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Klassenkampf im deutschen Schulsystem

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--- Zitat ---Klassenkampf

In Gardelegen, Sachsen-Anhalt, überfallen Haupt- und Realschüler nach ihrer Entlassungsfeier ein Gymnasium – auch aus Wut über ihre Benachteiligung

Von André Paul

Sie feierten am 8. Juni 2006 ihren Schulabschluss, obwohl es dazu für die meisten keinen rechten Grund gab. 153 Jungen und Mädchen beenden in diesem Sommer die Karl-Marx-Sekundarschule in Gardelegen, Sachsen-Anhalt. Die meisten haben die mittlere Reife in der Tasche, etliche einen qualifizierten Hauptschulabschluss. Sie könnten ins Berufsleben starten. Doch für 100 der jungen Leute heißt es wohl nur: »könnten«. Sie haben keine Lehrstelle. Die Firmenchefs im Altmarkkreis Salzwedel können nehmen, wen sie wollen, und sie suchen sich andere. Es sind die Besserqualifizierten, auch wenn Kultusministerium, Lehrer, Arbeitgeber und Eltern alle dieses Wort scheuen. Die Ausbildungsplätze und die Jobs, das Geld und die Karriere, sie gehen nicht an die Karl-Marx-Schüler, sondern an andere. Und diesen anderen wollten die jungen Leute an jenem Vormittag einen Besuch abstatten. Am Ende des Tages sollte dann die Bilanz lauten: schwere Sachbeschädigung und gefährliche Körperverletzung. Ihre kleine Stadt schaffte es in die Schlagzeilen: Realschüler überfallen Gymnasium.

Man tut der Karl-Marx-Schule gewiss kein Unrecht, wenn man von ihr sagt, dass sie nicht zum guten Ruf des 11.000 Einwohner zählenden Gardelegen beiträgt; das fängt beim Gebäude aus der Hochphase sozialistischer Zweckbauweise an. Die Fenster sind klein, die Gänge schmal und dunkel, der Putz blättert ab, es riecht muffig, und am Portal überwuchert Efeu den Namen des Patrons. Nach einer Reform im vergangenen Sommer, die diesem Namen Hohn spricht, drängen sich hier 536 Kinder aus drei ehemals eigenständigen Schulen. Gleich neben dem Pausenhof befindet sich ein Discounter, auf dessen Parkplatz einige Männer schon zur frühen Morgenstunde ihr Bier trinken.

Im März dieses Jahres erregte ein Brief Aufsehen, mit dem sich die Lehrerschaft an den Hauptpersonalrat beim Kultusministerium in Magdeburg wandte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits ein Viertel der 46 Kollegen krank gemeldet. Ihr Problem konnten die verbliebenen in einem Satz zusammenfassen: »Wir werden mit den Beleidigungen und Bedrohungen durch die Schüler nicht mehr fertig.« Die meisten Lehrer haben noch die zackigen Fahnenappelle der DDR miterlebt und müssen sich heute »Wichser« oder »Fotze« nennen lassen. Unter den Schülern ist nicht nur der Ton ruppig. Vor einigen Monaten verprügelte ein 16-jähriges Mädchen eine 15-Jährige schwer, vermutlich aus Eifersucht. Die Klassenkameraden standen daneben, mit ihren Handys filmten sie die Szene, ein Privatsender bekam sie später. Die Populisten unter Deutschlands Politikern blieben still. Eben noch hatten sie zur Lösung des Problems an der Berliner Rütli-Schule Abschiebungen und Deutsch-Pflichtkurse empfohlen – aber an der Karl-Marx-Schule in Gardelegen hat kaum ein Schüler einen »Migrationshintergrund«.

»Es gibt hier einen allgemeinen Werteverfall«, sagt Horst-Dieter Radtke, der Rektor, ein Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt und melancholischen Augen. »Frust und Alkohol spielen eine große Rolle. Die Hälfte der Eltern lebt von HartzIV.« Und natürlich spiele der Sozialneid eine große Rolle. »In zehn Jahren hat der Landkreis 60 Millionen Euro für die Schulen ausgegeben, davon gingen 52 Millionen an die Gymnasien und acht Millionen an die Sekundarschulen. Das kann man werten, wie man möchte, aber es ist aufschlussreich, wenn man schaut, welche Schulform die Kinder der gut situierten Verwaltungsangestellten und Kommunalpolitiker meist besuchen.« Manch ein Karl-Marx-Schüler hat jetzt einen täglichen Schulweg von über einer Stunde.

»In den vergangenen Jahren sind hier durchaus neue Arbeitsplätze entstanden, vor allem in der Zulieferbranche für die Automobilindustrie«, sagt Jörg Marten, Redaktionsleiter der Gardelegener Volksstimme. »Aber die Arbeitslosen aus der Stadt werden dafür nicht gebraucht. Es kommen gut qualifizierte Fachkräfte aus Magdeburg, Stendal oder von noch weiter her.« Und Rektor Radtke ergänzt: »Die meisten haben sich schon aufgegeben.« Die Resignation der Eltern überträgt sich auf die Kinder. Auf welchen Wirtschaftsaufschwung sollten sie auch hoffen?

Enttäuschung, Alkohol, Neid, Verzweiflung – diese Mischung mag die 50 Jugendlichen angetrieben haben, die an jenem Donnerstagmorgen um halb elf durch die Stadt zogen in Richtung Gymnasium. Viele der Schüler waren betrunken; hinter ihnen lag eine turbulente Schulabschlussfeier. Am frühen Morgen hatten Unbekannte die Schlösser aller Außentüren mit Bauschaum zugesprüht. Der Schulleiter ließ die Veranstaltung in eine Sporthalle in der Nähe verlegen. Eigentlich sollte die Herzblatt-Show aus dem Fernsehen aufgeführt werden, eine Modenschau stattfinden, doch ging die Darbietung im Johlen und im Alkoholdunst unter. Die Lehrer räumten hinterher den Dreck weg. Ihre Schüler hatten jetzt was anderes vor.

An Tagen wie diesen ist es in Gardelegen seit langem Brauch, dass Jungen und Mädchen auch der anderen Schule einen Besuch abstatten. Im Geschwister-Scholl-Gymnasium war man diesmal nicht gewillt, die angetrunkenen Haupt- und Realschüler zu empfangen. Niemand werfe deshalb Direktor Dietmar Collatz Standesdünkel vor. Er handelte aus Erfahrung. »Vor einigen Monaten waren schon mal zwei Jungen von der Karl-Marx-Schule da und haben rumgepöbelt«, sagt der drahtige, braun gebrannte Mann. »Als wir sie zur Rede stellten, haben die frech eine falsche Identität angegeben. Diese Jugendlichen akzeptieren einfach keine Autorität.«

Als um viertel vor elf 50 Karl-Marx-Schüler vor dem verschlossenen Tor des Gymnasiums standen, mögen einige Gymnasiasten über den Zaun gespottet haben, das will der Direktor nicht ausschließen. Die Ausgesperrten fühlten sich provoziert. Viele schimpften bloß, aber 20 Jugendliche liefen zur Rückseite des Geländes. Die Geschwister-Scholl-Lehrer, in Objektbewachung nicht geübt, hatten den zwei Meter hohen Zaun hinten nicht im Blick. »Der Zaun war teilweise schon vorher kaputt«, berichtet später die Karl-Marx-Schülerin Nancy Rosenberg in der Lokalzeitung. »Das war wie eine Einladung.« Die Uhr hatte inzwischen elf geschlagen, drinnen lief der Unterricht.

Der Stoßtrupp war mit Fahnenstangen bewaffnet. »Einer hat damit eine Lampe nach der anderen zerschlagen«, sagt Mitschülerin Nancy, »wir haben versucht ihn zurückzuhalten, aber das war vergeblich. Der hat nichts mehr um sich rum mitgekriegt.«

Einige Eindringlinge stürmten johlend die Klassenzimmer. »Den Kindern wurden die Schulranzen weggerissen, ausgekippt und voll gesprüht«, sagt Direktor Collatz. Auch einige Scheiben gingen zu Bruch. Ein paar Lehrer hätten sich den Karl-Marx-Schülern auch »ziemlich hart entgegengestellt«, sagt der Direktor, »man darf sich das nicht gefallen lassen, heute wird doch viel zu schnell akzeptiert, wenn jemand gegen Regeln verstößt, es herrscht ein Klima des stillen Duldens.«

Die Kraft schien einem älteren Gymnasiasten zu fehlen. Er erhielt vom Anführer der Karl-Marx-Schüler eine Kopfnuss, das Nasenbein brach. Nun, es war inzwischen viertel nach Elf, rief der Schulleiter die Polizei. »Und die hat ziemlich lange auf sich warten lassen«, kritisiert er. Als die Beamten im Gymnasium auftauchten, verschwanden Nancy und ihre Freundinnen. »Wir wollten nicht, dass man uns in dem Durcheinander mitbeschuldigt.« Die Polizei nahm Personalien auf, es folgten Anzeigen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.

Die Schäden im Schulhaus, in der Summe 1200 Euro, sind inzwischen repariert; bei den Gymnasiasten hat sich die Aufregung wieder gelegt. Recht nüchtern äußern sie sich über die Randale ihrer Altersgenossen. »Was ich nicht hören kann, ist die Sache mit dem Frust«, meint der 18-jährige Timm Benecke. »Wenn bei denen was schiefläuft im Leben, dann ist das doch nicht unsere Schuld.«

Den Problemjugendlichen in und um Gardelegen eine Perspektive geben will Margarete Wegner vom Projekt HEJ!. Der flott klingende Name steht für »Handlungskompetenz zur Einbeziehung von Jugendlichen in regionale Entwicklungsaufgaben«. Magarete Wegner will auch den Hauptschülern eine Lehrstelle vermitteln. Mit Erfolg? »Ein Autohaus hat mehrmals Karl-Marx-Schüler angestellt«, sagt die energische Frau mit dem freundlichen Lächeln. Doch nach einigen Monaten seien sie nur noch unregelmäßig oder gar nicht mehr zur Arbeit erschienen, hätten die Lehre abgebrochen. »Natürlich will die jetzt niemand mehr haben.« Die örtliche Bäckereikette wiederum sucht vergeblich 22 Lehrlinge. »Da sagen mir viele Schüler, das ist ihnen zu anstrengend, mit dem zeitig Aufstehen und so.«

DIE ZEIT, 22.06.2006
--- Ende Zitat ---

Quelle: http://www.zeit.de/2006/26/Klassenkampf?page=al



Das deutsche Schulsystem als Spiegel der deutschen (Klassen)Gesellschaft.  
Vielleicht liiegt in den "kaputten" Schulen der zukunftige Keim der sozialen Revolution. Der Staat "erzieht" seine "ungewollten" und unnützen Haupt- und Realschulkinder zu Dysfunktionalität.

regenwurm:
Ursache-keine Bildung-keine Liebe

Das Menschenrecht auf Bildung gehört zum sozialen und kulturellen Fundament einer lebendigen Demokratie.
In keinem vergleichbaren demokratischen Land ist die Klassenstruktur im Bildungssystem so ausgeprägt wie in Deutschland. Dieser Zustand ist aus bürger- und menschenrechtlicher Sicht ein Skandal und nicht hinnehmbar.
Erwachsene müssen gewährleisten, dass alle Kinder und Jugendliche ausreichende Bildungschancen erhalten; sie tragen Verantwortung dafür, ihre Neugier und Lernmotivation zu unterstützen.

Organisationen des Bildungswesens, insbesondere Elternvertretungen, zivilgesellschaftliche Akteure wie der Kinderschutzbund und Ausländerbeiräte, aber auch Lehrerorganisationen, erhalten ein Klagerecht, so dass sie über gerichtliche Entscheidungen die für Schule Verantwortlichen (staatliche oder private Träger) zwingen können, die Gewährleistung des Rechts auf Bildung evaluieren zu lassen und Maßnahmen durchzusetzen, den jeweils erreichbaren Stand des Rechts auf Bildung zu sichern.

Quelle/das ganze Manifest:

uwenutz:
Das Bildungssystem, der Werteverfall an Schulen,
der gewollte Unterschied besser Gestellter und deren
Schulen, die hausgemachte Differenz des 3. Ständeschulsystems
ist manifestierter Ausdruck dieser Gesellschaft an sich,
durch und durch degeneriert, erschreckend.

In diesem Land Lehrer sein, heißt strukturiertes Mißbilligen
zu akzeptieren.

Kuddel:

--- Zitat ---Nachhilfe kriegt doch jeder, alter Hartzie
Was sich manche ALG II-Empfänger so alles einbilden. Da wird doch glatt der Nachwuchs als "atypisch" angesehen nur weil er Lernschwierigkeiten hat... dabei ist das doch "voll normal".

Dass ALG II-Empfänger... pardon, Hartzies im allgemeinen nicht nur mit eidotterverseuchtem Unterhemd vor dem auf Dauerberieselung eingeschalteten Plasmafernseher vor sich hin vergetieren, sondern auch jede Gelegenheit nutzen um in den Genuss der allzu üppigen Zusatzleistungen, die sich durch den Mehrbedarf, den die lilanen Robenträger Deutschlands anmahnten, zu kommen, ist bekannt. Egal ob es um behinderte Kindern, um Zusatzkosten zur Beförderung wegen einer Behinderung oder, wie im jüngsten Fall, um Nachhilfe geht, ALG II-Empfänger, das muss hier einmal festgestellt werden, sehen sich anscheinend als etwas besonderes an.

Die Ärmsten der Ärmsten der Ärmsten (,Sir) werden nicht müde, Sozialgerichte mit ihren unsinnigen Klagen zu überfluten als seien dies nur die Tränen der Klageweiber an der Mauer, die die Hartzies von den anderen trennt. Und nun also Nachhilfe. Nachhilfe für den Sprössling, der das Gymnasium besucht. Was an sich schon fragwürdig erscheint, denn angesichts der Tatsache, dass sich ALG II-Tum sowieso vererbt, soll doch die junge Dame froh sein, wenn man sie auf die nächste Haupt- oder Realschule schickt, statt jetzt noch den Steuerzahler damit zu belasten, hier für die Rechen- und Lernschwäche einer ALG IIlerin der zweiten Generation aufzukommen. Aber nein, die Eltern der Dame mussten ja vor Gericht ziehen und mal wieder eben dieses mit einer Klage belasten - was glücklicherweise nun ein Ende fand (falls die ewigen Querulanten nicht gegen die Entscheidung angehen).

Dabei ist es doch ganz einfach: was ein "Nicht ALG II-Empfänger nicht lernt, das lernt der ALG II-Empfänger nimmermehr". Oder einfach ausgedrückt: zwar hat die junge Dame eine Rechen- und Lernschwäche und die Lehrer empfahlen Nachhilfestunden (welche nicht von der Schule kostenfrei angeboten wurden), aber da jeder zweite bis dritte Gymnasiast Nachhilfestunden benötigt, ist ein solcher Bedarf nicht atypisch. Und nur atypischer Mehrbedarf spielt seit dem Urteil des BVerfG eine Rolle bei der Frage, ob die Eltern nun mehr Geld erhalten oder nicht.

Ja, gäbe es ein außergewöhnliches familiäres Ereignis, das zu den Lernschwierigkeiten führe, dann wäre dies anders - ein solches Ereignis wäre beispielsweise der Tod eines Elternteils, eines nahen Verwandten oder einer guten Freundin etc. Da wird es dann wohl Zeit für einen Amoklauf - sicher sicher, das wird einige nicht atypische, sondern typische Vorurteile bekräftigen, aber wenigstens wird die Nachhilfe bezahlt. Aber könnte die junge Dame richtig rechnen, dann hätte sie das bestimmt schon bedacht und würde keiner Nachhilfe bedürfen.
Twister (Bettina Winsemann)11.05.2010
--- Ende Zitat ---
http://www.heise.de/tp/blogs/5/147602

ManOfConstantSorrow:
Bologna verschärft die Benachteiligung von Nicht-Akademiker-Kindern
Kinder aus den unteren Einkommensschichten müssen neben dem Studium mehr arbeiten und erfahren zahlreiche Benachteiligungen
http://www.heise.de/tp/blogs/6/147620

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