Autor Thema: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor  (Gelesen 17652 mal)

tv-junkie

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Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« am: 20:38:49 Mo. 17.Februar 2003 »
Ein Freund von mir ist in einem Medienjob gelandet. Er würde sich wohl nie selbst bei CHEFDUZEN melden, weil er nicht zugeben würde, wie doll er sich verarschen läßt. Er wollte Kameramann werden und sein Schulabschluß taugte nicht für ein Studium. Er griff gleich zu, als eine Kieler Firma eine "Ausbildung zum Kameramann" anbot. Er wollte nichts davon hören, daß das alles Etikettenschwindel zu völlig unmöglichen Bedingungen war. Es gab keinen schulischen, theoretischen Teil, es gab noch nichteimal einen anerkannten Abschluß, sonder nur das Versprechen nach 3 Jahren bei der Firma als Kamaramann übernommen zu werden. Die Bezahlung, ein absoluter Witz, für´s Palettenschieben bei ALDI gibt´s mehr. Und die voraussetzung war, daß er sich erteinmal ein Handi und ein Auto zulegt.
Und dann war er ein reiner Hiwi, fahren, Material schleppen, Tonangel halten("Kannst du mal nach Hamburg fahren und das Stativ da abholen!?!").
Er hat sich trotzdem das ganze ich-bin-bei-den-Medien-Gehabe sofort angeeignet und den Fachjargon selbst im Privatleben nachgeplappert. Tag und Nacht hat man abrufbereit zu sein. Es kam schon mal vor, daß er 5 Wochen am Stück keinen Tag (auch keinen Sonntag) frei hatte.
Nach vielleicht einem Jahr hatte er erst eine Kamera in der Hand und eignete sich das an, was man dafür bei dieser Firma wissen mußte. Würde er einmal eine andere Kamera, wohlmöglich eine Filmkamera (statt Video oder DV) in die Hand kriegen, wäre er wahrscheinlich aufgeschmissen.
Aber nach 3 Jahren von diesem entwürdigenden Schwachsinn fühlt er sich als "Kamaramann", kriegt hin und wieder mal den Lohn ausgezahlt und wartet darauf, daß die Firma pleitegeht.

DeadBoy

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Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #1 am: 02:01:48 Mi. 26.Februar 2003 »
bei einem großen Musiksender arbeitet die Hälfte der Belegschaft als unbezahlte Praktikanten. Der Ich-bin-bei-MTV-Faktor ist noch effektiver

TV-Junkie

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Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #2 am: 13:05:22 Di. 16.März 2004 »
Beim NDR hatten die Mitarbeiter recht vernünftige Arbeitsbedingungen für sich durchgesetzt. Dagegen gab es dann die Strategie Arbeiten an Fremdfirmen zu geben, die ihre Leute schlecht bezahlen und schlecht behandeln.

Ich nehme an, es wird Widerstand gegeben haben (doch ich weiß nicht in welcher Form), denn es ändert sich nichts von selbst zum Besseren:
Der NDR entschied sich nun nur noch Aufträge an Firmen zu geben, die die tariflichen Bestimmungen einhalten. Dann kam aber heraus, daß es für den Bereich garkeine Tarife gibt und man einigte sich auf Leiharbeitstarife...

ManOfConstantSorrow

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Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #3 am: 15:23:12 Di. 25.Januar 2005 »
Bei Labournet gibt´s ein paar Hintergrundinfos, die sich alle unbedingt reinziehen sollten, die so gern "irgendwas in den Medien" machen wollen.
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

ManOfConstantSorrow

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Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #4 am: 18:55:48 Di. 22.Februar 2005 »
Medien als Beruf

Einladung zum Tarifdumping. Neues Gesetz ermöglicht Dauer-Leiharbeit statt Festanstellung:

Bericht von Verdi
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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  • Fischkopp
Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #5 am: 20:31:16 Mi. 12.März 2014 »
Zitat
"Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt"

Mit seinem Buch Das Geschäft mit der Musik - Ein Insiderbericht hat der Tourneeveranstalter Berthold Seliger eine umfassende und grundlegende Abrechnung mit dem Musikbusiness vorgelegt.


Die Künstler und Kulturarbeiter stehen als flexible und selbstverantwortliche Subjekte Modell für eine Neuorganisation der Gesellschaft. Man kann das sehr genau an der gängigen Narration in der Musikindustrie beobachten. Im Kern sind die meisten in der Kreativindustrie tätigen Menschen ja "Arbeiter", wenn man diesen altmodischen Begriff wieder einführen möchte, nämlich "Kulturarbeiter", ein Begriff, den zu verwenden ich bevorzuge - ob Aufnahmeleiter oder Arbeiterin im Presswerk, ob die Verkäufer in den Plattenfirmen, die sich so gern als "Produktmanager" bezeichnen, in Wahrheit aber natürlich alles andere als Manager sind, sondern Verkäufer eines industriell hergestellten Produkts, bis hin zu den Komponisten und Interpreten, die ja nach dem Stand der kulturellen Produktionsverhältnisse am ehesten privilegierte produzierende Facharbeiter im Sektor Dienstleistungen sind, wenn man sie soziologisch einordnen möchte, und keineswegs Unternehmer.

Sich selbst würden aber all die lohnabhängigen Arbeiter und Manager, die in der Musikindustrie arbeiten, und all die Künstler jedoch kaum als "Arbeiter", sondern eben als "Manager" bezeichnen oder im Fall der Künstler als "Selbständige", als "Unternehmer". Und da sind wir eben mitten in der Ideologie des neoliberalen Kapitalismus - die Zuschreibung ist ja: Selbst schuld, wenn du arm bleibst! Selbst schuld, wenn du einen unattraktiven Job machst! Du bist Unternehmer deiner selbst! Du bist für deine Selbstoptimierung, für dein neoliberales Selbst verantwortlich. Und all die "Kreativen", wie es immer so schön heißt, spielen vergnügt die ihnen vom System zugewiesene Rolle als autarke "Miniaturkapitalisten".

Zum einen haben wir entsprechend all die wirtschaftlich brutal schlecht bezahlten Jobs - im Extremfall: unbezahlte oder skandalös gering bezahlte Praktika - in der "Kreativwirtschaft", oder Musiker, deren durchschnittliches Jahreseinkommen laut KSK eben nur 12.005 Euro beträgt. Nur etwa 50 Prozent der Beschäftigten in der Kulturbranche haben überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz und die Bezahlung liegt oft nur knapp über Hartz IV-Niveau. Und von den anderen 50 Prozent, den Freiberuflern, leben zwei Drittel in prekären Verhältnissen.

Also hat das System im Grunde ein ideologisches Problem, die in der Kulturindustrie Tätigen müssten eigentlich Sturm laufen gegen ihre soziale Marginalisierung. Die "Kreativwirtschaft" hat es aber geschafft, den Menschen vorzugaukeln, dass sie Teil von etwas ganz Tollem sind, im Sinne von "es kommt darauf an, dass man sich selbst optimiert, etwas Interessantes macht, dann zwar schlecht bezahlt wird, aber als Mensch total relevant bleibt". Das ist die Generation, die Thatchers There's no such thing as society verinnerlicht hat. Auf der Homepage des Bundeswirtschaftsministerium prangte 2011 der Slogan: "Die Kreativwirtschaft ist das Leitbild für die Industrie von morgen." Mission accomplished, würde ich sagen.

Das war nur der Beginn eines arschgeilen Interviews. Es lohnt sich, den nicht kurzen Text bis zum Ende durchzulesen.

Ich würd' ihn am liebsten einigen Leuten eintätowieren!

http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/1.html


dagobert

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #6 am: 23:53:41 Mi. 12.März 2014 »
Es lohnt sich, den nicht kurzen Text bis zum Ende durchzulesen.
Stimmt, absolut lesenswert.

BGS

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #7 am: 23:58:13 Mi. 12.März 2014 »
Es lohnt sich, den nicht kurzen Text bis zum Ende durchzulesen.
Stimmt, absolut lesenswert.

Definitiv.

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Troll

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #8 am: 10:34:18 Do. 13.März 2014 »
Sehr gut, mich hat es z.T. an folgenden Artikel erinnert:

Eingeebnete Gegensätze
http://ad-sinistram.blogspot.de/2009/07/eingeebnete-gegensatze.html

Der Neoliberalismus macht uns seit Jahrzehnten weis das es keine Gegensätze mehr gäbe, wir würden alle für ein Ziel "kämpfen" und die Ausgebeuteten haben es zu einem großen Teil gefressen, sie glauben ein Ziel erreichen zu können wenn sie sich zu wertvollen "Leistungsträgern" Sklaven degradieren lassen.
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Dirk76

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #9 am: 17:08:26 Di. 04.November 2014 »
Die Medienbranche ist die absolute Härte. Dort heißt es kämpfen oder sterben - die meisten vegitieren langsam vor sich hin. Ausgebeutet und unterbezahlt.
Meine Schwester arbeitet beim BR als freie Reporterin. Sie wird nach Beitrag bezahlt und muss sich für ihre Recherchen ein Kamerateam buchen. Das wird allerdings halbtags oder ganztags bezahlt. D.h. während meine Schwester die Sachen schnell im Kasten haben will, um den Beitrag taggleich noch fertig zu kriegen oder sogar einen zweiten zu schaffen, sitzen die Kameraleute rum und versuchen das ganze hinauszuzögern, damit sie einen ganzen Tag angerechnet bekommen! Das ist doch kein System, wenn man in der Produktion auch noch gegeneinander arbeitet! Soviel zu den gelobten öffentlich rechtlichen...

Hier noch ein interessanter, wenn auch schon etwas älterer Artikel zum Thema. Die eigentliche Seite, auf der er erschienen ist, gibts leider nicht mehr.

Gruß
Dirk

Pinnswin

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #10 am: 20:44:59 Di. 04.November 2014 »
Kann ditt sein, das deen/e Freund/Schwester/Bruder/Schwägerin vielleicht
doch lieber einen richtigen Job hätte erlernen sollen?/! Also: Wo man auch was
verdient ohne ständig irgendwem in den Popo zu krabbeln?

Z. Bspl.: Krankenpfleger oder Altenschwester?? [^hust^]
- - - -  >:D - > autsch autsch - - - jaaaa - bin ja schon weg ...  :-*
gggg  ;D


Zitat
"Was ist heute guter Journalismus?"...
http://derunertraeglichestandpunkt.de/index.php?nodeID=199
Das Ende Der Welt brach Anno Domini 1420 doch nicht herein.
Obwohl vieles darauf hin deutete, das es kaeme... A. Sapkowski

Troll

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #11 am: 09:38:30 Mi. 05.November 2014 »
"Wie sollte guter Journalismus aussehen?" wäre die bessere Frage.

Was heute "guter" Journalismus ist sehen und lesen wir tagtäglich, sie machen ihre Arbeit wie sie von ihrem Arbeitgeber verlangt wird.
Es kommt immer auf den Standpunkt an, wie das erfolgreiche Deutschland, in Regierungskreisen und deren Milieu in dem sie sich bewegen ist die Agenda 2010 tatsächlich ein grandioser Erfolg, diesem Milieu gehören z.B. auch die Chefs der schreibenden Zunft an, also dürfen wir beständig über einen Erfolg lesen mit dem der größte Teil der Bevölkerung nichts zu tun hat.

Mit anderen Worten, der Sklavenhalter schwärmt von der Sklaverei.
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Dirk76

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #12 am: 12:31:55 Mi. 05.November 2014 »
Kann ditt sein, das deen/e Freund/Schwester/Bruder/Schwägerin vielleicht
doch lieber einen richtigen Job hätte erlernen sollen?/!

Das ist sicher auch für meine Schwester keine Dauerlösung. Sie ist eben gut in dem was sie macht und deshalb zieht sie es durch.

Rudolf Rocker

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #13 am: 15:19:48 Mi. 05.November 2014 »
Es gibt, so weit ich das überblicken kann auch nicht wirklich einen Beruf in dem das anders währe.
Vielleicht noch bei freischaffenden Künstlern oder bei gaaaanz seltenen Berufen.

Troll

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Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
« Antwort #14 am: 18:14:28 Mi. 05.November 2014 »
Dort wo es keine Konkurrenz gibt, bzw. in Branchen wo harmonisch koexistiert wird, ähnlich wie unsere deutschen Energiemonopolisten.
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