Autor Thema: Kommerzialisierung der Bildung  (Gelesen 7001 mal)

Carsten König

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Kommerzialisierung der Bildung
« am: 16:09:59 So. 12.Februar 2006 »
Die EU-Dienstleistungsrichtlinie hebelt auf dem Markt von Schule, Studium und Beruf nationale Qualitätsstandards und Verbraucherrechte aus

Quelle: http://www.freitag.de/2006/06/06060401.php

Zitat
Bildung ist ein Wachstumsmarkt, und deswegen, das müsse man verstehen, werde man ausgerechnet dieses Marktsegment nicht von dem großen Liberalisierungscoup der Bolkestein-Richtlinie ausnehmen. So warb der EU-Vertreter in Berlin, Gerhard Sabathil, um Verständnis bei den Bundestagsabgeordneten des Wissenschaftsausschusses. Denn bei den Bildungsexperten schrillen mittlerweile die Alarmglocken. Die Dienstleistungsrichtlinie, wie sie die EU-Kommission vorgelegt hat, sei "für den gesamten Bildungsbereich nicht tragbar" - zu diesem erstaunlich klaren Urteil kam die stellvertretende Generalsekretärin der Kultusministerkonferenz, Angelika Hüfner, vor demselben Ausschuss.

Troll

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Kommerzialisierung der Bildung
« Antwort #1 am: 17:55:51 So. 12.Februar 2006 »
Didi wollte ne Flasche Pommes kaufen, war ein blöder Scherz.

Morgen gehn wir Bildung kaufen, kein Scherz.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Kuddel

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Re:Kommerzialisierung der Bildung
« Antwort #2 am: 15:38:26 Mo. 16.November 2015 »
Zitat
Schulfach Wirtschaft :
Ein Kniefall vor den Arbeitgebern

Gute Idee: Wirtschaft soll Pflichtschulfach werden, so will es Rot-Grün in Baden-Württemberg. Doch leider verschafft der Lehrplan dem Neoliberalismus eine Renaissance.


Wie lässt sich unsere Arbeits- und Berufswelt im digitalen Zeitalter gestalten? Wie lassen sich ökologisches und ökonomisches Handeln miteinander vereinbaren? Und welche ökonomischen Faktoren bedingen Flucht und Migration?

Das sind nur einige Fragen, die den Stellenwert sozioökonomischer Bildung für die allgemeinbildenden Schulen verdeutlichen. Es überrascht daher nicht, dass eine rot-grüne Landesregierung gerade in diesem Feld ein bildungspolitisches Profil entwickeln will. Ihre Stammwähler entstammen sozialen Bewegungen, die sich früh mit verengten Sichtweisen des Ökonomischen auseinandergesetzt haben. Allein die Kritik an der Ausnutzung endlicher Ressourcen, die Armut-Reichtum-Problematik sowie das Engagement für eine demokratische Wirtschaftsgestaltung und eine begrenzte Wirtschaftsmacht erklären, weshalb gerade das Lernfeld Wirtschaft für eine rot-grüne Regierung attraktiv ist.

Die rot-grüne Regierung des Landes Baden-Württemberg hat nun den Bildungsplan zum neu geplanten Schulfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung als Anhörfassung des Landtags vorgelegt. Es soll ab kommendem Jahr verpflichtend sein. Baden-Württemberg wäre das erste Bundesland, welches das Fach an allen allgemeinbildenden Gymnasien einführt.

Doch alle, die gedacht haben mögen, dass Wirtschaftsfragen in ökologische, soziale, politische und ethische Kontexte eingebunden werden, müssen schwer enttäuscht sein. Herausgekommen ist der Entwurf eines monodisziplinären Unterrichtsfachs, das eine verengte Sichtweise auf das Ökonomische entwirft. Die Wirtschaftswissenschaften werden zur Hauptbezugsquelle eines sozialwissenschaftlichen Lerngegenstandes.

In diesem Fall wird der Homo Oeconomicus zum Leitbild der ökonomischen Bildung. Dabei wird beansprucht, mit Modellierungen der ökonomischen Verhaltenslehre die soziale Welt zu erklären. Dies soll quasi eine Alternative zu den diskursiven Formen sein, in denen sich die Unterrichtsfächer der politischen Bildung bislang mit ökonomischen Phänomenen auseinandergesetzt haben.

Dabei haben die vergangenen Jahre doch gezeigt, wie die Omnipotenz wirtschaftswissenschaftlicher Erklärungsmodelle an ihre Grenzen stößt – und damit auch der "neoliberale Zeitgeist" im Bildungswesen. Bestes Beispiel ist die globale Finanzkrise seit den Jahren 2007/2008. Die gesellschaftliche Bedingtheit des Ökonomischen wurde offenbar und die Lobbyisten eines monodisziplinären Unterrichtsfaches verloren an Argumentationskraft. Die Idee, dass sich der Wirtschaftsunterricht stärker an den Prinzipien der Effizienz und Nutzenmaximierung als an Kontroverse und Mündigkeit zu orientieren habe, schien widerlegt.

Zitat
Dirk Lange
ist Professor für die Didaktik der Politischen Bildung an der Leibniz Uni Hannover und Bundesvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung. Er gehört zu den Unterzeichnern einer kritischen Stellungnahme zum geplanten Schulfach Wirtschaft an den Gymnasien Baden-Württembergs.

Doch ausgerechnet jetzt erfahren diese traditionell neoliberalen Prinzipien im rot-grünen Baden-Württemberg eine Renaissance. Das irritiert. Wesentliche Bildungsverbände des Landes kritisieren, dass sie an der Diskussion und Entwicklung des neuen Unterrichtsfaches nicht beteiligt wurden. Das Ministerium habe Interessenvertreter privater Stiftungen als Bildungsberater privilegiert.

Kürzlich hat die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA) beim Bundesminister des Inneren sogar ein vorläufiges Vertriebsverbot des Materialbandes Ökonomie und Gesellschaft der Bundeszentrale für politische Bildung erwirkt. Einem Hauptgeschäftsführer der BDA erschienen einige Passagen der Publikation zu wirtschaftskritisch – insbesondere jene, in denen Lobbyismus zum Gegenstand des Wirtschaftsunterrichts gemacht wurde. Dieses Problem wird er bei dem in Stuttgart geplanten Unterrichtsfach Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung kaum haben: Denn kontroverse Sichtweisen auf Wirtschaft sind nicht vorgesehen.

Die Schule und insbesondere die politische Bildung dürfen nicht zur Arena von Lobbyisten werden. Dafür ist ein bildungspolitischer Konsens notwendig, dass Schülerinnen und Schülern keine Meinungen, Ideologien oder einseitige Sichtweisen anerzogen werden. Das gilt auch für die Sichtweisen auf die Wirtschaft. Lernende müssen die verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und wissenschaftlichen Perspektiven kennenlernen und so ihre Urteilskraft schulen. Die Wirtschaftswissenschaften stellen nur eine von mehreren Bezugsdisziplinen ökonomischer Allgemeinbildung dar. In der Demokratie müssen wirtschaftliche Themen zugleich der sozialwissenschaftlichen Reflexion und der politischen Urteilsbildung unterliegen. Das kann aber nur gewährleistet werden, wenn das ökonomische Lernfeld weiterhin den Prinzipien einer sozialwissenschaftlichen Demokratiebildung unterliegt.

Wird das Wirtschaftssystem – wie ein Naturphänomen – nur nachvollzogen und nicht mehr im gesellschaftlichen Kontext unterrichtet, steht der demokratische Bildungsauftrag allgemeinbildender Schulen infrage. Der Wert, Schülerinnen und Schüler zu kritischem, reflektierendem Denken zu befähigen, muss auch für den Wirtschaftsunterricht gelten.
http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-11/schulfach-wirtschaft-oekonomie

Kuddel

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Re:Kommerzialisierung der Bildung
« Antwort #3 am: 10:30:37 So. 23.Dezember 2018 »
Zitat
Drittmittel und Stiftungsprofessuren
"Klar, dass nicht zu fairen Arbeitsbedingungen geforscht wird"
...
Viele Hochschulen lassen sich von der Wirtschaft Professuren spendieren. Kritiker fürchten, dass sich die Forschungsschwerpunkte so verschieben könnten. Wie groß ist der Einfluss von Unternehmen wirklich?


Doch wie sehr kann man den Geldgebern Glauben schenken, dass sie die Hochschulen wirklich nicht beeinflussen? Schließlich gab es solche Fälle bereits: So hatte sich der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim umfangreiche Mitspracherechte, vor allem bei der Berufung von Professoren an der Uni Mainz, gesichert. Auch die Berliner Humboldt-Universität und die TU Berlin ließen sich im Jahr 2006 von der Deutschen Bank zwei Professuren stiften. Später kam heraus, dass der Bank bei Lehre, Forschung und Personal viel Mitspracherecht gegeben worden war. Als das fünf Jahre später aufflog, wurde die Kooperation beendet.

An der Uni Erlangen-Nürnberg erhielt der ehemalige Audi-Personalvorstand Werner Widuckel eine von Audi finanzierte Professur. Nach einigen Jahren lief das Geld aus, nun wird Widuckel von der Uni bezahlt. Und an der TU Berlin arbeitet Eckard Flöter als Professor für Lebensmittelverfahrenstechnik. Der ehemalige Mitarbeiter von Unilever begann auf einer Stiftungsprofessur von Unilever. Inzwischen hat die TU die Finanzierung übernommen.

Laut Stifterverband werden 90 Prozent der Stiftungsprofessuren von den Hochschulen weiterfinanziert. Wird die Wissenschaft also doch unbemerkt von der Wirtschaft unterwandert? Christian Kreiß sagt: Ja. Denn Professoren, die von der Uni weiterbezahlt werden, tauchen in der Statistik nicht mehr als Stiftungsprofessoren auf. Sondern als ganz normale Lehrstuhlinhaber - ohne jeden Hinweis auf ihre Vergangenheit.
http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/hochschulfinanzierung-wie-die-wirtschaft-die-wissenschaft-beeinflusst-a-1239246.html