Autor Thema: Arbeit und linke Politik  (Gelesen 798 mal)

admin

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 2955
Arbeit und linke Politik
« am: 12:33:57 Di. 09.Oktober 2018 »
Dieses Forum wurde gegründet als Gegenentwurf zur herrschenden linken Politik.
Die Auseinandersetzungen, die von der linken Szene/Bewegung geführt werden, dienen der Selbstbestätigung und haben nahezu keine Auswirkungen auf die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

chefduzen gibt es, damit Menschen zusammenfinden entlang sozialer Probleme und Konflikte, auf einer antifaschistischen Grundlage. Ansonsten muß man weder "politisch" noch "links" sein, um hier über Probleme mit Ämtern, Job oder Vermietern zu reden. Nur wer hier neoliberal oder sozialdarwinistisch auftritt, fliegt hier ebenso schnell raus, wie ein Fascho.

Der wichtigste Ort für gesellschaftlich relevante Auseinandersetzungen sind weder Demonstrationen und Kundgebungen, noch Veranstaltungen oder Internetplattformen. Es ist der Arbeitsplatz. Dort ist es weitgehend ruhig und so ist auch der politische Stillstand zu erklären. Arbeit wird heute anders organisiert, als vor 100 Jahren: Homeoffice, Leiharbeit, Werkverträge, Freiberuflichkeit und Scheinselbstständigkeit und Clickwork. Auf all das haben wir noch keine Antworten. Wir diskutieren die heutigen Methoden der Ausbeutungsmaschinerie kaum.

Bei chefduzen treten wir seit 16 Jahren weitgehend auf der Stelle. Kaum jemand hat die Grundidee, die hinter diesem Forum steht, auch nur im Ansatz verstanden. Ich bin schon froh, daß es zumindest nachgelassen hat, daß Leiharbeiter hier beschimpft und beleidigt werden, weil sie in der Leiharbeit schuften. Ihnen gab man die Schuld an der Existenz der Sklavenhändlerbranche, ja am ganzen Ausbeutersystems selbst. Immer wird nur Rückzug propagiert. Man soll nicht einen Job in der Leiharbeit, im Callcenter oder in der Logistik arbeiten. Dabei wären das die idealen Orte schlechthin, wenn man Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" angreifen möchte. Ich kenne Leute, die extra in solchen Ausbeuterbuden anheutern, um den Kampf aufzunehmen. Diese Leute bewundere ich und ich hoffe, ihr Herangehen macht Schule. Viel wichtiger sind diejenigen, die nicht aus "politischen" Gründen arbeiten gehen, sondern einfach arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Die sollten ihre Arbeit nicht nur erleiden und einen Notausgang suchen, sondern sie sollten überlegen, wie man sich wehrt und seine Würde bewahrt. Wir müssen erst wieder lernen, wie das geht. Es geht hier nicht um irgendwelche Fernziele wie "Streik", sondern um einfache Dinge, wie Widerspruch Vorgesetzten gegenüber, Einfordern an zustehenden Rechten, Absprachen mit Kollegen, langsam Arbeiten, Einsatz des "Gelben Scheins" und jede Menge mehr.

Selbst diese Schritte sind nicht immer einfach, doch sehr wichtig. So etwas sollten wir hier bequatschen. Man sollte einfach mal die Situation beschreiben, so daß auch Außenstehende sich ein Bild machen können. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Worüber streitet man sich mit Kollegen und Vorgesetzten? Was nervt einen bei der Arbeit?

Diese Diskussionen wurden hier bisher nicht geführt. Jeglicher Ansatz ist immer kaputtgelabert worden, von irgendwelchen Schlaumeiern, die verkünden, daß man da auf keinen Fall arbeiten darf.

BGS

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 3730
  • Polarlicht
Re:Arbeit und linke Politik
« Antwort #1 am: 13:30:08 Di. 09.Oktober 2018 »
...
Der wichtigste Ort für gesellschaftlich relevante Auseinandersetzungen sind weder Demonstrationen und Kundgebungen, noch Veranstaltungen oder Internetplattformen. Es ist der Arbeitsplatz. Dort ist es weitgehend ruhig und so ist auch der politische Stillstand zu erklären. Arbeit wird heute anders organisiert, als vor 100 Jahren: Homeoffice, Leiharbeit, Werkverträge, Freiberuflichkeit und Scheinselbstständigkeit und Clickwork. Auf all das haben wir noch keine Antworten. Wir diskutieren die heutigen Methoden der Ausbeutungsmaschinerie kaum.

... .
Bei chefduzen treten wir seit 16 Jahren weitgehend auf der Stelle. Kaum jemand hat die Grundidee, die hinter diesem Forum steht, auch nur im Ansatz verstanden. Ich bin schon froh, daß es zumindest nachgelassen hat, daß Leiharbeiter hier beschimpft und beleidigt werden, weil sie in der Leiharbeit schuften. Ihnen gab man die Schuld an der Existenz der Sklavenhänderbranche, ja am ganzen Ausbeutersystems selbst. Immer wird nur Rückzug propagiert. Man soll nicht einen Job in der Leiharbeit, im Callcenter oder in der Logistik arbeiten.

Dabei wären das die idealen Orte schlechthin, wenn man Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" angreifen möchte. Ich kenne Leute, die extra in solchen Ausbeuterbuden anheutern, um den Kampf aufzunehmen. Diese Leute bewundere ich und ich hoffe, ihr Herangehen macht Schule. Viel wichtiger sind diejenigen, die nicht aus "politischen" Gründen arbeiten gehen, sondern einfach arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Dejenigen sollten ihre Arbeit nicht nur erleiden und einen Notausgang suchen, sondern sie sollten überlegen, wie man sich wehrt und sich seine Würde bewahrt. Wir müssen erst wieder lernen, wie das geht. Es geht hier nicht um irgendwelche Fernziele wie "Streik", sondern um einfache Dinge, wie Widerspruch Vorgesetzten gegenüber, Einfordern an zustehenden Rechten, Absprachen mit Kollegen, langsam Arbeiten, Einsatz des "Gelben Scheins" und jede Menge mehr.

Selbst diese Schritte sind nicht immer einfach, doch sehr wichtig. So etwas sollten wir hier bequatschen. Man sollte einfach mal die Situation beschreiben, so daß auch Außenstehende sich ein Bild machen können. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Worüber streitet man sich mit Kollegen und Vorgesetzten? Was nervt einen bei der Arbeit?
... .

Vielen Dank für die Verdeutlichungen.

Ist zwar geographisch weit weg von den Meisten, doch auch am Polarkreis gibt es langwierige prekäre Arbeitsverhältnisse (wie meines):

Der "Chef" hatte zuvor mir meine Arbeitszeit im Verhältnis zum Lohn Juni/Juli genau vorgerechnet und festgestellt, ich sei zwei Tage zuviel bezahlt worden an meinem Job im Hafen. So weit, so gut bzw. schlecht. Dann hiess es scheinbar grosszügig, ich könne die fehlenden beiden Tage nacharbeiten, indem ich einfach käme, wenn es mir passte. Ich arbeite nur auf Abruf direkt bei der Firma. Schon mehr als fünf Jahre inzwischen. Seit diesem Jahr lasse ich mir für die geleisteten Stunden monatlich Bescheinigungen ausstellen, damit mir die Arbeitsamtbürokratie vom Hals bleibt und um hoffentlich so meine Rechte als Arbeitnehmer in eventuellen zukünftigen Gerichtserfahren gegen den Arbeitgeber zu stärken. Denn Monat für Monat  heisst es in den Papieren "BGS
ist vorübergehend angestellt bei der Firma ... . " Immer "vorübergehend", dabei auf Abruf. 2018 war ich z.B. tätig im Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August und September . Mindestens 130 Arbeitstage (Mo.-Fr:) bis jetzt.

Heute früh kam ich somit zur Arbeit, da es mir passend schien und plötzlich hiess es, so ginge das nicht. Man würde mich anrufen, falls ich gebraucht würde. Ich hätte kotzen können, nach dem frühen Aufstehen und dem vorher Gesagtem!

Doch was blieb mir denn anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel  zu machen? Sogenannter Kollege stand neben dem Chef und tat so, als sei ich gar nicht da. Dabei sind sie auf meine kurzfristigen Einsätze angewiesen, jedes Mal.

Das ist eine der heutigen Methoden den Ausbeutungsmaschinerie. Werde vermutlich noch diese Woche wieder angerufen für eintägige, kurzfristige Arbeit.

Ein Arbeitstag ist min 9-stündig. Dabei wird mir täglich eine Stunde abgezogen für Pausen, für die die Zeit zumindest vier Monate im Sommer absolut nicht reicht.

Die Arbeiter, sollten sie in das Büro wollen, dürfen nur den Nebeneingang, der auch für LKW-Fahrer vorgesehen, benutzen. Natürlich ist man dennoch stets freundlich, wir sind schliesslich in Skandinavien... .

Ungefähr seit vier Jahren bin ich in der hiesigen Gewerkschaft, damit im eventuellen Konfliktfall mit dem Arbeitgeber ich nicht völlig alleine bin, denn die wenigen "Kollegen" kann man hinsichtlich Widerstand völlig vergessen.

Es setzt mir zu, wie ein Sklave arbeiten zu müssen, auf Abruf. Dass die Arbeit oft dreckicg, gefährlich und körperlich fordernd ist, liegt in ihrer Natur (Hafen).

Persönlich sehe ich keinen Weg, die hiesige Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" anzugreifen. Dann bin ich den Job sofort los und werde wohl aus Mangel an Arbeitsplätzen und Altersgründen nur noch on Wasser und Brot leben.

Ich beklage mich nicht, schildere nur eine Form der Ausbeutung. Immer noch besser, als ARGE und dergleichen, leider.

Der Arbeitsplatz.ist isoliert, vereinzelt Allerorten.Keiner sieht den Kollegen.
]
MfG

BGS

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

counselor

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 5293
  • Sapere aude!
Re:Arbeit und linke Politik
« Antwort #2 am: 17:57:32 Di. 09.Oktober 2018 »
Auch ich halte den Arbeitsplatz für entscheidend im Kampf für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Ich arbeite 25 Stunden in einer Großküche mit angeschlossener Wäscherei. Der Lohn ist niedrig und reicht zum Leben nicht. Das Verhältnis zu den KollegInnen ist gut. Wir respektieren uns und begegnen uns auf Augenhöhe und es gibt einen gewissen Zusammenhalt. Die Führungsmethoden der Abteilungsleitung ist ehr liberal (von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen). Die Arbeit ist körperlich hauptsächlich im Stehen (typische Küchenarbeiten bis hin zur Reinigung des Hauses).

Zusammen mit einem Kollegen versuche ich, etwas Klassenbewußtsein in den Laden zu bringen. Von Kämpfen sind wir aber meilenweit entfernt. Viele Kollegen meinen, man könnte nichts ändern oder sind einfach heilfroh, überhaupt Arbeit zu haben. So war es ein Erfolg, einige Kollegen für die Wahlkampfkundgebung der Linken mit Gregor Gysi zu mobilisieren.

Das größte Ärgernis für mich ist der mickrige Lohn, der zum Leben nicht reicht.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 15293
  • Fischkopp
Re:Arbeit und linke Politik
« Antwort #3 am: 12:45:18 Mi. 10.Oktober 2018 »
Ich arbeite nur auf Abruf direkt bei der Firma.
Immer "vorübergehend", dabei auf Abruf.
Werde vermutlich noch diese Woche wieder angerufen für eintägige, kurzfristige Arbeit.

Ich kenne das gut. Ich habe über längere Phasen auch so gelebt.
Ich hatte subjektiv die Tagelöhnerei als persönliche Freiheit wahrgenommen, denn sie war mir lieber als das Gefühl, mein gesamtes Leben dem Rythmus der Stechuhr und dem betrieblichen Alltag zu unterwerfen. Ich verzichtete auf größere ökonomische Ansprüche und wurde entschädigt mit einem Haufen Zeit, die ich für mich hatte und die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.
Das funktionierte aber nur so lange, wie die Tagelöhnerei halbwegs vernünftig entlohnt wurde und man von der Maloche noch Geld zurücklegen konnte. Wenn nichteinmal diese Jobs angeboten wurden, wurde das Gefühl der Freiheit von dem der Panik abgelöst.
Wenn man älter wird und die Gesundheit immer weniger robust ist, funktioniert dieses Lebenskonzept sowieso immer weniger.
Ich war immer davon überzeugt, ich könnte mir irgendwelche individuellen Nischen erhalten im ökonomischen Klarkommen.
Die Ausbeutungsverhältnisse änderns sich von Tag zu Tag, doch nicht zum besseren. Die Realität hat mich gelehrt, daß ich mir war vorgemacht habe.
Es gibt keine individuellen Auswege aus diesen Verhältnissen (wenn wir nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sind).
Ich sehe keine Alternative dazu, sich kollektiv mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen, alles andere bedeutet, wir werden von ihnen zerrieben, jeder für sich allein.

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 15293
  • Fischkopp
Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #4 am: 19:30:48 Sa. 14.Dezember 2019 »
Ich bin gerade zurück von einem Treffen von ehemaligen Opelarbeitern und Daimlerarbeitern. Einige hatten ihre Wurzeln in der 68er Bewegung, einer berichtete, wie er damals als Student in die Fabrik gegangen ist, um die Revolution voranzutreiben, die er vor der Tür zu stehen glaubte.

Es ist da auch eine Agitpropgruppe aufgetreten mit ein paar Kampfliedern mit selbstgeschriebenem Text. Sie treten manchmal am Daimlerwerkstor auf, während andere Flugblätter verteilen. Es war schon beeindruckend, auch bewegegend, aber auch ein wenig aus der Zeit gefallen. Es war alles im Stil der 20er Jahre gehalten. Aber Hut ab, es werden eh viel zu wenig Flugblätter vor Werkstoren verteilt, aber musikalische Propaganda in der heutigen Zeit, das war mir neu. Man sollte sich battlen, andere Musikprojekte mit einem zeitgemäßerem Sound gegen Retrokultur. Das wär mal was. Mir gefällt der Gedanke.

Aber auch die alten Recken sind sich nicht so einig, wie man mit den gemachten Erfahrungen umgehen soll. Einig war man sich darin, daß man die Kollegen mit betrieblichen Themen und Problemen erreichen kann, man aber über den betrieblichen Tellerrand ninausblicken muß und eine andere Gesellschaft im Fokus behalten sollte. Die Selbstermächtigung der Arbeiter*innen und der Wilde Streik sollten angestrebt werden und daß die IGM ein korrupter Drecksverein ist, der neben Eigeninteressen nur die Konkurrenzfrähigkeit der deutschen Wirtschaft im Auge hat, da war man sich noch einig. Aber in wieweit man den Gewerkschaftsapparat und gewerkschaftliche Strukturen für den Kampf nutzen sollte oder kann, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die Diskutanten wurden nicht nur immer lauter, sondern auch unflätiger und ich dachte, gleich hauen sich noch die Kollegen im fortgeschrittenen Rentenalter gegenseitig auf die Fresse. Es war wirklich sehr unterhaltsam

Fritz Linow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2095
Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #5 am: 15:40:12 Mi. 15.April 2020 »
Zitat
14.4.20
Alles fällt vom Himmel

Eine Linke, die nur noch Verteilungsfragen kennt und den Bezug zur Produktionssphäre verloren hat, hat den Bezug zur ArbeiterInnenklasse und zur Realität verloren.
(...)
Es geht um eine tatsächliche Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage und schließlich um die Kontrolle über die Produktionsmittel.

Unterm Strich bleibt als trauriges Fazit festzuhalten:

Eine Linke, die auf die ArbeiterInnenklasse scheißt, ist eine Linke, auf die die ArbeiterInnenklasse scheißt.
https://www.autonomie-magazin.org/2020/04/14/alles-faellt-vom-himmel/


Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 15293
  • Fischkopp
Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #6 am: 09:56:30 Sa. 13.Juni 2020 »
Es ist in der gesamten linken Szene so und auch nicht anders hier bei chefduzen:
Wenn ein Unternehmen oder eine Branche einen besonders schlechten Ruf besitzt, dann hält man es für selbstverständlich, daß man einen großen Bogen um einen Job da macht. 

Es ist egal, ob Rüstungsindustrie oder Chemiebranche, ob Amazon oder Hermes, da zu arbeiten gilt als indiskutabel.

Warum eigentlich?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden von den Ausbeutungsverhältnissen und der Macht der Wirtschaft geprägt. Man wird diese Verhältnisse nur von innen angreifen können. Bei der deutschen Linken ist Politik eine Freizeitbeschäftigung. Man begibt sich dafür auf die Spielwiesen, die einem dafür gelassen werden. Das sind meist Demos. Die "Radikalen" halten da Auseinandersetzungen mit der Polizei für besonders politisch.

Man sucht sich einen Job, der einem irgendwie entgegenkommt. Vielleicht etwas soziales. Oder etwas mit Medien, mit Kultur, mit besonderen IT Kenntnissen... Viele landen in einem Start-up, in der Freiberuflichkeit, Soloselbständigkeit. Oder man studiert und hangelt sich anschließend von einem bezahltem Einzelprojekt zum nächsten. Gern sind es auch "politisch relevante" bezahlte Projekte und dann hängen auch FAU Leute am Tropf der RSL, ggf. auch Böckler- oder gar Friedrich-Ebert-Stiftung.

In dieser Art Jobs ist es nur schwer möglich, den Job zum politischen Kampffeld zu machen. Und in meiner Erfahrung waren in  "normalen" Jobs Leute aus der linksradikalen Szene eher schlechte Kollegen. Zusammenhalt mit Leuten, die sie für nicht politisch halten, ist ihnen fremd.

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 15293
  • Fischkopp
Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #7 am: 12:54:38 Sa. 13.Juni 2020 »
Nun die Fortsetzung.

Selbsternannte Linksradikale sind bereit in den Auseinandersetzungen mit Bullen und Nazis Repression, selbst Knast in Kauf zu nehmen. Daß man eventuell eine Kröte schlucken muß, wenn man einen Job bewußt da antritt, wo man es politisch für sinnvoll hält, kommt im Denken einfach nicht vor.

Wenn man vorhat, den Betrieb als politisches Kampffeld zu nutzen, wird man es allein nicht weit bringen. Man braucht den Austausch mit anderen. Am besten mit Leuten aus dem Betrieb. Es hilft aber auch schon, seine Erlebnisse, Versuche und das Scheitern, mit Leuten von außerhalb zu diskutieren. Sonst hat man keine Chance.

Die meisten Leute hier im Forum haben mit solchen Gedanken warscheinlich wenig am Hut. Man arbeitet einfach der Scheißkohle wegen. Nach einer Zeit entwickelt jeder seine Strategien, wie man sich gegen den schlimmsten Mist im Arbeitsalltag wehrt, wie man fiese Vorgesetzte ins Leere laufen läßt, wie man sich Freiräume erhält, um den Arbeitsalltag auszuhalten.

Diese Erfahrungen sind die Basis für jede größere Auseinandersetzung.

Es ist nicht eine komische Marotte von mir, das Hauptinteresse auf den Kampf am Arbeitsplatz zu legen. Dort liegt die eigentliche Macht, das ist das Herz der kapitalistischen Verhätnisse. Wenn man von einer Revolution träumt, wenn man die herrschenden Machtverhältnisse aus den Angeln heben will, kommt man um den Kampf in den Betrieben nicht herum.

Eine handvoll Automobilararbeiter, die sich im Betrieb engagieren und gegen die PKW Produktion kämpfen (es gibt tatsächlich solche Betriebsaktivisten), haben mehr Wirkmacht als 5000 streikende Schüler, die mit fff für eine andere Verkehrspolitik demonstrieren.

Ferragus

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 12
Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #8 am: 09:24:38 Di. 16.Juni 2020 »
Große Hindernisse für  Kämpfe am Arbeitsplatz sind Konformismus und Druck bzw. Kontrolle von oben, die nichts dem Zufall überlässt und nur Arbeiter in die Fabrik hinein lässt, die auch hineinpassen. Und schaut euch die High-Tech-Fabriken von Daimler und Co an, glaubt ihr dort wird sich der aufs Ganze gehende Klassenkampf entzünden? Mir erscheinen sie wie nahezu perfekte Gefängnisse, die gar nicht als solche wahrgenommen werden können. Ich kenne Leute, für die Ausbeutung erst bei einer gewissen niedrigen Lohnhöhe anfängt und  die es "geil" finden für die Auto-Industrie, z.B. bei Bosch, zu arbeiten, weil sie da fürstlich entlohnt und auch anderweitig eingespannt werden. Diese werden sicherlich über Arbeitgeber mit schlechter Publicity empören und auch den einen oder anderen Lohnkampf unterstützen. Aber wie will man mit diesen angepassten Arbeitern, die sich von ihrer Ohnmacht und Maschinen-Ähnlichkeit nicht beunruhigen lassen, die Fabrik aus den Angeln heben?

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 15293
  • Fischkopp
Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #9 am: 12:43:09 Di. 16.Juni 2020 »
Hier möchte ich dir widersprechen.

Erstens: Der aufs Ganze gehende Klassenkampf wird sich nirgendwo entzünden, er wird sich erst aus einer Vielzahl von Einzelkämpfen entwickeln können und nach und nach übergeordnete Forderungen und Ziele entwickeln. Die Forderungen diverser lokaler Kämpfe sind eher sekundär. Hier wird jedoch das kollektive Kämpfen gelernt.

Zweitens: Es gibt keine perfekten Gefängnisse. Die H-Blocks des Hochsicherheitsknastes Long Kesh wurden zum Demütigen und Brechen der IRA Gefangenen konstruiert, doch die knallharten Kämpfe der Gefangenen und der Unterstützer außerhalb des Knastes waren nicht zu unterbinden.
Zitat
In der Folgezeit wurden praktisch alle Forderungen der Gefangenen erfüllt
https://de.wikipedia.org/wiki/Maze_Prison
Auch in Ausschwitz konnte sich kollektiver Widerstand entwickeln und es gelang die Vernichtungsmaschinerie zu verlangsamen durch die Sprengung von Verbrennungsöfen.

Ich halte es für problematisch, daß die Linke sich gern auf ein Modeziel einschießt. Da erhofft man sich den Zündfunken zur Revolution. "Amazon", "die Logistikbranche", "die prekäre Arbeit". Schön und gut, das sind zwar lohnende Ziele, ich halte es aber für schädlich, alle anderen Branchen und Bereiche aus dem Fokus zu verlieren, weil man meint, da sei alles maximal befriedet und Kämpfe wären undenkbar.

Gerade dort, wo es für undenkbar gehalten wird, macht das Kämpfen Sinn. Die Autoindustrie ist die mächtigste Kapitalfraktion im Land. Die sollte nicht in sich nicht in Sicherheit wiegen und sich für unangreifbar halten. Auch dort sind kämpfe möglich.



Es sind in diesem Bereich Betriebsgruppen nötig. Es gibt noch welche, die meist ihre Wurzeln in der unseligen Zeit der K-Gruppen liegt. Die meisten Gruppen sind zerfallen, die wenigen Überlebenden sind oftmals relativ zahnlos geworden. Die heutige sogenannte "radikale Linke" hat so gut wie keine Erfahrung mit Betriebsgruppen und ein Engegament in Bereichen wie der Automobilindustrie ist jenseits der Vorstellungswelt. Das halte ich für ein ernstes Problem.