Autor Thema: Arbeit befreit...  (Gelesen 3087 mal)

Klassenkampf

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Arbeit befreit...
« am: 09:35:52 So. 13.August 2006 »
Studien, welche die Tendenz weisen, als Richtungsweiser dienen sollen:

Zitat
Arbeitslose sterben nach einer Studie der Universität Leipzig früher als Erwerbstätige. Vor allem Erwerbslose in Ostdeutschland seien „erhöht gefährdet, krank zu werden“, sagt der Leiter des Leipziger Instituts für medizinische Psychologie, Elmar Brähler, in einem Interview der Zeitschrift „Super Illu“. Bei Arbeitslosen sei das Sterbe-Risiko„ massiv erhöht, schon kurz nach Eintritt der Arbeitslosigkeit mehr als verdoppelt“. Menschen, die mehr als zwei Jahre ohne Job seien, hätten statistisch sogar ein vier Mal höheres Sterbe-Risiko.

Daran muß man gar nicht zweifeln. Doch ist es die Arbeitslosigkeit per se, die krank macht und früher ableben läßt, oder ist es die sich daraus ergebende Armut und die soziale Ausgrenzung? Das Kind wird nicht beim Namen genannt, sondern ein Surrogat angeboten, welches die jüdisch-christliche Auffassung, wonach man nach seines Angesichts Schweiße sein Werk zu vollbringen habe, damit der ißt, der auch arbeitet.

Arbeit: Dies sei menschliche Erfüllung. Dabei geht es auch gar nicht um den ästhetischen Charakter des Arbeitens, sondern um den bloßen Lebenserhalt. Entfremdetes Wesen Mensch!
Wo wird denn nicht danach gestrebt, möglichst wenig tun zu müssen? Unternehmen bauen Mehraufwand ab, sehr zu Leidwesen der Belegschaft. Die Hausfrau baut Unnötiges und Zeitaufwendiges ab, der Arbeiter selbst umgeht unnötige Arbeit. Dies ist menschliches Streben: Und geradewegs richtig ist dies, denn gibt es nicht Sinnvolleres, seinen Tag zu verbringen?

Dabei geht es freilich nicht um Faulheit, um Schlafen und in der Hängematte liegen. Ästhetik: Um den künstlerischen Akt beim Schaffen und Arbeiten handelt es sich. Des Menschen Vision ist es nicht Schrauben einzudrehen, Datumsstempel aufzudrücken, Preise aufzukleben: Wer hinter diesen Tätigkeiten Lebenssinn wittert, spricht nicht mehr vom Menschen, sondern vom Humanmechanismus.

Nein, hier handelt es sich um Armut in erster Instanz, weshalb Menschen erkranken. Vom banalen Schraubeneindrehen alleine, kann der Mensch nicht abstumpfen in der Arbeitslosigkeit: Im Gegenteil, hier blüht er erst als Mensch auf, sofern er sich von der sozialen Ausgrenzung befreit und die Worte der Mitmenschen ignoriert, die so gerne den mahnenden Zeigefinger in die Luft strecken.

Aber diese Studien sind maßgeschneidert für ein gemeinschaftlich-öffentliches Politikprojekt, welches den Markt zu absoluten Instanz erhebt und keine Gottheiten neben sich duldet. Der Fetisch des Marktes muß alle anderen Nebenschauplätze als potenzielle Ersatzobjekte ausmerzen: Deshalb gleichgeschaltete Medien, die Wahrheiten etwas verkleiden und schminken, damit diese in einer andere Tonart daherkommen.

Und so heißt es eben dann, daß der Arbeitslose aufgrund seiner Nicht-Tätigkeit - aufgrund seines abgelegten Datumsstempels, seines verlorenen Schraubenziehers etc. - erkrankt und früher verstirbt. Die Armut bleibt außenhalb der Medienberichterstattung, daran stirbt man nicht, glaubt man diesen. Auch soziale Ausgrenzung vom gutmeinenden Mitmenschen kann demnach nicht schuldig sein.

Die Konsequenz: Auf, auf ins Ein-Euro-Jöbchen, in den Niedrigstlohnsektor, in 400-Euro-Arbeitsgelegenheiten: Hauptsache Arbeit, Hauptsache nicht durch Tatenlosigkeit erkranken, Hauptsache durch an Sinnlosigkeit glänzenden Tätigkeiten Lebenszerstreuung finden.

Quelle
„Diese Verhältnisse sind nicht die von Individuum zu Individuum, sondern die von Arbeiter zu Kapitalist... Streicht diese Verhältnisse, und ihr habt die ganze Gesellschaft aufgehoben.“
--- Karl Marx, "Das Elend der Philosophie" ---

regenwurm

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Arbeit befreit...
« Antwort #1 am: 09:45:35 So. 13.August 2006 »
"Arbeitslose beurteilen ihre eigene Gesundheit subjektiv deutlich schlechter als Erwerbstätige." Zu diesem Schluss kommt die Sozialpädagogin Anne Kathrin Stich in ihrer Magisterarbeit, die sie im Rahmen des postgradualen Studiengangs Gesundheitswissenschaften/Public Health an der TU Berlin anfertigte. Stich analysierte Daten des Bundes-Gesundheitssurvey 1998, der ersten gesamtdeutschen repräsentativen Querschnittsstudie zu Gesundheitsfragen, an der 7124 Erwerbstätige und Arbeitslose zwischen 18 und 79 Jahren teilnahmen.

Stich konzentrierte sich auf die subjektive Einschätzung der Lebensqualität durch körperliche Fitness, Schmerzen, Gesundheitswahrnehmung oder soziale und emotionale Funktionsfähigkeit sowie auf gesundheitsrelevantes Verhalten. "Es ist ein Teufelskreis: Zum einen sind Menschen, die kränker sind, eher von Arbeitslosigkeit bedroht als Gesunde. Zum anderen scheint Arbeitslosigkeit Krankheit zu bedingen - unter anderem durch finanzielle Unsicherheit und den Wegfall der Tagesstruktur", sagt Stich. Klassische Studien zur Weltwirtschaftskrise 1931 bis 1933 zeigten eine höhere Morbidität arbeitsloser Menschen. Studien in den 1970er-Jahren wiesen erstmals auch eine höhere Sterblichkeit nach. Die Resultate sind weitgehend unabhängig von Alter und der Familiensituation, nicht jedoch vom Wohnort. Ostdeutsche arbeitslose Männer und Frauen schätzen ihre körperliche Funktionsfähigkeit schlechter ein. Insgesamt zeigen sich die gesundheitlichen Auswirkungen bei Männern drastischer als bei Frauen. "Ein möglicher Grund dafür ist, dass Frauen mit Lebenskrisen anders umgehen als Männer", vermutet Stich. "Zudem können Frauen auch eher in die Rolle der Hausfrau und Mutter ausweichen."

Ein Detail am Rande: Arbeitslose rauchen zwar mehr als Erwerbstätige und treiben weniger Sport, doch das gesundheitsrelevante Verhalten zeigt im Vergleich zur Arbeitslosigkeit kaum Einfluss auf die subjektive Gesundheit. Bildung und Qualifikation dagegen schon. Welche Konsequenzen sollten Politik und Wirtschaft daraus ziehen? "Mehr in Bildung zu investieren und dafür zu sorgen, dass Kranke nicht mehr so schnell ihren Arbeitsplatz verlieren", meint Anne Kathrin Stich. "Außerdem muss die gesundheitliche Versorgung von Arbeitslosen, insbesondere der Langzeitarbeitslosen, dringend verbessert werden - etwa durch finanzielle Ausnahmeregelungen."

Quelle

noch ein link
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Lefat

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Arbeit befreit...
« Antwort #2 am: 10:51:09 So. 13.August 2006 »
Zitat
"Außerdem muss die gesundheitliche Versorgung von Arbeitslosen, insbesondere der Langzeitarbeitslosen, dringend verbessert werden - etwa durch finanzielle Ausnahmeregelungen."

die Situation wird aber eben deshalb in die andere Richtung laufen !
und zwar aus eben oben angeführten Gründen , denn ein Arbeitsloser der nicht mehr ist ,muss auch nicht mehr bezahlt werden !

Als Beispiele seien nur die Praxisgebühr und die Selbstbeteiligung im Krankenhaus aufgezeigt , von denen HIV Empfänger nicht befreit sind .

Sozialselektion und "AKTIVE STERBEHILFE" sind meiner Meinung nach nicht nur in Planung,sondern schon umgesetzt !
Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein Jahr der Arbeitslosigkeit einen ehemaligen Leistungsträger zu einem bildungsfernen Asozialen verkommen läßt..so zumindest die landläufige Meinung.

Onkel Tom

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Arbeit befreit...
« Antwort #3 am: 23:52:03 Do. 24.August 2006 »
Hallo Tafel

Du hast Recht damit, das bereits die "Aktive Sterbehilfe " in Deutschland Boden gefunden hat.

Oder will mir hier jemand sagen, das Hartz 4 nicht Gesundheitsschädlich ist ?

Desto älter diese verdammte "Arbeitsmarktreform " wird, umso giftiger wird sie und befällt alles, was durch Arbeit lebt.. eher oder später..

Einzige Gegenmittel sind finanzieller Reichtum; "Bonzenschwein sein"; Mannager einer Krankenkasse sein; und
"solidarischer Widerstand von Hartz 4 Gepeinigten "

Will damit hoffen, das das zuletzt genannte sich soweit entwickelt, das es wirkt..

Gruß Tom
Lass Dich nicht verhartzen !

Ratrace

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Arbeit befreit...
« Antwort #4 am: 16:10:20 Di. 03.Oktober 2006 »
Nicht das Fehlen der Arbeit macht krank, ist dies doch eigentlich der Zustand, den zu erreichen allen zugute kommen könnte, wenn da nicht ein paar Asoziale wären, die den Gewinn für sich alleine einstreichen würden.

Arbeitslosigkeit, wie sie hier verstanden und sanktioniert wird, kann krankmachen. Die Ämterschikane, die gesellschaftliche Ausgrenzung, kleines Überlebensbudget.
Zur gesellschaftlichen Ausgrenzung ist zu sagen: Leute, scheißt auf einen gesellschaftlichen Status, auf dieses Hirngespinst gutbürgerlicher Schrebergartenunkultur. Wenn ihr dem Umfeld, in dem ihr euch bislang bewegtet, aufgrund eurer Arbeitslosigkeit plötzlich nicht mehr paßt, lohnt es sich nicht, um diese Menschen zu trauern.

Wie gesagt: Nicht das Fehlen von Arbeit, sondern das, was hierzulande daraus gemacht wird, kann krank machen. Wenn die Formel hieße "Arbeit macht gesund", wäre das Leben eines Kleinbauers im Mittelalter wahrscheinlich der Garant für eine hohe Lebenserwartung gewesen.
Das einzig Freie im Westen sind die Märkte.

regenwurm

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Arbeit befreit...
« Antwort #5 am: 15:37:32 So. 22.Oktober 2006 »
Armutsdebatte
Niedrigverdiener vernachlässigen ihre Gesundheit

Es ist eingetreten, was viele befürchtet haben:
Die Praxisgebühr führt nicht nur zu weniger Arztbesuchen.
 Sie trifft vor allem ärmere und chronisch kranke Menschen.
Zu diesem Schluss kommt zumindest das Statistische Bundesamt.
LINK

Armut tötet !
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