Kampfformen

Begonnen von Kuddel, 14:44:14 Fr. 22.Januar 2010

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ManOfConstantSorrow

Es ist doch zum Mäusemelken!

Es passieren immer wieder aufregende Dinge. Im Rahmen der Querdenker gab es inspirierende Protestformen, als Demos in Berlin verboten wurden, fanden sich dutzende, die neue Demos anmeldeten. Als die Behörden nichts erlaubten, gingen die Leute in Form von "Spaziergängen" auf die Straße.

So eine Haltung würde ich mir bei Linken wünschen. Da ist man jedoch staatstragend und gesetzestreu.

Jetzt bei den Bauernprotesten ist es nicht besser. Wieder regen sich Linke über Gesetzesbrüche und über Respektlosigkeit gegen Politiker und Polizei auf. Ja, es ist noch immer so, die deutschen Linken würden erst eine Bahnsteigkarte lösen, bevor sie den Bahnhof stürmen.
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

counselor

Während der Coronazeit gab es hier in Nürnberg auch halblegale Aktionen autonomer Kräfte, zB einen "Spaziergang" zum revolutionären. Mai. Aber auch der Nürnberger Ableger der Seebrücke war sehr kreativ im Umgehen von Veranstaltungsverboten.

Die Nürnberger Montagsdemo hat sich ihren Kundgebungsplatz vor Lorenzkirche gegen ein Veranstaltungsverbot vor der Kirche durch Verhandlungen mit dem Ordnungsamt erkämpft.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Onkel Tom

Zitat von: counselor am 21:42:12 Fr. 05.Januar 2024Die Nürnberger Montagsdemo hat sich ihren Kundgebungsplatz vor Lorenzkirche gegen ein Veranstaltungsverbot vor der Kirche durch Verhandlungen mit dem Ordnungsamt erkämpft.

Interessant. Und wie (auf welchen Rechtsgrundlagen) habt ihr das geschafft ?
In Corona-Hysterie-Zeiten war ein "versammeln erlaubt" ja wie ein "Lottogewinn".
Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

Gibt es keine Linken mehr?

Was sich angesichts der Bauernproteste zeigt, ist ein Offenbarungseid.

Klimakids wünschen sich, daß der Staat gegen die Bauern genauso zuschlägt, wie gegen die Klimabewegung.

Massenhaft ehemaliger Linker solidarisieren sich mit der bürgerlichen parlamentarischen Demokratie und diesem Staat und speziell mit Robert Habeck.

Anonymous Germany lobt BKA und Verfassungsschutz.

Es wird sogar das beschissene Streikrecht verteidigt und Bauern und Truckern gesagt, sie dürften nicht politisch streiken.

Wenn Menschen jenseits der bestehenden Regeln und Gesetze kämpfen, werden Linke noch panischer als die Vertreter des Staates.

krapotke

Zitat von: Kuddel am 20:16:25 Sa. 06.Januar 2024Gibt es keine Linken mehr?

Was sich angesichts der Bauernproteste zeigt, ist ein Offenbarungseid.

Klimakids wünschen sich, daß der Staat gegen die Bauern genauso zuschlägt, wie gegen die Klimabewegung.

Massenhaft ehemaliger Linker solidarisieren sich mit der bürgerlichen parlamentarischen Demokratie und diesem Staat und speziell mit Robert Habeck.

Anonymous Germany lobt BKA und Verfassungsschutz.

Es wird sogar das beschissene Streikrecht verteidigt und Bauern und Truckern gesagt, sie dürften nicht politisch streiken.

Wenn Menschen jenseits der bestehenden Regeln und Gesetze kämpfen, werden Linke noch panischer als die Vertreter des Staates.

Kann es sein, dass hier auch ein Stückweit einfach Neid im Spiel ist?

Ohne Frage wäre ein schwarzer Block in der Situation um Habeck's Fähre anders angegangen worden, als hier die Landwirte. Die Diskrepanz zwischen der behördlichen Einschätzung, hier könne möglicherweise Landfriedensbruch vorliegen und z.B. dem Rondenbargverfahren anlässlich G20, ist ja ziemlich offensichtlich.

Unabhängig von der inhaltlichen Positionierung der Linken zu den Bauernprotesten denke ich, dass die reine Feststellung, dass hier Menschen mit Arsch in der Hose ganz gewaltig auf die Kacke hauen und damit bei Polizei, Presse und Bevölkerung durchkommen, so manche Linke, die Polizeikessel und Wasserwerfer kennen, furchtbar wütend macht. Die Wut richtet sich nun aber gegen die Bauern, die das vorleben, was man selbst gerne täte - es aber nicht hinkriegt.

Hilfreicher wäre es zu reflektieren, warum die einen solche Aktionen offen durchführen können. Ohne Vermummung aber mit Kennzeichen und dabei noch konkrete Erfolge erzielen. Während man selbst beständig vor Mauern rennt und gefühlt nichts erreicht.

Nur so ein Gedanke von der Seitenlinie.
,,Das habe ich getan" sagt mein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben" sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.        Friedrich Nietzsche

counselor

ZitatHilfreicher wäre es zu reflektieren, warum die einen solche Aktionen offen durchführen können

Die Bauern sind Eigentümer von Produktionsmitteln und daher eine Macht. Großagrarier gehören zur herrschenden Klasse und der Bauernverband, unter dessen Führung die Proteste stehen, ist die Standesvertretung der Großagrarier. Die Proteste wenden sich nicht gegen das kapitalistische System, sondern bewegen sich innerhalb diesen Systems.

Das sind aus meiner Sicht die Gründe dafür, warum die Bauern solche Aktionen offen durchführen dürfen.

Anders sähe es aus, wenn die Klein- und Mittelbauern selbstständige gesellschaftsverändernde Kämpfe gemeinsam mit der Arbeiterklasse führen würden. Dann würden sich die CSU-Granden und der Freie Wähler Sumpf sicher nicht solidarisch mit den Bauern erklären.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Natürlich bin ich neidisch.
Proteste, bei denen die Herrschenden Muffensausen kriegen. Chapeau!

Jetzt sieht man, daß die antikapitalistischen Sprüche vieler Linker einfach nur heiße Luft sind. Wären sie ernstgemeint, würde es darum gehen, die Normalität samt ihrer wirtschaftlichen Abläufe zum Stillstand zu bringen. Die herrschende Ordnung ist zum Einsturz zu bringen und mitsamt seinem Staat zu überwinden, um eine neue Gesellschaft aufzubauen zu können. Eine Gesellschaft, die den Bedürfnissen der Menschen folgt unter Respekt vor der Natur und nicht auf Profitmaximierung ausgerichtet ist.

Sorry, es ist doch doch eine Lachnummer, wie jetzt "Linke" nach der Einhaltung von Gesetzen krähen und die herrschende Ordnung, deren Politiker und Ordnungshüter verteidigen.

Es war ja schon zu Coronazeiten so, als zehntausende, ja hunderttausende, auf der Straße waren, weil sie mit ihren Lebensbedingungen im Lockdown, mit der Informationspolitik des Staates und dessen Anti-Pandemiemaßnahmen nicht klarkamen und sie in Frage stellten, standen "Linke" und "Antifa" am Rand und brüllten die Unzufriedenen Menschen in die Arme der Faschisten.

Der Film "Der Laute Frühling" setzt sich mit der Frage auseinander, wie man eine Revolution macht, wie man eine Gesellschaft organisiert, wenn man alles selber machen muß und sich nicht auf die alten Strukturen verlassen kann oder will. Die erste Grundlage, um nicht bei einer Rebellion stehenzubleiben, wäre es, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Dazu ist es notwendig, Bauern und Trucker auf seine Seite zu bekommen.

Bauern und Trucker haben ein besonderes Gewicht, eine besondere Macht, nicht (nur) weil sie über Produktionsmittel verfügen, sondern über LKW und Traktoren. Wenn die im Weg stehen, sind sie nicht so schnell abzuräumen wie Klimakleber.

Wir können uns nicht die Trucker und Bauern backen, wie wir sie uns wünschen, sondern wir müssen mit denen umgehen, die wir haben. Und wenn es dort am politischen Bewußtsein "hapert", es Rechtstendenzen gibt, dann sollten wir es nicht als naturgegeben hinnehmen, sondern als veränderbar. Eine Linke, die nicht in der Lage ist, ihre eigene Blase zu verlassen, wird keinen Beitrag zur Bewußtseinsänderung dieser Berufsgruppen leisten.

2016 gab es in Argentinien eine Welle wilder Truckerstreiks. Sie waren chaotisch. Sie hatten klare soziale oder ökonomische Forderungen, es gab aber auch Streikcamps, die forderten, das Militär möge die "unfähige" Regierung stürzen. Eine fiese rechte Forderung.

Linke fürchteten sich vor den ruppigen, schmuddeligen Truckern, die so weit entfernt von ihrer linken Lebenswelt sind. Es haben sich aber einige Linke getraut, sich zu den Streikcamps zu begeben. Sie hatten Trinkwasser und Lebensmittel mitgebracht und bekamen nicht auf die Fresse. Sie wurden willkommen geheißen. Die Linken berichteten begeistert, wie gut und produktiv die Diskussionen verliefen.

Eine solche Haltung wünsche ich mir.

counselor

ZitatDie Linken berichteten begeistert, wie gut und produktiv die Diskussionen verliefen.

Eine solche Haltung wünsche ich mir.

Ich bin dafür, mit den Bauern über einen gemeinsamen Kampf für höhere Erzeugerpreise auf Kosten der Handelskonzerne zu reden. Ich bin aber generell gegen Subventionen (egal ob es Subventionen an die Fabrikanten oder an die Bauern sind). Ich halte die Agrarsubventionen sogar für einen Hauptgrund, dass Klein- und Mittelbauern in Bedrängnis sind und ihre Höfe aufgeben müssen. Ich bin gegen rechte Umsturzphantasien zugunsten einer noch reaktionäreren Regierung aus AfD und CDU/CSU.

Kurz: Ich bin für einen gemeinsamen Kampf mit den Klein- und Mittelbauern, wenn die Ziele des Kampfs fortschrittlich sind.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Wo bleibt deine Fähigkeit zur Dialektik?

Gesellschaftliche Entwicklungen und Kämpfe sind stets voller Widersprüche. Wir dürfen nicht darauf warten, eine Situation aus dem Lehrbuch vorzufinden. Wir müssen reagieren, wenn gesellschaftlich Bruchstellen und Bewegung entstehen, wir müssen improvisieren und sollten nicht dogmatisch und verbohrt herangehen.

Die Dieselsubventionen sind nicht Ziel der Bauernproteste, sie waren nur der Auslöser, der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte.

Die Gelbwestenproteste begannen mit der Forderung, die Spritpreiserhöhung zurückzunehmen. Ich würde ja nicht gerade mit der Forderung nach niedrigeren Spritkosten auf die Straße gehen, aber man muß verstehen, daß es in ihrem Alltag ein Problem wurde, wenn sie sich die Fahrt zur Arbeit, zum Arzt, zu Kita kaum noch leisten können.

Traditionelle Linke, Gewerkschafter und Grüne in Frankreich reagierten auf die Gelbwesten mit ähnlicher Ablehnung, wie es jetzt die Bauern erfahren. Man nannte die Gelbwesten autogeile Spinner aus der Provinz. Die Kämpfe und Forderungen der Gelbwesten änderten sich im Laufe der Zeit.

Das erhoffe ich mir von den Bauernprotesten. Sie können eine andere Richtung annehmen. Sie können nach rechts umschlagen, sie können aber auch vernünftig und fortschrittlich sein, sich gegen Höfesterben und Landgrabbing, gegen Preisdiktate der Discounter und gegen die Chemische- und Gen-Industrie wenden.

Bauern sind auch in ihrer Blase und haben oftmals keine Ahnung, wie andere soziale Kämpfe in der Gesellschaft funktionieren. Sie kennen fast nur ihresgleichen. Ich finde, man kann zähneknirschend Forderungen hinnehmen, wie die Spritpreise der Gelbwesten oder die Dieselsubventionen, um erstmal einen Fuß in die Tür zu bekommen, um sich an den Protesten beteiligen zu können. Erst dadurch entstehen Kontakte und Vertrauen, die notwendig sind, um eine weitergehende Diskussion um andere Inhalte zu beginnen.

Wenn man sich durch die beiden Threads "Agrar - Sicheln statt hämmern!" und "Bauernproteste in Deutschland" durchscrollt, stellt man fest, daß Blockaden gegen Molkereien, Verteilzentren der Discouter und Misthaufen vor Aldi bereits praktiziert wurden, auch schon vor 20 Jahren. Diese Form des Kampfes ist also keine linke Spinnerei, sondern immer wieder Realität in der Welt der Bauern.

Deshalb finde ich die Versuche sich einzumischen von "Betriebskampf"...


oder der FAU...



...gut.

counselor

ZitatWir müssen reagieren, wenn gesellschaftlich Bruchstellen und Bewegung entstehen, wir müssen improvisieren und sollten nicht dogmatisch und verbohrt herangehen.

Wir sollten selbstverständlich zu den Protesten hingehen und mit den Bauern über einen gemeinsamen Kampf reden.

Der Agrardiesel ist eine Kompensation für geringe Erzeugerpreise bei steigenden Produktionskosten.

Einer solchen Kompensation bedarf es nicht, wenn die Erzeugerpreise die Produktionskosten inklusive den Lebenshaltungskosten des Landwirts decken. Es müssen also die Erzeugerpreise soweit steigen, dass ein kleiner Landwirt von seiner Hände Arbeit leben kann. Die entsprechenden Erhöhungen der Erzeugerpreise müssen zu Lasten der Gewinne der Handelskonzerne erkämpft werden, die die Erzeugerpreise diktieren. Außerdem ist mein Anliegen, dass die Verbraucherpreise sinken.

Mein Ansatz ist, mit den Bauern über einen solchen Kampf, der dann selbstständig geführt werden muss, zu diskutieren.

Einen Kampf zum Festhalten am Status Quo zu führen ist falsch.

Ein Festhalten am Status Quo, wie ihn die FAU und Du offensichtlich fordern, ist nicht vorwärts treibend, weil dadurch das politische Bewusstsein der Bauern nicht dialektisch höher entwickelt wird. Es kommt mir eher so vor, als ob ihr dem Bauernverband schwanzwedelnd hinterherlauft.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Zitat von: counselor am 15:56:01 So. 07.Januar 2024Ein Festhalten am Status Quo, wie ihn die FAU und Du offensichtlich fordern...

Das ist schon eine Unterstellung. Ich sehe es eher als strategischen Trick, um sich erstmal an den Protesten zu beteiligen und von den Bauern angenommen zu werden. Erst von da kann eine Debatte entstehen und dann muß es dringend weggehen von den Dieselpreisen und erst recht vom Status Quo.


Onkel Tom

Zitat von: counselor am 15:56:01 So. 07.Januar 2024weil dadurch das politische Bewusstsein der Bauern nicht dialektisch höher entwickelt wird.
Wiso sollte das ? Die Bauern wissen was sie wollen und kämpfen um Lösung,
nicht nach "Vorlesungen".
Da sehe ich in dem Satz, den Du von Kuddel zitiert hast, als die bessere Option.
Als Unterstützer_in kann man am besten zur Geburtshilfe dienlich sein..  ;)
Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

Zu der Diskussion der Kampfformen in dieser tollen Demomkratie gibt es einen guten Beitrag in der taz:

ZitatDeutschland, deine Protestkultur

Konfrontieren Bürger*innen ihre Vertreter*innen, gilt das schon als ,,Verrohung". Dabei ist Abschottung der politischen Klasse undemokratisch.


Einmal tief Luft holen. Was ist in der Nacht vom 4. Januar in Schlüttsiel passiert? Ein Pulk von rund 300 Menschen ist zu einer Fähre gegangen und hat Lärm gemacht. Laut Angaben der Polizei wollten etwa 25 Personen auf die Fähre gelangen, auf der sich Wirtschaftsminister Robert Habeck befand. So weit die Fakten.

Ob es zu Gewalt gekommen wäre, wenn die Demonstrierenden auf das Schiff gekommen wären, ist reine Vermutung, ja Unterstellung. Dass die Fähre vorsichtshalber wieder abgelegt hat – verständlich. Dass die deutsche Öffentlichkeit über diesen Fast-Vorfall in Schnappatmung gerät – bedenklich.

Die Aufregung über die ,,Gewalt", die gar nicht passiert ist und nur vermutlich passiert wäre, sagt viel über Deutschlands erbärmliche Protestkultur und ein defizitäres Verständnis von Demokratie aus. In anderen Ländern gehört es zum Standardrepertoire, Politiker*innen aufzusuchen, zu stören und gegebenenfalls deren Fortbewegung zu blockieren. Warum auch nicht?

Die meisten deutschen Regierungspolitiker*innen lassen sich diskret von ihren Chauffeur*innen in die Tiefgaragen des Bundestags bringen und fahren von da mit dem Fahrstuhl in den Plenarsaal. Will man im Regierungsviertel von einem Gebäude ins andere, gibt es praktischerweise unterirdische Gänge. Bloß kein Kontakt nach draußen! Ein feudaler König hätte es sich nicht besser erträumen können.

Abgeordnete und Minister*innen bekommen normale Menschen quasi nie zu Gesicht. Sie müssen sich buchstäblich nie mit der Lebensrealität der Bevölkerung konfrontieren. Das ist nicht nur symbolisch ein Problem: Leider zeugt ihre Politik oftmals von eben dieser Entfremdung. Natürlich sucht man da als Bürger*in die Konfrontation. Wer das allein schon als ,,Verrohung" oder ,,antidemokratisch" bezeichnet, sollte sich mal mit der Französischen Revolution beschäftigen, der Wiege der europäischen Demokratie. Der deutsche Hang zu Anstand und Gehorsam steht diesen Werten allzu oft entgegen.

Auf einem anderen Blatt steht, dass die Bauernproteste von Rechtsextremen unterwandert werden und dass eine sehr kritische, inhaltliche Auseinandersetzung damit geboten ist. Es gibt unter den Demonstrant*innen rechtsextreme Chatgruppen, die den Sturz der Regierung fordern.

Fairerweise muss man dazu sagen, dass die politische Zugehörigkeit der 25 Fähren-Blockierer*innen noch nicht sicher festgestellt wurde. Wenn sie sich als rechtsextrem erweisen, dann ist es aber egal, ob sie eine Fähre blockieren oder nur danebenstehen: Dann ist ihre Ideologie das zu bekämpfende Problem.

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder sagte über die jüngsten Vorfälle, er habe Verständnis für die Anliegen der Bauern, weise aber deren radikale Protestform zurück. Im Gegenteil, Herr Söder! Die Form als solche ist – bisher zumindest – völlig harmlos und Teil eines Standardrepertoires von zivilen Protesten. Die inhaltliche Ausrichtung hingegen sollte man streng unter die Lupe nehmen.

Aber auch im Herausstellen der rechtsextremen Strömungen der ,,Bauernproteste" wären zwei Dinge angebracht: Erstens, die verschiedenen Akteur*innen der Landwirtschaft auseinanderzuhalten und zwischen den unterschiedlichen Forderungen zu differenzieren. Nicht alle Landwirt*innen sind Teil der subventionierten Großindustrie, die eine mächtige Lobby auf Bundes- und EU-Ebene hat. Nicht alle protestierenden Landwirt*innen sind rechts und antiökologisch.

Zweitens reicht es nicht, sich über die rechte Vereinnahmung zu empören, sondern es muss auch gegengesteuert werden. Dazu gehört in erster Linie, die realen Probleme der Bäuer*innen ernst zu nehmen. Und da geht es nicht nur um die Kfz-Steuer. Viele Landwirt*innen leiden unter massivem Höfesterben und Landgrabbing. In Frankreich und in der Schweiz gehört die Landwirtschaft zu einer Berufssparte mit besonders hoher Suizidrate – in Deutschland werden diese Zahlen zwar nicht erfasst, doch ist die Problemlage sehr ähnlich. Auch über diese Form der Gewalt muss gesprochen werden.

Die frühere Aktivistin und Linkenpolitikerin Carola Rackete macht es deshalb richtig: In einem Video benennt sie die Probleme von Bäuer*innen, nimmt sie ernst, kritisiert die tatsächlichen Fehler der Bundesregierung, ohne zu pauschalisieren – und ruft gleichzeitig zu einer klaren Distanzierung von den rechten und rechtsextremen Kräften innerhalb der Proteste auf. So viel Komplexität muss sein.
https://taz.de/Demonstrationen/!5982136/

Kuddel

ZitatProduktion im VW-Werk in Emden steht still

Wegen versperrter Zufahrtswege ist die Produktion am Volkswagen-Werk im ostfriesischen Emden zum Erliegen gekommen. Die Beschäftigten könnten nicht zur Arbeit kommen, sagte eine VW-Sprecherin. Wie viele Beschäftigte genau von dem Ausfall betroffen waren, wurde zunächst nicht bekannt.

Von der außerplanmäßigen Stilllegung betroffen ist demnach die Produktion von Verbrennerfahrzeugen. Sie soll am Dienstag wieder aufgenommen werden. Die Wiederaufnahme der E-Auto-Produktion sei nach den Weihnachtsferien ohnehin erst wieder für kommende Woche geplant gewesen.
https://www.zeit.de/gesellschaft/2024-01/bauernproteste-landwirte-verkehr-blockaden-liveblog

Cooool!

Kuddel

Es bewahrheitet sich wieder Lenins Bemerkung, daß die deutschen Revolutionäre erst ein Bahnsteigticket lösen würden, bevor sie einen Bahnhof stürmen.

Dieses Herumwedeln einiger Linker mit Paragraphen und dem Grundgesetz geht mir mordsmäßig auf den Sack.

Wenn die Herrschaftsverhältnisse ins Wanken geraten, kann man sich mit all diesen Rechten und Paragraphen den Arsch abwischen. Das einzige, was letztendlich zählt, ist die Macht auf der Straße, die Macht an den Arbeitsplätzen und... darüber hat hier kaum einer gesprochen, die Macht der Waffen.

Es ist schon traurig, daß sich unpolitische, unerfahrene und rechte Kreise viel weiter vorgewagt haben, und mit ihren Protesten nicht (nur) in den Medien sein wollten, sondern ihre Macht beweisen.

Linke kriegen dann das Heulen und meinen, das dürften die nicht. Ja, sie würden all den überraschend schlagkräftig Protestierenden am liebsten die Bullen auf den Hals jagen. Als die Querdenkerdemos verboten wurden, gingen sei einfach ohne Erlaubnis auf die Straße, nannte es bestenfalls "Spaziergang". Und die Bauern fragen nun auch nicht nach Genehmigung, sie machen einfach den Laden dicht, den Hamburger Hafen, Warenlager von Amazon, Aldi und Lidl. Dürfen die das? Nö. Machen sie trotzdem.

Die Letzte Generation ist fassungslos. Sie wünschen sich, man würde mit den Bauern so umgehen, wie mit ihnen umgegangen worden ist. Sie sollten sich bedanken für diesen Politikworkshop, den sie von der wirklichen Welt bekommen haben. Sie konnten eine Menge lernen über die Rolle von Politikern und des Staates. Die Klimakleber hofften auf Politiker, die zuhören und ihre Forderungen umsetzen. Geht den Politikern am Arsch vorbei und der Staat hat kein Interesse daran, den Willen von Umweltschützern umzusetzen, der Staat kümmert sich um die Umsetzung der Interessen der Wirtschaft. Für den Umgang mit den Klimaklebern gibt es die Polizei, die Justiz und die BILD.

Die Bauern haben nun ihre Macht gezeigt. Die haben sich nicht nur mit dem Staat angelegt, sondern auch mit der Wirtschaft. Aber man kann sie mitsamt ihrer Traktoren nicht mal einfach wegtragen. Und wenn man ihnen jetzt blöd und mit Repression kommt, werden sie vielleicht noch viel wütender. Da überlegt sich die Bundesregierung schon zweimal, wie sie darauf reagiert...

Und viele der Letzen Generation haben nicht verstanden, daß Proteste in ihrer Form etwas aussagen sollten.

Wenn klassische Gemälde mit Kartoffelbrei eingeschmiert werden, kommt das ins Fernsehen, doch die Zuschauer fragen sich, was das soll. Wenn die Bauern Mist vor Aldi abkippen oder den Lokalregierungen (in Frankreich) eine Gülledusche verpassen, versteht es jeder.

Wenn Klimaaktivisten den Feierabendverkehr aufhalten, ärgern sich die Menschen, die auf dem Weg nach Haus sind und sind wütend auf die Blockierer. Wenn sie eine Autofabrik blockieren würden, bis die Bänder stoppen, würde sich die Arbeiter über die Pause freuen.

Klimaaktivisten sollten sich bemühen, Malocher auf ihre Seite zu bringen, statt sie wütend auf Umweltschützer und Umweltschutz zu machen. FFF haben gerade mit der Kampagne #WirFahrenZusammen Unterstützung für die Streiks im Nahverkehr organisert. Ein Schritt in die richtige Richtung!


ManOfConstantSorrow

Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Onkel Tom

Na klaro, wenn ein genervter Soldat einfach seine Blase in den
Trinkwasserbrunnen entleert und die Sensorik Alarm schlägt..

Vieles ist möglich und der Artikel lässt Phantasien beflügeln. :D

Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

Counselor postet relativ regelmäßig rf-news-Beiträge (als Auszüge). Ich klicke sie selten an, weil ich sie meist recht öde finde. Die Einschätzungen halte ich oft für ok, aber zu vereinfacht und verkürzt. Wenn ich eine Überschrift sehe, kann ich den entsprechenden Artikel selbst aus ein paar Satzbausteinen zusammenbasteln.

Letzt hat counselor aber einen Leserbrief an rf-news gepostet, der leider untergegangen ist.

Das wird lustig:
ZitatSo ein Satz war noch nie auf Rote Fahne News zu lesen.,,Streik als schärfstes Kampfmittel" kenne ich von den Reformisten, die an die Reformierbarkeit des Kapitalismus glauben.

Sehe ich ja auch so, ich rege mich ständig über den Spruch ,,Streik als schärfstes Kampfmittel" aus dem Mund von Gewerkschaftern auf.

Man hat sich selbst mit Anarchosyndikalisten beschäftigt.
ZitatUnd dann gibt es noch anarchistische Gruppen, für die der Generalstreik die höchste Kampfform ist. So schreiben die Anarchosyndikalisten der FAU auf ihrer Webseite: ,,Mit ihrer Aktivität will die FAU neben einer konkreten Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen die soziale Revolution vorbereiten, mit der die klassen- und herrschaftslose Gesellschaft mittels Generalstreik erreicht werden soll".

Auch ihnen unterstellt man "opportunistischen Anschauungen" und erwartet weitaus mehr, schließlich gilt es, den Kapitalismus nicht zu reformieren, sondern zu überwinden.
ZitatDer bewaffnete Aufstand bzw. der bewaffnete Kampf als höchste Form des Klassenkampfs haben die Eroberung der politischen Macht und die Errichtung der Diktatur des Proletariats zum Ziel.

In diesen Zeiten traut sich kaum jemand, so etwas zu denken, geschweige auszusprechen.

krapotke


ZitatDer bewaffnete Aufstand bzw. der bewaffnete Kampf als höchste Form des Klassenkampfs haben die Eroberung der politischen Macht und die Errichtung der Diktatur des Proletariats zum Ziel.

ZitatIn diesen Zeiten traut sich kaum jemand, so etwas zu denken, geschweige auszusprechen.


Das stimmt und mMn regieren die Menschen zurecht reserviert auf diese Formel des "bewaffneten Kampfes".
Gegen Welche Personengruppe(n) soll sich denn dieser Kampf richten?
Gegen einzelne Vertreter*innen der kapitalistischen Ordnung? Sinnfrei, wie das Scheitern der RAF gezeigt hat.

Gegen den Macht- und Gewaltapparat des Staates, dessen Aufgabe es ist, den Status quo zu schützen? Das kann nicht gegen diesen Apparat gelingen, sondern nur mit ihm.
Nämlich dann, wenn eine kritische Masse von Cops und Militärs ihren Gehorsam verweigern oder sogar überlaufen. Das sehe ich nicht.

Wer hier von bewaffneter Revolution träumt, der sollte bedenken, dass die absolute Mehrheit der Sicherheitskräfte konterrevolutionär eingestellt sein werden und den Kampf nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung führen werden. Desweiteren verteidigen z.B. Cops und zum Teil Militärs mit der staatlichen Ordnung auch die weitreichenden Privilegien ihres Beamtenstatus.

Vor dem Kampf müsste also die Vernetzung der Revolutionäre mit den Sicherheitskräfte kommen - wie gesagt, davon sehe ich nichts. Dann wäre z.B. nicht Schülerstreik gegen Wehrpflicht angesagt, sondern der massenhafte Einzug junger Linker in die Kasernen.

Da halte ich tatsächlich im Moment den Streik für die schärfste Waffe.



,,Das habe ich getan" sagt mein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben" sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.        Friedrich Nietzsche

counselor

ZitatGegen den Macht- und Gewaltapparat des Staates, dessen Aufgabe es ist, den Status quo zu schützen? Das kann nicht gegen diesen Apparat gelingen, sondern nur mit ihm.
Nämlich dann, wenn eine kritische Masse von Cops und Militärs ihren Gehorsam verweigern oder sogar überlaufen.

Genau das ist gemeint. Eine Revolution kann nur gelingen, wenn die bewaffneten Einheiten des Staates die Waffen drehen und überlaufen. Im Augenblick haben wir eine relative Ruhe im Klassenkampf und der Staat ist intakt. In einer revolutionären Situation kann sich das ändern.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

@krapotke, ich kann mich deinen Gedanken zum Thema nahezu komplett anschließen.

In meiner Jugend fand ich den bewaffneten Kampf faszierend und konnte mich für ETA, IRA oder PLO begeistern. Ich weiß, es gibt Situationen, in denen der Griff zur Waffe Sinn macht oder gar notwendig ist. Aber meine Begeisterung dafür ist verflogen. Kriege, auch Bürgerkriege, haben schlimme Nebenwirkungen, selbst wenn das Ziel ein moralisches sein sollte. Auch innerhalb bewaffneter revolutionärer Organisationen entstehen unschöne Situationen und Entwicklungen.

Ich wollte an dieser Stelle keine Werbung für den bewaffneten Kampf machen.

Mein Blick auf die herrschenden Verhältnisse und unsere Zukunft ist finster. Ich sehe nicht nur schlimme Entwicklungen im Bereich der Ökologie, sondern auch ein Verschwinden unserer sozialen Absicherungen (so schlecht sie auch sein mögen) und das Kapital scheint auch kein Interesse mehr an der Existenz der bürgerlichen Demokratie zu haben, weil man sich mit den lästigen Regeln und Menschenrechten nicht mehr herumschlagen möchte.

Angesichts derart bedrohlicher Entwicklungen bin ich entsetzt, wie wenig man sich (auch nur als Gedankenspiel) damit auseinandersetzt, wie es wohl wäre, wenn all die "Sicherheiten", an die wir uns gewöhnt haben, plötzlich futsch sind.

Es ödet mich einfach nur noch an, wenn man sich allein dafür interessiert, ob die Linkspartei ein paar Prozent mehr oder weniger bekommt oder ob irgendwelche Gerichte uns eine bessere Welt bescheren. Mich deprimiert es, wie auch hier im Forum die Diskussion vor sich hinplätschert. Ich erwarte ja nicht, daß irgendwer nun eine Waffe in die Hand nimmt oder etwas wer-weiß-wie Radikales macht. Ich möchte nichts weiter, als daß man sich mal vorstellt, wie das Leben sein könnte, wenn die Herrschaft der Kapitalisten, bzw. dieses System der ewigen Profitmaximierung, nicht mehr existieren würde.

Wenn wir die Dinge so laufen lassen wie sie laufen, dann ist unsere Zukunft eine Zukunft mit zahlreihen ökologischen Katastrophen, immer neuen Seuchen, Massenverarmung, autoritärer Herrschaft und Krieg.

Wenn wir eh wenig zu verlieren haben, könnte man sich ja mal Gedanken machen, wie man diesen Wahnsinn stoppen kann.

So fand ich es tatsächlich recht erfrischend, als ein MLPD Mitglied von der Zahnlosikeit seiner Partei enttäuscht war und selbst die FAU für zu harmlos hielt. Damit kann ich etwas anfangen. Darin sah ich die Suche nach einer anderen Welt und die Frage, wie man die herrschenden Machtverhältnisse zum Einsturz bringt.

Diese Verhältnisse lassen sich nur durch eine Massenbewegung ändern.

ZitatDa halte ich tatsächlich im Moment den Streik für die schärfste Waffe.

Sehe ich genauso.

P.S.: Deine Gedanken über die Sicherheitskräfte und den möglichen Umgang mit ihnen, teile ich. Das könnte man an anderer Stelle diskutieren. Ich habe mehrfach versucht, diese Diskussion zu starten, doch darauf ist niemand angesprungen.

Nikita

Das Gerede von der wehrhaften Demokratie war heiße Luft. Der Politik fehlen die Köpfe und vermutlich auch der Wille,um den AfD-Nazis oder der Umweltkatastrophe etwas entgegenzusetzen. Sie sind Teil des Problems.
Die Menschen selbst haben vergessen, was Selbstwirksamkeit bedeutet und warten auf einen Erlöser.

Mir hilft es im Kleinen etwas zu bewirken und den Zusammenhalt zu stärken. Kleine Gruppen, die gemeinsame Ziele haben und etwas verbessern. Etwas Verschönern im Viertel, gemeinsame Aktionen. Dazu gehörte auch die Information, wie man sich auf Krisen vorbereitet.
Konkret:
Es gibt hier jemanden, der das Zukunftsforum Endenich ins Leben gerufen hat. Dort werden Vorträge organisiert zur gegenseitigen Vernetzung, einer beschäftige sich mit Krisenvorsorge zur gegenseitigen Unterstützung im Bedarfsfall. Das ist aber ein Aspekt von mehreren.
Die Website gibt nicht viel her, ist aber ein Einstiegspunkt.
https://zukunftsforum-endenich.de/

Im eigenen Viertel organisieren wir ähnliches. Müllsammelaktionen, Mitmach-Workshops,  Begrünungsaktionen, Bücherschränke, Sitzgelegenheiten, wo früher nur Beton war.
Wo soll das hinführen: Gemeinsinn stärken, Verbindung schaffen, sich helfen, ins Gespräch kommen, Vereinsamung Entgegenwirken. Nicht einfach die Politik machen lassen.


BGS

Zitat von: Nikita am 16:29:00 Do. 30.April 2026... . Dazu gehörte auch die Information, wie man sich auf Krisen vorbereitet.
Es gibt


Es gibt?

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Nikita

Danke Dir. Ich habe den Beitrag unten weitergeschrieben.

Zitat von: BGS am 17:37:34 Do. 30.April 2026
Zitat von: Nikita am 16:29:00 Do. 30.April 2026... . Dazu gehörte auch die Information, wie man sich auf Krisen vorbereitet.
Es gibt


Es gibt?

MfG

BGS

krapotke

ZitatAngesichts derart bedrohlicher Entwicklungen bin ich entsetzt, wie wenig man sich (auch nur als Gedankenspiel) damit auseinandersetzt, wie es wohl wäre, wenn all die "Sicherheiten", an die wir uns gewöhnt haben, plötzlich futsch sind.

ZitatIch möchte nichts weiter, als daß man sich mal vorstellt, wie das Leben sein könnte, wenn die Herrschaft der Kapitalisten, bzw. dieses System der ewigen Profitmaximierung, nicht mehr existieren würde.

Ich verstehe deine Gedanken. Mich erschreckt an der Vorstellung über den Aufbau einer neuen Gesellschaft, dass nach dem Überwinden der kapitalistischen Herrschaft und der (vmtl. blutigen) Übernahme der Produktionsmittel nur wenig von den gewohnten Verteilungs- und Organisationsformen der jetzigen Gesellschaft nutzbar bleiben wird. Grundsätzliche Bedürfnisse wie Energieversorgung, Pflege, Transport müssten komplett anders verteilt und organisiert werden. Das übersteigt tatsächlich meine Vorstellungskraft.
,,Das habe ich getan" sagt mein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben" sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach.        Friedrich Nietzsche

NachbarArsch

ZitatMich erschreckt an der Vorstellung über den Aufbau einer neuen Gesellschaft, dass nach dem Überwinden der kapitalistischen Herrschaft und der (vmtl. blutigen) Übernahme der Produktionsmittel nur wenig von den gewohnten Verteilungs- und Organisationsformen der jetzigen Gesellschaft nutzbar bleiben wird. Grundsätzliche Bedürfnisse wie Energieversorgung, Pflege, Transport müssten komplett anders verteilt und organisiert werden. Das übersteigt tatsächlich meine Vorstellungskraft.

Ist für mich hier und jetzt auch schwer vorstellbar. So ortodxe Kommunisten weisen dann immer auf die Floskel "das Proletariat macht jetzt schon die Arbeit, es gib auf jeder Ebene also Teile in der Klasse/Partei ( im marxschen sinne) die wissen wie es geht und das auch anders organisiert bereitstellen können."
Da sind wir ja ewig weit von entfernt.
Aber es gibt Gründe sich schon jetzt mit in allen Betrieben und Infrastrukturen zu organisieren und Kontakte in alle Bereiche des Betriebs aufzubauen. Das ist jetzt schon wichtig um weitere Arbeitsrechtliche und Lohn -erosion entgegenzutreten, effektiv streiken zu können und eigene Forderungen entgegen der DGB Floskeln zu formulieren.
Es kann auch Mitbestimmung bei einigen Abläufen und Arbeitserleichterung erkämpft werden, anstatt völlig verfehlte, unsinnige und an der Sache vorbei, Vorgaben der Geschäftsleitung und Verwaltung umzusetzen. Meist bekomme ich auf Arbeit nur mit wie ein Bereich über den anderen flucht. Am liebsten auf die Verwaltung, der exekutive Arm der Geschäftsführung. Dort wo die Leutz mehr voneinander mitkriegen besteht auch mehr Verständnis und Solidarität. Aus solchen Netzwerken könnte auch orgarnisiert oder erarbeitet werden wie so etwas anders und selbst organisiert werden kann.
Letztendlich kommt es darauf an sich an die selbstorganisation jedes Lebensbereich heranzutasten. Das hilft bei jetzigen Arbeitskämpfen und kann auch die Grundlage für eine andere Gesellschaft bilden. Eine Grundlage die sich auf den Umgang, Organisation und Erfahrungen unser bisherigen sozialen Kämpfen.
Unsere Chefduzenbemühungen und auch andere jenseits von Chefduzen und Gespräche mit Mitausgebeuteten zeigen das es zäh, langwierig und ernüchternd ist.

Kuddel

Wie gesagt, es geht mir erstmal nur um Gedankenspiele.

"Wer keinen Mut zu träumen hat, hat keine Kraft zu kämpfen."

Und letztendlich gilt es, die herrschende Gewalt und die strukturelle Gewalt zu beenden und die zerstörerischen gesellschaftliche Verhältnisse durch menschliche und die Natur respektierende Verhältnisse zu ersetzten. Es geht darum, Gewalt zu beenden.

Die direkte Gewalt ist hier noch nicht so ausgeprägt wie in den USA, wo jährlich 1000 Menschen durch Polizeischüsse umkommen. Im Zusammenhang mit dem Workers' Memorial Day wurde daran erinnert, daß durch Arbeit (Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten) mehr Menschen sterben als durch Kriege. Die Lebenserwartung armer Menschen liegt 5-10 Jahre niedrieger als von Wohlhabenden. Man könnte die Liste verlängern, die Opfer der Lebensmittelindustrie und ihrer gesundheitsschädigenden Produkte, die Opfer des immer schlechter werdenden Gesundheitssystems und wohl vieles andere.

Ich weiß nicht, ob eine Revolution zwingend so blutig sein muß. Während die Russische Revolution sehr blutig war, war der Sturz des deutschen Kaisers mit der Ausrufung der Räterepublik von nur wenigen Opfern begleitet.

Auch die Iranische Revolution 1979 verlief weitgehend unblutig. Als Millionen Menschen auf den Straßen waren, verweigerte die Armee die Befehle und sagte, "Volk schießt nicht auf Volk".

Beide, sowohl die deutsche Räterepublik, alsauch die Iranische Revolution waren nicht auf die Konterrevolution vorbereitet.

Sozialdemokraten wie Noske und Ebert arbeiteten mit Freikorps-Soldaten zusammen an der bewaffneten Niederschlagung eines Generalstreiks. Auch die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gehören in diesen Zusammenhang. ("Ebert hat zu Max von Baden, dem letzten Reichskanzler des Kaiserreiches, gesagt, er befürchte, dass die USPD die Umsetzung des SPD-Programms fordere." Aus einem lesenswerten Interview mit Klaus Gietinger https://www.jungewelt.de/beilage/art/347048 )

Die Entwicklung der Iranischen Revolution war ja auch überaus tragisch. Die Forderungen der Menschenmassen waren wunderbar, doch die reaktionären Mullahs setzten sich in den Revolutionswirren an die Spitze. Viele derjenigen, die aus den Knästen des Schahregimes befreit worden sind, wurden unter den Mullahs wieder eingeknastet. Und in Punkto Folter und Hinrichtungen zeigten sich die Mullahs als weitaus brutaler als der Schah.

Ich bin kein Pazifist, aber ich verachte Gewalt- und Waffengeilheit.

Bei der RAF und den Roten Brigaden (Italien) wurde es bei den folgenden Generationen ein Weg zu mehr Militanz, während sie politisch und moralisch ihre Grundlagen verloren.

Zur Neuordnung einer Gesellschaft mit allem was dazu gehört, Produktion, Versorgung mit Lebensmitteln, Energie, Gesundheitsversorgung etc., dazu kann man sich schon Gedanken machen, bevor es nach einer revolutionären Situation riecht.

Vieles kann nicht in der Theorie ausgearbeitet werden, sondern muß in der Praxis ausprobiert werden. Es gibt inzwischen auch hierzulande viele Menschen, die von diesem System ausgegrenzt sind durch Armut, insbesondere als Migranten ohne Papiere. Da werden Strukturen des Überlebens improvisiert, aber es gibt Versuche einer Basisorganisierung auf höherem Niveau, wie bei dieser Polyklinik in Hamburg Veddel. Man weiß auch viel zu wenig über die Arbeitergesundheitsbewegung.

Das größte Beispiel von selbstorganisiertem, solidarischen Leben, das mir einfällt, ist der Britische Bergarbeitrstreik 1984/85. 100.000 Arbeiter sind in den Streik getreten und Thatcher ließ das Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmen, so daß ohne Streikgeld gekämpft und gelebt werden mußte.

Die Bergarbeiter wurden vom Gewerkschaftsdachverband TUC im Stich gelassen, es war die massenhafte Solidarität von unten, die den Kampf über 12 Monate aufrecht erhielt, bis er schließlich zusammenbrach. Der Arbeitskampf unter extremen Bedingungen ist in viellerlei Beziehung lehrreich. Die britischen Bergarbeiter waren mehrheitlich konservativ eingestellt, also offen für eine rassistische und sexistische Haltung. Der Arbeitskampf schüttelte ihre Weltbilder kräftig durch. Die Lebensmittelspenden aus der indisch-pakistanischen Community, der Support von Schwulen- und Lesbengruppen und die Kampfstärke der Women Support Groups (Bergarbeiterfrauen) zwangen sie zum Umdenken.

Zitat...müssten komplett anders verteilt und organisiert werden. Das übersteigt tatsächlich meine Vorstellungskraft.

Einerseits ist die kapitalistische Organisierung der Wirtschaft oftmals alles andere als gut für die Wirtschaft. Andererseits müssen wir nicht alles in Perfektion neu entworfen haben. Wir brauchen erst einmal den Willen dazu. Wichtig ist, mit den Menschen in der Produktion, im Transport, in der Landwirtschaft (etc.) zu reden, auch wenn sie keine Linken sind. 1975 stürmten Tausende Demonstranten in Wyhl den Bauplatz für ein AKW und besetzten ihn. Sie errichteten dort ein Gemeinschaftshaus in dem Studenten und Bauern miteinander diskutierten. Es war eine fruchtbare Diskussion und daraus erwuchs die bundesdeutsche Anti-AKW-Bewegung.

counselor

ZitatWährend die Russische Revolution sehr blutig war

Der eigentliche Umsturz in Petrograd war relativ unblutig. Blutig dagegen war der anschließende Bürgerkrieg.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Stimmt. Das war in China ähnlich.

Wanderratte

Zitat von: Kuddel am 11:13:58 Do. 30.April 2026Mein Blick auf die herrschenden Verhältnisse und unsere Zukunft ist finster. Ich sehe nicht nur schlimme Entwicklungen im Bereich der Ökologie, sondern auch ein Verschwinden unserer sozialen Absicherungen (so schlecht sie auch sein mögen) und das Kapital scheint auch kein Interesse mehr an der Existenz der bürgerlichen Demokratie zu haben, weil man sich mit den lästigen Regeln und Menschenrechten nicht mehr herumschlagen möchte.

Angesichts derart bedrohlicher Entwicklungen bin ich entsetzt, wie wenig man sich (auch nur als Gedankenspiel) damit auseinandersetzt, wie es wohl wäre, wenn all die "Sicherheiten", an die wir uns gewöhnt haben, plötzlich futsch sind.

Es ödet mich einfach nur noch an, wenn man sich allein dafür interessiert, ob die Linkspartei ein paar Prozent mehr oder weniger bekommt oder ob irgendwelche Gerichte uns eine bessere Welt bescheren. Mich deprimiert es, wie auch hier im Forum die Diskussion vor sich hinplätschert. Ich erwarte ja nicht, daß irgendwer nun eine Waffe in die Hand nimmt oder etwas wer-weiß-wie Radikales macht. Ich möchte nichts weiter, als daß man sich mal vorstellt, wie das Leben sein könnte, wenn die Herrschaft der Kapitalisten, bzw. dieses System der ewigen Profitmaximierung, nicht mehr existieren würde.
Ich mache mir diesbezüglich sehr viele Gedanken. Und ja, ich träume sehr gerne. Das ist was, was ich bevorzuge und auch liebe.

Doch die Frage, die sich mir zuvorderst stellt, ist die, was will ich überhaupt.

Klar, ich möchte eine andere, bessere Gesellschaft. Das steht nicht zur Debatte.

Doch hat das Ganze einen Namen? Ist es Sozialismus? Ist es Kommunismus? Oder Anarchismus? Oder, was ganz anderes? Ich weiß es nicht.

Für mich ist nur eines klar, daß ich eine linkspolitische Einstellung habe.

Und ja, muß man dem Ganzen überhaupt einen Namen geben? Ich weiß auch das nicht.

Ich frage mich halt nur: Kann ich irgendwo mitmachen, ohne genau zu wissen, was ich überhaupt möchte.

Ich wünschte so sehr, ich wäre jünger. Die SDAJ gefällt mir sehr gut. Dabei fühle ich mich überhaupt nicht erwachsen.

Was ich weiß, ist, daß ich mir eine Gesellschaft wünsche, die auf Menschlichkeit beruht. Eine Gesellschaft, in der der Reichtum gleichmäßig verteilt ist. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch ein gutes Leben leben kann. Ich hasse nämlich Ungerechtigkeit. Ferner lege ich sehr viel Wert darauf, ein freies und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Es sollte jedoch nicht nur darum gehen, daß es uns Menschen gut geht. Auch Tiere und Pflanzen haben ein Recht darauf, geschützt und geachtet zu werden. Auch sie haben Respekt verdient.

Ich bin der Meinung, das alles sind Forderungen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Doch selbst diese Minimalforderungen scheinen aktuell unerreichbar zu sein. Mist.  :(

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