Autor Thema: Diagnose: Verwahrlost  (Gelesen 2265 mal)

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Diagnose: Verwahrlost
« am: 19:20:06 Mi. 03.Januar 2007 »
Zitat
Diagnose: Verwahrlost
Verbrechen an Kindern in kirchlichen und staatlichen »Erziehungsanstalten« der BRD werden aufgearbeitet. Opferverband geht von rund 500000 Leidtragenden aus
Jana Frielinghaus

Von Medien und Politik wird derzeit gern suggeriert, noch nie seien so viele Eltern wie heute mit der Erziehung ihres Nachwuchses überfordert gewesen wie heute. Daß einem nicht unerheblichen Teil der Menschheit schon immer Geduld und Verständnis für kindliches Verhalten fehlte, wird dabei geflissentlich übersehen. In den goldenen Jahren des Wirtschaftswunders gab es nicht weniger mißhandelte und vernachlässigte Mädchen und Jungen als heute. Als Schuldige galten jedoch in der Regel nicht die Erziehungsberechtigten, sondern die Kinder selbst, die vielfach trotz längst bekannter reformpädagogischer Ansätze noch immer als von Natur aus defizitär bis »böse« angesehen wurden. Kirchliche und staatliche Träger von »Erziehungsanstalten« unterstützten Eltern eifrig dabei, sich lästig gewordener Brut zu entledigen. Oft wurden Kinder ohne Vorwarnung und ohne Angabe von Gründen abgeholt. In vielen Heimen wurde ihnen vor allem eins beigebracht: Daß sie eigentlich nichts wert seien. Zu hören bekamen sie dergleichen mehrheitlich von »barmherzigen« Schwestern und ebensolchen Brüdern, denn 80 Prozent der Heime waren nach Angaben von Spiegel-Autor Peter Wensierski in konfessioneller Hand. »Nebenbei« wurden die Zöglinge in großem Stil als billige Arbeitskräfte ausgebeutet.

Erste Schuldbekenntnisse
Mit der Veröffentlichung seines Buches »Schläge im Namen des Herrn« (siehe dazu jW vom 10.4.2006) löste Wensierski eine öffentliche Debatte zum Thema Heimerziehung aus, in deren Verlauf von hohen Kirchenvertretern erstmals so etwas wie ein öffentliches Schuldeingeständnis zu hören war. Zuvor waren Übergriffe bestenfalls als Ausnahme und Resultat von Arbeitsüberlastung und Überforderung der Erzieher dargestellt worden. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, will nun »heilsame und entlastende Entschuldigungen« auf den Weg bringen. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, befürwortet die »Aufarbeitung der Geschehnisse, die in einigen Heimen schon begonnen hat, um wenigstens heute den Opfern gerecht zu werden zu versuchen«.

Irland als Vorbild
Anfang 2006 haben sich Betroffene zusammengetan und den Verein ehemaliger Heimkinder gegründet. Er richtete im Frühjahr eine Petition an den Deutschen Bundestag, in der die Ächtung der damaligen Erziehungspraxis ebenso gefordert wird wie eine materielle Wiedergutmachung für rund eine halbe Million Leidtragende, unter anderem in Form von Rentenanerkennungszeiten. Das Beispiel Irlands hat sie dazu ermutigt: Die Dubliner Regierung richtete 2004 eine staatliche Untersuchungskommission zu den Menschenrechtsverletzungen in Heimen ein, mißhandelte frühere Insassen werden vom Staat mit insgesamt einer Milliarde Euro entschädigt.

Plädoyer für Kinderrechte
Die in der Petition geforderte öffentliche Anhörung im zuständigen Bundestagsausschuß hat am 11. Dezember stattgefunden. Michael-Peter Schilt sky, Geschäftsführer des Opfervereins, betonte, nicht in allen Anstalten seien Quälereien und Bildungverweigerung üblich gewesen. Aber auch er war von seiner Mutter mit noch nicht zehn Jahren endgültig abgeschoben worden, der Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits todkrank und starb ein halbes Jahr später. Die ersten fünf Heimjahre waren für ihn geprägt von Gewalt und sexuellem Mißbrauch.

Ob es in der BRD zu mehr als einem symbolischen Schuldeingeständnis des Staates kommt, ist fraglich. Denn selbst aus dem Justizministerium haben die Betroffenen zu hören bekommen, Gewalt in der Erziehung habe nun einmal dem damaligen Zeitgeist entsprochen. Für Michael-Peter Schiltsky sind solche Äußerungen eine »unverschämte Verharmlosung«. Vor dem Petitionsausschuß verwies er unter anderem darauf, daß das Grundgesetz seit 1949 gilt: »Ich habe darin keine Stelle finden können, in der festgestellt wird, daß Kinder keine Menschen sind, also die Menschenrechte für sie keine Gültigkeit hätten.« Nicht die Kinder, die in den Heimen seelisch und physisch mißhandelt und diskriminiert wurden, seien verwahrlost gewesen, sondern die Gesellschaft, die dies zugelassen hat, so Schiltskys Resümee.
Quelle: http://www.jungewelt.de/2007/01-04/011.php
Grüße


Sozialismus!