Autor Thema: Rollt der Spiegel eine neue Rentendebatte auf?  (Gelesen 3572 mal)

Klassenkampf

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Rollt der Spiegel eine neue Rentendebatte auf?
« am: 09:04:40 Fr. 14.Juli 2006 »
Wer im Alter noch arbeiten kann, der altert in Würde: Passende These für eine Zeit, in der arbeitsunfähige Menschen als Ballast und wertloses Menschenmaterial angesehen werden. Der Spiegel verweist auf ein Altenheim in der Schweiz:

Zitat
Rente mit 65 oder mit 67? Über solche Debatten können sie nur lachen. In einem einzigartigen Schweizer Altersheim tun Knechte und Mägde, was sie immer getan haben: arbeiten - melken, kochen, Himbeerli ernten. So altern sie in Würde.
...
Wer nicht anpackt, gilt als "fauler Sack"
...
Ob Milch, Fleisch oder Gemüse - es kommen fast ausschließlich selbst erzeugte Produkte auf den Tisch. Bewohner, die tüchtig mitarbeiten, zahlen rund 1100 Euro im Monat. Wer weniger arbeiten mag oder viel Betreuung braucht, zahlt 1400 Euro. Um schwere Pflegefälle kümmert sich das Heim nicht. Dazu fehlen Alexander Nägeli und seinen 17 Angestellten die Ressourcen. Wird ein Bewohner schwer krank, muss er in ein anderes Heim verlegt werden.
...

Was soll mit dem Fingerzeig auf die fleißigen Senioren bewirkt werden? Ist dies der Traum unserer Eliten, altes welkes Menschenmaterial doch noch zu verwerten? Die NachDenkSeiten dazu:

Zitat
Nichts gegen dieses Altersheim. Aber warum greift der SPIEGEL eine solche Geschichte auf? Könnte es sein, dass hier die nächste Kampagne aufgerollt wird, diesmal gegen "faule Rentner"? Will der SPIEGEL damit andeuten, dass eigentlich gar kein Rentenalter mehr nötig sei, dass die Rente nur noch für Leute da sein sollte, die wirklich nicht mehr arbeiten können? Statt Rente, die Alten in eine Subsistenzwirtschaft abzuschieben? Damit das Gewissen nicht beißt, redet man sich ein, die Menschen wollten es selber so haben.

Rente nur für arbeitsunfähige Senioren! Möglicherweise das neueste Hirngespinst derer, die sich Eliten nennen. Attacke! Die Zunft der opportunistischen Schmierfinken wird sich einstimmen, allen voran Schirrmacher ("Methusalem-Komplott"), der für seine diversen Pamphlete gegen den Sozialstaat, die demographischen Auswertungen dehnte und herumzog, wie es ihm für seine Vision gerade nötig war.

Die alte Mär davon, daß der Mensch arbeiten müsse, will er ein erfülltes und würdiges Leben fristen! Jüdisch-christliches Kleinhalten in kapitalistische Gesellschaftsformen gedrückt: Selbst dem atheistischsten Kapitalisten befällt kein Schamgefühl, sich dieses anachronistischen und autoritären Mittel des Monotheismus bedient zu haben.

Quelle Spiegel
Quelle NachDenkSeiten
„Diese Verhältnisse sind nicht die von Individuum zu Individuum, sondern die von Arbeiter zu Kapitalist... Streicht diese Verhältnisse, und ihr habt die ganze Gesellschaft aufgehoben.“
--- Karl Marx, "Das Elend der Philosophie" ---

HumanRoboter

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Rollt der Spiegel eine neue Rentendebatte auf?
« Antwort #1 am: 22:10:10 Sa. 22.Juli 2006 »
Geniale Idee!

Das sollte ich einigen Herren aus dem Vorstand meines privaten Pflegeeinrichtungsträgers vorschlagen!

Warum kochen und putzen die Alten eigentlich nicht für sich selbst?

Man könnte auch noch ein paar Pflegekräfte einsparen, schließlich können sich die alten Herrschaften gefälligst auch gegenseitig pflegen und versorgen!

Und fühlen sich dabei sogar noch als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft...

UND finanzieren werten oben genannten Herren das nächste Ferienhäuschen gleich mit!

Vielleicht diesmal auf Menorca? Hmm, nein, zu viele Rentner da, Kanaren?
Das einer sich nur minimal entwickle, entspricht den Bedürfnissen der Gesellschaft. (M. Feldenkrais)

Magnus

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Rollt der Spiegel eine neue Rentendebatte auf?
« Antwort #2 am: 09:45:13 So. 23.Juli 2006 »
Zitat
Original von Klassenkampf
...
Die alte Mär davon, daß der Mensch arbeiten müsse, will er ein erfülltes und würdiges Leben fristen!
...

Genau das ist die perfide Logik, die auch den Arbeitslosen derzeit zum Verhängnis werden soll.

Und wieso soll es hier überhaupt eine Altersgrenze geben.

Nur weil da welche die ganze Zeit (vermeintlich) irgendwo eingezahlt haben und jetzt quasi davon leben können.
Stimmt ja gar nicht. Deren Geld ist genauso weg wie die Beiträge des Arbeitslosen, der rechnerisch bei einem Beitragssatz von 6,5% für 1 Jahr Arbeitslosengeld 15 Jahre hätte einzahlen müssen.

Und da sind wir am Scheideweg eines Sozialstaates.

Steht der Mensch im Mittelpunkt oder das Shareholder Value?

In irgendeinem Science Fiction Film war die Altersgrenze 30 ( dann sind die Menschen weggebracht worden).
Bei BMW-Vorständen ist die Altersgrenze 60.
In den USA wäre das wegen Diskriminierung verboten.
Da wird aber offensichtlich erwartet, dass man ohnehin bis zum Schluss arbeitet.

Ich frage mich allerdings, was in dem komischen Heim die 17 Angestellten überhaupt den ganzen Tag machen, wenn die Alten nicht gepflegt werden und auch noch selber kochen müssen. Wahrscheinlich machen die die Dienstpläne. Und vermutlich leben in dem Heim mehr als 100 Personen, so dass man leicht ausrechnen kann was da eigentlich für ein Geld verdient wird.

Und was ist mit denen, die nur 1100 € Rente haben und irgendwann nicht mehr arbeiten können. Müssen die mit 80 dann wieder ausziehen? Und wohin gehen die dann? Und wo sind die Pflegebedürftigen überhaupt hingekommen und was ist wenn dei sich ein Pflegeheim gar nicht leisten können?

Bismarck hatte damals leicht reden indem er die Rente mit 65 eingeführt hat, da damals ohnehin kaum jemand so alt geworden ist.

Durch die anschließenden Kriege waren die Rentenkassen auch nie einer richtigen Belastungsprobe ausgesetzt.

Jetzt, in längeren Friedenszeiten muss sich ein Staat entscheiden wohin er will. Und der Staat sind wir alle. Die Einführung der Pflegeversicherung war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.
Der nächste Schritt wäre die Zahlung eines pauschalierten Grundeinkommens in Höhe der Pfändungsfreigrenzen gleichermaßen für Studenten, Arbeitslose und Rentner. Dieser große Personenkreis der gleichsam Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit eines Landes widerspiegelt könnte gar nicht mehr ausgegrenzt werden.

Und wenn schon für die Arbeitslosen nicht genug Arbeit da ist, wieso sollten ausgerechnet die Alten dann arbeiten? Wenn die auch noch krampfhaft mit unproduktiver Arbeit beschäftigt werden oder dem die Arbeit wegnehmen der es eigentlich besser kann ist das volkswirtschaftlich nur ein Nachteil.

Der Umgang mit den Alten ist also letztlich eine Kulturfrage, die die Gesellschaft selbst beantworten muss.
Am besten im Bewusstsein, dass man auch mal selbst alt wird und alle Sanktionen die man so beschließt einen möglicherweise dann selbst treffen werden.

Troll

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« Antwort #3 am: 09:58:55 So. 23.Juli 2006 »
Zitat
Der Umgang mit den Alten ist also letztlich eine Kulturfrage, die die Gesellschaft selbst beantworten muss.
Am besten im Bewusstsein, dass man auch mal selbst alt wird und alle Sanktionen die man so beschließt einen möglicherweise dann selbst treffen werden.

Sanktionen werden derzeit aber von Menschen beschlossen die, normalerweise, nie selbst davon betroffen sein werden. Genau das gleiche wie mit den gesetzl. Krankenkassen.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Carsten König

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Rollt der Spiegel eine neue Rentendebatte auf?
« Antwort #4 am: 12:14:45 So. 23.Juli 2006 »
Zitat
Original von Magnus

In irgendeinem Science Fiction Film war die Altersgrenze 30 ( dann sind die Menschen weggebracht worden).

Flucht ins 23. Jahrhundert ( Logan's run)

Zitat
Amerika im 23. Jahrhundert. Die Menschen leben in einer völlig überdachten und von der Umwelt abgeschotteten und computergesteuerten Stadt. Arbeit ist für die meisten nicht notwenidig und so können sie ganz ihren Vergnügungen widmen - bis zum 30. Geburtstag, wo ihr Lebem im "Karussell" endet. Nicht alle trauen dem Versprechen der "Erneuerung" und versuchen so vor ihrem schiksalhaftem Geburtstag der Stadt zu entkommen und einen Ort namens "Zuflucht" zu erreichen. Die "Sandmänner" sind dazu auserkoren die Flucht dieser "Läufer" zu vereiteln und sie anschließend zu eleminieren.

Quelle: http://www.scifi-forum.de/showthread.php?t=29244

regenwurm

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« Antwort #5 am: 12:27:01 So. 23.Juli 2006 »
Keine Dialyse für den Rentner
"Zu sterben, um öffentliche Mittel zu sparen, kann die moralische Pflicht eines Staatsbürgers sein": Solche Maßstäbe, immer häufiger von Gesundheitsökonomen vertreten, könnten Behinderte und Alte bald in Lebensgefahr bringen.

Entsolidarisierung auf dem Vormarsch: Wie notwendige medizinische Behandlung aus Kostengründen verweigert wird

»Ich habe 50 Jahre gearbeitet, war praktisch nie krank und möchte  jetzt meinen Lebensabend genießen und meine Enkel aufwachsen sehen«, schildert der sympathische ältere Herr dem Saalpublikum.


für die Menschlichkeit
gegen die Einsamkeit
..ohne mich,lieber verrecke ich, als ein Arschloch zu werden

Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.

Julia Reuffurth

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Rollt der Spiegel eine neue Rentendebatte auf?
« Antwort #6 am: 15:02:22 So. 23.Juli 2006 »
Ich kann mich an eine Geschichte aus einem Schulbuch oder einem Märchen erinnern. Die ging ungefähr so:

Eine Familie sitzt am Tisch beim Abendbrot und weil der Opa seine Suppe nur noch schlürfen kann und das dem Vater viel zu laut ist wird der Opa hinter den Ofen verbannt damit er nicht so stört.

Fragt der Vater seinen Sohn was dieser so schnitze. Sagt der Sohn
„ Das ist eine Suppenschale für dich wenn du mal alt bist“.
Daraufhin durfte der Opa wieder bei allen am Tisch sitzen.  :)
Leben ist das was passiert während wir gerade Pläne machen.

Klassenkampf

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« Antwort #7 am: 17:07:35 So. 23.Juli 2006 »
Alleine das menschliche Bedürfnis nach Gesundheit ökonomisch zu betrachten, widerspricht jeder Menschlichkeit. Haushalten beim Kurieren findet nicht statt, doch Haushalten beim Krankbelassen nur zu oft. Und wenn man sozialverträglicher Ableben zur Bürgerpflicht erklären will, so stößt man in eine Richtung vor, welche bereits traditionell in diesem Lande vorgezeichnet war.

Zitat
„Eigentlich grausam, da fängt man diese schönen starken Tiere zum Kampf auf Leben und Tod. Und im Walde hätten beide so ruhig weiterleben können."

"Aber liebes Fräulein Volkmann, ein „ruhiges Leben“ ist da nirgends in der Natur zu finden."

"Aber Herr Professor, es fressen sich doch nicht alle gegenseitig auf."

"Wenn auch das nicht gerade. Aber sie leben alle in einem ständigen Kampf, dabei wird das Schwache vernichtet. Dieses Kampf halten wir ja auch für ganz selbstverständlich. Aber wir finden es unnatürlich, wenn die Katze mit der Maus zusammenleben würde oder der Fuchs mit dem Hasen, denn dann würde alles Leben an seiner eigenen Schwäche zugrundegehen.“

- Aus dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Das Erbe“ -

Ja wer kommt eigentlich auf die Idee, daß der homo oeconomicus, der immermobile und immergefügige Mensch, der sein Leben der Wirtschaft unterordnet, mit einem alten, gebrechlichen Menschen oder einem jungen arbeitsunfähigen Kranken verbringen will? Wollen wir nicht den gesunden rentablen Kostenfaktor vom kostenträchtigen unwerten Ballastfaktor trennen? Die Gesundheit und Jugend hat sich doch immerhin durchzusetzen und falsche Mitmenschlichkeit hemmt Wachstum und Marktvorherrschaft. Oder um es mit den Eugeniker Forel zu sagen:

Zitat
"Die allzu einseitige, schwache, feige und blinde Humanität unserer gegenwärtigen Gesellschaft begnügt sich im Gegenteil oft damit, freizusprechen und laufen zu lassen, ohne den Mut zu haben, Präventivmaßnahmen zu ergreifen, die sich immer dringender notwendig machen gegen das Verbrechen und seine Ursachen, wie gegen die Degeneration der Rasse.“

Was sich bei Forel in Richtung der kriminellen Naturen richtete, entwickelte sich in kürzester Zeit auf die komplette Gesellschaft. Wollte man ursprünglich Idioten (sic!) und Verbrecher sterilisieren, waren im nächsten Jahrzehnt bereits behinderte Kinder, dann behinderte Erwachsene; Jahre danach sollten bereits chronisch Kranke vom Kinderkriegen ferngehalten werden, wollte man doch das Blut sauberhalten. Aus Sterlisation wurde das Morden im Sinne der Volksgemeinschaft und im Kriege konnte man nicht mehr damit warten, Senioren natürlich sterben zu lassen.

Der Fingerzeig blieb aber immer der gleiche: Keine falsche Mitmenschlichkeit! Human zu sein bedeutet schwach zu sein! Nicht die Nationalsozialisten prägten dieses Weltbild, sondern sie nahmen es in ihr "Rahmenprogramm" mit auf.
Kein falsches Mitmenschsein!, dies propagieren dieser Herrschaften Gesundheitsökonomen und reiht man sie in die Galerie neben Forel ein, würden sie laut aufschreien, schließlich denken sie nicht so aus Eigennutz, sondern zum Wohle des Volkskörpers.

Bald an Werbesäulen? Ausschließen möchte ich in diesem Land wachsender Ausländer- und Islamfeindlichkeit, Verwertlichung menschlichen Daseins und Verschärfung des Vorgehens gegen "Wertlose" und Andersdenkenden und -handelnde nichts mehr:






Zitat
»Ich habe 50 Jahre gearbeitet, war praktisch nie krank und möchte jetzt meinen Lebensabend genießen und meine Enkel aufwachsen sehen«, schildert der sympathische ältere Herr dem Saalpublikum.

Welch falsches Argumentieren! Kommt ihm mitmenschliches Handeln und Versorgen im Alter nur zu, weil er 50 Jahre arbeitete? Oder weil er in dieser Zeit kaum krank war? Stünde ihm dies nicht zu, wenn er weniger oder gar nicht gearbeitet hätte? Wenn er gearbeitet hätte, aber stetig krank gewesen wäre?

Am Du erkennt das Ich erst sein Menschsein, erst durch das Wahrnehmen Anderer wird uns unsere Stellung als Wesen der Gattung Mensch bewußt. Alleine dies muß ausreichen, um den Nächsten Hilfe und Versorgung zukommen zu lassen. Am Was und Wie, am Gearbeitet-haben und Nicht-krank-sein läßt sich ein natürliches Recht auf Fürsorge nicht ableiten. Dies Recht steht dem Wesen Mensch schon vom Zeitpunkt seiner Geburt zu, nicht erst nachdem er sich dafür qualifiziert hat.

Unwissentlich wird so tagtäglich argumentiert, unwissentlich nährt man damit ein Weltbild, welches verachtender nicht sein könnte...
„Diese Verhältnisse sind nicht die von Individuum zu Individuum, sondern die von Arbeiter zu Kapitalist... Streicht diese Verhältnisse, und ihr habt die ganze Gesellschaft aufgehoben.“
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Klassenkampf

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« Antwort #8 am: 11:25:31 Do. 27.Juli 2006 »
Eine Altersgrenze, so die Apologeten des Neoliberalismus, sei nicht mehr zeitgemäß. Weshalb ältere Menschen ab 67 in Rente schicken, wenn sie doch noch arbeiten wollen. Angeblich würden statistische Erfassungen es deutlich machen: Senioren wollen arbeiten, dürfen aber nicht! Und wenn selbst der Bundespräsident solcherlei Botschaften unter das Volk bringt, ist der Obrigkeitstreue zum Daranglauben verurteilt.

Welch paradisiesche Vorstellung der Wirtschaftswelt: Der Kostenfaktor Mensch arbeitet sich zu Tode und ihm steht selbst im hohen Alter keine Rente zu. Erste Schritte nun in Griechenland, besser gesagt, durch eine griechische Bank forciert:

Zitat
Griechen, die ab Mitte der 90er Jahre ins Berufsleben eingetreten sind, werden bis zum 75. Lebensjahr arbeiten müssen. Das bestehende Sozialversicherungssystem sei nicht mehr zu bewahren. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Alpha-Bank, dem zweitgrößten Kreditinstitut Griechenlands. Doch wie auch in anderen Ländern Europas, fürchten sich die Politiker davor, dieses heiße Eisen anzupacken.
...

Ich sehe sie schon den Zeigenfinger Richtung Athen ausgestreckt propagandierend auf der Kanzel, schwelgend von Griechenland und seiner Weitsicht und darauf verweisend, daß gerade dieses Griechenland die Wiege des Abendlands sei. Und was wir Griechenland als abendländisches Erbe verdanken, sollten wir nun anhand blinder Folgsamkeit des neuen griechischen Dogmas zurückgeben.

Aus dem Volk der Dichter und Denker, den Deutschen, wurde ein Menschenhaufen, geführt von einer Elite, die nihilistischer nicht sein kann. Sie verneinen den Mensch, seine Bedürfnisse und Träume und stellen stattdessen die Wirtschaft als anthropomorphen Koloss ins Zentrum allen Denkens. Du bist nichts, die Wirtschaft (dein Volk) alles!

Das edle Volk der Griechen, die Wiege des Denkens: Nun sollen sie arbeiten bis zum Tode, keine Zeit mehr, sich dem Denken zu widmen. Auch hier Nihilismus. Warum denken, warum über Lebenssinn und Grund der Welt reflexionieren? Damit ist doch kein Geld verdient, damit stärkt man doch die Unternehmensinteressen nicht.

In den höchsten Tönen haben sich Europas Völker gepriesen, als Denker, Dichter, Literaten, Künstler, Gesellige und Gastfreundliche, Ethische. Was ist davon übrig geblieben? - Das Kapitalismus hat den Mensch entfremdet und ihn zum bloßen Handlanger des Geldverdienens degradiert, der kein Anrecht auf Menschsein hat. Geht es nach ihm - den Kapitalismus -, so kommt er das Geschäft und dann (vielleicht) das Menschsein. Die Wirtschaft existiert dort nicht um den Willen des Menschen, sondern um seinetwillen.

Wie kann es aber ein Miteinander auf dieser Erde geben, wenn das Geschäft und damit Partikularinteressen im Zentrum des Handelns stehen? Nur an dem, was uns verbindet könnte man sich die Hand reichen: Am Menschsein!
Wenn dies zentraler Punkt würde, erst dann kann über Fairness gesprochen werden...

Forderungen zum "ewigen" Arbeiten, Rente im hohen Alter von 75 Lebensjahren und dergleichen, zeugen aber davon, daß der Mensch nicht ins Zentrum rückt, sondern im Gegenteil, immer weiter nach Außen gedrängt wird.

Quelle
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Magnus

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« Antwort #9 am: 17:28:03 Do. 27.Juli 2006 »
Zitat
In  Griechenland arbeiten die meisten Menschen im Dienstleistungsbereich: 60 Prozent. Es folgen Industriejobs mit 28 Prozent und Tätigkeiten in der Landwirtschaft mit 12 Prozent.

Die Arbeitslosigkeit in Griechenland liegt bei über 10 Prozent. Besonders betroffen sind größere Städte wie Athen und Thessaloniki. Viele Arbeitslose gibt es gerade unter den jungen Leuten.

Das ist wieder die berühmte Milchmädchenrechnung: Die Rente ist nicht bezahlbar also musst du einfach länger arbeiten.

Dabei nähmen die zur Weiterarbeit gezwungenen alten Menschen nur den jungen Menschen die Arbeit weg.

Erhöhungen der Altersgrenze führen durchschnittlich zu nichts anderem als zu Rentenkürzungen.
D.h. das bei einem Regeleintrittsalter von 75 eine mit 65 frühverrentete Kellnerin ihre Rente um 36% gekürzt bekäme, selbst wenn sie 40 Jahre gearbeitet hat.