Autor Thema: Unruhige Krankenhäuser?  (Gelesen 292224 mal)

xyu

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 588
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #345 am: 12:19:26 Mi. 25.Juni 2014 »
zwei veranstaltungen in kassel

Zitat
Pflege am Boden?
Politische und gewerkschaftliche Strategien gegen den Pflegenotstand in Krankenhäusern

Ratschlag der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag
 Freitag | 27. Juni 2014 | 11 bis 17 Uhr
Philipp-Scheidemann-Haus | Holländische Str. 72–74 | 34127 Kassel


aus dem programm

Zitat
     13:45 – 15:30 Workshops 


Workshop I: Vom Ultimatum bis zum Streik: Arbeitskonflikte gegen den Pflegenotstand organisieren und gewinnen
Aktion Notruf und Tarifvertrag für Mindestpersonalbemessung – Carsten Becker und Ulla Hedemann (ver.di-Betriebsgruppenvorstand Charité Berlin)
Personalmangel mit Stations- und Bettenschließungen beantworten – Brigitte Schuhmacher (Personalrätin und ver.di-Vertrauensfrau im Klinikum Stuttgart)
Die Kampfform Ultimatum bei Arbeitsüberlastung und Personalnot – Michael Quetting (Gewerkschaftssekretär ver.di Region Saar Trier)
Moderation: Jutta Krellmann (MdB DIE LINKE)
gesamtes programm unter http://linksfraktion.de/krankenhausratschlag

Zitat
Sa, 28.06.2014 10:00
ver.di Nordhessen | Kölnische Straße 81| 34117 Kassel
Vernetzungstreffen der Krankenhäuser

Die ver.di Betriebsgruppe der Charité lädt alle Interessierten zu einem Erfahrungsaustausch über den tariflichen Kampf für mehr Personal im Krankenhaus ein.
http://mehr-krankenhauspersonal.de/1378

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #346 am: 15:54:11 Mi. 13.August 2014 »
Zitat
Eifelhöhen-Klinik Marmagen
Warnstreik für höheren Lohn



Zwei Stunden lang demonstrierten rund 100 Mitarbeiter der Eifelhöhen-Klinik in Marmagen für eine bessere Vergütung. Unterstützt wurden sie dabei von der Gewerkschaft Verdi.

Mitarbeiter der Eifelhöhen-Klinik haben am Dienstag für höhere Löhne demonstriert. Die rund 100 Beschäftigten forderten Zuwachs um 3,5 Prozent. Der Klinikbetrieb kam nicht zum Erliegen, aber etliche Therapien fielen aus.  Von Günter Hochgürtel

Nettersheim-Marmagen. Die Mitarbeiter der Eifelhöhen-Klinik in Marmagen zeigten sich am Dienstag kampfbereit. Unter Führung der Gewerkschaft Verdi hatte der Betriebsrat zu einem Warnstreik aufgerufen. Mehr als 100 Beschäftigte bauten sich von 11 bis 13 Uhr vor der Klinik mit Spruchbändern auf, um ihrer Forderung nach mehr Lohn Nachdruck zu verleihen.

Bis zum vergangenen Jahr gab es noch einen gültigen Tarifvertrag, der zwischen der Geschäftsleitung der Eifelhöhen-Klinik und der Belegschaft vereinbart worden war. In den übrigen vier Kliniken, die noch zum Aktien-Konzern gehören, gab es gar keinen Tarifvertrag. Da vor Kurzem die Geschäftsführung in Marmagen wechselte, war der Betriebsrat mit seinen höheren Gehaltsforderungen bislang nicht durchgedrungen. „Man hat den Beschäftigten bisher nur eine Einmalzahlung von 500 Euro angeboten. Das ist ein Witz“, sagte Arbeitnehmervertreterin Birgit Wöstemeyer. Sie und ihre Kollegen fordern eine Lohnerhöhung von 3,5 Prozent, mindestens jedoch die Übernahme des Tarifabschlusses im öffentlichen Dienst. Der sieht im ersten Jahr drei Prozent und im zweiten Jahr weitere 2,4 Prozent mehr Gehalt vor. „Wir sind beim Warnstreik auch von etlichen unserer Patienten unterstützt worden“, erklärte Wöstemeyer auf Anfrage.

Der Klinikbetrieb kam durch die Streikaktion nicht zum Erliegen, aber etliche Therapien fielen schon aus. „Unsere Lohnentwicklung liegt in den letzten 15 Jahren sehr weit hinter der allgemeinen Entwicklung im Gesundheitswesen“, heißt es in einem Verdi-Flugblatt. Seit 1999 sei die Vergütung einer Krankenschwester oder eines Therapeuten nur um 3,5 Prozent gestiegen. Der allgemeine Kaufkraftverlust bis 2013 habe dagegen 23,9 Prozent betragen.
http://www.ksta.de/nettersheim/eifelhoehen-klinik-marmagen-warnstreik-fuer-hoeheren-lohn,15189156,27918766.html


Zitat
Eifelhöhen-Klinik
Erneuter Streik für höhere Löhne

Mitarbeiter der Eifelhöhen-Klinik in Marmagen sind am Dienstag erneut für eine Tariferhöhung auf die Straße gegangen. Das Angebot der Geschäftsführung über eine Einmalzahlung wurde entschieden abgelehnt.
Von Stephan Everling



Nettersheim-Marmagen.  Mit Trillerpfeifen und Lautsprechern zog die Gewerkschaft Verdi in einem Kundgebungszug von der Eifelhöhen-Klinik auf den Eiffelplatz, um dort beim Wochenmarkt für ihre Lohnforderungen zu demonstrieren. Dabei blieb sie nicht wirkungslos, auch wenn die spontane Reaktion nicht die erwünschte gewesen sein dürfte. Denn eine Rinderherde war derart erschrocken über die lärmende Demonstration, dass sie durchging und ein Tier sogar ausbrach. Doch die rinderaffinen Eifeler Streikenden fingen den Flüchtling schnell wieder ein und reparierten flugs den Zaun.


Mit Transparenten zogen die Mitarbeiter der Eifelhöhen-Klinik am Dienstagmorgen durch Marmagen.
Foto: Everling

Der Warnstreik war anberaumt worden, da Verhandlungen von Verdi mit dem Arbeitgeber nicht zu einer Einigung geführt hatten. „Uns ist eine Einmalzahlung von 500 Euro angeboten worden“, berichtete Birgit Wöstemeyer, Betriebsratsvorsitzende. Das würde die Beschäftigten von der allgemeinen Lohnentwicklung abkoppeln, fuhr sie fort. Insgesamt sei in den vergangenen 15 Jahren der Tariflohn an der Eifelhöhen-Klinik nur um im Schnitt 2,5 Prozent gestiegen, rechnete Gewerkschaftssekretär Arno Appelhoff vor. 2012 habe es eine Lohnerhöhung gegeben, „davor aber zwölf Jahre nichts“, beklagte Wöstemeyer. Um nicht nur Lärm zu machen, hatten die Physiotherapeuten kostenlose Gesundheitsangebote für die Marmagener Bevölkerung im Gepäck. Auch die Musik der „Quetschemänn“, die an jedem Dienstag den Wochenmarkt mit Akkordeonmusik beschallen, wurde von den Gewerkschaftern freudig begrüßt.

„Bei einer Betriebsversammlung ist das Angebot der Geschäftsleitung einer Einmalzahlung einhellig abgelehnt worden“, erzählte Wöstemeyer. Diese 500 Euro würden wirkungslos verpuffen, meinte sie. Richtige Verhandlungen habe es bisher nicht gegeben, berichtete Appelhoff. Er forderte eine Tariferhöhung entsprechend dem Öffentlichen Dienst, also drei Prozent im ersten Jahr und 2,4 Prozent im zweiten.

Demnächst sollen ganztägige Streiks erfolgen. Doch Geschäftsführer Rüdiger Pfeifer sieht dafür keinen Spielraum: „Die Klinik schafft das wirtschaftlich nicht.“ Seit März hat er die Nachfolge von Dr. Michael Nolte angetreten und sieht jede Menge Baustellen. Auch wenn zur Zeit die Belegung gut sei, könne sich das auch ganz schnell wieder ändern, befürchtet er. „Ich habe auch eine Verantwortung für die Arbeitsplätze und möchte nicht im November die ersten Entlassungslisten ausfüllen müssen“, sagt er. Er habe der Gewerkschaft bereits vergeblich vorgeschlagen, einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer zu beauftragen, die Zahlen zu überprüfen. Für das Frühjahr könnte er sich Tarifverhandlungen vorstellen, doch das werde von der Gewerkschaft nicht gewünscht. „Mit diesem Kurs gefährdet Verdi Arbeitsplätze in der Eifel“, sagt er. Außerdem wolle er den Manteltarifvertrag neu verhandeln. „Da stehen Regelungen drin, die sind längst nicht mehr EU-konform“, beklagt er.
http://www.ksta.de/nettersheim/eifelhoehen-klinik-erneuter-streik-fuer-hoehere-loehne,15189156,28104998.html

xyu

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 588
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #347 am: 23:32:05 Di. 04.November 2014 »
Zitat
Holpriger Testlauf

Berliner Charité: Bislang keine ausreichende Entlastung durch Tarifvertrag

Verzögerungen, Unzufriedenheit, Konflikte. Die Umsetzung des Tarifvertrags für mehr Personal an der Charité läuft schleppend. »Mit der Vereinbarung wollten wir testen, ob die vom Arbeitgeber vorgeschlagenen Maßnahmen tatsächlich zu einer wirksamen Entlastung der Beschäftigten führen«, erläutert Dana Lützkendorf von der ver.di-Betriebsgruppe.

Danach sieht es im Moment nicht aus. Von den 80 Vollkräften, die das Berliner Uniklinikum laut Vertrag in Pflege- und Funktionsdiensten bis zum Jahresende zusätzlich einstellen muss, sind auf den Stationen und in den Bereichen bislang noch nicht viele angekommen. Zugleich versucht das Management immer wieder, an anderer Stelle zu kürzen.

Schon bis zur Unterschrift war es ein langer Weg: Erst Ende September gab der Aufsichtsrat endgültig grünes Licht für die schon im Juni ausgehandelte »mehrgliedrige Vereinbarung«. Neben den Verzögerungen sorgte die Charité-Spitze auch anderweitig für Unmut. Statt wie vorgesehen unbefristet wollte sie Auszubildende plötzlich nur noch befristet übernehmen. Erst als ver.di Proteste ankündigte, lenkte das Management ein.

»Von einer spürbaren Entlastung der Beschäftigten sind wir noch meilenweit entfernt und es ist nicht abzusehen, dass dieses Ziel zum Jahresende erreicht wird. Wahrscheinlich müssen wir dann deshalb erneut Druck machen. Die Kolleginnen und Kollegen sind dazu bereit.«

Grit Wolf, Neurologie, Campus Virchow

 

 

Kürzungen abgewehrt

Für noch mehr Empörung sorgten Pläne, etwa jede sechste der 120 Stellen in der Medizinischen Dokumentationsassistenz abzubauen. Die Betroffenen wehrten sich mit wöchentlichen Protestaktionen und einer Unterschriftensammlung, die binnen zwei Wochen 2.000 Beschäftigte aller Berufe unterzeichneten. Auch hier machte die Geschäftsleitung daraufhin einen Rückzieher und stoppte die Kürzungen bis auf weiteres.

Bei der Einstellung zusätzlicher Pflegekräfte – Kern des Tarifvertrags – gibt es ebenfalls Probleme. Zwar arbeiten Gewerkschafts- und Charité-Vertreter in der neu geschaffenen, paritätisch besetzten Gesundheitskommission konstruktiv zusammen. So hat das Gremium bereits sogenannte Brennpunktbereiche identifiziert und die Verteilung neuer Stellen beschlossen. Doch davon wurde bislang nur wenig umgesetzt.

Abzüglich der Fluktuation sind kaum neue Kollegen eingestellt worden, berichtet Lützkendorf. »Die Charité bekommt allein 600 Initiativ-bewerbungen pro Jahr. Warum ist es da so schwer, die Leute einzustellen?«, fragt die Gewerkschafterin. Auch die bereits im November vergangenen Jahres versprochenen Neueinstellungen für den Nachtdienst bringen keine ausreichende Entlastung. Eine neue Pflegekraft für den Nachtdienst wird von der Charité auf vier Stationen aufgeteilt. »Das heißt, man hat mal eine zweistündige Entlastung, aber der Grundsatz ›Keine Nacht allein‹ ist längst nicht eingelöst«, betont Grit Wolf, die ebenfalls in der ver.di-Betriebsgruppe aktiv ist. Eine Verbes-serung der Situation in den nicht-pflegerischen Bereichen – die in der Vereinbarung gleichfalls als Ziel formuliert ist – sei zudem überhaupt nicht in Sicht.

»Der Kurzzeit-Tarifvertrag ist ein wichtiger Testlauf. Meine Erkenntnisse daraus sind: Erstens brauchen wir klare und nachprüfbare Besetzungsregeln für jede Schicht. Zweitens müssen Sanktionen greifen, wenn der Arbeitgeber seine Zusagen nicht einhält.«

Dana Lützkendorf, Krankenschwester

 

 

Verhandlungen ab November

Ab Mitte November wollen Management und Gewerkschaft gemeinsam Bilanz ziehen und über weitere Maßnahmen zur Entlastung der Beschäftigten verhandeln. Vor dem Hintergrund der bisherigen Entwicklung könnte die Luft am Verhandlungstisch allerdings schnell dünn werden.
https://drei.verdi.de/2014/ausgabe-52/aktiv/seite-6/holpriger-testlauf

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #348 am: 11:12:42 Mo. 27.April 2015 »
Zitat
Es geht um mehr

Charité-Streik An der Berliner Charité streiken die Beschäftigten für mehr Pflegepersonal und machen damit auf ein grundsätzliches Problem des Gesundheitssystems aufmerksam


...
Der Personalabbau an der Charité lässt sich auch an den Zahlen ablesen, die die Klinik in ihren Jahresberichten veröffentlicht. Demnach sank die Zahl der Vollkräfte im Krankenpflegedienst zwischen 2005 und 2014 von rund 2.567 auf rund 2.411 im Jahr 2014. Zugleich stieg jedoch die Zahl der stationären Fälle und um rund zehn Prozent auf 139.311.

„Immer mehr Patienten in kürzerer Zeit", bringt Grit Wolf die Zahlen auf den Punkt. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin an der Charité sitzt als Ver.di-Mitglied auch in der Tarifkommission der Charité. Auf ihren Berufsalltag hat die zunehmende Unterbesetzung starke Auswirkungen: „Wir haben kaum mehr Zeit für Gespräche mit Patienten, kaum mehr Zeit für Anleitungen, die wichtig sind, wenn die Patienten wieder nach Hause entlassen werden. Wir sind immer kurz angebunden und verbreiten Hektik." Um das auszugleichen, arbeiteten viele Pflegekräfte in ihrer Pause und würden Überstunden machen. Die Pflegekräfte haben die Wahl, ihren Berufsethos über Bord zu werfen, oder die zusätzliche Belastung zu schultern. Aus Kreisen der Pfleger heißt es, dass viele Kollegen nur noch teilzeit arbeiteten oder häufiger erkrankten.

Die Charité zeigte sich von dem angekündigten Warnstreik überrascht.
...
„Seit Mitte der 90er Jahre erleben wir einen erheblichen Stellenabbau beim Pflegepersonal der Krankenhäuser. Das geht bis hin zur Unterversorgung in vielen Bereichen und ist ein bundesweites Problem", fasst Michael Simon, Professor für Gesundheitssystem und Gesundheitspolitik an der Hochschule Hannover die Entwicklung zusammen.

Sie ist Folge gesundheitspolitischer Entscheidungen, die die Kosten im Gesundheitssystem eindämmen und kalkulierbarer machen sollten, jedoch auch dazu führten, dass Krankenhäuser unter größeren wirtschaftlichen Druck gerieten.

So wurde beispielsweise 1996 die sogenannte Pflegepersonal-Regelung (PPR) abgeschafft. Diese hatte bis dahin dafür gesorgt, dass der Bedarf an Pflegern anhand der Patienten eines Krankenhauses errechnet wurde. Mit der Abschaffung der PPR setzte der Abbau von Pflegestellen im Krankenhaus ein.

Die Pfleger selbst sehen eine weitere zentrale Ursache für die derzeitige Überlastung an deutschen Kliniken in der sogenannten Fallpauschale, die 2004 eingeführt wurde.
...
https://www.freitag.de/autoren/bennyk/es-geht-um-mehr

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #349 am: 14:38:51 Mo. 15.Juni 2015 »
Zitat
Charité-Konflikt
Streik an Charité könnte massiv werden

Der Streik an der Charité wird wohl nicht mehr abgewendet – und massiver ausfallen, als erwartet. Verdi erklärt, die Universitätsklinik habe Spielräume.


Der Streik an der Charité wird wohl nicht mehr abgewendet – und massiver ausfallen, als erwartet. Ab 22. Juni müssten „Stationen im zweistelligen Bereich“ geschlossen werden, sagte Verdi-Verhandlungsführerin Meike Jäger am Freitag, weil sich so viele Schwestern und Pfleger streikbereit gemeldet hätten. Dies könnte bedeuten, dass schon am ersten Tag 800 der 3000 Charité-Krankenbetten nicht belegt werden. Die Gewerkschaft ruft ab 22. Juni alle Beschäftigten der landeseigenen Universitätsklinik zum unbefristeten Streik auf. Wie viele Mitglieder man an der Charité habe, sagte Jäger nicht. Bekannt ist, dass der in der Pflege oft niedrige gewerkschaftliche Organisationsgrad an der Charité höher ist.

Die Ärzte haben einen eigenen Tarifvertrag, streiken werden Schwestern, Pfleger und Techniker. Sie fordern mehr Personal. Für die Normalpflege soll eine Schwester fünf statt bisher im Schnitt zehn Patienten betreuen. Denn dies bedeute Überstunden und Überlastung: Nicht der Streik, hieß es am Freitag, sondern der Normalzustand gefährde die Patienten. Pro Streiktag gehen der Charité mindestens 500.000 Euro für abgesagte Behandlungen verloren. Der Klinikvorstand hatte erklärt, die Forderungen ergeben insgesamt 600 neue Stellen – bei derzeit 4200 Pflegekräften. Die kostete bis zu 35 Millionen Euro im Jahr. Bei Verdi wies man daraufhin, dass das gerade 2,5 Prozent des Gesamtbudgets entspricht.

Verdi: Charité hat Spielraum für Verbesserungen

Angesichts des Präzedenzcharakters dieser Tarifrunde hatten Kenner erwartet, dass der Senat oder Bundespolitiker eine Lösung vermitteln. Charité-Aufsichtsratschefin und Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte: Das Verhandeln der Verträge und Ausloten der Möglichkeiten sei im Rahmen der Tarifautonomie die Aufgabe der Tarifparteien. Sie erklärte erneut, laut Bundesregelungen haben die Krankenkassen das Personal zu finanzieren. Dies betonen auch Krankenhausgesellschaft und Charité-Vorstand. Die Verdi-Verhandler weisen daraufhin, Charité und Land hätten aber eben auch Spielraum. „Die Charité hat auch hausgemachte Probleme“, sagte Jäger. Die vielen Einzelzentren auf den drei Campussen funktionierten zuweilen wie „kleine Königreiche“, was Synergien koste. Wegen fehlender Medizinischer Dokumentationsassistenten könne die Klinik zudem nicht alle Fallpauschalen bei den Kassen abrechnen. Ein Charité-Sprecher sagte, beides stimme nicht; Geld gehe nicht verloren.

Ein Beitrag des Landes zur Deeskalation könnte sein, dass der Senat dem Charité-Vorstand gestattet, das Jahresplus von 7,5 Millionen Euro für Pflegestellen auszugeben. Außerdem könnten Sondermittel quasi als Vorleistung für angestrebte Gesetzesänderungen erwogen werden: Die Charité hätte dann Personalstandards in der Aussicht darauf gesetzt, dass sich die Bundespolitik auf eine bessere Versorgung aller Kliniken verpflichtet. Die kürzlich beschlossene Krankenhausreform gilt vielen in der Branche zwar als Enttäuschung. Aus dem ebenfalls neuen Versorgungsstärkungsgesetz aber ließe sich womöglich mehr Geld für die Hochschulambulanzen generieren.

Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres soll künftig mit Bund über Hochschulen verhandeln

Derweil wurde Scheeres am Freitag auf der Kultusministerkonferenz zur Verhandlungsführerin bestimmt: Mit ihren Amtskollegen aus Bayern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hamburg handelt sie mit dem Bund die Mittel für die Hochschulmedizin aus. Wolfgang Albers (Linke), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Abgeordnetenhaus, sagte: Über den Tarifstreit hinaus müssten gesetzliche Personalschlüssel her, damit Sparen „nicht auf die Beschäftigten und damit letztlich auf die Patienten abgeladen“ werden könne. Schwestern und Pfleger anderer Kliniken haben Grußadressen an ihre Charité-Kollegen geschickt, kommenden Freitag will der Schauspieler Rolf Becker bei einer Solidaritätsveranstaltung für die Charité-Pflegekräfte auftreten.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/charite-konflikt-streik-an-charite-koennte-massiv-werden/11911710.html

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #350 am: 13:19:26 Mo. 22.Juni 2015 »
Zitat
Arbeitskampf im Krankenhaus
Streik um Streik

An der Charité beginnt ein unbefristeter Streik – die Klinikleitung versucht ihn gerichtlich zu verhindern. Etwa tausend OPs werden abgesagt.


Nun also doch: Mit der Frühschicht am heutigen Montag beginnt der Streik an der Charité. Krankenschwestern, Pfleger und weitere Beschäftigte treten in den Ausstand – unbefristet. Wegen des Streiks sollen allein in der ersten Woche etwa 1000 geplante Operationen abgesagt werden, lebensnotwendige Operationen finden aber statt. Mehr als 20 Stationen der Klinik sollen geschlossen werden. Die streikenden Krankenhausmitarbeiter streiken nicht für ein höheres Gehalt, sondern für bessere Arbeitsbedingungen.

Bis zum letzten Moment versucht die Leitung der Charité, den Streik gerichtlich zu verbieten. Am Freitag scheiterte eine einstweilige Verfügung beim Arbeitsgericht. Die Charité argumentierte, dass die Personalausstattung tariflich geregelt sei und der Streik deshalb gegen die Friedenspflicht verstoße. Außerdem sei durch die Schließung vieler Stationen die Versorgung der Patienten gefährdet. Das Gericht lehnte es jedoch sowohl ab, den Streik ganz zu verbieten, als auch den Streik auf weniger Stationen zu beschränken. Es verwies auf den Notfallplan, der die Notversorgung der Patienten sicherstellt.

Ein Pfleger auf zehn Patienten

„Nicht der Streik, sondern der Alltag gefährdet das Wohl der Patienten“, meint Stephan Gummert. Der 44-jährige ist Pfleger auf der kardiologischen Station im Virchow-Klinikum, das zur Charité gehört. Gummert erzählt, dass er im Monat durchschnittlich auf 25 Überstunden, also etwa drei Arbeitstage komme. Auf seiner Station käme häufig nur ein Pfleger auf zehn Patienten. Gummert und seine Kollegen wollen durch den Streik ein Betreuungsverhältnis von sieben zu eins erreichen.

Seit 1998 arbeitet Gunnert auf der Station, seit dem hätten sich die Arbeitsbedingungen „hanebüchen verschlechtert.“ Auf der Station mit 31 Betten seien sie tagsüber zu dritt, am Wochenende und nachts nur zwei Pfleger. „Gerade die jungen Kollegen hatten jahrelang Angst vor der Nachtschicht“, so Gummert. Am gestrigen Sonntag ist er damit beschäftigt, die Räumung seiner Station vorzubereiten. Er und seine Kollegen werden ab Montag streiken. Am frühen Morgen sollen die letzten Patienten auf andere Stationen verteilt und die Station geschlossen werden.
Kämpferischer Kalle Kunkel

Trotzdem ist unklar, ob der Streik wie geplant und in vollem Umfang stattfinden wird. Nach der Entscheidung des Arbeitsgerichts am Freitag legt die Leitung der Charité nun Berufung vor dem Landesarbeitsgericht ein. Wann über die Berufung entscheiden wird, ist noch unklar. Die Charité wollte sich auf Anfrage der taz erst im Laufe des heutigen Montags zu ihrem weiteren Vorgehen äußern. Da die Berufung jedoch keine aufschiebende Wirkung hat, könnte der Streik erst im Nachhinein eingeschränkt werden. „Die Charité sollte besser mit den politisch Verantwortlichen sprechen, statt den Streik zu torpedieren“, sagte Kalle Kunkel, der als Gewerkschaftssekretär von verdi für den Streik zuständig ist, und nahm damit auch die Berliner Politik in die Verantwortung. Im Aufsichtsrat der Charité sitzen sowohl die Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres als auch Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen.

Kunkel ist zuversichtlich, dass trotz der sehr kurzfristigen Entscheidung des Gerichts viele Pfleger in den Streik treten werden. „Die Kollegen sind jetzt noch wütender“, so Kunkel. Weil der Notfallplan eingehalten werden muss, könnten gar nicht alle streiken, die wollten. Den Versuch der Charité, den Streik gerichtlich zu verhindern, da sonst das Wohl der Patienten gefährdet sei, kritisierte Kunkel: „Jahrelang hat man die Notrufe der Pfleger ignoriert.“

Für Dienstag planen Gewerkschaft und Streikende eine Kundgebung vor dem Brandenburger Tor.
http://www.taz.de/Arbeitskampf-im-Krankenhaus/!5205460/

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #351 am: 10:11:10 Do. 25.Juni 2015 »
Zitat
Gesundheitswesen
Protestaktion gegen Pflegenotstand



162.000 Beschäftigte fehlen nach Einschätzung von Verdi in den Kliniken, darunter 70.000 in der Pflege. Die bundesweite Aktion gegen den Pflegenotstand in den Krankenhäusern erfreut sich reger Beteiligung.


Zum Auftakt der Gesundheitsministerkonferenz der Länder in Bad Dürkheim hat Verdi zu der bisher größten Protestaktion im Gesundheitswesen aufgerufen: Zwischen 13 und 13.10 Uhr beteiligten sich am Mittwoch allein in Hessen die Pflegekräfte von über 75 Krankenhäusern, wie der zuständige Verdi-Sekretär, Stefan Röhrhoff, auf Anfrage erklärte. In der Zeit von 13 bis 13.10 Uhr findet in der Pflege die sogenannte Übergabe statt: Der Spätdienst wechselt den Frühdienst ab. Dadurch hoffte Verdi auf eine besonders gute Beteiligung.

„Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, berichtete Röhrhoff, und auch die für die Rhein-Main-Region zuständige Sekretärin Hilke Sauthof-Schäfer war mit der Teilnehmerzahl sehr zufrieden. Mit dabei waren unter anderem das Klinikum in Höchst, die Uniklinik, die Krankenhäuser in Offenbach, Hanau, Langen und die Hochtaunuskliniken.

Bundesweit erhielt jeder Teilnehmer eine Nummer zwischen 1 und 162.000. Die Zahlen sollen den Personalmangel symbolisieren, denn 162.000 Beschäftigte fehlen nach Einschätzung von Verdi in den Kliniken, darunter 70.000 in der Pflege.

„Der Frust ist enorm groß“, sagte Röhrhoff. Es gebe „Überstunden ohne Ende“. In der Industrie würde das kein Arbeitgeber durchhalten. Verdi fordert unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Belastungen auf den einzelnen Stationen einen Pflegeschlüssel, also eine Vorgabe, wie viele Pflegekräfte für welche Anzahl von Patienten zuständig sind.
Kreisverband der Grünen unterstützt Protest

Die Enttäuschung über den am 11. Juni vorgestellten Entwurf des Krankenhaus-Strukturgesetzes ist aber nicht nur bei den Beschäftigten und der Gewerkschaft groß. Der Entwurf sieht nach Angaben von Verdi keine grundlegende Verbesserung, sondern nur maximal drei Stellen mehr pro Krankenhaus in der Pflege vor.

Nicht wenige Arbeitgeber teilen die Kritik an diesem Entwurf. Nach Einschätzung des Klinikverbundes Hessen ist von dem neuen Gesetz „keine Entlastung und Verbesserung der Situation von Pflegekräften und anderen Berufsgruppen in Krankenhäusern zu erwarten“.

Der Kreisverband der Grünen unterstützt die Verdi-Aktion. „Als Gesellschaft müssen wir endlich anerkennen, dass für Pfleger und Pflegerinnen mehr Geld aufgewendet werden muss, damit auch der Nachwuchs langfristig gesichert ist“, schrieben die Vorstandssprecher Marina Ploghaus und Bastian Bergerhoff am Mittwoch in einer Pressemitteilung.
http://www.fr-online.de/rhein-main/gesundheitswesen-protestaktion-gegen-pflegenotstand,1472796,31032978.html

xyu

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 588
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #352 am: 00:08:13 Mo. 21.September 2015 »
ver.di hat eine Petition an den Bundestag für eine gesetzliche Personalbemessung in Krankenhäusern gestartet. Ziel ist -wie u.a. bei der Petition gegen Sanktionen im SGB II geschehen- mindestens 50.000 Unterzeichnende innerhalb der Frist zu gewinnen.

Die Petition kann online unterzeichnet werden unter: https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2015/_08/_21/Petition_60583.nc.html

Möglichkeit Unterschriftenlisten in Papierform auszudrucken (gibt es sicherlich auch zum mitnehmen in den Gewerkschaftsbüros): http://www.der-druck-muss-raus.de/die-krankenhauspetition/unterschriftenliste-info-und-hinweise


Zitat
Text der Petition

Die Krankenhauspetition für mehr Personal
Wir fordern vom Bundestag ein Gesetz zur Personalbemessung im Krankenhaus, das regeln soll, dass der reale Personalbedarf ermittelt wird sowie, dass die benötigten Stellen in allen Bereichen des Krankenhauses geschaffen und zweckgebunden außerhalb der Fallpauschalen finanziert werden. Das Pflegestellenförderprogramm im aktuellen Krankenhausstrukturgesetzentwurf reicht nicht, um eine sichere Patient/innenversorgung zu gewährleisten.
Begründung
Gefährlicher Personalmangel im Krankenhaus
Wer in den letzten Jahren zur Behandlung im Krankenhaus war oder dort Angehörige besucht hat, weiß: Das Personal in deutschen Krankenhäusern ist überlastet. Für notwendige Pflege- und Hygienemaßnahmen ist nicht genügend Zeit. Das hat einen Grund: Nach ver.di-Hochrechungen fehlen 162.000 Stellen an Krankenhäusern, davon alleine 70.000 in der Pflege. Diese werden dringend benötigt, um eine gute Versorgung der Patient/innen sicherzustellen. Denn die Zahl der Patient/innen und die Schwere der Erkrankungen nehmen zu. In Pflege, Therapie und Reinigung wurden zur gleichen Zeit aber massiv Stellen abgebaut. Während in der Schweiz eine Pflegefachkraft 5,5 Patient/innen versorgt und in Polen 9,3, ist eine Pflegekraft in Deutschland für 10,3 Patient/innen zuständig. Damit ist Deutschland europäisches Schlusslicht. Jede/r dritte Patient/in wird Opfer von Komplikationen oder muss krank wieder nach Hause gehen. Der Personalmangel kann sogar lebensgefährlich sein: Eine britische Studie belegt, dass das Risiko, in einem Krankenhaus zu sterben, bei einer schlechteren personellen Betreuung um 26 Prozent erhöht ist. Nicht nur die Patient/innen, auch das Personal leidet unter den Zuständen: Die starke körperliche und emotionale Belastung führt zu Burn-Out und anderen Erkrankungen. Krankenhäuser werden kaputt gespart – und wir alle zahlen dafür mit unserer Gesundheit. Das Gesetz der Ökonomie wird über das Gebot der Menschlichkeit gestellt.

Protestbewegung wächst
In den letzten Monaten haben hunderttausende Krankenhausbeschäftigte und Unterstützer/innen für mehr Personal im Krankenhaus demonstriert, Protestaktionen gestartet und gestreikt. Die Bewegung wächst und zeigt erste Erfolge. Immer mehr Politiker/innen nehmen die Sorgen der Krankenhausbeschäftigten und der Bevölkerung wahr. Uns reichen aber keine Versprechungen, wir wollen eine gesetzliche Regelung für ausreichend Personal im Krankenhaus. Nur so kann eine gute Versorgung der Patient/innen sichergestellt werden.

Geht nicht? Geht doch!
Im Bereich der Psychiatrien gibt es bereits eine Personalverordnung. Diese funktioniert und ist finanzierbar. Sie sichert Qualitätsstandards. In den 1990er-Jahren führte die „Pflegepersonalregelung“ in Krankenhäusern innerhalb von zwei Jahren zu 21.000 zusätzlichen Stellen im Pflegebereich. Diese Regelung wurde aber nach wenigen Jahren wieder außer Kraft gesetzt.

Gesetzliche Personalbemessung jetzt!
ver.di fordert eine wissenschaftlich gestützte und bedarfsgerechte Personalermittlung bis 2017 in allen deutschen Krankenhäusern, zunächst für die Pflege und dann für alle anderen Berufsgruppen. Das geforderte Gesetz soll den Einsatz des Personalbemessungsinstruments, dessen Kontrolle sowie die benötigte Finanzierung regeln. Die Finanzierung muss außerhalb der Fallpauschalen erfolgen und zweckgebunden sein. Der Bedarf soll pro Krankenhaus ermittelt werden und auch die Kontrollen sollen in jedem Krankenhaus stattfinden.

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #353 am: 09:20:56 Mo. 21.September 2015 »
Zitat
Wolfsburg
Klinikum: Proteste gegen Reform

Mitarbeiter des Klinikums Wolfsburg protestieren gegen den Entwurf des Krankenhausstrukturgesetzes. Sie beteiligen sich am Mittwoch, 23. September, um 13 Uhr, an einem bundesweiten Aktionstag gegen die geplante Reform.



„Aktive Mittagspause“: Zuletzt hatte es im Juni Proteste am Wolfsburger Klinikum gegeben. Diesmal wollen Mitarbeiter Luftballons steigen lassen.

Unter anderem lassen sie Luftballons steigen und legen eine "aktive Mittagspause" ein.

„Stellvertretend für alle werden 15 Kollegen am Brandenburger Tor in Berlin an der zentralen Protestaktion teilnehmen“, kündigt Klinikumssprecher Thomas Helmke an. Insgesamt werden über 10.000 Krankenhausmitarbeiter aus der gesamten Bundesrepublik bei der Aktion erwartet. Aber auch in Wolfsburg soll ein Zeichen gesetzt werden: Die Mitarbeiter werden um 13 Uhr eine „Aktive Mittagspause“ einlegen. Unter dem Motto „Wir gehen in die Luft“ wollen sie vor dem Klinikum Luftballons steigen lassen, um auf die Unzulänglichkeiten der Reform hinzuweisen.

„Das geplante Gesetz ist keine Reform, es verschlechtert unsere Situation, statt sie zu verbessern“, macht Klinikumsdirektor Wilken Köster deutlich. So würde der Versorgungszuschlag von 0,8 Prozent wegfallen und es gäbe Kürzungen bei der jährlichen Vergütungsanpassung. Auch für die in Niedersachsen bestehende Investitionslücke von 1,5 Milliarden Euro biete das Gesetz keine nachhaltige Lösung. Dabei sei es wichtig, einen Weg zu finden, der eine vollständige Finanzierung der Personal- und Sachkosten der Krankenhäuser sowie notwendiger Investitionen schafft, meint Köster: Nur so könne „eine qualitativ hochwertige Versorgung der Bevölkerung mit stationären Krankenhausleistungen“ sichergestellt werden.
http://www.waz-online.de/Wolfsburg/Stadt-Wolfsburg/Klinikum-Proteste-gegen-Reform

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #354 am: 19:12:44 Fr. 25.September 2015 »
Zitat
Proteste gegen Klinikreform

Auch in Stuttgart sind Krankenhausbeschäftigte bei einer bundesweiten Aktion gegen die geplanten Klinikreform der Bundesregierung auf die Straße gegangen. Kritiker werfen Gesundheitsminister Gröhe vor, mit seinen Plänen ein weiteres Kliniksterben zu provozieren. Die Krankenhausbeschäftigten wollen keine weiteren Einbußen hinnehmen.




Mit hunderten grüner Luftballons und Transparenten protestierten am Mittwoch Mitarbeiter verschiedener Krankenhäuser der Region Stuttgart auf dem Schlossplatz gegen die geplante Krankenhausreform der Bundesregierung. Das Vorhaben von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sei ein geschickt getarnter Versuch, die Krankenhäuser weiter „auszuhungern“ und so Kliniken und Betten zu reduzieren, kritisierte Stuttgarts Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle (Grüne). An der bundesweiten Protestaktion in vielen Städten der Republik beteiligten sich mehrere tausend Klinikbeschäftigte. In Stuttgart waren es laut Polizei etwa 400.

Nicht nur von Stuttgarter Kliniken waren Mitarbeiter auf den Schlossplatz gekommen, auch aus Sindelfingen oder Esslingen waren Beschäftigte angereist. Auf Protesttafeln („Auch Krankenhäuser sind systemrelevant“, „Diese Reform belastet das Personal“) machten sie ihrem Ärger Luft. „Für alles ist Geld da, aber nicht für Gesundheit“, erklärte Margit Weinmann, die im Patientenmanagement des städtischen Klinikums arbeitet. Ihre Erfahrung der vergangenen Jahre: „Es werden immer mehr Stellen eingespart, die verbleibenden Leute haben immer mehr Arbeit. Es darf kein Geld mehr gestrichen werden.“

Seit Jahren werden Stellen gestrichen

„Die Krankenhäuser sind völlig unterfinanziert“, ist auch die Meinung von Thomas Lepke, der im Robert-Bosch-Krankenhaus in der EDV arbeitet. „Immer mehr Personalstellen werden gestrichen, es zählt nur noch die Optimierung“, kritisierte Lepke. Katrin Schröder, die als OP-Schwester in der Charlottenklinik für Augenheilkunde tätig ist, erklärte: „Personalkürzungen sind auch im OP ein Thema.“ Die Folge sind immer mehr Überstunden für die Beschäftigten. „Die Arbeitsbelastung hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen“, erklärte die OP-Schwester.

Peter Stöckel, der am Standort Sindelfingen des Klinikverbunds Südwest arbeitet, erläuterte dies beispielhaft. Als er Anfang der 1990er Jahre in der Pflege angefangen habe, seien auf einer Station vier bis fünf Vollzeitkräfte für 27 Patienten zuständig gewesen, heute seien es noch zwei. „Aber nur, wenn’s gut läuft, selbst dafür gibt es keine Garantie“, erzählte Stöckel, der zehn Jahre Stationsleiter war. Dazu komme ein enormer Dokumentationsaufwand: „Die Leute haben keine Zeit mehr das auszuüben, was sie gelernt haben.“

Kritiker fürchten: Reform wird Probleme verschärfen

Die geschilderte Entwicklung wird sich durch die geplante Krankenhausreform nochmals deutlich verschärfen, befürchten Kritiker. Die Arbeitsbedingungen des Personals und damit der Service für die Patienten werden sich verschlechtern, sagte Krankenhausbürgermeister Wölfle. Insgesamt werde den 230 Kliniken im Land etwa 125 Millionen Euro durch die Reform entzogen. Beim Diakonie-Klinikum würden alleine durch die Streichung des sogenannten Versorgungszuschlags etwa 650 000 Euro im Jahr entfallen, beim Klinikum Esslingen geht es um etwa eine Millionen Euro, beim Klinikum der Stadt Stuttgart um zwei Millionen Euro. „Das wäre fatal“, sagte Bernd Sieber vom Klinikum Esslingen. Und die genannten Zahlen umfassten nur etwa die Hälfte der befürchteten Kürzungen, machte Ralf-Michael Schmitz deutlich, der Geschäftsführer des städtischen Klinikums. Bernd Rühle, Geschäftsführer des Diakonie-Klinikums, erläuterte, dass schon heute der sogenannte Landesbasisfallwert, auf dessen Grundlage die Vergütungen berechnet werden, nicht die Tarifsteigerungen abdecke. „Weitere Kürzungen darf man dem Personal nicht zumuten“, sagte Rühle. „An der Stellschraube Personal kann man nicht mehr drehen – wir sind am Limit“, betonte Andrea Kiefer vom Bundesverband für Pflegeberufe (DBfK). Dass freilich alle Kürzungen auf den Personaletat durchschlagen, machte Ralf-Michael Schmitz deutlich: Die Personalkosten machen etwa zwei Drittel der Ausgaben in Krankenhäusern aus.

AOK-Landeschef widerspricht

AOK-Landeschef Christopher Hermann nannte die bundesweite Aktion dagegen eine „unsachliche Kampagne“ der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die Betriebskostenfinanzierung der Krankenhäuser sei ausreichend. Defizite und unnötige Mengenausweitungen seien auf ineffiziente Krankenhausstrukturen und die unzureichende Finanzierung der Investitionen durch die Länder zurückzuführen.
http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.krankenhaeuser-proteste-gegen-klinikreform.1b71042e-5375-414d-9303-9419808f9526.html

Bowie

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 194
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #355 am: 10:58:58 So. 27.September 2015 »
Luftballons als Kampfmittel gegen die Gesundheitsindustrie?
Hat sich Verdi das ausgedacht?
Als Steigerung Wattebäuschchenwerfen gegen den Arbeitgeber!

dagobert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 5592
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #356 am: 18:11:06 So. 27.September 2015 »
Als Steigerung Wattebäuschchenwerfen gegen den Arbeitgeber!
Selbstverständlich, es soll ja schließlich nicht weh tun.
Wo kämen wir denn sonst hin?  >:D
"Ich glaube, daß man nichts vom Krieg mehr wüßte,
wenn wer ihn will, ihn auch am meisten spürt."
Udo Jürgens (Ich glaube, 1968)

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #357 am: 18:51:10 Mi. 14.Oktober 2015 »
Zitat
Demo in Kiel
Krankenhaussterben im Land befürchtet

Gemeinsamer Protest von Klinikpersonal, Ärzten und Krankenhausbetreibern: Sie befürchten weitere Kürzungen bei der ohnehin chronischen Unterfinanzierung der Krankenhäuser. Stein des Anstoßes ist der Entwurf für ein geplantes Bundesgesetz.




Vor einem Krankenhaussterben in Schleswig-Holstein haben Klinikmitarbeiter und Arbeitgeber bei einer gemeinsamen Demonstration in Kiel gewarnt. Rund 500 Menschen beteiligten sich nach Angaben der Polizei und der Gewerkschaft Verdi an der Protestaktion am Mittwoch. Aufgerufen hatte zu der Kundgebung die Schleswig-Holsteinische Allianz für die Krankenhäuser. Neben Verdi und der Krankenhausgesellschaft als Arbeitgeberverband wird die Allianz von zahlreichen weiteren Organisationen wie der Diakonie, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband oder dem Marburger Bund unterstützt.

Im Zentrum der Kritik steht das von der Bundesregierung geplante Krankenhausstrukturgesetz, das die Finanzierung der Krankenhäuser künftig regeln soll. Die Kliniken dürften nicht die Sparschweine der Nation sein, hieß es auf der Kundgebung vor dem Rathaus. Die geplante Finanzierung sei unzureichend, es drohe weiterer Personalabbau und noch mehr Arbeitsverdichtung, was zu einer schlechten Patientenversorgung führen werde. Die Krankenhausgesellschaft kritisiert eine permanente Unterfinanzierung der Personal- und Sachkostensteigerungen in den Kliniken. Das künftige Gesetz sehe bei wenigen punktuellen Verbesserungen massive finanzielle Kürzungen vor.

Nach Einschätzung von Verdi lässt der bisherige Entwurf kleineren und mittleren Krankenhäusern keine Zukunftschancen. Große Konzerne seien wegen ihrer Kapitalkraft im Vorteil. Der Wettbewerb werde durch Personalabbau auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen, kritisierte Verdi-Landesfachbereichsleiter Steffen Kühhirt. Verdi fordert, dass die Personalausstattung von Klinikabteilungen gesetzlich geregelt werde. Dies sei bisher nicht der Fall. Es gebe nur Empfehlungen.

Das Krankenhausstrukturgesetz solle die Qualität verbessern. „Was als Qualitätssicherung daher kommt, ist in Wahrheit ein Programm, Krankenhäuser zu schließen und die Kapazitäten zu reduzieren“, berichtete Kühhirt. Das werde vor allem Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft treffen, weil sie nicht die Finanzkraft privater Krankenhäuser hätten.

Laut Verdi fehlen bundesweit 162 000 Stellen in den Krankenhäusern, allein in Schleswig-Holstein 3000 Stellen, vor allem in der Pflege. Scharf kritisierte Verdi das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: Es sei ein Skandal, dass das landeseigene Uniklinikum — wieder einmal - mit schlechten Beispiel vorangehe. „Dort werden hunderte Stellen in der Pflege abgebaut aus wirtschaftlichen Gründen — und das, obwohl die Qualität schon jetzt im Keller ist und die Beschäftigten permanent überlastet sind“, kritisierte Kühhirt.

Der schleswig-holsteinische Marburger-Bund-Chef, der geriatrische Chefarzt Henrik Herrmann vom Westküstenklinikum in Brunsbüttel, forderte: „Krankenhäuser müssen durch eine sichere und ausreichende Finanzausstattung in die Lage versetzt werden, ihrer Verantwortung gegenüber ihren Patienten und ihren Beschäftigten nachkommen zu können.“ Eine vernünftige Qualität medizinischer und pflegerischer Leistungen sei nur mit entsprechendem Personal möglich.
http://www.kn-online.de/News/Aktuelle-Nachrichten-Kiel/Nachrichten-aus-Kiel/Krankenhaussterben-in-Schlewig-Holstein-befuerchtet-Demo-in-Kiel

Klar, ich bin gegen Kürzungen. Ich bin aber wenig begeistert, wenn ich sehe, wie Arbeitgeber und Belegschaften gemeinsam demonstrieren.
Ich erinnere, wie damals HDW Arbeiter in von der Gewerkschaft organiserten Demos zum Landeshaus zogen, um für den Konzern staatliche Zuschüsse zu fordern. Das Ganze fand während der Arbeitszeit statt und wurde vom Arbeitgeber bezahlt.

xyu

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 588
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #358 am: 15:22:46 Sa. 20.August 2016 »
Zitat
Als Kommunistischer Aufbau sind wir auf die kürzlich gegründete ‘Initiative Kämpferische Pflege’ (IKP) aufmerksam geworden. Dabei handelt es sich um einen klassenkämpferischen Organisierungsansatz von Pflegerinnen und Pflegern aus verschiedenen Arbeitsbereichen und Krankenhäusern. Wir drucken in dieser Ausgabe ein Interview der IKP mit zwei KollegInnen aus dem Krankenhaus ab, sowie einen kapitalismuskritischen Artikel dieser Initiative. Bitte sendet Rückmeldungen direkt an die Initiative unter organisierte.pflege[a]gmx.de
Zitat
Aus der weißen Fabrik – Interview mit zwei KrankenpflegerInnen
http://komaufbau.org/aus-der-weisen-fabrik-interview-mit-zwei-krankenpflegerinnen/
Zitat
Gute Pflege im Kapitalismus?!
http://komaufbau.org/gute-pflege-im-kapitalismus/


Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 19673
  • Fischkopp
Re:Unruhige Krankenhäuser?
« Antwort #359 am: 13:28:04 So. 28.August 2016 »
Zitat
Berliner Landesunternehmen
In Tochterfirmen der Kliniken droht Streik

Eigentlich hatte sich die Lage beruhigt, als die Charité sich verpflichtete mehr Schwestern und Pfleger einzustellen. Doch nun droht Streik bei einer Tochterfirma - und auch bei Vivantes.



Arbeitskämpfe gab es in den Berliner Kliniken öfter. An der Charité das erste Mal 2006, zu sehen auf dem Bild, zuletzt 2015.

In den Berliner Kliniken spitzt sich der Streit um die Tochterfirmen zu. Zunächst geht es um Reinigungskräfte, Hausmeister und Boten der Charité. Sie sind oft bei der „Charité Facility Management“ (CFM) beschäftigt, die geringere Löhne zahlt, als die landeseigene Universitätsklinik selbst. Für die meisten der mehr als 2000 CFM-Mitarbeiter gilt kein Tarifvertrag. Kalle Kunkel von der Gewerkschaft Verdi sagte: „Angesicht der Spaltungsversuche der CFM-Geschäftsführung sind Streiks nicht ausgeschlossen.“

Man orientiere sich an branchenüblichen Löhnen, reagierte ein CFM-Sprecher, höhere Forderungen gefährdeten die Wettbewerbsfähigkeit der Firma. Der Charité-Haustarif sei außerdem auf Ärzte und Pflegekräfte ausgerichtet. Zuletzt gab es Schlagzeilen, als die Charité dem bundesweit ersten Tarifvertrag für mehr Personal zustimmte. Die gewerkschaftlich organisierten Pflegekräfte der Klinik hatten 2015 nicht für mehr Lohn, sondern für mehr Kollegen gestreikt. Zuvor bestimmten Überstunden und Stress den Alltag auf den Stationen.

Kürzlich hatten sich auch 90 Prozent der Verdi-Mitglieder in der wichtigsten Tochterfirma der landeseigenen Vivantes-Kliniken für Streik ausgesprochen. Für 250 jener 900 Service-Beschäftigten gilt kein Tarifvertrag. Verdi fordert, dass alle 15.000 Vivantes-Beschäftigten nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt werden. Der Vivantes-Vorstand hat nun bis Anfang nächster Woche Zeit zu reagieren. Ein SPD-Landesparteitag hatte 2015 beschlossen, Ausgliederungen aus Landesunternehmen sollten rückgängig gemacht werden.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-landesunternehmen-in-tochterfirmen-der-kliniken-droht-streik/14456060.html#