Autor Thema: Die FIFA-Weltmeisterschaften und der katastrophale Stand der Antiterrortruppen  (Gelesen 3543 mal)

Wilddieb Stuelpner

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RBB, Sendung "Kontraste" vom 01. Juni 2006: Im Ernstfall eine Katastrophe – warum Deutschland auf Chemie-Terror schlecht vorbereitet ist

Autor: Steffen Mayer und Michael Beyer

Die Innenminister der Länder feiern den Standort Deutschland vor der WM als katastrophensicher – selbst in Bezug auf einen terroristischen ABC-Angriff. Doch Recherchen von KONTRASTE offenbaren die Katastrophenabwehr als potemkinsche Kulisse: Feuerwehrmänner ohne Ahnung, Krankenhäuser ohne Vorräte und vertuschte Pannen während WM-Katastrophenübungen. Steffen Mayer und Michael Beyer entlarven die erschreckenden Lücken im System.

Was die Deutschen anpacken, das machen sie gründlich, glaubt die Welt von uns. Vorbildliche Planung, reibungslose Abläufe, disziplinierte Organisatoren: Das Fußballfest kann beginnen! Selbst auf Katastrophen ist man bestens vorbereitet, sagen die Innenminister. Klar, Veranstaltungen, auf denen aus Menschen Massen werden, sind unkalkulierbar. Und deshalb muss der Ernstfall geprobt werden. Er wurde es auch – mit deutscher Gründlichkeit. Michael Beyer und Steffen Mayer haben sich davon überzeugen können. Nicht einmal die Katastrophe wird bei uns dem Zufall überlassen. Und gerade deshalb bekamen sie einen Schreck.

Aufmarsch für die WM. Deutschland wartet auf den Anpfiff und die Gefahrenabwehr steht. In allen zwölf WM-Stadien wurde der Ernstfall geprobt. Auch der so genannte MANV – der Massenanfall von Verletzten. Dabei werden hunderte Menschen verletzt. Die Verantwortlichen sind sich einig – für den Fall X ist Deutschland verdammt gut aufgestellt.

Verantwortliche

„Eigentlich sehr positiv, es läuft überraschend rund.“
„Mein Eindruck ist, dass hier alle Kräfte hervorragend zusammenarbeiten.“
„Und das haben wir erfolgreich getan.“

München vergangene Woche, Jahrestagung der Schutzkommission: Sicherheitsexperten, Chemiker und Notfallmediziner treffen sich. Ihre Aufgabe: sie informieren den Bundesinnenminister über die Gefahren, die Deutschland drohen könnten.

Einer von ihnen ist der renommierte Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky.
Er weiß, wie Experten hinter den Kulissen die Lage wirklich einschätzen.

Wolf Dombrowsky, Katastrophenforscher Universität Kiel

„Alle haben, ich darf das mal so flapsig sagen, die Hosen gestrichen voll. Und wenn man jetzt sagt, oh, hier sehen wir Probleme, da sind wir noch nicht gut aufgestellt; also das traut sich kein Mensch. Wenn man dieses Dilemma sieht, dann muss man einfach Verständnis dafür haben, dass alle sagen, ja, es läuft wunderbar, wir haben geübt, alles im Griff. Alle Fachleute hinter vorgehaltener Hand, sagen Ihnen: es gibt eine Menge Probleme und wir hätten in manchen Dingen ein paar Monate eher beginnen müssen.“

Dortmund vor drei Wochen – eine Großübung der Feuerwehr. Das Szenario: ein Sturm zieht während eines WM-Spiels über die Stadt. Die Folge: Unfälle, eine Riesenleinwand stürzt ein, 250 Menschen werden verletzt. Zur gleichen Zeit gibt es eine Gasexplosion. Was die Bilder nicht verraten. Für diese Übung gab es einen genauen Ablauf, der KONTRASTE exklusiv vorliegt.

Das Papier lässt uns zweifeln, ob die Veranstaltung in Dortmund nicht eher eine Show war. Wir lassen den Übungsplan von dem Berliner Feuerwehrmann und Gewerkschafter Michael Schombel überprüfen. Der Hauptbrandmeister ist seit 21 Jahren im Dienst. Ihm fällt sofort auf: etwaige Fehler in der Arbeit des Krisenstabes werden nicht berücksichtigt. Es heißt:
Zitat:
„Die Arbeit des Krisenstabes…“ ist „…kein Übungsbestandteil.“

Michael Schombel, Feuerwehrmann, Gewerkschaft der Polizei

„Der Krisenstab ist die Führungsebene für solche Katastrophenfälle. Und wenn der schon nicht in die Übung mit eingebunden wird, wie soll dann im Ernstfall die Koordinierung zwischen Krisenstab und Einsatzstelle funktionieren, wenn man da sagt, die lassen wir mal einfach außen vor.“

Die gravierendste Manipulation. Der Plan erlaubt, entstehende Fehler sofort zu korrigieren:
Zitat:
„Die Gesamtübungsleitung ist berechtigt in den Übungsbetrieb steuernd einzugreifen.“

Michael Schombel, Feuerwehrmann, Gewerkschaft der Polizei

„Dann ist das, was geübt eigentlich nur noch eine Farce. Weil wir wollen ja die Realität möglichst nah üben und wenn wir jetzt aber von außen immer wieder Leute haben, die eingreifen, ist diese Realität nicht mehr so zu üben, wie sie eigentlich gedacht war.“

Völlig absurd: jeder Teilnehmer der Übung bekam vorab diesen Plan. Das bestätigte die Feuerwehr Dortmund. Jeder wusste somit genau, was auf ihn zukommt.

Michael Schombel, Feuerwehrmann, Gewerkschaft der Polizei

„Die Realität sieht ja komplett anders aus, dass man hinkommt und man weiß nicht, auf was man da trifft und so ein Drehbuch zu bekommen vorher, das kennen wir aus dem Fernsehen: ‚Gute Zeiten Schlechte Zeiten’, wenn man es vorher weiß, was man sagen soll, dann weiß man auch, was hinterher dabei rauskommt. Und es hilft keiner Feuerwehr weiter, nach so einem Drehbuch zu arbeiten.“

Der Dortmunder Übungsplan - ein reines Showdrehbuch? Wie haben die anderen WM-Standorte geübt? Nach Drehbuch oder realistisch? Wir haben auch bei den andern Feuerwehren die originalen Übungspläne angefragt. Bekommen haben wir sie nicht. Stattdessen die Auskunft. Die Übungen seien einfach gut gelaufen.

Wolf Dombrowsky, Katastrophenforscher Universität Kiel

„Es gibt ganz realistische Übungen, die habe ich hier nirgendwo in dieser Weise gesehen. Ich habe Verletztendarsteller gesehen, die drei Stunden vor Übung fertig geschminkt herum lagen, mit Zetteln, worauf stand, das ist deine Übungsrolle. Ich habe Ärzte gesehen, die wussten welche Übungen, welche Verletztenbilder sie finden werden. Ich habe Einsatzkräfte in Bereitstellungsräumen 100 Meter um die Ecke gesehen, die sagten, in fünf Minuten, Jungs, sind wir dran. Wenn so geübt wird, im Grunde genommen ist das das Geld nicht wert und den Namen ‚Übung’ nicht wert.“

Auch in Berlin übte die Feuerwehr für die WM, aber ohne Drehbuch. Chemieunfall im Nahverkehr, so das Horrorszenario. Hundert Menschen verletzt, dreißig schwer. Das Übungskonzept hier: nur zwei Seiten Papier. So wurde die Katastrophe realistisch geübt – eine Premiere. Die Übung deckte massive Schwachstellen auf.

Klaus Krzizanowski, Feuerwehrmann und Gewerkschafter war mit dabei.

Klaus Krzizanowski, Feuerwehrmann, Gewerkschaft der Polizei

„In der Übung konnte man sehr schön sehen, dass ein Riesen-Chaos entsteht. Chaos entsteht immer, aber ein Chaos muss nach einer gewissen Zeit auch regelbar sein, muss übersichtlich sein.“

In Berlin bekamen die Einsatzkräfte das Chaos nicht in den Griff. Verletzte blieben sich selbst überlassen, versuchten sich verzweifelt selbst zu helfen. Es dauerte eineinviertel Stunden bis Retter in Schutzanzügen kamen. Viel zu spät und überfordert. Frust bei den Statisten.

Bundeswehrstatist

„Ehrlich gesagt, tut mir leid, wenn wir als Vorgesetzte bei der Bundeswehr, als Offiziere und Unteroffiziere so was machen, dann könnten wir unseren Rock ausziehen bei so einer Übung, das ist einfach mal erbärmlich und Scheiße.“

Viele Verletzte wären längst tot. Ausrüstung zu spät und am falschen Ort. Die Retter konzeptlos. Fast zweieinhalb Stunden nach dem Alarm haben die Einsatzleiter noch immer keinen Plan der Lage, denn der wurde bei dieser Übung nicht mitgeliefert.

Klaus Krzizanowski, Feuerwehrmann, Gewerkschaft der Polizei

„Das scheint ein Schwerpunkt gewesen zu sein, dass hier die Führungskräfte nicht zusammengearbeitet haben und einfach die Koordination mit der Einsatzstelle nicht hinbekommen haben.“

Um die Fehler auszubügeln, musste die Führung noch einmal nachsitzen. Die Übung ohne Drehbuch war damit ein Erfolg – es sah zwar schlecht aus, aber die wirklichen Lücken und Fehler wurden erkannt. Es wurde nachgebessert. Die realistische Berliner Übung – sie erforderte viel Mut von den Verantwortlichen. Kein Wunder, dass woanders lieber mit Drehbuch eine Show gemacht wird.

Klaus Krzizanowski, Feuerwehrmann, Gewerkschaft der Polizei

„Es bringt der Feuerwehr nichts, aber es bringt den politischen Verantwortlichen was, nämlich Sicherheit in der Bevölkerung zu suggerieren und zu behaupten, es sei alles in Ordnung. Wenn man dann aber hinter die Kulissen schaut, dann ist es in der Regel anders.“

Können wir nur hoffen, dass er nicht eintritt, der Ernstfall.

Mimir

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Das erinnert mich fatal an eine Katastrophenübung mit THW, Malteser, Johaniter und DRK, an der ich teilnahm:
Dort lief auch alles reibungslos, bis zu dem Zeitpunkt, wo die Verräucherung eies Gebäudes falsch gehandhabt wurde und es tatsächlich notwendig wurde, einige Personen ins Krankenhaus zu bringen.
Die Fahrzeuge waren abgeschlossen, Schlüssel nicht aufzufinden und die Führung stand nur noch blöd im Weg rum.
Wenn die unten weggehen, fallen die oben tief.

wazi

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Diese WM ist ohnehin nur noch übergeschnappter Kommerz...
Werbeverweigerer  ;)

regenwurm

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  • Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.
Mit Ankunft der US-Fußballmannschaft wurde über die Hamburger Innenstadt der Ausnahmezustand verhängt

Zitat
Dass Sicherheit das oberste Gebot bei der WM sein würde, war gemeinhin bekannt. Doch das martialische Aufgebot von bis an die Zähne bewaffneten Uniformierten und das Militärarsenal zur Bewachung des US-Teams rufen selbst bei rechtschaffenen Bürgern in und um Hamburg Kopfschütteln und Missfallen hervor.

Zitat
die derzeit best bewachte Fußballmannschaft der Welt: das US-Team auf dem Weg zur "Arbeit". Mit großem Polizeiaufgebot werden die Spieler von der Hamburger Innenstadt zum täglichen Training gebracht.

Zitat
"Die WM ist gelandet", titelte einen Tag später das Hamburger Abendblatt. "Der Kriegszustand hat begonnen", wäre treffender gewesen.

Laut Innensenator Nagel werden die Kosten dafür den Etat der Hansestadt mit etwa 8,8 Mio. € belasten.

zum nach-und weiterlesen:
Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.

Pinnswin

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  • Einsam ist es hier, und traurig. S.Lukianenkow
:O Luschen!
Was mich immer wundert, wieso haben die Leute
Zitat
die Hosen gestrichen voll
. Dieses „kostenintensive Sicherheitsgelaber“ ist doch völlig überflüssig, entweder – es passiert was, oder – es passiert nix, - was solls?

Die Leute sind doch zum Feiern in den Stadien… und zum Saufen… und Party machen. Sollte wirklich ein Terror Netzwerk Bock auf Katastrophe haben, können wir da eh nichts gegen machen. Außer, das Terror Netzwerk heißt zufällig BND und die entsprechenden Gelder werden nicht locker gemacht, dann ist aber Holland in Not!

Das Leben beginnt mit der Geburt und endet normalerweise mit dem Tod. So – oder so. Ich würde nicht mit „gestrichen vollen Hosen“ sterben wollen (= wenn s geht).  ;(

P.S.: Stadion-Karten soll es günstig auf m Schwarzmarkt geben, von wegen „Ticket-Sicherheit & FIFA“!
Das Ende Der Welt brach Anno Domini 1420 doch nicht herein.
Obwohl vieles darauf hin deutete, das es kaeme... A. Sapkowski