Autor Thema: Im Dschungel der Abhängigkeiten  (Gelesen 2100 mal)

scalpell

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Im Dschungel der Abhängigkeiten
« am: 00:32:24 Do. 22.März 2007 »
Im Dschungel der Abhängigkeiten

Mächtige Pharmariesen, geneigte Politiker und Patienten ohne Lobby:

Warum es so schwer ist das Gesundheitssystem zu reformieren? Wieso gelingt es  seit 30 Jahren keiner Regierung, dessen steigende Kosten in den Griff zu bekommen? Weil der Gesundheitsmarkt der mit Abstand größte Wirtschaftszweig in Deutschland ist. Und weil es zu vielen Akteuren darin nicht zu erst um das hohe Gut Gesundheit geht, sondern um die Güter wie Gehälter, Gewinne und Rendite.

Es sei die die Vielfalt der unterschiedlichen Interessengruppen, deren Festhalten an erworbenen Besitzständen die Reformen so unsäglich schwierig machten. Dies notierte der Staatssekretär a.D. D. Karl Jung kurz vor seinem Tod im Jahre2005. Jung kannte das deutsche Gesundheitssystem wie kein Zweiter. Fast 35 Jahre lang hatte er in leitenden Bundesministerien für Arbeit und Sozialordnung gearbeitet, sah Regierungen kommen und gehen, weitere sieben Jahre stand er dem Bundesausschuss der Ärzte und Krankenhäuser vor. Am Ende seines Lebens bilanzierte er sein Wirken und zog ein ernüchterndes Fazit. „Die Krankenversicherung hat sich allen wirklichen Reformbemühungen entzogen“.

Der Dschungel

Denn nirgendwo tummeln sich so viele Interessenvereine wie im Gesundheitswesen. Ärzte und Zahnärztekammern, Apothekenkammern, kassenärztliche und kassenzahnärztliche Vereinigungen. In jedem Bundesland gibt es mindestens eine, hinzu kommt jeweils eine Dachorganisation auf Bundesebene. Außerdem agieren mehr als 250 gesetzliche Krankenkassen und zahlreiche Fach- und Berufsverbände im Gesundheitswesen. Alle haben gut bezahlte Funktionäre an ihrer Spitze, die sich bemühen, die Interessen ihrer Klientel zu bedienen. Das tun sie, in dem sie beispielsweise auf die Mitglieder des gemeinsamen Bundesausschusses einwirken, der darüber entscheidet, ob und in welchem Umfang medizinische Leistungen von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden. Transparency International spricht im aktuellen „Jahrbuch Korruption“ im deutschen Gesundheitswesen, „weil wir es mit einem undurchdringlichen und durch staatliches Handeln eher noch schwerer zu entwirrenden Dschungel vernetzter Abhängigkeiten zu tun haben. Die Korruption ist gewissermaßen im System angelegt.

Besuche von Pharmareferenten

Die Pharmaindustrie nutzt diese Unübersichtlichkeit und spielt  auf der Klaviatur von Lobbyismus und Korruption. Rund 25 Millionen Besuche von Pharmareferenten bei den ca. 130 000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland - was sich die Industrie etwa 2 Milliarden Euro im Jahr kosten lässt - machen sich offenbar bezahlt. Die Umsätze mit neuen und teureren Produkten steigen. Dabei haben diese oft keinerlei  nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber älteren, preiswerteren Medikamenten. Auch stellen Pharmafirmen Ärzten zum Teil kostenlose Praxis-Software zur Verfügung, die bei der Diagnoseeingabe als erstes die teuren Medikamente der Herstellerfirma anzeigen. Nur mit Mühe ist es möglich, auch die preisgünstigeren Mittel anderer Hersteller aufzurufen. Die Pharmafirma Ratiopharm hat niedergelassene Ärzte sogar prozentual an den Verordnungen ihrer Produkte beteiligt.

Besonders wertvoll für die Pharmafirmen sind die Daten, die sie vom Institut für medizinischen Statistik (IMS) in Frankfurt am Main erhalten: Da IMS bezieht von den Rechenzentren der Apotheken alle Angaben über die ärztlichen Verordnungen von Arzneien, die den gesetzlichen Kassen in Rechnung gestellt werden - und verkauft diese Informationen an die Industrie weiter. So können die Unternehmen sehen, welcher Arzt welche Medikamente verschreibt und in welcher Arztpraxis se sich lohnen könnte, durch Vertreterbesuche oder andere Werbung ein bestimmtes Medikament in ein besseres Licht zu rücken. Und natürlich versuchen Pharmafirmen Mediziner durch Fortbildungen zu manipulieren, auch indem sie Studien und ganze Institute finanzieren. Es täte der Unabhängigkeit der Ärzteschaft und ihrem Ansehen gut, wenn sie übereinkäme, die Teilnahme an pharma-gesponserten Kongressen nicht mehr als Fortbildung anzuerkennen. Auch sollten sie sich verpflichten, nur noch werbefreie Software zu nutzen. Alle Sachverständigen müssten überdies ihre Finanzierung und ihre Beziehungen zu Sponsoren offen legen. Doch nicht nur Ärzte sind das Ziel gezielter Einflussnahme: Auch Selbsthilfegruppen und Patientenverbände erhalten teils erhebliche finanzielle Zuwendungen von Medikamentenherstellern.

Manche werden sogar gezielt unterwandert, um sie als Meinungsmacher in der Gesundheitspolitik z u missbrauchen. Generell ist Deutschland für die Pharmaunternehmen ein Paradies. Anders als in fast allen anderen Ländern können sie die Preise für Medikamente selbst festsetzen, die Krankenkassen müssen zahlen, was der Arzt dem Patienten verschreibt. Das hat zur Folge dass manche Medikamente in Deutschland viermal so viel kosten wie in andern EU-Ländern. Ein Ausweg - dem sich die Pharmariesen seit Jahren erfolgreich widersetzen - wäre eine Positivliste, wie es sie in den meisten EU-Ländern gibt. Eine solche Positivliste umfasst alle Medikamente, die von den gesetzlichen Krankenkassen verschrieben werden dürfen. Darin aufgenommen werden Arzneimittel, deren Nutzen nachgewiesen ist und deren Kosten in einem vernünftigen Zusammenhang zu ihrer Wirkung steht. Das ist gerade bei so genannten Scheininnovationen nicht immer der Fall. Mit ihnen trägt die Pharmabranche ganz erheblich zur Kostenexplosion im Gesundheitswesen bei. Scheininnovationen sind etablierte Medikamente die mit geringfügigen Veränderungen und deutlich erhöhtem Preis neu auf den Markt gebracht werden. Der Pharmazeut Peter Schönhöfer urteilt, dass lediglich sieben der etwa 450 seit 1990 auf den Markt gebrachten „neuen“ Medikamente echte Innovationen seien. 25 seien Schrittinnovationen, der Rest ohne relevanten therapeutischen Mehrwert.

Politiker hören auf Pharma-Flüsterer

Warum gelingt es der Politik nicht, sinnvolle Projekte zur Kostendämpfung wie die Positivliste durchzusetzen? Weil die Pharmalobby nicht nur Mediziner, sondern auch Politiker mit Bravour vor ihren Karren zu spannen vermag. So geschehen 1995, als die Interessenvertreter der Arzneimittelhersteller mit Hilfe dreier Ministerpräsidenten der SPD die Positivliste verhinderten, die DU/CSU-Gesundheitsminister Horst Seehofer damals durchsetzen wollte. Die drei Länderchefs hörten auf die Einflüsterungen der in ihrem Bundesland ansässigen Arzneifirmen und stimmten im Bundesrat dagegen. Es waren Wolfgang Clement (NRW/Bayer AG), Hans Eichel (Hessen/Hoechst AG) und Gerhard Schröder (Niedersachsen/Wellcome). Damit war die Positivliste vom Tisch.

Wie eng die Verzahnung zwischen Politik und Lobbyarbeit ist, zeigt auch das Beispiel der Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer. Bevor sie Anfang 1997 den Chefposten beim einflussreichsten deutschen  Pharmaverband übernahm, war sie mehr als 6 Jahre lang Bundestagsabgeordnete der CDU und Staatssekretärin. Ihr Abgeordnetenmandat behielt sie noch knapp 2 Jahre bis zum Ende der Legislaturperiode bei, als sie Deutschlands mächtigste Pharmalobbyistin wurde. Über gute Verbindungen in die Pharmaindustrie, zu privaten Klinikgesellschaften und privaten Krankenversicherungen verfügen auch zahlreiche Politiker der gegenwärtigen Regierungsparteien. So war beispielsweise Carola Reimann, gesundheitspolitische Sprecherin er SPD-Bundestagsfraktion, vor ihrem Wechsel in die Politik als Pharmareferentin tätig. Sie setzte sich bei der  Wahl um den Sprecherposten in der Fraktion gegen den Gesundheitsexperten Karl Lauterbach durch. Lauterbach wiederum ist Mitglied im Aufsichtsrat des privaten Krankenhausbetreibers Rhön-Kliniken AG. Am meisten haben aber die privaten Krankenversicherer von ihren guten Kontakten zu den Bundestagspolitikern profitiert.

Privat- Versicherer danken der Union

Die Privatversicherer sind die großen Sieger des jüngsten großkoalitionären Pokers um eine Gesundheitsreform. Sie bleiben als Versicherungssystem für Bessergestellte bestehen und müssen nichts zur allgemeinen Gesundheitsversorgung beitragen. Das verdanken sie vor allen Dingen der Union. Zwischen CDU und Privatversicherern bestehen enge Verbindungen: So war Hildgard Müller, Staatministerin im Kanzleramt und Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheitsreform der großen Koalition, bis zum vergangen Jahr Mitglied im Beirat der privaten Krankenversicherung Barmenia. Die gehört zu den engsten Beraterinnen von Kanzlerin Merkel in Gesundheitsfragen. Ebenfalls Barmenia- Beiratsmitglied bis vor einem Jahr  und Mitglied im Bundestags-Gesundheitsausschuss war der Unionspolitiker Andreas Storm. Gegenwärtig im Barmenia-Beirat sitzt der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans Georg Faust, de auch stellvertretender Vorsitzender im Gesundheitsausschuss des Bundestags ist. Annette Widmann-Mauz, die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion wiederum sitzt im Beirat der privaten Halleschen Krankenversicherung. Und der Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftministerium, Hartmut Schauerte, saß bis Juni 2004 im Aufsichtsrat der privaten  Signal Krankenversicherung. Das ist schon eine außergewöhnliche Präsenz der CDU- Bundestagsfraktion bei den Privatversicherern, insbesondere wenn man bedenkt, dass nur etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung bei einer privaten Krankenkasse versichert ist.

Das deutsche Zwei-Klassen-System ist aus mehreren Gründen fragwürdig: Die Solidarität der besser gestellten privat Versicherten untereinander geht auf Kosten der 90 Prozent gesetzlich Versicherten. Denn im System der Privatversicherten sind die durchschnittlich Gesünderen und Besserbedienenden versichert, im System der gesetzlichen Krankenkassen die durchschnittlich Ärmeren und Kränkeren. Wer nämlich wenig verdient oder an einer chronischen Krankheit leidet, wird von den Privaten nicht aufgenommen. Sie buhlen um junge, gesunde, männliche Gutverdiener. Dieses Zwei-Klassen-System produziert weitere  Ungerechtigkeiten: Spezialisten lassen sich bevorzugt dort nieder, wo die meisten Privatpatienten leben- nicht dort, wo die meisten Kranken sind. Und manche Spezialisten nehmen überhaupt keine gesetzlich Versicherten, deren Versorgung dadurch weniger gut ist. Am problematischsten aber ist, dass die Entscheidungsträger, die über die Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung entscheiden, in de Regel privat versichert sind: Politiker, Beamte, Selbständige und die Bezieher hoher Einkommen kennen das System der gesetzlichen Krankenversicherung meistens nicht aus eigener Erfahrung. „Das ist deshalb relevant, da es politisch unklug ist, ein System so aufzubauen, dass die Entscheidungsträger und Meinungsführer in der Gesellschaft in einem Beiboot fahren“ urteilt Karl Lauterbach.

Die Patienten, so scheint es, haben im deutschen Gesundheitswesen die geringste Lobby. Es braucht eine mutige Politik und mutige Politiker, die sich am Wohl der Menschen orientieren und den Einflüsterungen der mächtigen Lobbys widerstehen. Sie müssen das Gesundheitssystem so reformieren, dass möglichst viele Menschen - ob Arbeiter, Angestellter, Beamter, Selbständige oder Unternehmer - in ein Versicherungssystem einzahlen, eine Positivliste durchsetzen und darin übereinkommen, dass politisches Mandat und eigene herausgehobene Lobbytätigkeit miteinander unvereinbar sind.

Quelle: Publik-Forum 2006- Nr. 14

Genau so läuft es seit ewigen Zeiten ab und ob sich die jemals ändert muss die Zukunft zeigen. Ich glaube nicht mehr so recht daran
Scalpell 8)
Die Plutokraten haben das Ruder in die Hand genommen
Die "Politiker" sind ihre Stimme

Tupelo

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Im Dschungel der Abhängigkeiten
« Antwort #1 am: 07:49:04 Do. 22.März 2007 »
Mann hör´doch auf, jeder blinde Insider mit´m Krückstock bemerkt doch, daß das alles aus der Bild-Zeitung ist!


Im Ernst, mittlerweile gibt man tatsächlich auch nur noch "Experten" die irgendwelche Interessenverbände vertreten die Möglichkeit sich öffentlich zu äußern.
Und bei Zeitungsartikel beispielsweise braucht man nur noch auf den Namen des Verfassers zu sehen und schon weiß man welche Interessen dahinter stecken!

Und fast alle machen in diesem Korruptions-Spiel mit!
Oder müssen es sogar......
Vom kleinen Hausarzt bis hin zu den Öffentlich-Rechtlichen.

Deshalb muß man mittlerweile sogar annehmen, daß aufgrund der nicht stattfindenden journalistischen Kritik, geschweige denn Gegenwehr, die Pharmas (-und das ohne geschickterweise namentlich selbst jemals direkt in Erscheinung zu treten-) die Macht haben Polit-Magazine, Talks und ähnliche Programme mindestens indirekt mit zu bestimmen.

Und in den Arzt-Praxen braucht man nur darauf zu achten was in den Medizinschränken an Proben vorhanden ist, welche Reklame auf den Tischen verteilt herum liegt und welche Hersteller bevorzugt werden bei der Rezeptvergabe.
Auch in Krankenhäusern kann man sehr oft die selben Logos bei der Medikamenten-Ausgabe erkennen!
Und zu den bekannten Medikamenten gesellen sich immer mehr sinnlose und unausgereifte Präparate.

Alles schwarze Schafe......?!

Aus gerade mal 400 von der WHO anerkannten Wirkstoffen wurden allein in Deutschland -bis jetzt- über 50.000 verschiedene Medikamente auf den Markt geworfen.
Selbst durchaus sinnvolle Mischpräparate verändern diese Zahlen nur unwesentlich.


Wir brauchen die Schuldigen schon längst nicht mehr zu suchen......
Hinter jedem großen Vermögen steckt ein Verbrechen
                       Honore de Balzac

Kuddel

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Re:Im Dschungel der Abhängigkeiten
« Antwort #2 am: 16:47:48 Fr. 04.Oktober 2013 »
Zitat
Medikamentenabhängigkeit
Sucht auf Rezept


Vier bis fünf Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel haben ein Suchtpotenzial.

Der Hausarzt verschreibt ein Schlafmittel. Funktioniert wunderbar - bis die kleinen Helfer selbst zum Problem werden. Etwa 1,5 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Wie schnell Patienten in die Sucht abrutschen können, wird häufig unterschätzt.
http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medikamentenabhaengigkeit-sucht-auf-rezept-1.1785594