Der Freitag schmeißt Russland-Reporter raus

Begonnen von dagobert, 12:40:58 Mo. 28.März 2022

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dagobert

ZitatSeit 1992 berichte ich für die Wochenzeitung "der Freitag" aus Moskau und vielen anderen Orten Russlands und der Nachbarrepubliken (Hier die Liste meiner Artikel für den "Freitag" und meine Posts in der "Freitag Community": https://www.freitag.de/autoren/ulrich-heyden).

Der Chefredakteur des "Freitag", Philip Grassmann, will nun keine Artikel mehr von mir im "Freitag" veröffentlichen, wie er mir heute in einer Mail mitteilte. Diese Mail und meine Antwort an Herrn Grassmann veröffentliche ich hier, da ich denke, die Angelegenheit ist von öffentlichem Interesse.


Zitat                                                                                                          Mi., 23. März um 18:29

Sehr geehrter Herr Heyden,

Sie sind seit vielen Jahren ein Autor des Freitags und es gibt viele Stück, die Sie für uns geschrieben haben und die ich schätze.

Allerdings habe ich kein Verständnis für Ihre Positionierung im Ukraine-Krieg. Es gibt eine Vorgeschichte zu diesem Krieg – ja. Aber der Westen trägt keine Mitverantwortung an diesem Krieg. Das war Putins alleinige Entscheidung. Es handelt sich auch nicht um eine Intervention Russlands sondern um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Sie sehen das anders und das ist Ihr gutes Recht.

Aber ein Autor mit dieser Haltung hat keinen Platz im Freitag – zumindest nicht solange, wie der Ukraine-Krieg dauert oder seine politischen Auswirkungen das Geschehen in Europa dominieren.

Ich habe deshalb schon XXX XXXXX mitgeteilt und tue das nun auch Ihnen gegenüber, dass wir bis auf weiteres davon absehen möchten, Texte von Ihnen im Freitag zu veröffentlichen.

Aus dem gleichen Grund kann ich auch Ihren Antrag für eine Akkreditierung in Russland nicht unterschreiben, denn Sie sind bis auf weiteres nicht für den Freitag tätig.

Mit freundlichen Grüßen

Philip Grassmann

Zitat                                                                                                                     Mi., 23. März um 18:29

Sehr geehrter Herr Grassmann,

Sie schreiben über meine "Positionierung im Ukraine-Krieg". Aber bitte wo habe ich mich "positioniert"?

Auf welche Veröffentlichungen beziehen Sie sich genau? Ich habe mich nirgendwo so geäußert, wie sie es in Ihrem Brief formulieren. Bezeichnenderweise haben Sie auch kein einziges direktes Zitat von mir gebracht.

Sie schreiben, "ein Autor mit dieser Haltung hat keinen Platz im Freitag". Ja, es war ein Angriffskrieg und er war völkerrechtswidrig. Aber ich würde mich niemals öffentlich hinstellen und in diesen deutschen Chor einstimmen.  Denn dieser Chor hat etwas extrem heuchlerisches. Denn wo waren die lauthalsen Bekenntnissse zur Verletzung des Völkerrechts bei den Angriffskriegen der USA und der NATO und der Beteiligung der deutschen Luftwaffe beim Krieg gegen Serbien?

Außerdem hat eine Verurteilung von Russlands "völkerrechtswidrigem Angriffskrieg" keinerlei praktischen Einfluss auf die russische Kriegsführung. Nach meinem Eindruck lachen die Russen eher über diese Verurteilung von deutscher Seite, weil sie diese Verurteilung als Heuchelei empfinden.

Die öffentliche Rede vom "russischen Angriffskrieg" dient meiner Meinung nach ausschließlich der Formierung der deutschen Nation auf einen (alten) äußeren Feind und dem Einschwören auf das größte deutsche Rüstungsprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wahrscheinlich wissen Sie, dass viele Leser des "Freitag" Russland wegen des Krieges ebenfalls nicht lauthals verurteilen, eben aus den Gründen, die ich nannte. Und ich finde es ehrlich gesagt nicht demokratisch, dass Sie mit Ihrer Entscheidung nicht nur mich, sondern auch diese Leser aus dem Meinungsspektrum im Freitag ausschließen. Und sie schließen indirekt auch den Großteil der russischen Bevölkerung aus, der - wenn manchmal auch mit einem Magengrummeln - die "Entnazifizierung" der Ukraine unterstützt.

Ich werde Ihren Brief auf meiner Website veröffentlichen, denn meine Leser und Freunde sollen wissen, warum man von nun an meine Artikel nicht mehr im Freitag findet.

Hochachtungsvoll!

Ulrich Heyden
https://ulrich-heyden.de/article/eigener-sache
"Ich glaube, daß man nichts vom Krieg mehr wüßte,
wenn wer ihn will, ihn auch am meisten spürt."
Udo Jürgens (Ich glaube, 1968)

Kuddel

Hallo dagobert,
herzlichen Dank für das Thematisieren dieses Eingriffes in ein halbwegs vernüftiges Medium.

Für mich ist es ein wichtiges Thema, zu bebachten, was sich in den Medien so tut. Die Medien spielen eine wichtige Rolle für die Bewußtseinsbildung der Bevölkerung.

Ich kann den eitlen Chefredakteur Jakob Augstein, den Solonsozialisten, der seine Freien Schreiber wie Dreck behandelt, nicht leiden, doch ich freue mich, daß es den Freitag gibt.

Ein eher bürgerliches Blatt mit einem Kulturschwerpunkt, doch findet man dort oft interessante linke Debattenbeiträge und Hintergrundberichte.

Die fundierten Beiträge von Ulrich Heyden habe ich besonders gern gelesen.

Über dessen Entlassung habe ich anderer Stelle erfahren:
ZitatWird noch eine andere Stimme im Kriegskonzert toleriert?

Aber es sollten dort auch Autorinnen und Autoren schreiben, die die Seite Russlands darstellen. Das ist eben nicht zu verwechseln mit einer Parteinahme für Putin.

Es ist bezeichnend, wenn die Wochenzeitung Freitag sich von ihrem langjährigen Russland-Korrespondenten Ulrich Heyden getrennt hat, weil er sich angeblich aufseiten Putins positioniert hat, was Heyden bestreitet. Warum werden seine Beiträge nicht einfach als die andere Stimme toleriert, die aus Russland schreibt und vielleicht auch Positionen vertritt, die der russischen Regierung vielleicht doch näherstehen, als Heyden selber wahrhaben will?

Ulrich Heyden erklärt, er werde sich nicht beteiligen an der "Formierung einer deutschen Nation auf einen (alten) äußeren Feind und dem Einschwören auf das größte deutsche Rüstungsprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg".
https://www.heise.de/tp/features/Weder-Selenskyj-noch-Putin-Stoppt-den-Krieg-6643386.html?seite=all

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