Informationstechnologie ist politisch

Begonnen von TagX, 22:29:12 Fr. 05.Januar 2007

⏪ vorheriges - nächstes ⏩

TagX

ZitatSehr patent
»Copyright Copyriot«: Informationstechnologie ist politisch – Sabine Nuss erklärt, warum
Von Matthias Becker

Wenn sich im Juni 2007 die Staatschefs der acht mächtigsten Länder der Welt an der deutschen Ostseeküste treffen werden, steht ein Thema ganz oben auf der Tagesordnung: die Ausweitung und Durchsetzung des Patent- und Urheberrechts weltweit. Es soll Druck auf die Schwellenländer und andere Trikontstaaten aufgebaut werden, damit die gegen Verstöße wie illegales Kopieren und Produktfälschungen vorgehen. Den Wünschen der Kultur- und Medienindustrie entsprechend wollen Angela Merkel, George W. Bush und die anderen außerdem dem chaotischen und preiswerten Zirkulieren von Informationen, Musik und Texten übers Internet ein Ende machen. Dabei können sie auf unerwartete Unterstützung zählen: Während Bürgerrechtler und Dritte-Welt-Gruppen gegen die entsprechenden Handelsabkommen kämpfen, forderte im Dezember eine Gruppe britischer Popmusiker – darunter U2, Peter Gabriel und Roger Waters –, das englische Urheberrecht von 50 auf 95 Jahre zu verlängern und so ihre Tantiemen zu sichern!

Die Auseinandersetzung um das sogenannte geistige Eigentum sind in vollem Gange, wobei die ideologischen und technischen Manöver der Copyright-Lobby öffentlich kaum wahrgenommen oder verstanden werden. Das Schlachtfeld zeigt ein verwirrendes Bild und ganz verschiedene Akteure: globale Medienkonzerne, Jugendliche, die schwarzgebrannte Musik-CDs auf dem Pausenhof tauschen, Aktivisten für Open-Source-Programme, Kulturschaffende... Wie offen oder verschlossen Informationen sein sollen, ist dabei auch unter jenen umstritten, die am Kapitalismus nichts auszusetzen haben. Manche Linke sehen dennoch im kostenfreien Austausch von Musik und Computerprogrammen übers Internet bereits eine Gesellschaft ohne Privateigentum aufscheinen.

Schon deshalb lohnt sich die Lektüre von »Copyright & Copyriot«, Sabine Nuss verschafft Überblick. Das Buch ist eine überarbeitete Fassung der Dissertation der Berliner Politologin. Die akademische Herkunft ist dem anspruchsvollen und fremdwortgesättigten Band anzumerken, aber Nuss bemüht sich um Systematik. Er eignet sich auch für Neueinsteiger in die marxistische Kritik, weil einige Grundbegriffe beispielhaft erklärt werden. Im ersten Teil wird der »informationelle Kapitalismus«, der auf den neuen Kommunikations- und Computertechnologien beruht, definiert. Es zeigt sich, daß auch im digitalen Zeitalter der technische Fortschritt die kapitalistischen Grundlagen nicht angetastet hat. Zum Problem wird die »Vervielfältigungsmaschine Internet« fürs Kapital aber, weil sich die Produkte nun beliebig oft und ohne Qualitätsverlust kopieren lassen. »Die überall vorhandenen Inhalte müssen künstlich verknappt werden«, schreibt Nuss, um sie als Waren, als »geistiges Eigentum« zu behandeln. Der amerikanische Soziologe Erving Goffman fand dafür einen ebenso paradoxen wie fetischistischen Ausdruck: »Von allen Dingen läßt sich Wissen am schwierigsten bewachen, denn es kann gestohlen werden, ohne es fortzunehmen.«

Mit Kopiersperren beispielsweise soll Knappheit künstlich erzeugt werden, um die geistige Zirkulationssphäre profitabel zu machen. Dieser Versuch stößt auf Widerstand (»Copyriot«) und technische Schwierigkeiten, auf fehlendes Unrechtsbewußtsein unter den Konsumenten und internationale Interessengegensätze. Ob sich in Zukunft die Verwertung im Internet gänzlich durchsetzen wird, ist der Autorin zufolge offen: »Bislang konnten noch Barrieren des eigentumsrechtlichen Urheberschutzes mit mehr oder weniger Phantasie und Aufwand umgangen werden.«

Sehr interessant liest sich, welche gewaltsamen und aufwändigen Formen der Schutz des gegenseitigen Eigentums annehmen könnte – das geht alle (Nutzer) an. Sabine Nuss will diese Debatte politisieren. Leider klingt ihre theoretische Kritik stellenweise sehr, als liefe die Verwertung wie eine Maschine reibungslos ab. Beschreibungen der konkreten Auseinandersetzungen und anschauliche Beispiele gibt es kaum. Statt dessen beharrt sie darauf, daß die kritischen Kategorien, die Marx ff. entwickelten, nach wie vor gelten. Mit Marx argumentiert sie gegen die »brutale Interessiertheit am Stoff«, durch die spezifisch kapitalistischen Formen von Arbeit, Eigentum usw. erscheinen, als habe es sie immer schon gegeben – nicht zu verwechseln mit einem bornierten Desinteresse am Stofflichen, hier der konkreten Arbeit und Praxis.

Dennoch ist diese Untersuchung durchaus lesenswert. Nuss zeigt am Beispiel von Open Source und Internetdiensten wie Napster, wie sehr das »Problem des geistiges Eigentums« auf kapitalistischen Voraussetzungen beruht. Sowohl »Gegner« als auch »Befürworter« eines strikteren Copyright-Regimes argumentieren dabei auf derselben ideologischen Grundlage. So wendet sie sich gegen die oft banale Kritik der globalisierungskritischen Bewegung. Wenn beispielsweise immaterielle Güter wie Bildung keine Ware sein sollen – warum dann der Rest? Vielleicht hat ihre theoretische Arbeit ja unmittelbar politische Auswirkungen, wenn im Juni bei den Protesten gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm bessere Parolen zu hören sind.

Sabine Nuss: Copyright & Copyriot. Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus. Westfälisches Dampfboot, Münster 2006, 245 Seiten, 19,90 Euro
Quelle: http://www.jungewelt.de/2007/01-06/015.php
Grüße


Sozialismus!

Similar topics (10)

  • Logo Stiftung Menschenwürde Chefduzen Spendenbutton