Autor Thema: [Sexarbeit] Artikel aus "Wildwechsel"  (Gelesen 3135 mal)

Jule

  • Gast
[Sexarbeit] Artikel aus "Wildwechsel"
« am: 14:34:37 Sa. 15.Februar 2003 »
Prostitution legalisieren?
Beruf: Hure

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Prostitution ist angeblich "das älteste Gewerbe der Welt". Es gab allerdings nur wenige Zeiträume, in denen die Arbeit der Huren, die immer von vielen Männern in Anspruch genommen wurde, auch geachtet wurde. Statt dessen wurden sie stark ausgegrenzt und beschimpft. Daran hat sich auch in unseren aufgeklärten Zeiten wenig geändert. Prostituierte haben ein miserables Ansehen und schlechte Arbeitsbedingungen. Sie müssen zwar ihre Einkommen versteuern, sind aber von allen sonst üblichen sozialen Sicherungen des Staates abgeschnitten. Eine Initiative von Bundestagsabgeordneten um die SPD-Abgeordnete Christel Hanewinckel versucht, die Gesetzeswirklichkeit dem realen Leben näherzubringen. Sie will Huren und Zuhälter zu ordentlichen Gewerbetreibenden mit Arbeitsverträgen machen. Einzahlungen in die gesetzliche Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung sollen selbstverständlich werden. Frau Hanewinckel greift damit Gesetzesinitiativen von SPD und Bündnisgrünen aus ihrer Oppositionszeit auf, die 1998 zu einer Sachverständigenanhörung im Bundestag führten, bei der eine große Zahl der Experten die Streichung bzw. Änderung der Paragraphen 180 a und 181 a des Strafgesetzbuches forderten. Die damalige Vorsitzende des Ausschusses für Famile, Senioren, Frauen und Jugend Dr. Edith Niehuis (SPD) hatte bei der Anhörung das Ausmaß der Prostitution in Deutschland deutlich gemacht: 400.000 Prostituierte, 1 Million Freier pro Tag und 12,5 Milliarden DM, die pro Jahr für "sexuelle Dienstleistungen" ausgegeben werden (Bundestagsprotokoll vom 14.1.98). SPD und Grüne hatten deshalb auch in ihrer Koalitionsvereinbarung festgeschrieben, dass sie die Situation für Prostituierte verbessern wollen. Prominente Befürworter der Initiative sind die Fernsehmoderatoren Alfred Biolek und Roger Wilhelmsen. Wilhelmsen, der sich für einen Themenabend des Senders »arte« mit der Situation von Prostituierten beschäftigt hat, betont: "Wie beim Thema Drogen ist auch bei der Prostitution eine Legalisierung der einzige Weg aus dem Elend." Unermüdlich wirbt die Prostituierte Felicitas Weigmann aus Berlin, die sich selbst als "moderne Puffmutter" bezeichnet, für die Legalisierung. Auch der Staat müsse daran Interesse haben, denn sie brächte mehr Transparenz und Kontrollmöglichkeiten und die Vertreibung von zwielichtigen Gestalten aus dem Gewerbe. "Im Moment kann sich gar kein seriöser Geschäftsmann leisten, ein solches Unternehmen aufzumachen," beklagte sie im Oktober in Bioleks Talk-Show »Boulevard Bio«. Doch das Strafgesetzbuch erlaubt im Moment keine legale Ausübung der Prostitution auf Angestelltenbasis - wer an der Prostitution mitverdient, macht sich strafbar. Frau Hanewinckel will das ändern, sie will aus Zuhältern Arbeitgeber machen, "die in die Sozialkassen einzahlen für ihre Arbeitnehmerinnen". Felicitas Weigmann betont, damit würde sich auch die bisherige Situation ändern, das viele Prostituierte ungerechtfertigt Sozialhilfe beziehen, um nicht völlig unabgesichert dazustehen. Die Kritik an der Initiative der SPD-Abgeordneten kommt allerdings nicht nur von den üblichen (Doppel-)Moralisten, die die vorhandene Prostitution am liebsten totschweigen wollen. Es gibt auch Bedenken, dass durch die Freigabe der Zuhälterei organisierte Kriminalität legalisiert werden könnte und einer weiteren Ausbeutung von Frauen Vorschub geleistet wird. Schon jetzt werden vielfach vor allem ausländische Frauen gewaltsam zur Prostitution gezwungen. Das einzige, was den Verantwortlichen für diese moderne Form der Sklaverei aber meistens nachzuweisen ist, ist die Zuhälterei. Der leitende Kriminaldirektor Gunter Hauch (München) beklagt die häufige Gewaltanwendung von Zuhältern gegen Prostituierte, vor allem aus Osteuropa. "Arbeitsverweigerungen" führten zu massiven Misshandlungen, oft würde den Frauen das ganze Geld und der Pass abgenommen, häufig dürften sie noch nicht einmal Kondome benutzen. Er äußert die befürchtung, dass bei Streichung der Paragraphen die "dirigistischen und ausbeuterischen Handlungen" der Zuhälter nicht "wirksam zu kriminalisieren" seien. Frau Hanewinckel nimmt solche Bedenken zwar ernst, meint aber, daß die Schuldigen auch nach der von ihr angestrebten Reform bestraft werden könnten: "Wenn es darum geht, daß Frauen gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen werden, dann ist das nicht nur Zuhälterei, sondern Menschenhandel, Nötigung und Erpressung, und dafür gibt es andere Straftatbestände." Der Düsseldorfer Anwalt Ulrich Baumschulte fordert, das Strafgesetzbuch so zu ändern, dass die Strafbarkeit der Zuhälterei nur noch bei einem Handeln gegen den Willen der Prostituierten bestehen bleibt. Im Familienministerium ist man zur Zeit dabei, einen differenzierten Gesetzentwurf zu erarbeiten. Christine Drössler von der »Prostituierten-Selbsthilfe« in Frankfurt hält das für dringend geboten: "Der notwendige Schutz wird am besten dadurch erreicht, dass die arbeitsrecht lichen Schutzinstrumente auch für Prostituierte gelten." Schließlich findet nicht jede »Pretty Woman« ihren Millionär, der ihr einen unbeschwerten Neuanfang ermöglicht