Zeitarbeitschef Volker Homburg über Lohndumping, Schwarzarbeit und den Ruf des billigen Jakobs

Begonnen von Kater, 02:17:14 Do. 02.März 2006

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Kater

Zitat"Mindestlohn von sechs bis sieben Euro realistisch"
Zeitarbeitschef Volker Homburg über Lohndumping, Schwarzarbeit und den Ruf des billigen Jakobs
Herr Homburg, einige Zeitarbeitsfirmen zahlen ihren Mitarbeitern Stundenlöhne von fünf Euro und weniger. Ist das fair?

Nein, ich halte das für eine gefährliche Entwicklung. Wir haben in unserem Verband seit über zwei Jahren einen Tarifvertrag, der ein Einstiegsgehalt von sieben Euro pro Stunde vorsieht. Aber wir sehen, dass viele Firmen weniger zahlen. Das ist deshalb ein Problem, weil es uns gerade gelungen ist, die Zeitarbeit in Deutschland zu etablieren. Wenn wir jetzt in der Öffentlichkeit als billiger Jakob darstehen, schadet das unserem Ruf.

Würde ein gesetzlicher Mindestlohn das Problem beseitigen?

Es ist richtig, dass wir in unserer Branche einen Mindestlohn brauchen. Aber eine bundesweite, gesetzliche Regelung würde die Tarifparteien entmachten. Das wollen wir verhindern. Deshalb stehen wir gemeinsam mit einem anderen Zeitarbeits-Verband in Verhandlungen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Wir sind uns mit den Gewerkschaften grundsätzlich einig darüber, dass das Entsendegesetz auch in unserer Branche zum Tragen kommen sollte - ähnlich wie heute bereits in der Bauwirtschaft.

Das hieße, dass der Bundesarbeitsminister im Falle einer Einigung den von den Tarifparteien verhandelten Lohn für allgemein verbindlich erklären müsste. Wie groß ist denn die Chance, dass der Minister das dann auch tut?

Wir sind da sehr optimistisch. Der große Vorteil dieser Lösung wäre doch, dass der Mindestlohn nur für eine gewisse Zeit gelten würde. Denkbar wären zwei bis drei Jahre. In der Zeit könnte sich der Markt beruhigen, das Lohndumping hätte vorerst ein Ende. Und die deutschen Zeitarbeits-Firmen wären für die Zeit des Anpassungsprozesses innerhalb der Europäischen Union vor möglicher Billigkonkurrenz aus den mittel- und osteuropäischen Staaten geschützt. Das ist auch im Hinblick auf die geplante Dienstleistungsrichtlinie für die deutschen Firmen von Bedeutung.

Wie hoch sollte der Mindestlohn sein?

Das werden die Verhandlungen zeigen. Realistisch ist aber ein Stundenlohn zwischen sechs und sieben Euro. Das ist nötig, um auch Menschen mit einfachen Helfertätigkeiten eine Perspektive bieten zu können.

Das ist weit mehr, als viele Zeitarbeits-Firmen ungelernten Mitarbeitern zahlen. Fürchten Sie nicht, dass genau diese für Deutschland wichtigen Arbeitsplätze verloren gehen?

Das Problem ist in der Tat, dass wir bei der Höhe des Mindestlohnes eine richtige Balance wahren müssen. Er muss einerseits sozial verträglich sein, andererseits darf aber die Wettbewerbsfähigkeit nicht leiden. Das ist aber auch eine Frage der Erfahrung. Wenn wir irgendwann feststellen, dass der Mindestlohn zu hoch ist, können sich die Tarifparteien neu verständigen.

Mit ihrer Forderung stellen Sie sich auch gegen die großen Wirtschaftsverbände. Diese betrachten Mindestlöhne ebenso wie eine Ausweitung des Entsendegesetzes als arbeitsmarktpolitisches Übel.

Das ist die Position der Dachverbände, unsere ist es nicht. Wir haben für unsere Haltung einen großen Rückhalt unter den Mitgliedern. Rund 70 Prozent der Mitgliedsunternehmen befürworten unsere Pläne.

Dennoch wird es schwer sein, den branchenbezogenen Mindestlohn zu kontrollieren. Die Baubranche, in der ebenfalls das Entsendegesetz gilt, ist doch eher ein warnendes Beispiel. Hier wird der Mindestlohn oft durch Schwarzarbeit umgangen.

Wir sind der Meinung, dass wir mit der geplanten Regelung dem Willen der Mehrheit unserer Mitglieder entsprechen. Natürlich lässt sich illegales Verhalten nicht gänzlich ausschalten. Unsere Branche wird allerdings stark von staatlicher Seite überwacht. Wir sind daher zuversichtlich, dass die meisten Unternehmen sich an die Lohnuntergrenze halten werden, zumal ansonsten harte Sanktionen nach dem Arbeitnehmerentsendegesetz drohen.

Die Auftragslage der Zeitarbeits-Firmen gilt als Frühindikator für Veränderungen am Arbeitsmarkt. Spüren ihre Mitgliedsunternehmen die von vielen Forschungsinstituten prophezeite Konjunkturbelebung?

Es gibt einen neuen Optimismus, das spüren wir sehr deutlich. Besonders die Erwartungen für dieses Frühjahr sind äußerst positiv. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall.

Das Gespräch führte Philip Faigle.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/530664.html

ZitatZur Person
Volker Homburg ist seit knapp einem Jahr Bundesvorsitzender des Interessenverbandes deutscher Zeitarbeits- unternehmen, der rund 1 000 Mitgliedsfirmen vertritt.

In Deutschland sind etwa 400 000 Menschen als Zeitarbeitnehmer beschäftigt.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/530666.html?2006-03-02

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