Autor Thema: knast: management des elends unter berücksichtigung betriebswirtschaftlicher aspekte  (Gelesen 2323 mal)

jensen-ex

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aus einem artikel, der kürzlich bei telepolis erschien:



Zitat

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Die bemerkenswerte Karriere, die der amerikanische Strafstaat in den vergangenen dreißig Jahren gemacht hat – eine notwendige Ergänzung zum Abbau des Sozialstaates und dessen logische Folge –, lässt sich grob in fünf Hinsichten charakterisieren[1] :


1.   Vertikale Ausdehnung des Strafstaates infolge einer Hyperinflation der Gefängnisse. Die Vervierfachung der Gefängnispopulation im Laufe von 25 Jahren, vor allem aufgrund höherer Einweisungsraten, hat den Vereinigten Staaten mit 2 Millionen Menschen hinter Gittern und 740 Häftlingen pro 100.000 Einwohner – sechs- bis zwölfmal so viel wie in allen anderen Industrieländern – den unangefochtenen Spitzenplatz bei Inhaftierungen eingetragen, obwohl die Kriminalitätsrate während dieser Zeit zunächst stabil blieb und dann sogar sank.


2.   Horizontale Ausdehnung durch verlängerte Bewährungsfristen, durch die Reform der bedingten Strafaussetzung und den Ausbau elektronischer und genetischer Datenbanken, die nun auch eine bessere Fernüberwachung ermöglichen. Die Folge dieser Ausdehnung des strafrechtlichen Netzes ist, dass sich heute 6,5 Millionen Amerikaner unter Aufsicht der Strafjustiz befinden: nämlich jeder zwanzigste erwachsene Mann, jeder neunte schwarze Mann und sogar jeder dritte junge schwarze Mann (im Alter von 18 bis 35 Jahren); die staatlichen Behörden haben schätzungsweise 55 Millionen Strafregister ("rap sheets") angesammelt – rund ein Drittel der männlichen Arbeiterklasse ist hiervon erfasst. Die in diesen Akten enthaltenen Informationen verbreiten sich, weil eine Überprüfung des Vorstrafenregisters (zum Beispiel bei Arbeits- oder Mietverträgen) zunehmend Routine geworden ist.
   

3.      Geburt des strafrechtlichen "big government", während die Ausgaben für Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsysteme zur gleichen Zeit gekürzt wurden. Die finanzielle und personelle Ausstattung von Gefängnissen, die im Vergleich mit anderen öffentlichen Einrichtungen überproportional verbessert wurde, hat den Strafvollzug zum drittgrößten Arbeitgeber der Nation gemacht, mit 650.000 Angestellten und laufenden Kosten von über 40 Milliarden Dollar. So hat Kalifornien, das über das größte Gefängnissystem der Welt verfügt, seinen Etat für den Strafvollzug von 200 Millionen Dollar im Jahr 1975 auf 4,6 Milliarden im Jahr 2000 aufgestockt. Die Anzahl der im Strafvollzug Beschäftigten schnellte in den vergangenen zwei Jahrzehnten von 6.000 auf 41.000 hoch; seit 1994 übersteigen die Geldmittel der kalifornischen Strafvollzugsbehörde (California Department of Corrections) diejenigen der staatlichen Universitäten von Kalifornien.


4.   Wiederaufleben einer privaten Gefängnisindustrie und deren rasantes Wachstum. In nur einem Jahrzehnt haben gewerbliche Betreiber, hinter denen ein halbes Dutzend großzügig von Wall Street unterstützter Firmen steht, 7 Prozent des "Marktes" oder 140.000 Insassen erobert (das sind dreimal so viele wie die gesamte Gefängnispopulation von Frankreich oder Italien). Dadurch halfen sie dem Staat, seine Kapazitäten zur Bestrafung und Verwahrung unbequemer Teile des neuen Proletariats zu erweitern; diese Firmen bieten heute die gesamte Palette von Diensten an, die zum Strafvollzug gehören, und das auf jedem gewünschten Sicherheitsniveau. Zudem verfolgen sie eine aggressive Expansionspolitik ins Ausland – man findet sie bereits im Vereinigten Königreich, in Australien, Marokko, Südafrika, Korea und in Thailand.


5.   Eine Politik der affirmative action für das Gefängnis durch das strafrechtlich und räumlich differenzierte Anvisieren von Ghettos und ärmeren Stadtteilen. Besonders als sogenannter "Krieg gegen Drogen" hat diese Politik zu einer nie dagewesenen demographischen Vorherrschaft der Afroamerikaner geführt (seit 1989 wurden jedes Jahr mehrheitlich schwarze Männer neu eingewiesen) sowie zu einer Verschärfung der Rassengegensätze und Feindseligkeiten in den Gefängnissen: Schwarze Männer bilden lediglich 6 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und 7 Prozent der Drogenkonsumenten des Landes, doch sie machen 35 Prozent der wegen Drogendelikten festgenommenen Personen und 75 Prozent der deswegen verurteilten Staatsgefangenen aus.[2]


Doch die finanzielle Last der Masseninhaftierung, dieser absonderlichen Maßnahme zur Armutsbekämpfung und verdeckten Rassenkontrolle, erweist sich aufgrund der stetigen Zunahme und raschen Alterung der Gefängnispopulation sowie des Pro-Kopf-Preises für die Unterbringung von Häftlingen als astronomisch. Die Ausgaben für Bau und Finanzierung der Haftanstalten nicht eingerechnet, kostet jeder Gefangene den Staat Kalifornien 21.400 Dollar pro Jahr – dreimal soviel wie die Sozialhilfe, die einer vierköpfigen Familie nach AFDC maximal zugestanden hätte, bevor das Programm wieder gestrichen wurde (nämlich 7.229 Dollar, Verwaltungskosten inbegriffen).[3]

In den meisten anderen Staaten der USA, insbesondere den Südstaaten, sind die Kosten des Strafvollzugs natürlich viel geringer, das gilt aber auch für den dortigen Lebensstandard, Staatshaushalt und das Niveau der Sozialleistungen: In Mississippi beispielsweise belaufen sich die jährlich für einen Gefängnisinsassen aufgewendeten Gelder auf 13.640 Dollar. Die Summe beträgt allerdings fast das Zehnfache der jährlichen AFDC-Hilfen pro Familie, die im Durchschnitt bei fürstlichen 1.400 Dollar gelegen hätten. Der unkontrollierte Anstieg der staatlichen Ausgaben für Haftanstalten bedroht inzwischen unmittelbar und unübersehbar andere Kernaufgaben des Staates, von der Bildung über staatliche Sozialleistungen bis zum Gesundheitswesen, deren weitere Beschneidung wahrscheinlich zu Wählerprotesten der Mittelklassen führen würde. Um ihre Kosten zu senken, haben verschiedene Behörden in der Vergangenheit vier Strategien verfolgt – ganz abgesehen natürlich von der üblichen Augenwischerei, Ausgaben für den Strafvollzug als "Investitionen" in den "Krieg gegen Verbrechen" zu verkaufen.

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Kurt Vonnegut

Klassenkämpfer

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  • ich bin jung flexibel und faul ich bin gegen lohnarbeit
ich habe selber im knast gessesen und die arbeit war scheisse 10 mark habe ich am tag verdint ich war 3 monate in der produktion von so teilen für rohre
und 9 monate habe ich in der kfz werkstatt gearbeitet wir haben die autos von beamten und von privaten leuten aus der stadt repariert ein teil vom geld ging fürs überbrükungsgeld dass habe ich bei der entlassung gekrigt

und 1 mal im monaten durften vom geld einkaufen
:rolleyes: :baby: :evil: :D :O ?( 8) ;( 8o :] :( =) X( :) :P ;)

Magnus

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Jahrzehntelang war in Deutschland unumstritten, dass Gefängnisse von ausgebildeten, ausreichend bezahlten Beamten geführt werden müssen, die nur dem Staat verantwortlich sind.

Ein wenig abschätzig schaute man nach Amerika und auf seine privat betriebenen Gefängnisse, über die man Geschichten von Missbrauch und Korruption hörte.

Doch in Zeiten, in denen die öffentlichen Kassen leer und die Gefängnisse voll sind, verblasst offenbar der Schrecken.
Der hessische Justizminister Christean Wagner, ein CDU-Mann, hätte das neue Gefängnis in Osthessen - Kapazität 500 Personen - am liebsten komplett an ein privates Unternehmen abgegeben. Doch dazu hätte man die Verfassung ändern müssen.

Anders als in Großbritannien müssen in Deutschland Gefängnisse staatlich geleitet werden. Also fand man einen Kompromiss: Die Angestellten der Firma Serco dürfen Zellen putzen, Essen liefern, die Häftlinge beim Drogenentzug beraten und per Video überwachen. Um die persönliche Bewachung der Insassen kümmern sich nach wie vor Beamte. Mit dieser Lösung spart Hessen 55 000 Euro im Monat. Der Vertrag, der im November unterzeichnet wurde, läuft zunächst über fünf Jahre.

Ob die Trennung der Aufgaben zwischen den 99 Angestellten und 132 Beamten in Hünfeld so sauber durchzuhalten ist, wird von Fachleuten bezweifelt. Der ehemalige hessische Justizminister der Grünen, Rupert von Plottnitz, sagt: "Da wird eine Grenze überschritten." Er fürchtet, dass die Sicherheit im Gefängnis und die Sicherheit der Gesellschaft in Gefahr sind, wenn Personal zu Dumpingpreisen angeheuert und damit anfällig für Bestechung wird.

Dabei hat von Plottnitz Ende der Neunziger selbst über eine Teilprivatisierung der Anstalten nachgedacht. Er war seinerzeit nach England gereist, um sich ein Privatgefängnis anzuschauen. Doch das Modell habe ihn nicht überzeugt, sagt von Plottnitz.

Vieles in Hünfeld ist noch ungeklärt, das bestreitet nicht mal die Firma Serco. Bekommen zum Beispiel die privaten Angestellten Schlüssel für die Zellen? Wer schließt ab? "Die genauen Arbeitsabläufe müssen noch geklärt werden", sagt ein Justitiar der Firma.

Ähnlich wie Rupert von Plottnitz heute denkt, dachte 1992 ein britischer Nachwuchs-Politiker namens Tony Blair. Er war damals innenpolitischer Sprecher der oppositionellen Labour-Fraktion. Er protestierte gegen Maggie Thatcher, die halb Großbritannien an private Firmen verkaufte, um die leeren Staatskassen zu füllen. "Ich glaube, Menschen, die vom Staat zur Haft verurteilt werden, sollten nur von denjenigen eingeschlossen und bewacht werden, die ausschließlich dem Staat verantwortlich sind", sagte Blair damals.

Wenige Tage nachdem Labour dann 1997 an die Macht kam, waren diese Worte vergessen. Blairs Partei beschloss, neue Gefängnisse nur noch privat bauen zu lassen. Nirgendwo sonst in Europa ist die Privatisierung von Gefängnissen heute so weit fortgeschritten.


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