vor hundert Jahren also ungünstiger. Wie abgefeimt muss man sein, ständig nur die Rentner als "Kostenfaktor" anzuprangern und die Kinder bei dieser engstirnigen Betrachtungsweise einfach zu unterschlagen?


Und noch so ein Trick:
"Reife Volkswirtschaften können kaum noch wachsen"
Auch hierbei wird wieder einmal mit einer Halbwahrheit Politik gemacht bzw. der Wähler getäuscht. "Eine reife Volkswirtschaft wie die unsrige könne große Wachstumsraten gar nicht mehr hervorbringen", so die Behauptung.

Sicher, Anstiege wie sie einige asiatische Tigerstaaten in ihren besten Zeiten vorzuweisen hatten, sind auf Dauer nicht möglich. Aber ein durchschnittliches dreiprozentiges Wirtschaftswachstum sollte auch für Deutschland keine Hürde sein (die revolutionäre Computertechnik hätte in den letzten beiden Jahrzehnten weit mehr bringen müssen).
Dass die positiven Auswirkungen weitgehend verpufft sind (für die Erwerbstätigen hat sich die Lage sogar verschlechtert) ist einfach unglaublich! Diese krasse Fehlentwicklung auch noch zu bemänteln mit verharmlosenden Äußerungen, ist skandalös.

Manche Ökonomen argumentieren besonders dreist, indem sie behaupten, unser Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg war kein Kunststück, schließlich musste alles neu aufgebaut werden. Wer Krieg und Zerstörung als Grundlage für ein ansehnliches Wirtschaftswachstum ansieht, sollte seine perversen Ansichten lieber für sich behalten. Nebenbei bemerkt: diese Logik ist auch noch inkonsequent. Wäre etwas Wahres an dieser Aufbautheorie, hätte es in den neuen Bundesländern seit 1990 einen beispiellosen selbsttragenden Aufschwung geben müssen.

Die wahren Ursachen für die Misere werden auch bei diesem Scheinargument vernebelt: Eine Volkswirtschaft ohne einen intakten Binnenmarkt kann nicht existieren. Dumpingimporte wirken wie ein Krebsgeschwür, sie zerstören langfristig selbst die fortschrittlichste Industrienation. Welche Möglichkeiten es gibt, auch ohne große protektionistische Maßnahmen die Dinge wieder ins Lot zu bringen, beschreibt das Buch "Anti-Globalisierung. Zurück zur Vernunft!".


Man könnte die Liste der irreführender Argumentationstaktiken endlos fortsetzen. Immer wieder werden mit Verdrehungen und Halbwahrheiten die tatsächlichen Verhältnisse vertuscht, um die eigene (neoliberale) Position durchzusetzen. Häufig sind die Falschargumente miteinander verknüpft und stützen sich gegenseitig, so dass sie nur schwer zu entlarven sind.



Nachsatz:
Niemand hat behauptet, dass...
Kennen Sie den: "Niemand hat behauptet, dass ....". Mit dieser lächerlichen Taktik weisen die einstigen Einheizer der Globalisierung und EU jegliche Verantwortung weit von sich. Jetzt will es keiner gewesen sein, nie wurde behauptet, dass die Globalisierung, die EU oder der Euro uns mehr Wohlstand bringen würde. Dabei haben wir noch alle diese Parolen im Ohr, die uns stündlich via Presse, Funk und Fernsehen eingetrichtert wurden. Man hatte nicht einmal Skrupel, mit Untergangsszenarien die letzten Zweifler einzuschüchtern. Parolen wie "ohne EU würde es wieder Kriege geben" oder "ohne Globalisierung verliert die deutsche Wirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit" dröhnten täglich aus den Lautsprechern. Umfangreiche Abhandlungen und Bücher wurden mit diesen Bekehrungen vollgestopft und als Grundlage jeglicher ökonomischen Vernunft gepriesen.
Und nun stellen sich diese Meister kollektiver Gehirnwäsche hin und erklären "niemand hätte behauptet, dass...". Unverschämtheit kennt halt keine Grenzen. In dieses Schema passt übrigens auch die neueste Variante verbaler Verhöhnung: "niemand hat je behauptet, dass die Deutschen ein Tätervolk seien".


Quelle:
Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.