Übernahme Verzögerung trotz Zusage

Begonnen von Anton88123, 15:57:41 So. 05.Juli 2026

⏪ vorheriges - nächstes ⏩

Anton88123

Hallo zusammen,
ich würde gerne eure Einschätzung zu meiner Situation hören, weil ich mittlerweile ehrlich gesagt nicht mehr weiß, wie ich sie bewerten soll.
Ich (männl. 37 J., verheiratet mit 2 kleinen Kindern) arbeite seit über einem Jahr als ANÜ im strategischen Einkauf eines großen US-Konzerns. Von Anfang an war kommuniziert worden, dass eine Übernahme das Ziel ist. Ich habe mich fachlich sehr gut eingearbeitet, bekomme positives Feedback und höre regelmäßig, dass im strategischen Einkauf eigentlich eine Stelle fehlt.
Ich hatte über die Zeit wechselnde direkte Vorgesetzte (der Einkaufsleiter-Stuhl ist bei uns bisher ein ziemlicher Schleudersitz gewesen). Ich musste daher immer wieder von vorn anfangen, mich ,,zu verkaufen". Alle hatte ich aber von mir überzeugen können, meine Performance stimmte, ich habe viele Aufgaben oder Erfolge dokumentiert und weitergereicht. Meine aktuellste Vorgesetzte vor Ort ist seit April'26 da.
Auch meine amerikanische Vorgesetzte (eine Hierarchie über meiner deutschen Chefin) gab mir positive Signale und schrieb im Frühjahr diesen Jahres scheinbar sogar eine E-Mail an das lokale HR, um den Prozess zu beschleunigen. Keine halbe Std. daraufhin bekam ich vom damaligen HR-Verantwortlichen mündlich eine klare Zusage zu einem Einstellungsvertrag inklusive eines ungefähren Zeitrahmens (2-3 Wochen).
Kurz darauf wurde dieser ,,abgesägt" und ist zurück in seinem alten Standort.
Gleichzeitig wurde noch ,,extra für mich" lokal und intern die Stelle ausgeschrieben, auf die ich mich kurz formal sofort bewerben sollte, was ich auch tat.
Seitdem ist allerdings... nichts passiert.
Von meiner Chefin hieß es die Stelle muss lediglich im Konzern Portal von Konzern angepasst werden/freigegeben werden.
Es gab sogar eine Mail von meiner Chefin an die US-Entscheidungsträger. Ich durfte diese Mail sogar kurz sehen. Mein Name und die ausgeschriebene Strategic-Buyer-Stelle standen dort drin.
Es hieß also, es fehle nur noch eine Freigabe auf höherer Ebene. Dann wurde mir gesagt, die Person drei Hierarchien über meiner Chefin habe die Stelle zwar mündlich freigegeben, der formale "Haken" im System fehle aber weiterhin. Gleichzeitig wurde mir immer wieder gesagt, dass es weiterhin um das "Wann" und nicht um das "Ob" gehe.
Inzwischen hat sich die Situation allerdings verändert. Im Konzern läuft eine große Transformation, in den USA gibt es offenbar Freisetzungen und aktuell dürfen Zeitarbeitnehmer wohl generell nicht in Festverträge übernommen werden. Zusätzlich läuft eine große SAP-Transformation, die nächstes Jahr live gehen soll. Meine Chefin sagt, solche Verzögerungen seien in einem Großkonzern leider typisch.
Mein befristeter Vertrag endet eigentlich nach den gesetzlichen 18 Monaten Arbeitnehmerüberlassung (Ende September'26). Mittlerweile wird stattdessen geprüft, ob mein Einsatz aufgrund eines neuen Haustarifvertrags (angelehnt an die IG Metall) auf bis zu 24 Monate verlängert werden kann (über die gesetzliche maximal-Einsatzdauer hinaus). Einerseits gut, weil man offenbar versucht, mich zu halten. Andererseits frage ich mich natürlich: Warum zum Teufel sind wir nun an dem Punkt, wo wir über eine Verlängerung der Zeitarbeit sprechen, wenn ich eigentlich schon vor Monaten übernommen werden sollte?
Es ist so ein Rückschritt, wo ich im April noch die Korken knallen lassen wollte nach dem Gespräch mit dem HR-Chef.
Ich höre ständig unterschiedliche Dinge. Einerseits heißt es weiterhin, dass man mich übernehmen möchte. Andererseits erfahre ich von Einstellungsstopps, Transformationen und Sparmaßnahmen. Gleichzeitig werden in anderen Bereichen wohl weiterhin Mitarbeiter eingestellt.
Nun kommt noch dazu, dass ich erfahren habe, dass ein Kollege aus dem operativen Einkauf offenbar intern in eine strategische Rolle wechseln soll. Ich kenne natürlich nicht alle Hintergründe, aber das hat bei mir die Sorge ausgelöst, dass für interne Veränderungen scheinbar Möglichkeiten bestehen, während meine Übernahme seit Monaten blockiert ist.
Dann höre ich wiederum, dass zwei ehemaligen Zeitarbeitnehmer (die heute fest sind) quasi zum letzten Tag ihres Einsatzes im Ungewissen waren und dann doch noch übernommen wurden. Das scheint dort also nicht völlig unüblich zu sein.
Ich schwanke mittlerweile zwischen zwei Gedanken:
Einerseits will ich meiner Chefin glauben, wenn sie sagt, dass es weiterhin um das "Wann" und nicht um das "Ob" geht und weder sie noch Ihre Chefin seien sich des neuen Prozesses und Komplexität so bewusst gewesen, wie das jetzt zu Tage tritt. Sie will mich immer beruhigen und versteht meinen wachsenden Frust. Ich komme mittlerweile im 2 Wochentakt zu ihr für Updates. Angeblich spreche sie alle 2 Tage mit Ihrer US-Vorgesetzten und betont immer wieder, dass das so alles nicht geht. Alles 2 Tage kann ich persönlich nicht glauben aber gut.
Ich frage mich insgesamt, ob ich mir nicht längst etwas vormache und die Konzernrealität längst eine andere ist.
Ich möchte eigentlich unbedingt in diesem Unternehmen bleiben. Die Aufgaben gefallen mir sehr gut, das Team passt und die Konditionen bei einer Übernahme wären für meine Stadt/Region überdurchschnittlich gut.
Gleichzeitig habe ich Angst, dass ich zu lange warte und am Ende ohne Plan B dastehe.
Deshalb meine Fragen an euch:
•    Wie würdet ihr diese Situation insgesamt bewerten?
•    Kennt ihr ähnliche Fälle aus großen internationalen Konzernen?
•    Glaubt ihr, dass hier tatsächlich "nur" Konzernbürokratie und Einstellungsstopps das Problem sind oder würdet ihr die vielen Verzögerungen inzwischen als Warnsignal sehen?
•    Würdet ihr an meiner Stelle jetzt bereits aktiv externe Bewerbungen schreiben?
•    Und falls ihr ein externes Angebot bekommen würdet, würdet ihr dieses gegenüber dem aktuellen Arbeitgeber offen ansprechen und als Druckmittel benutzen?
Ich freue mich wirklich über jede ehrliche Einschätzung - gerne auch kritisch. Vielleicht hilft mir ein Blick von außen dabei, die Situation realistischer einzuordnen.

Danke und Viele Grüße

Kuddel

Hallo Anton,

so wie ich dein Posting verstehe, bist du Leiharbeiter im kaufmännischen Bereich. Ein US Konzern hat dich über eine Leihbude angeheuert. Du hoffst, auch weil deine Leistung bisher gut war, von dem Konzern eine Festanstellung zu kriegen. Jetzt wirst du aber im Unklaren darüber belassen, wie es mit deiner beruflichen Zukunft weitergeht, was mit den Hierarchien, Konzernentscheidungen etc. begründet wird.

All diese Erklärungen und Ausreden solltest du nicht zu ernst nehmen. Es ist das Prinzip der Leiharbeit selbst, daß man da der Arsch ist, das letzte Glied in der Kette. Mit der Hoffnung auf eine Übernahme, mit Unsicherheit und schlechter Kommunikation hält man Leihsklaven bei der Stange.

Ich würde sagen, du solltest keinem Versprechen trauen. Wenn du am Ende verarscht wirst, hilft dir kein "sorry, sorry". Wenn du Möglichkeiten für einen Plan B hast, nutze sie. Wenn du halbwegs attraktive andere Jobangebote findest, gehe denen nach. Ich würde aber in dem Unternehmen nichts davon sagen.

Für das US Unternehmen bist du nur eine Nummer, im besten Falle gewinnträchtig, vielleicht aber nicht gut genug. Wenn du plötzlich nicht mehr da bist, merken es bestenfalls deine Kollegen oder direkte Vorgesetzte. Wenn du aber gekickt wirst, geht es für dich ans Eingemachte.

Mir fällt der Fall eines Siemensbeschäftigten ein, der sein halbes Leben bei dem Konzern gearbeitet hat. Dem hat man ein Angebot gemacht, er müsse ein paar Jahre ein paar Abstriche machen, die Firma schießt noch etwas dazu und dann könne er in Frührente gehen. Er ist drauf eingegangen, aber dann wurden die gesetzlichen Ruhestandsregeln geändert und er bekam nicht die erhoffte Frührente. Er, der ein gutes Einkommen gewohnt war, fiel in eine echte Armut, seine Gesundheit ging den Bach runter und er wurde vom Jobcenter drangsaliert. Sein Arbeitsplatz bei Siemens wurde derweil von einem jungen und billigeren Leiharbeiter ersetzt.

Du fragtest nach Erfahrungen mit internationalen Konzernen. Mir fällt eine Geschichte aus den USA ein, vor vielen Jahren. Bei den großen IT Unternehmen standen Massenentlassungen an. Dann begannen die Leute zu überlegen, was man machen kann, wenn man eh schon verloren hat und definitiv gefeuert wird. Die fingen an, Beweise zu sichern, Daten des Unternehmens und der Vergesetzten zu kopieren, um illegale Machenschaften beweisen zu können und mit der Drohung, sie zu veröffentlichen oder an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten, konnten sie für sich selbst einiges aushandeln. Es gab einen regen Austausch über Möglichkeiten der Sabotage und andere unkonventionelle Vorgehensweisen.

Wenn der unwahrscheinliche Fall einer Übernahme eintritt, dann freu dich darüber, aber verlasse dich im Vorfeld auf keine Versprechen. Kümmere dich derweil um einen Plan B. und laß dich nicht unterkriegen.

Ich drücke die Daumen.

Onkel Tom

Zitat von: Anton88123 am 15:57:41 So. 05.Juli 2026.. und aktuell dürfen Zeitarbeitnehmer wohl generell nicht in Festverträge übernommen werden.
Aktuell ist das nach meiner Ansicht nicht, sondern ein Schlupfloch der
Leiharbeitsfirma, die via "Urlaubsabgeltung" horrende "Ablösesummen" verlangen,
wenn eine Firma Leiharbeiter_innen fest einstellen wollen..
Damit soll ein Drehtüreffekt bei Leihfirmen verhindert, beziehungsweise
Festeinstellungen bei Entleihfirmen "sabotiert" werden.  >:(

Bewerben und bei Zusagen Leiharbeit schmeißen und als Nicht-Leihe neu beginnen.
Viel Glück und Daumendrück.  ;)
Lass Dich nicht verhartzen !

  • Chefduzen Spendenbutton