Autor Thema: Leihsklaven In der Autoindustrie  (Gelesen 3141 mal)

ManOfConstantSorrow

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Leihsklaven In der Autoindustrie
« am: 17:13:31 Do. 01.Juni 2006 »
Da die Artikel in FR und FTD nicht lange online bleiben, hier im vollen Wortlaut:

Zitat
Bedeutung der Zeitarbeit in der Autoindustrie wächst

Experte Dudenhöffer spricht von einem nicht mehr weg zu denkenden Element zur Steigerung der globalen Wettbewerbsfähigkeit
Flexibiliät und Innovation - zwei Faktoren, die für die Existenz des Automobilstandorts Deutschland eine Schlüsselrolle spielen. Ein Vehikel zur Steigerung der Flexibilität ist die Zeitarbeit, die einer neuen Studie zufolge immer mehr an Bedeutung gewinnt.


Frankfurt a.M. - Die von Gewerkschaften und Betriebsräten mit scheelen Augen angesehene Zeitarbeit ist auch in der Autoindustrie nicht mehr weg zu denken. Mehr noch - für Professor Ferdinand Dudenhöffer stellt sie ein wesentliches Element dar, die Kostenvorteile anderer, insbesondere osteuropäischer Standorte zum Teil wenigstens auszugleichen. Nach den Worten des an der Fachhochschule Gelsenkirchen forschenden und lehrenden Experten geht es darum, die Arbeitnehmervertretungen davon zu überzeugen, dass Zeitarbeit geeignet ist, den Trend zur Produktionsverlagerung ins Ausland zu bremsen. Management und Betriebsräte sollten in diesem Punkt "nicht im Konflikt miteinander stehen".

Dudenhöffer stützt sich bei diesen Aussagen auf die Ergebnisse einer von der Zeitarbeitsfirma Randstad in Eschborn finanzierten und in seinem Institut - Center Automotive Research - erstellten Studie. Ihr zufolge beschäftigen annähernd 90 Prozent der deutschen Autohersteller und Zulieferer permanent Zeitarbeiter. In absoluten Zahlen sind das mehr als 60 000 Leute.

Drittes Instrument

Neben Arbeitszeitkonten und befristeten Einstellungen ist Zeitarbeit laut Dudenhöffer das dritte personalpolitische Flexibilitäts-Instrument, über das Unternehmen verfügen. Und für die Zukunft der hiesigen PS-Industrie im globalen Wettbewerb spiele Flexibilität zusammen mit dem Faktor Innovationsfähigkeit eine Schlüsselrolle. Neue Werke wie die BMW-Fabrik in Leipzig würden nur gebaut, wenn man die oft enormen Produktionsschwankungen aufgrund konjunktureller Einflüsse oder Modellzyklen ohne zusätzliche Personalkosten, wie Überstundenzuschläge, "verdauen kann". Zeitarbeit diene folglich nicht mehr nur zur Bewältigung von Auftragsspitzen oder zur Überbrückung von Urlaubs- und Krankheitszeiten, sondern bilde einen Teil des operativen Geschäfts. Insofern ließe sich auch der Vorwurf nicht aufrecht halten, dass Zeitarbeit in der Autoindustrie ein Vehikel für Lohndumping sei. Als Hauptmotive, Leiharbeiter zu beschäftigen, gaben die rund 150 in der Studie befragten Personal-Manager und Geschäftsführer Flexibilität und nachfrageorientierte Kapazitätsauslastung an.

Diese Ergebnisse decken sich mit den praktischen Erfahrungen der Randstad-Leute, die hier zu Lande rund 7000 Arbeitnehmer an die Autoindustrie vermittelt haben. Wie Manager Kay-Uwe Wiegel betont, dringen schon die Betriebsräte in den Firmen darauf, dass der Stundenlohn für Zeitarbeiter nicht niedriger als der von Festangestellten ist. Allerdings verhehlt er auch nicht, dass damit im Endeffekt doch eine Personalkostenersparnis für den Entleiher verbunden ist, weil er beispielsweise nichts für Weiterbildung aufwenden oder keinen dreizehnten oder vierzehnten Monatslohn bezahlen muss. Grundsätzlich aber nehme die Bedeutung von Ad-hoc-Einsätzen ab. Vielmehr werde Zeitarbeit immer häufiger als "strategisches Mittel" im Produktionsprozess angesehen. Die Dauer der Beschäftigung von Zeitarbeitern reiche von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten.

Meist Hilfskräfte

Neben solchen übergeordneten Trends verdeutlicht die Dudenhöffer-Studie gleichwohl, dass Zeitarbeiter bei den heimischen Autoherstellern und Zulieferern überwiegend als Hilfskräfte Verwendung finden. Der Anteil der entliehenen Facharbeiter am Gesamtumfang dieser Beschäftigungsgruppe in der Branche beträgt lediglich sieben Prozent. Die meisten Zeitarbeiter schließlich sind in der Produktion zu finden vor den Abteilungen Verwaltung sowie Beschaffung und Logistik.
 Jürgen Klotz (FR 1.6.06)


Zitat
Premiumhersteller verschweigen Leiharbeiter

In den Geschäftschäftsberichten der Automobilhersteller tauchen sie fast nicht auf, dabei ist ihr Anteil so hoch wie nie: 86 Prozent der Auto- und Zuliefererkonzerne vertrauen auf Zeitarbeitnehmer. In keiner anderen Branche kommen sie so häufig zum Einsatz, dennoch werden sie geflissentlich verschwiegen.

Auch der Reifenhersteller Continental drückt auf die Kostenbremse und baut Arbeitsplätze in Deutschland ab

"Weder BMW, Ford, Mercedes, Opel, VW noch Bosch oder Continental sprechen offiziell über das Thema Zeitarbeit", sagt der Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Fachhochschule Gelsenkirchen, Professor Ferdinand Dudenhöffer. Zwar werde in den Jahresberichten der Großkonzerne häufig über "innovative Technologien im Personalmanagement" philosophiert. "Das Wort Zeitarbeit wird in aller Regel aber nicht in den Mund genommen", sagt Dudenhöffer.

"Zeitarbeit passt nicht zum Image"
Warum verschweigen viele namhafte Konzerne ihren Anteil an Zeitarbeitern? Es passe einfch immer noch nicht zum Image eines Premiumherstellers zu sagen, dass ein Teil der Produktion durch Leiharbeiter erfolgt. "Hochwertigkeit, Qualitätsarbeit beißt sich heute noch mit dem Begriff der Zeitarbeiter", sagte Dudenhöffer FTD Online.

In Gelsenkirchen stellte der Wissenschaftler am Dienstag die Ergebnisse seiner repräsentativen Studie "Flexibilität durch Zeitarbeit als Wettbewerbsfaktor in der Automobilindustrie" vor - und weckte damit Hoffnungen, dass die von Arbeitplatzabbau und Jobverlagerung ins Billig-Ausland angeschlagene Schwerindustrie zumindest ein Stück weit von Zeitarbeit profitieren könnte. Für die wissenschaftliche Erhebung wurden Ende vergangenen Jahres 148 Automobilhersteller und Zulieferer zum Einsatz von Zeitarbeitnehmern befragt.

Eines der wenigen Unternehmen der Automobilindustrie, welches das Thema Leiharbeit offen und informativ anspreche, sei MAN. Im Jahr 2004 setzte der Konzern deutschlandweit knapp 1600 Leiharbeiter ein - das waren vier Prozent aller Inlandsbeschäftigten der MAN-Gruppe. "Vor allem die Nutzfahrzeuge haben die höhere Auslastung durch eine zunehmende Beschäftigung von Leiharbeitern bewältigt", schreibt der Konzernvorstand des DAX-Unternehmens auf Seite 21 des Geschäftsberichts für das vorvergangene Wirtschaftsjahr.

Einsatz vor allem in der Produktion
In keinem anderen Industriezweig ist der Anteil der eingesetzten Zeitarbeiter so hoch wie in der Automobilindustrie. Während in anderen Branchen durchschnittlich rund ein Prozent der Arbeitnehmer Zeitarbeiter sind, beläuft sich der Anteil der eingesetzten Hilfsarbeiter im Automobilsektor auf 17 Prozent. Zeitarbeit sei für die Automobil- und Zuliefererindustrie längst kein Fremdwort mehr, heißt es in der Studie. 86 Prozent der befragten Konzerne setzten im vergangenen Jahr Zeitarbeitnehmer ein. "Je einfacher die Tätigkeit, umso höher ist dabei der Einsatz von Zeitarbeitskräften", sagt Dudenhöffer, der auch das Prognose-Institut B&D-Forecast leitet.

Nach den Hilfsarbeitern stellen der Studie zufolge Fachkräfte und Facharbeiter mit sieben Prozent die zweitgrößte Gruppe unter den Zeitarbeitnehmern. Und: Mindestens jedes zweite befragte Automobilunternehmen bucht bei Zeitarbeitsfirmen auch Höherqualifizierte und Mitarbeiter mit kaufmännischen Qualifikationen. "Bei den Höherqualifizierten und mit kaufmännischer Qualifikation beschäftigten Arbeitnehmern kommen drei Prozent von Zeitarbeitsfirmen", haben die Forscher herausgefunden. Am stärksten ausgeprägt sei der Einsatz von Leiharbeitern in der Produktion. 64 der Automobil- und Zuliefererunternehmen setzen Zeitarbeiter in der Fertigung ein, 34 Prozent der befragten Unternehmen sogar dauerhaft.


Zeitarbeitnehmer kommen der Studie zufolge nicht nur dann zum Einsatz, wenn Auftragsspitzen bewältigt oder Urlaubs- und Krankheitszeiten überbrückt werden müssen, sondern sie sind Teil des operativen Geschäfts und stellen gleichzeitig ein wichtigen Flexibilitätsinstrument dar. "Neue Werke wie das BMW-Werk in Leipzig konnten nur realisiert werden, weil die Kapazitätsnutzung zwischen 80 Prozent und 140 Prozent ohne Personal-Zusatzkosten vereinbart werden konnten", sagt der ehemalige Porsche-Manager Dudenhöffer. Die Flexibilitätsvorteile der Zeitarbeit sei aus Unternehmenssicht in aller Regel höher als bei befristeten Arbeitsverhältnissen. Und: Bei Zeitarbeit seien die Arbeitskräfte sofort verfügbar. Eine zeitintensive Personalsuche gebe es ebenso wenig wie langwierige Einstellungsgespräche. Das Risiko, "falsche" Arbeitnehmer einzustellen existiere faktisch nicht.

Arbeiter auf Zeit profitieren
Auch die Arbeitnehmer können vom Einsatz als Zeitarbeiter profitieren. 75 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, bei Neueinstellungen in den vergangenen fünf Jahren Zeitarbeitnehmer berücksichtigt zu haben. Acht Prozent der Konzerne rekrutierten mehr als die Hälfte ihrer Festeinstellungen aus bereits bekannten Zeitarbeitnehmern.

Der Anteil der Zeitarbeiter wird im Automobilbau weiter zulegen, prophezeit Dudenhöffer. Zwar sei es kein Instrument, um die Arbeitskosten zu reduzieren, da Zeitarbeiter längst keine Billigarbeiter mehr sind. Allerdings könne zumindest teilweise die Arbeitsplatzverlagerung ins billiger produzierende Ausland verhindert werden.

80 Prozent der befragten Manager gehen davon aus, dass bis zu fünf Prozent der Verlagerung durch den Einsatz von Zeitarbeit vermieden werden kann. Fast jeder Zweite glaubt, dass zu zehn Prozent der Verlagerungen gestoppt werden können. "Mehr Zeitarbeit bedeutet, dass mehr Arbeitsplätze in Deutschland bleiben - wenn auch nicht alle", heißt es in der Studie. Berechnungen Dudenhöffers zufolge werden in den kommenden zehn Jahren allein in der deutschen Automobilbranche weitere 100.000 Arbeitsplätze abgebaut und ins billiger produzierende Osteuropa, China und Indien verlagert.

(FTD 31.05.2006) Hilgert
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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  • Fischkopp
Leihsklaven In den Medien
« Antwort #1 am: 19:44:55 Di. 25.November 2008 »
Zitat
Leiharbeit
"Ich will nur noch hier weg"


..."Wir müssen die scheußlichste Arbeit machen", sagt der Endvierziger. Wir, das sind Mende und 50 weitere Leiharbeiter, die in diesem Werk Innenausstattung für Autos von Opel und Ford fabrizieren....

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1635057_Ich-will-nur-noch-hier-weg.html

Fritz Linow

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Re:Leihsklaven In der Autoindustrie
« Antwort #2 am: 23:22:32 Mo. 10.Dezember 2018 »
Überflüssig zu erwähnen, wer zuerst abgebaut wird:
Zitat
10.12.18
Ford plant Stellenabbau in Saarlouis
Ford fährt in Europa Verluste ein. Mit einem massiven Sparprogramm will der amerikanische Autohersteller wieder auf Kurs kommen. Das Nachsehen könnten die Beschäftigten haben.(...)
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/ford-plant-grossen-stellenabbau-in-saarlouis-15935116.html?GEPC=s3

dagobert

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  • Panzerknacker - aaahhhhhh !
Re:Leihsklaven In der Autoindustrie
« Antwort #3 am: 02:31:59 Mi. 12.Dezember 2018 »
Zitat
Das Nachsehen könnten die Beschäftigten haben.(...)
Könnten?
Werden!
Wie immer.