Autor Thema: Grabrede auf die UdSSR  (Gelesen 1663 mal)

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Grabrede auf die UdSSR
« am: 22:55:37 Fr. 22.Dezember 2006 »
Zitat
Grabrede auf die UdSSR
Am 25. Dezember 1991 schied Michael Gorbatschow als letzter Präsident der Sowjetunion aus seinem Amt
Von Günter Judick

Am 25. Dezember 1991 verschwand die rote Fahne vom Dach des Moskauer Kremls. 69 Jahre war sie Symbol der Sowjet union, die 1922 als festes Bündnis unabhängiger, gleichberechtigter, im Ergebnis der Oktoberrevolution entstandener Sowjetrepubliken zum gemeinsamen Aufbau einer ausbeutungsfreien Gesellschaft und ihrer gemeinsamen Verteidigung gegen die kapitalistische Umkreisung geschaffen worden war. Sie war zugleich für Millionen Kommunisten, aber auch für viele Demokraten und um den Frieden besorgte Menschen der Beweis dafür, daß eine andere, nicht den brutalen Gesetzen der Ausbeutung unterworfene Gesellschaft möglich und der imperialistischen Kriegsgefahr eine Gegenkraft des Friedens erwachsen war.

Zur unwiderlegbaren Bilanz dieser sieben Jahrzehnte gehört: Die Selbstbehauptung der Sowjetmacht gegen jahrelange Intervention und konterrevolutionäre Armeen, die internationale Solidarität mit allen progressiven Bewegungen, die entscheidende Rolle beim Sieg über den Hitlerfaschismus und der Befreiung der Völker Europas, die Chance für viele osteuropäische Völker, den Weg zum Sozialismus zu beschreiten, die Entwicklung der UdSSR zur zweitstärksten Industriemacht der Welt, ihre Rolle bei der Zerschlagung des imperialistischen Kolonialsystems und dem Befreiungskampf der Völker, ihre Solidarität mit den Völkern Indochinas und Kubas. Und auch, daß uns ein Atomkrieg erspart, ein neuer Weltkrieg verhindert wurde, ist nicht zuletzt ihr Verdienst.

Jedes dieser Verdienste kann mit einem »Aber« verbunden werden. Viele meiner Beiträge in der jungen Welt und andernorts haben in den letzten zwei Jahrzehnten sich diesem »Aber« zugewandt. Die Aufarbeitung von Fehlern, Verbrechen, falschen Analysen, Personenkult und vielem Wunschdenken bleibt für alle Linken notwendig. Doch dabei darf das, was die Welt des 20. Jahrhunderts bestimmte, nicht vergessen werden. Und dazu gehört mit allen Problemen die weltverändernde Rolle der Sowjetunion.

Jämmerliche Bilanz

Die Grabrede auf die Sowjetunion hielt ihr letzter Präsident, Michail Gorbatschow, von dem in Rußland kaum ein Hund noch ein Stück Brot annimmt, während er von den Kapitalisten gefeiert wird. Seine Grabrede war ein Betteln um die Anerkennung seiner Verdienste um die Restauration des Kapitalismus, in denen Wodkakommunisten wie Boris Jelzin und offene Konterrevolutionäre wie Eduard Schewardnadse ihn später allerdings noch bei weitem übertrafen.

Gorbatschow galt 1985 als die große Hoffnung der Kommunisten, einen Ausweg aus der Stagnation der Breshnew-Zeit, aus dem Afghanistan-Dilemma, aus dem kräftezehrenden atomaren Wettbewerb mit den USA und aus dem weltweiten Kalten Krieg zu finden. Perestroika und Glasnost verstand man als Voraussetzung für eine konkrete, der Wahrheit verpflichteten Analyse der Geschichte und der realen Kräfteverhältnisse in der weltweiten Auseinandersetzung mit dem Imperialismus. Dogmatismus in den sozialistischen Ländern Europas und den mit der KPdSU eng verbundenen kommunistischen Parteien sollte überwunden und erfolgversprechende, den realen Bedingungen gerecht werdende Strategien entwickelt werden.

Die Bilanz dieser Zielstellung war verheerend. Gorbatschow war stark in der Kritik der Vergangenheit, bewies aber völlige Unfähigkeit darin, die von ihm vorhergesehene Krise der sowjetischen Wirtschaft mit neuen Konzepten zu verhindern. Vielmehr stürzten seine Reformen das Land in ein totales Chaos. Gewollt oder ungewollt öffnete seine »Wirtschaftspolitik« dem Kapitalismus alle Tore. Seine »Entspannung« bedeutete den Zusammenbruch des Warschauer Vertrages, den Verkauf der DDR an seinen Busenfreund, Bundeskanzler Helmut Kohl, und leitete damit das Ende auch der Sowjetunion und des europäischen Sozialismus ein. Sicher wäre es falsch, dieses Ende nur an einer Person, an Gorbatschow, festzumachen. Viele, gerade auch in der Perestroika benannte langfristige Ursachen waren sicher bedeutsamer, und so wie Stalin nicht allein für eine Epoche verantwortlich ist, so hatte auch Gorbatschow genügend Komplizen, die mehr als er selbst z. B. im Jelzin-Clan ihre persönliche Bereicherung betrieben. Ganz sicher ist die persönliche Verantwortung Gorbatschows nicht zu trennen von einer verbreiteten Unfähigkeit der Kommunisten, eine gegebene Lage mit den von Marx und Lenin entwickelten Methoden richtig zu analysieren, statt auf die Unfehlbarkeit eines »Generalsekretärs« zu vertrauen.

Keine bessere Welt

Das Ende der Sowjetunion war gleichbedeutend mit dem Ende des Kalten Krieges, dessen Grundlage die Existenz zweier Großmächte mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung war. Es war– Hauptursache der Niederlage– dem Imperialismus gelungen, die stets bedrohte und ökonomisch schwächere sozialistische Ordnung »totzurüsten«. Breshnews Erfolgsmeldung von der Schaffung des annähernden »militärischen Gleichgewichts« zwischen den Systemen bedeutete zwar in der Situation der 70er Jahre Sicherung des Friedens, hieß aber auch Verzicht auf eine allseitige Entwicklung der sozialistischen Volkswirtschaft – auf Kosten der Entwicklung des Lebensstandards in den sozialistischen Ländern. Das Ende der Sowjetunion bedeutete für die Massen keine Verbesserung ihres Lebens, sondern Elend und Arbeitslosigkeit sowie Bereicherung weniger, nicht selten durch Gorbatchows Reformen reichgewordener Spekulanten.

Wurde die Welt friedlicher und gerechter? Jeder kann die Antwort selbst geben.

Hat das Ende des Kalten Krieges den Arbeitenden in den kapitalistischen Ländern Europas Vorteile gebracht, etwa weil Rüstungskosten sinken und die Sozialpolitik verbessert wird? Jeder spürt das Gegenteil. Solange es eine Sowjetunion und eine DDR gab, solange war der »rheinische Kapitalismus« in der BRD gezwungen, zur Erhaltung des kapitalistischen Systems Zugeständnisse zu machen und sich als »reformfreudig« zu erweisen. Mit dem Ende der DDR und der UdSSR, dem Wegfall der Systemkonkurrenz in Europa wurden »Reformen« zum Kampfbegriff gegen damals erkämpfte soziale und demokratische Rechte. Das bewußt zu machen, bleibt Aufgabe aller Linken.

Quellentext: Aus der Abschiedsrede Gorbatschows am 25. Dezember 1991

Die Gesellschaft erstickte im Kommandosystem der Planung. Verdammt, der Ideologie zu dienen und die übermäßige Rüstung zu tragen, hatte sie die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht. Alle Versuche, Teilreformen durchzusetzen, erlitten eine Niederlage. (…) Das Land verlor seine Ziele aus den Augen. (…) Alles mußte radikal verändert werden.

Dennoch wurde ein Werk von historischer Bedeutung vollbracht. Das totalitäre System ist abgelöst worden. (…) Ein Durchbruch ist auf dem Weg der demokratischen Reformen erzielt worden. (…) Der Weg hin zu einer vielfältigen Wirtschaft ist eingeschlagen, die Gleichheit aller Besitzformen festigt sich. Im Rahmen der Agrarreform erwacht die Landwirtschaft zu neuem Leben. Es gibt wieder Bauernhöfe, Millionen Hektar Land werden an Dorf- und Stadtbewohner verteilt. Die wirtschaftliche Freiheit der Erzeugers ist Gesetz geworden. Es gibt Unternehmensfreiheit und Privatisierung, Aktiengesellschaften können gegründet werden. Bei der Hinwendung der Wirtschaft zum Markt muß daran erinnert werden, daß dieser Schritt zum Wohl des einzelnen getan wird. (…)

Das alte Systerm ist zusammengebrochen, bevor das neue sich in Bewegung setzen konnte, und die Krise der Gesellschaft hat sich noch verschärft. Ich kenne die Unzufriedenheit mit der derzeitigen schweren Lage, die harte Kritik an den Führungskräften und auch an mir. Aber ich möchte noch einmal betonen: Radikale Veränderungen in einem so großen Land mit einer solchen Erblast können nicht ohne Schmerzen, Schwierigkeiten und Erschütterungen vor sich gehen. (…) Ich verlasse mein Amt mit großer Sorge.

aus: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2/1992, S. 246–248
Quelle: http://www.jungewelt.de/2006/12-23/002.php
Grüße


Sozialismus!