Autor Thema: Gewerkschaften  (Gelesen 181165 mal)

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #645 am: 10:23:31 Di. 30.November 2021 »
Zitat
Verdienste von Millionen Tarifbeschäftigten steigen so langsam wie noch nie
Die Tarifverdienste haben im dritten Quartal zum Vorjahr im Schnitt leicht zugelegt. Die hohe Inflation können sie bei weitem nicht ausgleichen.
https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/tarifverdienste-verdienste-von-millionen-tarifbeschaeftigten-steigen-so-langsam-wie-noch-nie/27846658.html

Hat der DGB ja gut hingekriegt.

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #646 am: 19:43:55 Fr. 04.März 2022 »
Vom DGB erwarte ich stets nur das Schlimmste.
Aber damit habe nicht einmal ich gerechnet:

Zitat
DGB stellt sich hinter das 100-Milliarden-Aufrüstungspaket der Regierung

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat sich in einer gemeinsamen Erklärung im wesentlichen hinter die aktuelle Linie der Bundesregierung im Ukraine-Konflikt gestellt. Die „scharfen wirtschaftlichen Sanktionen“ werden befürwortet. Zudem habe die Regierung „zu Recht verteidigungspolitisch schnell“ reagiert. Damit dürfte das 100-Milliarden-Aufrüstungspaket gemeint sein.
https://perspektive-online.net/2022/03/dgb-stellt-sich-hinter-das-100-milliarden-aufruestungspaket-der-regierung/

Ich bin fassungslos!


dagobert

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #647 am: 21:31:08 Fr. 04.März 2022 »
Vom DGB erwarte ich stets nur das Schlimmste.
Aber damit habe nicht einmal ich gerechnet:
Der DGB hat Hartz IV befürwortet, die DGB-Funktionäre führen sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Co-Manager auf, statt als Arbeitnehmervertreter, und wenn es um den "Standort Deutschland" geht, sind die DGB-Gewerkschaften auch immer vorne mit dabei.
Für mich passt das ins Bild.

Nicht zu vergessen: Rüstungsaufträge sichern Arbeitsplätze. Da kann der DGB nicht widersprechen.
"Ich glaube, daß man nichts vom Krieg mehr wüßte,
wenn wer ihn will, ihn auch am meisten spürt."
Udo Jürgens (Ich glaube, 1968)

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #648 am: 10:14:12 Sa. 05.März 2022 »

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #649 am: 18:45:39 Mo. 07.März 2022 »
@dagobert, ich kenne diese Hintergründe des DGB Apparats.
DGB Chef Reiner Hoffmann kriegt 13.500 Euro (Zahl von 2018) monatlich und gehört zur Atlantikbrücke (https://www.atlantik-bruecke.org/die-atlantik-bruecke/gremien/ ruhig lesen!)

Der DGB hat aber 6 Millionen Mitglieder. Die sind ja nicht dabei, weil sie solchen Scheißdreck gut finden.
Sie wissen da eine Rechtsschutzversicherung zu haben und darüber hinaus hoffen sie, daß sie zumindest ganz grob eine Vertretung für ihre Interessen als Arbeiter zu haben. Daß das alles nicht so dolle ist, weiß heute eigentlich jeder.

Daß der DGB jedoch so offen und krass sich gegen die Interessen der Arbeitenden wendet, ist alles andere als normal.
Daß sowas lautlos über die Bühne geht, kann ich mir nicht vorstellen.

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #650 am: 10:15:15 Do. 10.März 2022 »
DGB unter neuer Führung

Yasmin Fahimi

  • seit 1986 SPD-Mitglied, 2014-15 Generalsekretärin
  • seit Juni 1998 Mitglied der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie IGBCE
  • August 2001 Entsendung zur XXIII. Deutsch-amerikanischen „Young Leader“-Konferenz der Atlantikbrücke e.V.
  • 2016 - 2017 Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Der DGB bleibt sich treu.
Organisation zur Kontrolle der Arbeiterklasse mit Einbindung in Staat und Atlantikbrücke.
(Die IGBCE ist die reaktionärste und untermerfreundlichste der DGB Gewerkschaften)

Zitat
Künftige DGB-Chefin Yasmin Fahimi
"Scholz weiß, dass er keinen Schmusekurs kriegt"
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fahimi-interview-dgb-1.5544054?reduced=true

       

ManOfConstantSorrow

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #651 am: 20:16:40 Fr. 11.März 2022 »

(...)

Als aktive Gewerkschafter:innen fordern wir:

   
  • Ein Ende der Militäroffensive der russischen Armee: sofortiger Abzug der Truppen und ein Ende der Bombardierungen!
  • Rückzug von NATO-Truppen und Nein zur NATO-Osterweiterung! Keine Waffenlieferungen an die Ukraine!
  • Ausstieg Deutschlands aus der NATO und Kampf für die Auflösung der NATO! Stopp aller Auslandseinsätze der Bundeswehr!
  • Arbeiter:inneneinheit gegen Krieg und Aufrüstung
  • Für eine starke internationale Anti-Kriegsbewegung, maßgeblich angeführt von Gewerkschaften – bis hin zu Mobilisierungen und notfalls Arbeitsniederlegungen (z.B. bei Waffen- und Truppentransporten, wie Kolleg:innen in anderen Ländern es bereits in der Vergangenheit gemacht haben)
  • Unterstützung des Aufbaus unabhängiger Gewerkschaften in Russland und in der Ukraine
  • Keinerlei Repression und Einschränkungen der Presse- und der Meinungsfreiheit in Russland und der Ukraine
  • Schluss mit den Inhaftierungen von Kriegsgegner*innen
  • Aufnahme aller Asylsuchenden und Geflüchteten unabhängig vom Pass, gegen rassistische Selektion an den Grenzen
  • Stopp der Sanktionen! Keine Preiserhöhungen!
  • Der DGB und seine Gewerkschaften dürfen ihre antimilitaristischen Positionen nicht aufgeben!
            Wie in der Erklärung des DGB vom 25.2.22 geschrieben: Nein zu allen Waffenexporten
            Wie 2019 vom DGB beschlossen: Nein zum Ziel von Rüstungsausgaben nach Vorgaben der NATO (zwei Prozent des jährlichen BIP)
  • Gegen den Sonderetat von 100 Milliarden zur Ausrüstung der Bundeswehr u.a. mit atomwaffenfähigen Kampfjets
  • Gegen jede Kürzung in anderen Bereichen der öffentlichen Versorgung für die Finanzierung des Sonderetats von 100 Mrd. Euro und gegen eine Erhöhung des jährlichen Rüstungshaushaltes
  • Stattdessen dieses Geld gesellschaftlich sinnvoll nutzen – für ein massives Investitionsprogramm in die Bereiche Gesundheit, Bildung, Soziales mit ausreichend Stellen und Bezahlung nach Tarif sowie Unterstützung für Geflüchtete aller Herkunft!
     
(...)

https://www.vernetzung.org/gewerkschafterinnen-gegen-krieg-und-aufruestung-2/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #652 am: 12:07:23 Do. 19.Mai 2022 »
Lesenswert:

Zitat
Gewerkschaften sind gut – aber nicht gut genug

Damit die arbeitende Klasse das Kapital herausfordern kann, muss sie organisiert sein – und dafür sind Gewerkschaften unentbehrlich. Doch um den Kapitalismus zu überwinden, reicht das nicht.


Gewerkschaften nehmen seit Langem eine widersprüchliche Stellung in der marxistischen Theorie ein. Als Ausdrucksmittel der arbeitenden Klasse sind sie unerlässlich, damit man als handlungsfähiges Kollektiv auftreten kann. Und sie sind zudem ein essenzielles Instrument im Arbeitskampf. Wenn wir über die »arbeitende Klasse« oder eine »Aktion der Arbeiterklasse« sprechen, betrachten wir üblicherweise entweder Aktionen von Arbeitenden, die bereits in Gewerkschaften organisiert sind oder genau das erkämpfen wollen. Gleichzeitig offenbaren sich Gewerkschaften als mangelhaftes und unzureichendes Vehikel für die arbeitende Klasse, um eine der zentralen Ziele der marxistischen Theorie zu erringen: den Umsturz des Kapitalismus. Als Organisationen, die hauptsächlich mit Arbeitgebern über Löhne, Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen verhandeln, existieren Gewerkschaften nur in Relation zu den Kapitalisten. Dadurch entwickelten sie sich fast zwangsläufig zu reformerischen Institutionen, die Arbeitsverhältnisse entschärfen und verwalten, aber nicht transformieren.
(...)
https://jacobin.de/artikel/gewerkschaften-barry-eidlen-hal-draper-robert-michels-operaismo-new-unions-us-knights-of-labor/

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #653 am: 20:20:15 Di. 24.Mai 2022 »
Zitat
Braucht es noch Gewerkschaften? Wenn ja: welche?
Eine notwendige Debatte


 Schon lange nicht mehr waren so wenige Beschäftigte in einer Gewerkschaft organisiert: Derzeit sind es nur noch 17 Prozent aller Lohnabhängigen; bei den Jüngeren ist es nur jede/r Zehnte. Und die Zahlen sinken weiter. In Großbetrieben mit Betriebsrat und im öffentlichen Dienst sind Organisationen wie die IG Metall, ver.di oder die Gewerkschaft Nahrung-Gaststätten-Genussmittel (NGG) noch präsent. Aber wer kümmert sich um das neue Prekariat der Solo-Selbständigen, um die einsamen Arbeitskräfte der digitalen Ökonomie, um die Ausgegrenzten und Marginalisierten? Und wer mobilisiert sie? Marschieren die Gewerkschaften in die Bedeutungslosigkeit? Läuft da was falsch? Versagt die Bewegung? Ist sie zu verkrustet, zu institutionell, zu unpolitisch? Die Gewerkschaften, sagte einmal der französische Soziologe Pierre Bourdieu, »müssen sich ständig wandeln, um bestehen zu können«. Aber in welche Richtung? Müssen sich die Gewerkschaften neu erfinden?

Eine Diskussion mit Johanna Vogt, Moritz Gallus und anderen jungen Aktiven von Konstanzer Einrichtungen und Betriebsgruppen, mit Manuel Oestringer  vom Klimacamp Konstanz und N.N. von der anarchosyndikalistischen FAU.

Termin: Mittwoch, 25. Mai 2022, 20 Uhr
Ort: Bürgersaal, Stephansplatz Konstanz
Freier Eintritt. Es gelten die aktuellen Corona-Regeln.
https://druck-machen.net/braucht-es-noch-gewerkschaften-wenn-ja-welche/

Ferragus

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #654 am: 12:03:12 Mi. 25.Mai 2022 »
der jacobin-text "Gewerkschaften sind gut – aber nicht gut genug" ist weitausholend und wirklich gut . Ein Hinweis auf den rev. Unionismus vermisst man etwas (d.h. Verschmelzung von ökonomischen und politischen Kampf in einer Organisation).Den Schlusssatz teile ich nicht: sicherlich sehen wir Militanz bei Aktionen der  Lohnabhängigen gern, aber solange sie nicht begreifen, warum sich ihre eigenen Organisationen bürokratisiert und in eine konservative Kraft umgewandelt haben, und keine praktischen Mittel dagegen gefunden werden, solange kommen wir nicht voran.

Kuddel

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Re: Gewerkschaften
« Antwort #655 am: 12:55:05 Di. 21.Juni 2022 »
Zitat
Gewerkschafterinnen, fürchtet euch nicht!
Arbeitskampf. Nur mit einem radikalen Neuanfang kommen die Gewerkschaften aus ihrem Tief. So könnte er aussehen
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/arbeitskampf-wie-die-gewerkschaften-gerettet-werden-koennen

Ich halte betriebliche Kämpfe für das bedeutendste Mittel für die grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Ich teile aber die Hoffnung nicht, daß die DGB Gewerkschaften ein geeignetes Mittel zur Organisierung dieser Kämpfe sind. Seit mindestens 50 Jahren hofft man, wenn Linke in die Gewerkschaften gehen, sie daraus kämpferische Organisationen machen können. Sie haben sich irgendwann in dem Apparat verschlissen, haben resigniert oder reden immernoch den gleichen Mist wie vor Jahrzehnten... doch sie erreichen nichts. Ich halte den DGB für ebensowenig reformierbar wie Vatikan oder FIFA.

Den Aktivisten bei Amazon ist unglaubliches gelungen, sie haben nicht nur gewerkschaftliche Strukturen genutzt für ihre Organisierung und ihren Kampf, ihnen ist es auch gelungen, einen großen Freiraum innerhalb des Gewerkschaftsapparats zu entwickeln. Sie erhielten ein Kontigent an Streiktagen, über die sie spontan und autonom entscheiden können, ohne die Gewerkschaft um Genehmigung bitten zu müssen. Das ist aber eine Ausnahmesituation bei Amazon. Das lag einerseits an der besonderen Situation, daß der US Konzern den Laden völlig gewerkschaftsfrei halten wollte und Verdi es nicht ungern sah, daß ein paar klassenkämpferische Aktivisten ihr nun mehrere Tausend neuer Mitglieder beschert haben. Außerdem waren es recht gewiefte Betriebsaktivisten, die mit einem geschckten Umgang mit Verdi in diese Position gekommen sind.

Ich kenne auch andere, die nicht nur eine Verbesserung betrieblicher Bedingungen anstreben, sondern einen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, die in DGB Gewerkschaften organisiert sind. Sie treffen sich und diskutieren außerhalb der gewerkschaftlichen Strukturen, haben teilweise Leute im Betriebsrat und/oder Betriebsgruppen. Ich finde das gut. Eine solche Gruppe hat auch einen Wilden Streik auf die Beine gestellt, also einen Arbeitskampf jenseits der Gewerkschaft.

Ich finde erstmal alles gut, was dazu beiträgt, daß Kämpfe innerhalb des Ausbeutungssystems entstehen. Das können Leute in der Gewerkschaft sein, die auch bereit sind, einen gewerkschaftsunabhängigen Kurs zu fahren. Es können Basisgewerkschaften sein, die sich nicht auf den beschissenen sozialpartnerschaftlichen Kurs des DGB eigeschworen haben, sondern für den aktiven Kampf mit den Kollegen stehen oder diejenigen, die einfach mit Basisarbeit und Betriebsgruppen Kämpfe vorantreiben wollen.

Auch die aktuelle Krankenhausbewegung ist sehr inspirierend, die sich außerhalb der bürokratischen Gewerkschaftstradition bewegt und die Spaltungen zwischen Pflegekräften, Servicepersonal und Ärzten überwindet und auch Unterstützer von Außen einbezieht, wie Patienten, Angehörige oder Stadtteilgruppen und andere.

Zitat
Yasmin Fahimi steht für einen Neuanfang. Misslingt er, ist es mit der gesellschaftlichen Gestaltungskraft für lange Zeit vorbei.
Hilmar Höhn, Autor des Artikels im Freitag, verdient seine Brötchen bei der DGB-nahen Böcklerstiftung.