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Wat Noch => Praxisbereich => Streikpraxis => Thema gestartet von: ManOfConstantSorrow am 17:30:40 Sa. 05.November 2016

Titel: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 17:30:40 Sa. 05.November 2016
Heute: Hamburg 1896

Am Morgen des 21. November 1896 sind die Schauerleute sind nicht erschienen. Fast 5.000 Arbeiter streiken für bessere Arbeitsbedingungen, vor allem feste und kürzere Arbeitszeiten, und mehr Geld.

(http://www.ndr.de/kultur/geschichte/kaiarbeiter100_v-contentgross.jpg)
Wenig Geld für schwere Arbeit: Manche Schicht dauert 72 Stunden.

Schöner Bericht beim NDR:
http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/1896-streiken-die-Hamburger-Hafenarbeiter,hafenarbeiterstreik100.html (http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/1896-streiken-die-Hamburger-Hafenarbeiter,hafenarbeiterstreik100.html)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: admin am 20:58:02 Do. 18.Mai 2017
Futter fürs Auge und für's Hirn:

Wilde Streiks – Der heiße Herbst 1969 Doku

Im September 1969 streikten plötzlich massenhaft deutsche Arbeiter, ohne Unterstützung der Gewerkschaft und zur Überraschung der Arbeitgeber. Die Angst ging um: Schließen sich jetzt die Stahlarbeiter und Kohlekumpel den revoltierenden Studenten an? Haben Kommunisten die Finger im Spiel? Die spontane Arbeitsniederlegung verbreitete sich die wie ein Buschbrand, und dahinter steckte keine Organisation, sondern weit verbreitete Unzufriedenheit. Die Gewerkschaften hatten in den vergangenen Jahren Lohnpolitische Zurückhaltung geübt und gleichzeitig boomte die Konjunktur. Die Streikenden Arbeiter wollten ihren Anteil an den Gewinnen der blühenden Wirtschaft. Die erschrockenen Arbeitgeber vereinbarten 1969 und in den folgenden Jahren ungewohnt hohe Lohnerhöhungen, um wieder Ruhe zu schaffen. Die APO wurde in ihrem Ziel bestärkt, die Arbeiter zum Aufstand zu bewegen. Doch die Welle der Streiks blieb ein einmaliges Ereignis.

(https://abload.de/img/30pfennig001-1024x576p5jk8.jpg) (http://abload.de/image.php?img=30pfennig001-1024x576p5jk8.jpg)
(https://abload.de/img/collage001-1024x576iwjrt.jpg) (http://abload.de/image.php?img=collage001-1024x576iwjrt.jpg)
(https://abload.de/img/collage2_001-1024x576e2jtg.jpg) (http://abload.de/image.php?img=collage2_001-1024x576e2jtg.jpg)
(https://abload.de/img/demo001-1024x576kfj5w.jpg) (http://abload.de/image.php?img=demo001-1024x576kfj5w.jpg)
(https://abload.de/img/studenten_demo001-10201kh1.jpg) (http://abload.de/image.php?img=studenten_demo001-10201kh1.jpg)



Der Link zur Doku:
http://dokumonster.de/sehen/wilde-streiks-der-heisse-herbst-1969-doku-2015/ (http://dokumonster.de/sehen/wilde-streiks-der-heisse-herbst-1969-doku-2015/)

Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: admin am 12:02:10 So. 28.Mai 2017
Zitat
8. Mai 1947:
Streik der Hungernden in Hamburg Streik gegen "Hungerrationen" in der Nachkriegszeit


von Thomas Hartmann

(http://www.mdr.de/kultur/themen/bild-94906-resimage_v-variantSmall24x9_w-640.jpg?version=11433)
Adolph Kummernuss spricht im Mai 1947 bei der Kundgebung gegen den Hunger zu den Demonstranten vor dem Gewerkschaftshaus in Hamburg.


Hamburg, im Mai 1947. Die Menschen gehen auf die Straße. Aus Protest gegen die mageren Lebensmittelrationen in der britischen Besatzungszone, die, so nennt es ein Reporter, "Hungerrationen".

Zitat
    Weit über 120.000 Menschen haben sich jetzt vor dem Gewerkschaftshaus auf dem Platz vor dem Beesenbinderhof versammelt und die Menge steht Kopf an Kopf und hier kann wahrlich kein Apfel zur Erde fallen. Auch wir hungern, lesen wir dort gerade, die Belegschaft der Deutschen Shell-Aktiengesellschaft. Wer könnte das nicht von sich behaupten?
    Reporter in Hamburg, 1947

Adolph Kummernuss tritt vor die Menge. Der Vorsitzende des Ortsausschusses des Deutschen Gewerkschaftsbundes Hamburg. Er spricht über die leidvolle Situation der Menschen, insbesondere über die im letzten Winter:

Zitat
    Eine ungeheure Not, durch Fehlen jeglichen Heizmaterials. Dazu kam der Mangel an Nahrungsmitteln, dazu kam der Mangel an Bekleidung. Für Hamburg die Folge: 74 Tote, die erfroren sind.
    Adolph Kummernuss

In ganz Deutschland, schreibt der Historiker Thomas Vogel in einem Aufsatz, fallen dem Hunger und der Kälte im Winter 1946/47 mehrere Hunderttausend Menschen zum Opfer.

Das Elend der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nazideutschland trägt mit dem Zweiten Weltkrieg Grauen und Vernichtung in die Welt. Letztendlich richtet sich dies gegen Nazideutschland selbst. Doch mit der Befreiung vom Faschismus endet nicht das Elend der deutschen Bevölkerung. Sie hungert, darbt. Aus verschiedenen Gründen: wegen der Zerstörungen durch den Krieg, wegen der Demontagepolitik der Besatzungsmächte, wegen des Flüchtlingsstroms aus dem Osten. Die Suche nach Essen wird zum Lebensinhalt, der Schwarzhandel blüht. Politische Kommentare ändern daran wenig: "Man könnte glauben, es gäbe nirgendwo einen landwirtschaftlichen Erzeuger, der nicht alles daran setzt, auch das letzte Getreidekorn dorthin zu schaffen, wo Menschen bitteren Hunger leiden. Und doch ist es so.", schreibt ein deutscher Reporter und die Zeitschrift "The Times" teilt den US-Lesern mit:
Zitat
    Das Ausmaß, in dem Hunde amerikanischer Besatzungsangehöriger getötet und verspeist werden, kommt einer Herausforderung gleich, ...
    The Times Magazine

Zitat
Der kalte Winter 1946/47
Menschen demonstrieren im März 1947 in Düsseldorf gegen den Ernährungsnotstand der Nachkriegszeit
(http://www.mdr.de/kultur/themen/bild-94908-resimage_v-variantSmall16x9_w-320.jpg?version=43921)
Auch in anderen Städten demonstrieren Menschen gegen den Ernährungsnotstand der Nachkriegszeit: hier in Düsseldorf im März 1947.


Dann kommt der lange, kalte Winter 1946/47: "In Nordwestdeutschland sanken in der vergangenen Nacht die Temperaturen wieder auf 14 bis 17, im weiteren Binnenland zum Teil auf 18 bis 20 Grad unter dem Gefrierpunkt.", zitieren Alexander Häusser und Gordian Maugg eine Wettermeldung vom 8. Januar 1947 in ihrem Buch "Hungerwinter". Die Menschen hungern nicht mehr nur. In miserablen Wohnungen frieren sie, erfrieren.

Während und nach diesem Winter kommt es zu Protesten. In Essen, in Wuppertal und eben in Hamburg. Wegen der schlechten Versorgungslage werden die Leute zu Kommunisten, berichtet der US-Geheimdienst. Das aber darf nicht sein. Der Kalte Krieg: Er ist letztlich mit ein entscheidender Grund für Marshallplan und Währungsreform - und damit für die Verbesserung der Lage der deutschen Bevölkerung im Einflussbereich der Westmächte.
http://www.mdr.de/kultur/themen/kalenderblatt-streik-der-hungernden-in-hamburg100.html (http://www.mdr.de/kultur/themen/kalenderblatt-streik-der-hungernden-in-hamburg100.html)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: admin am 12:29:29 So. 28.Mai 2017
(http://media1.faz.net/ppmedia/aktuell/politik/2831663885/1.2044663/article_multimedia_overview/streikaufruf-die-als.jpg)

(https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a9/Langgass-Turnhalle_mit_Gedenktafel_05_Gedenktafel_nah-kontrastverst%C3%A4rkt.JPG/220px-Langgass-Turnhalle_mit_Gedenktafel_05_Gedenktafel_nah-kontrastverst%C3%A4rkt.JPG)

Zitat
Heraus zum Massenstreik
Gegen die Machtübertragung an Hitler vor 80 Jahren: Einwohner im schwäbischen Mössingen protestieren am 31. Januar 1933 mit einem Generalstreik


Von Esther Broß *

Unter der Losung »Heraus zum Massenstreik« legen Männer und Frauen aus dem kleinen schwäbischen Dorf Mössingen am 31. Januar 1933 die Arbeit nieder und demonstrieren gegen die Machtübertragung an die Regierung Adolf Hitlers. Während die Arbeiterbewegung mit den Parteien SPD und KPD und die starken Gewerkschaften in der Weimarer Republik nicht gemeinsam zu handeln vermochten und damit fast kampflos die Machtübertragung hingenommen haben, folgt man einzig in Mössingen dem Streikaufruf der KPD, zunächst nicht ahnend, daß es eine isolierte Aktion bleiben wird. Den Ausspruch einer Mössingerin »Do isch neana nonz gwäa als wie do« übernimmt die bis heute als Standardwerk über den Generalstreik geltende Publikation Tübinger Kulturwissenschaftler im Titel: »Da ist nirgends nichts gewesen außer hier.«

Vorgeschichte

Den bäuerlich, handwerklich und gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch die lokalen Textilbetriebe zunehmend auch industriell geprägten Ort erreichen um 1900 sozialdemokratische und genossenschaftliche Ansätze der traditionellen Arbeiterbewegung. In dem rund 4000 Einwohner zählenden Dorf werden Vereine und Genossenschaften gegründet: Arbeiterturnverein, Arbeiterradfahrverein, Arbeitergesangsverein und der örtliche Konsum mit Filialen in den umliegenden Ortschaften. Zuvor in der SPD organisiert, radikalisieren sich die Mössinger vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Weltkrieges und der Novemberrevolution. Sie treten mehrheitlich zur USPD und später zur KPD über. Von da an spielt die SPD vor Ort nur noch eine untergeordnete Rolle. Bis 1933 erringt die KPD im »roten Mössingen« bei Reichstagswahlen stets rund 30 Prozent der Stimmen. Im Gemeinderat ist ihre Arbeit mehr von örtlichen Bedürfnissen und Gegebenheiten als von der Parteilinie geprägt. Mit etwa 20 Mitgliedern bleibt sie als Kaderpartei organisiert, sie übt aber genau die »Hegemonie« aus, von der Antonio Gramsci spricht. Die Genossen wirken als Generalinstanz in allen politischen und kulturellen Fragen – für Mitglieder wie für Nichtmitglieder.

Weltwirtschaftskrise, Inflation und die einhergehenden Veränderungen der politischen Landschaft im Deutschen Reich wirken sich ab 1929 auch auf die Arbeit der Mössinger Kommunisten aus: Sie geben die ortszentrierte, »eigenständige« Politik auf. Die Übernahme der Sozialfaschismusthese, in der die SPD als Wegbereiter des Faschismus galt, sei hierfür exemplarisch genannt. Dennoch schließen sich, angesichts der drohenden faschistischen Gefahr, 1932 in der lokalen »Antifaschistischen Aktion« KPD, SPD und die Gewerkschaftsorganisationen zusammen. Die Zahl der politischen Veranstaltungen und der Widerstand gegen die aufkommende NSDAP nehmen zu.

Wie bei einem Festzug

Als am 30. Januar 1933 gegen 12 Uhr im Radio gemeldet wird, daß Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, beruft der Mössinger KPD-Vorsitzende für den Abend eine Versammlung in der Turnhalle der Arbeitervereine ein, an der rund 200 Menschen aus dem Ort und der näheren Umgebung teilnehmen. Der Streikaufruf der KPD Württemberg erreicht Mössingen noch vor dem nächsten Morgen und wird sogleich vor den Betrieben verteilt. Am Mittag trifft man sich wieder in der Turnhalle und beschließt, zur Textilfabrik Pausa zu ziehen, in welcher gerade über die Streikbeteiligung beraten wird: Die Mehrheit stimmt für den Streik. Politisch vorausschauend gibt die jüdische Inhaberfamilie der Belegschaft für den Nachmittag frei. So verstärkt ziehen die Streikenden singend, trommelnd und mit Fahnen wie bei einem Festzug zur Trikotfabrik Merz, in der der Aufruf kaum Resonanz findet. Die Angst um die Existenz ihrer Familien hält vor allem die Frauen von einer Beteiligung ab. Einzelne Demonstranten dringen in die Fabrikräume ein, stellen Motoren ab und helfen nicht nur mit lautem Rufen nach. Anschließend geht es zur Buntweberei Burkhardt, man findet die Eingänge gründlich verschlossen vor und entschließt sich letztlich, weiterzumarschieren. Rund 800 Menschen zählt der Streikzug. Auch wenn es vorher schon Informationen und Anzeichen gibt, daß der Aufruf zum Ausstand andernorts nicht befolgt wird, wird die den Streikenden erst richtig bewußt, als die herbeigerufene Einheit der Schutzpolizei aus Reutlingen eintrifft. Bei einem landesweit befolgten Streikaufruf hätte diese nämlich bei sich zu Hause genug zu tun gehabt. Der Streikzug löst sich innerhalb kürzester Zeit auf, die Verhaftungswelle beginnt noch am selben Abend.

Verhaftungen und Folgen

Der Denunziation war nun Tür und Tor geöffnet, schließlich kannte jeder jeden, und sicher wurden dabei auch alte Rechnungen beglichen. In den folgenden Tagen kommt es zu zahlreichen Festnahmen, den tatsächlich oder auch nur mutmaßlich Streikenden wird von den »Fabrikherren« gekündigt. Insgesamt werden 58 Menschen verhaftet. Angeklagt werden 98 Personen, darunter vier Frauen. Dabei wird gegen die sechs mutmaßlichen »Rädelsführer« ein separater Prozeß wegen der »Vorbereitung zum Hochverrat« eröffnet. Den anderen Angeklagten wird leichter und schwerer Landfriedensbruch angelastet. Verurteilt werden 81 Menschen, 74 davon erhalten Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu drei Jahren.

Trotz dieser Vergeltungsaktionen, zu denen alsbald auch die Schließung der Turnhalle und das Verbot der Arbeitervereine gehört, ist der Widerstand der Mössinger Antifaschisten weiterhin ungebrochen. So erreicht die KPD bei der Reichstagswahl im März 1933 in Mössingen – unter Berücksichtigung der fehlenden Stimmen der Inhaftierten – ein noch annähernd gleiches Ergebnis wie in den Vorjahren und kommt auf 21,1 Prozent.

Die Aburteilungen der Antifaschisten hatten allerdings über die Freiheitsentziehung hinaus für sie und ihre Familien noch weitere, schwerwiegende Folgen. So haben viele ihren Arbeitsplatz verloren, Handwerksbetriebe kommen zum Erliegen, Zwangsvollstreckungen finden statt, weil die Betroffen nicht mehr in der Lage sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Hausdurchsuchungen, weitere Denunziationen, Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte wegen sogenannter staatsfeindlicher Äußerungen folgen in den nächsten Jahren. Viele versuchen, sich dem faschistischen Regime gegenüber weitgehend passiv zu verhalten. Die Nazigegner helfen sich untereinander. Um weiteren Repressionen und Schikanen zu entgehen, werden die Kinder bewußt unpolitisch erzogen. Es wird von einem Fall im März 1933 berichtet, der gerade noch glimpflich ausging. Die Kinder von Else K. seien veranlaßt gewesen, bei geöffnetem Fenster »kommunistische Kampflieder« zu singen, wann immer die Nachbarn zu sehen waren. Wiederholt hätten ihre Kinder im Gäßle gesungen: »Der Hitler goat [geht] a Gäßle na – Der Thälmann hinten-drei – Der Thälmann druckt em de Gurgel zu – Heil-heil-heil.« Vereinzelt werden antifaschistische Flugblätter verteilt, die den Ort von der Schweiz aus erreichen. Paul Ayen wird dabei 1936 erwischt, kann sich seiner Verhaftung durch die Flucht in die Schweiz entziehen und schließt sich wie der Mössinger Wilhelm Steinhilber den Internationalen Brigaden in Spanien an.

Späte Rehabilitierung

1945 ist der Ort nach wie vor gespalten. Von den 800 zur Wehrmacht eingezogenen jungen Menschen sind 380 auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges gefallen, darunter 14 Teilnehmer des Generalstreiks. Zwar konnte die KPD nach ihrer Wiederzulassung noch einmal an ihre Wahlerfolge vor 1933 und zunächst scheinbar an ihre alte Stärke anknüpfen. Das sozio-kulturelle Dorfgefüge, wie es vor 1933 bestanden hatte, war aber gründlich zerstört. Die Partei erreicht nur noch eine kleine Gruppe ideologisch gefestigter Menschen ihres alten Umfeldes.

Nach ersten erfolgreichen Haftentschädigungsklagen gegen das Land Baden-Württemberg stellte das Oberlandesgericht Stuttgart in einem mit starker Unterstützung der VVN geführten Prozeß mit dem Urteil vom 25. November 1955 letztinstanzlich fest: » (…) ein Generalstreik, zu dessen Durchführung ein Kläger straffällig wurde, wäre ein geeignetes und dem Ernst der politischen Lage am 31.01.1933 angepaßtes Mittel gewesen, um die eben erst an die Macht gelangte Hitler-Regierung zum Rücktritt zu zwingen«.

In Mössingen selbst wird diese späte, von der Justiz anerkannte Legitimation des Generalstreiks leider bis heute nicht von allen geteilt.

Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Das »rote Mössingen« im Generalstreik gegen Hitler. Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes. Neu herausgegeben von Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner. Talheimer Verlag 2012, 360 Seiten, 32 Euro
http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Rassismus/moessingen.html (http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Rassismus/moessingen.html)

Außerdem:
http://moessinger-generalstreik.de/ (http://moessinger-generalstreik.de/)
https://publikative.org/2013/02/04/mossinger-generalstreik-vorbildlich-aber-einzigartig/ (https://publikative.org/2013/02/04/mossinger-generalstreik-vorbildlich-aber-einzigartig/)
https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6ssinger_Generalstreik (https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6ssinger_Generalstreik)


Gedenkkundgebung
(https://abload.de/img/gs_22_1owjbx.jpg) (http://abload.de/image.php?img=gs_22_1owjbx.jpg)
An der Kundgebung und dem Demonstrationszug im Januar 1983 in Mössingen nahmen 10 000 Personen teil.


Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 18:47:09 Di. 25.Juli 2017
Zitat
Jena 1917 – der erste Streik der Zeiss-Arbeiter

Aus Jenaer Geschichte: Hunger beherrscht die Lage im Jahre 1917 – In Jena will man mehr: Mehr Brot, mehr Lohn und weniger Arbeitsstunden


(http://media101.zgt.de.cdn.otz.de/content/62/68/91/5I/6268915ITOMV4DB_V4AUMHSFMUCGUDOKTXRTOE524072017144/D0R0015106065.JPG)
Die protestierenden Zeiss Arbeiter vor dem Volkshaus am 25. Juli 1917.

Sommer 1917: Das Deutsche Reich befindet sich im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sinkt auf einen Tiefpunkt, die Menschen gehen auf die Straße, so auch in Jena.

Was in der heutigen Wohlstandsgesellschaft kaum vorstellbar ist, war vor 100 Jahren Realität: Die Menschen im Deutschen Reich hungerten. Mancherorts protestierten sie sogar auf der Straße. Eine der Hauptursachen war die seit Kriegsbeginn im August 1914 von England verhängte Seeblockade. Mit seiner mächtigen Flotte verhinderte das Empire sämtliche Handelsimporte, die aus anderen Ländern per Schiff nach Deutschland gelangen sollten. Ein Warenaustausch mit Russland war durch den Krieg gleichfalls nicht mehr möglich. Daher sanken die Lebensmittelstandards schon ab 1915 für einen Großteil der deutschen Bevölkerung.

Lebensmittel auf Bezugsschein

Die Folgen dieser Entwicklung waren, dass es viele Lebensmittel offiziell nur noch rationiert per Bezugsschein gab. Hinzu kam die Zwangsbewirtschaftung und staatliche Kontrolle der Erzeuger, um unerlaubte Vorräte zu verhindern und ein möglichst gerechtes Verteilsystem zu erreichen. Bald schon kamen etliche Ersatzstoffe auf den Markt, die die Knappheit lindern sollten, in der Praxis aber meist nicht schmackhaft waren und auf Ablehnung stießen. Brot wurde mit minderwertigem Mehl gestreckt, Milch mit Wasser verdünnt und Kaffee aus Eicheln erzeugt. Bis 1918 waren etwa 11 000 dieser Lebensmittelsurogate im Umlauf.

Bataillonskommando war informiert

1917 hatte sich die Situation nochmals verschärft. Im Herbst des Vorjahres vernichtete die Kartoffelfäule etwa 50 Prozent der Ernte eines der damaligen Hauptnahrungsmittel, sodass Kohlrüben für Ersatz sorgen mussten. Der berüchtigte „Steckrübenwinter“ 1916/17 ging in die Geschichte ein.

Das Frühjahr 1917 offenbarte dann die Unfähigkeit des Staates, seine Bürger angemessen mit Lebensmitteln zu versorgen. Viele Kommunen gingen daher dazu über, die Lebensmittelversorgung selbst in die Hand zu nehmen. Vielerorts gab es hierbei Reibereien zwischen den Bürgern und dem „Lebensmittelamt“.

In Jena entlud sich der Protest erstmals im Juli 1917, als die hungernden Menschen vor das Rathaus zogen, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen. Am 16. Juli 1917 kam es beispielsweise zu einer „Kartoffelrevolte“ auf dem Marktplatz, als einige Jenenser die schlechte Versorgung mit der Knollenfrucht monierten. Die Stadt versprach Abhilfe in Form von Brot, allerdings half dieses Zugeständnis nur wenig, denn schon am 23. Juli standen die Menschen wieder vor dem Rathaus.

Vor 100 Jahren stimmten am 25. Juli 1917 auch die Zeiss Arbeiter in den Protest ein. Zwar hatte die Firma Carl Zeiss die Versorgung der eigenen Belegschaft mit Lebensmitteln selber übernommen – so gab es in der Stadt Verkaufsstellen, im Gasthaus „Zum Löwen“ wurde eine Kantine eingerichtet – allerdings reichte dies in der damaligen Situation nicht mehr aus.

Am Abend vor dem Streik traf sich eine große Menge von Arbeitern im Volkshaus und besprach dort die Ziele, die man erreichen wollte: Es sollte 20 Prozent mehr Lohn geben, überhaupt bessere Mindestlöhne, eine Herabsetzung der Arbeitszeit von zehn auf acht Stunden täglich und schließlich höhere Brotrationen. Am Tag darauf versammelte sich dann eine große Menge an Arbeitern zunächst vor dem Zeiss Werk. Anschließend zog der Protestzug weiter vor das Volkshaus und zuletzt zum Marktplatz. Die große Ansammlung von Protestlern war den Stadtoberen offenbar nicht geheuer. Für den Fall der Eskalation hatte man das hiesige Bataillonskommando informiert, um gegebenenfalls militärische Hilfe anzufordern.

Am Rathaus angekommen traten die Streikenden in Verhandlung mit den Stadtoberen, unter anderem war auch der Kartoffelmangel ein Thema. Mit einer Reihe von Zugeständnissen konnten die Arbeiter schließlich besänftigt werden und zogen von dannen.

Der Krieg ging weiter. Die Lage der Menschen verbesserte sich keineswegs und auch der Protest der Zeiss Arbeiter blieb kein einmaliges Ereignis in Jena.

Im Januar 1918 gingen sie erneut auf die Straße.
http://jena.otz.de/web/jena/startseite/detail/-/specific/Jena-1917-der-erste-Streik-der-Zeiss-Arbeiter-1426207214 (http://jena.otz.de/web/jena/startseite/detail/-/specific/Jena-1917-der-erste-Streik-der-Zeiss-Arbeiter-1426207214)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 18:00:03 Mo. 29.Januar 2018
Zitat
Erster Weltkrieg
Streiks legten die deutsche Rüstungsindustrie lahm


(https://abload.de/img/streiks-1918-berlin-akzsmj.jpg) (http://abload.de/image.php?img=streiks-1918-berlin-akzsmj.jpg)
Der Sozialist und USPD-Politiker Adolph Hoffmann während des Januarstreiks 1918 in Berlin

Ende Januar 1918 traten mehr als 150.000 Berliner in den Ausstand. Sie forderten das Ende des Krieges. Doch noch waren die Kräfte der Monarchie zu stark: Die demokratische Revolution blieb aus.

Die Stimmung stand auf Streik. Ende Januar 1918 rechneten gut informierte Beobachter mit unmittelbar bevorstehenden Arbeitsniederlegungen. „Alle Welt spricht, schon seit mehreren Tagen, von dem Streik, der am 28. in Deutschland ausbrechen soll“, notierte Theodor Wolff, der Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, am 26. Januar 1918.

Losgegangen war es knapp zwei Wochen zuvor in Österreich-Ungarn. Eine Senkung der Lebensmittelrationen führte unmittelbar zu wilden Streiks rasch in den meisten Industriegebieten des letzten relevanten Verbündeten der Deutschen Reiches. In Berlin erkannten die Behörden die potenziellen Gefahren sofort: „Ausbruch des Streiks in Österreich. Völlige Nachrichtensperre. Die Zensur verhindert jede Veröffentlichung“, hielt Wolff genervt fest.

Doch der selbstbewusste Journalist, seit 1906 verantwortlich für eine der drei weltweit am stärksten beachteten deutschen Zeitungen, wollte sich daran nicht halten. Also publizierte er einen telegrafierten Kommentar seines Wiener Korrespondenten über die Bedeutung der Streiks in der Donaumonarchie. Die Zensurbehörde schäumte. Wolffs spitzfindige Verteidigung, verboten worden sei doch nur der Druck von Nachrichten aus Wien, nicht aber die Veröffentlichung von Meinungsartikeln, nützte nichts: Das „Berliner Tageblatt“ wurde verboten.

Doch mit Zensur und Zeitungsverboten konnte die Verbreitung der Neuigkeiten aus Österreich natürlich nicht unterbunden werden. Briefe mit Informationen über die Vorgänge in Wien vermochten die Behörden nicht zu kontrollieren. Die USPD, die linke Abspaltung der SPD, erkannte ihre Chance: In allen Betrieben, in denen ihre Anhänger vertreten waren, begann die Agitation für einen sofortigen politischen Ausstand.

Am Montagmorgen, dem 28. Januar 1918, begann der Streik dann tatsächlich – zuerst aber nur schleichend. Es war ein diesiger, unfreundlicher Tag: „Dicker Nebel in den Straßen Berlins, aus dem alle Dinge verändert und unförmig auf den Wandernden zutreten“, berichtete ein Reporter des SPD-Blattes „Vorwärts“ und fuhr fort: „Aus den Fabriken im Nordwesten, wo ich vorbeikomme, klirrt die Arbeit; nichts ist von der Möglichkeit zu spüren, die seit den letzten Tagen in der Luft liegt. Kurz vor neun Uhr habe ich mein Ziel, eine der größten Fabriken, erreicht. Zu sehen ist ja nichts, aber unermüdliche Tätigkeit lärmt durch den Nebel. Dann wird es stiller. Frühstückspause? Streik?“

Der Journalist durfte die Fabrik natürlich nicht betreten und wartete vor dem Eingang: „Da wird das Tor geöffnet. Drei Arbeiter treten heraus, gleichmütig, den Kaffeekrug unterm Arm. Einer gibt dem anderen Feuer für die Zigarette. Das Tor hat sich unwillig hinter ihnen wieder geschlossen, nicht lange, und es biegt sich wieder zurück. Jetzt kommt schon ein ganzer Trupp.“ Jetzt war klar, dass der Streik begonnen hatte: „Immer dichter wachsen die Scharen aus dem Nebel, gleichmütige, ernste Männer, Frauen, die zuweilen ein wenig lächeln. Ein Haufen bildet sich, lässt aber eine Gasse. Einer sagt: ,Es kommen alle.’“

Der Reporter schloss sich dem Zug der Streikenden an. Ihr erstes Ziel, der Festsaal einer Brauerei, war geschlossen. Da stieg einer der Streikenden auf eine Bank und verkündete: „Kollegen, ich spreche im Namen des Arbeiterausschusses. Ich brauche keinem zu sagen, warum wir die Arbeit niedergelegt haben, das weiß ein jeder selbst. Der Ausschuss wird mit den Vertretern aller ausständigen Betriebe Fühlung nehmen, um dann der Regierung unsere Forderungen mitzuteilen. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich nicht provozieren lassen, sondern ruhig nach Hause gehen und den Gang der Dinge abwarten werden.“

Darauf löste sich die Versammlung am ersten Streiktag auf. Am folgenden Morgen sammelten sich mehrere Zehntausend Arbeiter zu spontanen Kundgebungen in der Berliner Innenstadt, die aber überall rasch von Polizisten zerstreut wurden. Insgesamt hatten 150.000 bis 200.000 Männer und Frauen die Arbeit niedergelegt, vornehmlich aus den Munitionsfabriken.

(https://abload.de/img/januarstreik-1918-in-39sx5.jpg) (http://abload.de/image.php?img=januarstreik-1918-in-39sx5.jpg)
Berliner Arbeiterinnen demonstrieren während des Streiks

Laut den wesentlich von der USPD formulierten Streikforderungen war das Ziel des Ausstandes die „schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, aufgrund des Selbstbestimmungsrechts der Völker“. Man verlangte ferner die „Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen“ und die „ausgiebigere Nahrungsversorgung durch Erfassung der Lebensmittelbestände“.

Zudem müsse der seit 1. August 1914 geltende Belagerungszustand aufgehoben werden: „Das Vereinsrecht tritt vollständig wieder in Kraft, ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung in der Presse und in Versammlungen.“ Die Ende 1916 durch das Hilfsdienstgesetz eingeführte „Militarisierung der Betriebe ist gleichfalls aufzuheben“. Selbstverständlich forderten die Streikenden die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Am weitesten ging die letzte Forderung: „Durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland, und zwar zunächst die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Männer und Frauen im Alter von mehr als 20 Jahren für den Preußischen Landtag.“ Solche Maximalforderungen waren eine direkte Provokation der Staatsmacht.

In der Streikleitung, der neben den Köpfen der USPD wie Hugo Haase auch führende Sozialdemokraten wie Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Braun angehörten, gab es darüber Auseinandersetzungen. Die SPD wollte möglichst keinen potenziell gewaltsamen Umsturz, der unweigerlich zum Bürgerkrieg führen würde, sondern eine tiefgreifende politische Reform. Die Radikalen dagegen setzten auf eine notfalls gewaltsame Machtübernahme nach dem Beispiel der russischen Bolschewiki.

„Seit drei Tagen Streik der Munitionsarbeiter. ,Frieden – Freiheit – Brot’. Heute ging ein großer Zug vom Bülowplatz aus, wo Schutzleute räumten, durch die Prenzlauer Allee“, schrieb die Künstlerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch. Sie erfuhr von einer Freundin, dass es „bei Zusammenstößen mehrere Tote, zwei Schutzleute und einige Streikende“ gegeben habe.

Insgesamt aber blieb es in Berlin erstaunlich ruhig. Da alle größeren Versammlungslokale polizeilich geschlossen waren, trafen sich die Streikenden in verkehrsgünstig gelegenen Parks am Rande der Innenstadt. Die Polizei löste die Ansammlungen mit sanftem Druck auf: „Von vereinzelten Ausschreitungen abgesehen, haben Ruhestörungen nicht stattgefunden“, meldete Polizeipräsident Heinrich von Oppen.

Die Oberste Heeresleitung forderte telegrafisch die „Verhaftung der Berliner Streikrädelsführer und der hetzenden Abgeordneten“. Falls die Regierung jetzt nicht durchgreife, fürchtete Generalquartiermeister Erich Ludendorff, faktisch so etwas wie der Militärdiktator Deutschlands, „Schlimmstes“.

Umgehend ließ der Reichskanzler, der bayerische Konservative Georg von Hertling, antworten: „Regierung ist sich ihrer Pflicht und des Ernstes der Situation voll bewusst und handelt dementsprechend, wünscht andererseits aber dringend Vermeidung jeder entbehrlichen Schroffheit.“

Während sich Ludendorff bei der zivilen Verwaltung nicht durchsetzen konnte, hatte der militärische Oberbefehlshaber der Region um die Reichshauptstadt direkte Befehle auszuführen. Also verhängte Generaloberst Gustav von Kessel den „verschärften Belagerungszustand“, womit künftig alle Arten von Versammlungen untersagt waren. Außerdem wurden die wichtigsten Rüstungsfabriken militärischer Leitung unterstellt.

Wer nicht spätestens am Morgen des 4. Februar 1918 wieder arbeitete, sollte nach Maßgabe des Belagerungszustands bestraft werden. Kessel begründete diese Drohung mit den Auswirkungen des Streiks: „Die Ausstandsbewegung, in der ein Teil der Arbeiterschaft von Groß-Berlin noch verharrt, beeinträchtigt die Versorgung des Heeres und der Marine mit Waffen und Munition.“

Angesichts dieses Vorwurfes erklärten die Vertreter der SPD und der Gewerkschaften den Streik, den sie ohnehin eher unwillig unterstützt hatten, für beendet. Der Massenprotest gegen den Krieg und für Demokratie hatte noch nicht genügend Durchschlagskraft.
https://www.welt.de/geschichte/article172860354/Erster-Weltkrieg-Streiks-legten-die-deutsche-Ruestungsindustrie-lahm.html (https://www.welt.de/geschichte/article172860354/Erster-Weltkrieg-Streiks-legten-die-deutsche-Ruestungsindustrie-lahm.html)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 18:34:20 Sa. 03.Februar 2018
Diesmal was von der Gegenseite.
Ein Statement vom Arbeitgeberverband:
Zitat

Frankfurter Zeitung 03.02.1918 :
„In dieser Situation ist ein Streik Verrat am Vaterlande“

(https://abload.de/img/der-januarstreik-in-bn3o9w.jpg)

In deutschen Großstädten streiken die Arbeiter. Ein Aufruf des christlichen Metallarbeiterverbandes appelliert an das Gewissen der Aufständischen.

Duisburg, 2. Febr. (W.B.) Der Vorstand des christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands erließ folgenden Aufruf an seine Mitglieder:

Revolutionäre Elemente versuchen durch Flugblätter und Agitation von Mund zu Mund die Arbeiter zu verhetzen und für politische Bestrebungen durch Arbeitsniederlegung zu veranlassen.

Leider sind in Berlin und in anderen Großstädten die Arbeiter gefolgt und in den Streik eingetreten. Mit Befriedigung kann jedoch festgestellt werden, daß im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Arbeiter im Reiche nur ein kleiner Bruchteil pflichtvergessen die Arbeit niederlegte. Durch frivole Streiks wird der Krieg nicht abgekürzt, wie dies die Hetzer angeben, sondern verlängert und dem Feinde in die Hände gearbeitet. Unsere Gegner werden durch Streiks zum Weiterkampfe angespornt. Unsere Feinde lauern schon lange darauf, daß Deutschland durch innere Unruhen und Streiks in seiner Kampfbereitschaft geschwächt wird und ihre Beute werde.

Mögen sich die deutschen Arbeiter keiner Täuschung hingeben: In solcher Lage würden sie die schlimmsten Folgen zu tragen haben. Auch die Interessen der Arbeiter werden durch die Streiks nicht gefördert, sondern auf das schlimmste geschädigt. Aufhebung der Versammlungsfreiheit, Militarisierung der Betriebe usw werden die Folge sein. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wird durch die Streiks nicht gebessert, sondern verschlechtert. Unser Vaterland ist von allen Seiten bedroht. In dieser Situation ist ein Streik Verrat am Vaterlande, an uns und unseren Söhnen und Brüdern an der Front. Wir sind es ihnen schuldig, daß wir sie nicht im Stiche lassen und alle unsere Kräfte in den Dienst der Produktion stellen, damit sie nicht wehrlos dem Feinde gegenüberstehen. Mitarbeiter! Kollegen und Kolleginnen! Wir fordern Euch hiermit auf, nicht bloß jetzt, sondern auch später, wenn von genannter Seite Putschs und Streiks versucht werden sollten, diesen mit aller Energie mannhaft entgegenzutreten. Tut wie seither so auch in Zukunft Eure Pflicht. Dann werdet Ihr am besten Euren Interessen dienen. Der Vorstand.

I.A.: Wiebert, Verbandsvorsitzender.
http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/februar-1918-verrat-am-vaterland-durch-arbeiter-streik-15222201.html (http://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/februar-1918-verrat-am-vaterland-durch-arbeiter-streik-15222201.html)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 11:01:48 Fr. 16.März 2018
Zitat
2007
Tausende Krankenschwestern drohen mit Massenkündigung

Streik war gestern: Finnlands Pflegekräfte setzen auf eine radikale Methode im Tarifstreit um mehr Gehalt. 13.000 drohen damit, alle am selben Tag zu kündigen. (...)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html (http://www.spiegel.de/wirtschaft/arbeitskampf-extrem-tausende-krankenschwestern-drohen-mit-massenkuendigung-a-513592.html)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: Kuddel am 10:08:08 Do. 19.Juli 2018
Zitat
1968 und die Arbeiter_innenbewegung in der BRD

(https://gallery.mailchimp.com/aad840f755c59eb83507caa26/images/d0d03d6c-7788-44fa-aaad-a2d70b8852a1.png)

Der Historiker und Aktivist Peter Birke beschreibt die Vorgeschichte der Streiks von 1969 in der BRD, an denen sich 150.000 -200.000 Industriearbeiter_innen beteiligt haben und den Kampfzyklus 1969 bis 1973.

"Es gab eine Arbeiter_innenbewegung vor '68, d.h. dass es traditionelle Strukturen der kommunistischen Bewegung in den Betrieben gab, trotz des Verbotes der KPD 1956. Das Spezifische an der Bewegung in den Betrieben vor '68 war: es gab tausende von wilden Kurzstreiks von Mitte der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre. (...) Das wurde dann 1969 aktualisiert."

Peter Birke hat das Buch "Wilde Streiks im Wirtschaftswunder" geschrieben, und ein Gespräch mit dem Aktivisten Wolfgang Hien über die Lehrlingsbewegung und politische Betriebsarbeit seit Mitte der 1960er Jahre herausgegeben: "Gegen die Zerstörung von Herz und Hirn".

Zum Video: https://labournet.us13.list-manage.com/track/click?u=aad840f755c59eb83507caa26&id=7743f8c91a&e=e025a64fe1
(37 min)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 17:20:18 Do. 18.Oktober 2018
Zitat
MAN: Streikbrecher unter Polizeischutz

Nach gescheiterten Tarifverhandlungen riefen die Metallarbeiter Bayerns im August 1954 zum Streik auf, fast die Hälfte der 220.000 Angestellten aus 600 Betrieben gingen auf die Straße. In Augsburg rückte gar die Polizei aus, um den streikbrechenden Angestellten des Fahrzeugherstellers M.A.N. den Zutritt in die blockierten Werkhallen zu ermöglichen. (Original-Ton Reportage der Wochenchronik vom 14.08.1954)
https://www.br.de/mediathek/video/wir-sind-bayern-man-streikbrecher-unter-polizeischutz-av:5b966df19c0449001804dd78 (https://www.br.de/mediathek/video/wir-sind-bayern-man-streikbrecher-unter-polizeischutz-av:5b966df19c0449001804dd78)
(https://abload.de/img/bayernstreikiidh8.png) (https://abload.de/image.php?img=bayernstreikiidh8.png)

Die Unternehmer sprachen von gewerkschaftlichem Terror, Streikenden wurde gekündigt, die DAG verhandelte alleine für die Angestellten. Zum Schluss gab es eine Schlichtung. 120 000 beteiligten sich an diesem "Bayernstreik".

Dazu auch: http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/3750 (http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/3750)
Zitat
Seit 41 Jahren stand die IG Metall Bayerns erstmals wieder im Streik. Die Erinnerung an die Ereignisse vor 41 Jahren steckt noch heute den Metallern und den Unternehmern Bayerns in den Knochen, obwohl nur wenige der heute Beteiligten diesen Streik selbst noch erlebt haben. Die IGM-Führung Bayerns traf diesmal alle mögliche Vorsorge, um nicht wie 1954 in den Streik hineinzustolpern und anschließend den Arbeitskampf aus dem Ruder laufen zu sehen. Ältere Arbeiter erinnern sich noch heute der Härte der Auseinandersetzungen, die in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos war. Und die bayerischen Metallindustriellen denken noch heute mit Schrecken an die Auswirkungen dieses Streiks, der für Jahrzehnte das Klima in den Betrieben vergiftete.

ZEIT 1954:
Zitat
Vor den Siemens-Werken in München wurden Arbeitswillige umringt; unter dem Vorwand, ein Gespräch zu führen, drängten die Streikenden sich an sie heran; plötzlich zogen sie ruckartig die Knie hoch, oft ohne die Hände aus den Taschen zu nehmen. Nach außen sah das harmlos aus. Aber die Angegriffenen erlitten oft schwere Quetschungen und Prellungen am Unterleib. Bei Krauss-Maffei wurde die gleiche Taktik mit der Variante angewandt, daß man die Opfer gegen das Schienbein trat.
https://www.zeit.de/1954/34/streik-und-blut (https://www.zeit.de/1954/34/streik-und-blut)
"Bolschewisten, Arbeitswillige, Opfer" - die ZEIT wie man sie kennt.
(https://abload.de/img/bayern1dqfq5.png) (https://abload.de/image.php?img=bayern1dqfq5.png)

(https://abload.de/img/bayern3u9caq.png) (https://abload.de/image.php?img=bayern3u9caq.png)

(https://abload.de/img/bayern2rtduw.png) (https://abload.de/image.php?img=bayern2rtduw.png)

Man muss sich nochmal die damalige Regierungskonstellation klarmachen:
Ministerpräsident war Hans Ehard (CSU), bairischer Rassejustiziar in den 30ern und Scheißnazi, ein banaler SPD-Fuzzi als Innenminister und ein putziger Arbeitsminister:

Zitat
Der damalige Arbeitsminister Oechsle (SPD) fühlte sich persönlich tief getroffen, dass es ausgerechnet in Bayern zum Arbeitskampf kam, und bot unablässig seine Vermittlungsdienste an.
(…)
In München setzte die Polizei Gummiknüppel gegen Streikende ein, in Augsburg wurde mit dem Einsatz der Schusswaffe gedroht, ein Gebäude der Firma Siemens in Amberg, das von Streikenden umstellt war, wurde durch Hundertschaften der Bereitschaftspolizei geschützt. Innenminister Hoegner (SPD) verfügte schließlich: »Förmliche Menschenansammlungen vor den Betrieben sind aus sicherheitspolizeilichen und verkehrpolizeilichen Gründen nicht zulässig. Eine zahlenmäßige Begrenzung der Streikposten … wurde erörtert … Die jeweilige Entscheidung muss dem örtlichen Leiter der Polizeieinsatzes vorbehalten bleiben.«
http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/3750 (http://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/3750)

Von wegen Wirtschaftswunder und schöne heile Welt. Von wegen Wunder von Bern einen Monat zuvor. Das interessierte keine Sau. Es gab stramme Kämpfe, bei denen die Querfront aus Nazis und Sozialdemokraten mal wieder den Totengräber gespielt hat.
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 16:51:54 Mo. 12.November 2018
Am 12. November 1948 fand ein Generalstreik für Preisregulierung, Lohnerhöhung und Mitbestimmung mit gut 9 Millionen Beteiligten statt. Eigentlich eine ganz gute Hausnummer:
https://de.wikipedia.org/wiki/Generalstreik#Deutschland_Bizone_%E2%80%93_der_Generalstreik_von_1948 (https://de.wikipedia.org/wiki/Generalstreik#Deutschland_Bizone_%E2%80%93_der_Generalstreik_von_1948)

Zitat
"Die einen haben es vergessen, weil es kein strahlender Sieg war. Die anderen mochten es nicht in Erinnerung behalten, weil es jenes Unrecht deutlich macht, das am Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs und der gesellschaftspolitischen Restauration stand."
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-generalstreik-der-keiner-sein-durfte (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-generalstreik-der-keiner-sein-durfte)

In der dicken Schwarte „75 Jahre Industriegewerkschaft“, 1966 herausgegeben von der IG Metall und in der ansonsten jeder Popel erwähnt wird, ist von diesem Streik lustigerweise überhaupt nichts zu lesen. Da ist viel von Protesten und Streiks gegen die Industriedemontage die Rede, die zur selben Zeit stattfanden, aber von diesem eintägigen Generalstreik irgendwie keine Spur. Vielleicht wird es ja in DGB-Schwarten näher beschrieben.

Noch einige Details zur Vorgeschichte, Ablauf und Bewertung des Novemberstreiks 1948:
Zitat
10.11.18
Ludwig Erhard wird zu Unrecht als Vater der Sozialen Marktwirtschaft verehrt, sagt der Historiker Uwe Fuhrmann. Entscheidend für ihre Entstehung war vielmehr der bislang letzte deutsche Generalstreik.
(…)
Es gibt keinen Grund, daraus eine Heldengeschichte zu machen. Aber wenn man ganz genau hinguckt, dann kann man wahnsinnig viel lernen.(…)
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1105354.generalstreik-der-mythos-der-bundesrepublik.html (https://www.neues-deutschland.de/artikel/1105354.generalstreik-der-mythos-der-bundesrepublik.html)

Die Dezemberausgabe der Gruppe Arbeiterpolitik von 1948 hat auch eine klare Meinung dazu, in dem ihr typischen Stil:

Trotz der unabweisbaren Notwendigkeit, der Gewerkschaftspolitik einer erbarmungslosen Kritik zu unterziehen, wäre nichts verkehrter als die Schlußfolgerung, dem Streik hätte keine Folge geleistet werden sollen. Denn was die Bonzen beabsichtigten und was der Generalstreik wirklich bedeutete, sind zwei verschiedene Dinge. Maßgebend war, daß nach 12 Jahren Nazidiktatur, 6 Jahren Krieg und 3 Jahren Hunger dem deutschen Arbeiter praktisch vordemonstriert wurde, welche gigantische Macht er in seinen Händen hielt. Es gilt sich nicht gegen die Entfaltung der proletarischen Kampfkraft zu wenden, weil die Gewerkschaftsbonzen zum Streik aufriefen, sondern im Gegenteil diese Entfaltung in den richtigen Bahnen gegen Gewerkschaftsbonzen, Bourgeoisie und Besatzung voran zu treiben.
http://www.arbeiterpolitik.de/ (http://www.arbeiterpolitik.de/) (Zeitung Nummern 1-14 aus 1950, S. 11ff)

Das damalige Lizenzblatt SPIEGEL am 13.11.1948:

Der Beschluß zum Generalstreik war bereits am 24. Oktober in Münster vom Bundesvorstand gefaßt worden. Am 7. November wurde er vom Gewerkschaftsrat der Trizone in Frankfurt bestätigt, nachdem der Bundesbeirat mit den Vorständen aller Industrie-Gewerkschaften seinen Segen gegeben hatte. Der sogenannte Werktätige, der sonst über Streiks urabstimmt, war nicht gefragt worden.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419869.html (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419869.html)
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: Kuddel am 20:35:40 Mo. 12.November 2018
"...indessen belief sich die Teilnehmerzahl nach Gewerkschaftsangaben auf über neun Millionen Arbeitnehmer aus Industrie, Handwerk, Handel und Verkehrswesen - 72 Prozent der 11,7 Millionen Beschäftigten dieses Gebietes...
Dabei war es am 28. Oktober 1948 nach Streiks und Protesten für Preisregulierung, Lohnerhöhung und Mitbestimmung zu schweren Unruhen gekommen, bei denen die US-Militärpolizei Tränengas und Panzer eingesetzt hatte."


Wow! Diese Geschichte war mir neu.
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: dagobert am 21:00:31 Di. 13.November 2018
Mir auch.
Titel: Re:Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 19:44:52 Sa. 01.Dezember 2018
Zitat
Kieler Erinnerungstag:
24. Oktober 1956

Der längste Streik in der Bundesrepublik begann am 24.Oktober mit dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein

Am 24. Oktober 1956 traten mit Beginn der Frühschicht um 6 Uhr über 18 000 Metallarbeiter in 15 schleswig-holsteinischen Betrieben in den Ausstand.


In Kiel waren an diesem Mittwochmorgen die normalerweise überfüllten Straßenbahnen und Dampfer fast leer. Die Howaldtswerke und die MaK, ebenso die Firma Bohn & Kähler gehörten zu den bestreikten Betrieben. Vor den Werktoren standen Polizei, Streikposten und diskutierende Gruppen von mehreren hundert Streikenden. Ungehindert konnten Angestellte, Lehrlinge, Schwerbeschädigte und die für dringende Notdienste gebrauchten Belegschaftsmitglieder die Tore passieren.

Wegen der Arbeitsniederlegung der Metallarbeiter musste auf den Howaldtswerken der für den 31. Oktober angesetzte Stapellauf eines deutschen Frachtschiffes abgesagt werden. Auch auf den Werften in Lübeck, Flensburg, Elmshorn, Lauenburg und Rendsburg wurde gestreikt. In Lübeck entfiel der Stapellauf eines Großschraubenbaggers für Indien. In Flensburg kamen die Reparaturarbeiten auf den Werften völlig zum Erliegen. Auf der Kremer-Werft in Elmshorn sprach die Geschäftsleitung von Lieferschwierigkeiten. Und in Lauenburg herrschte auf den drei Werften ebenfalls Arbeitsruhe. Wofür kämpften die Metallarbeiter?

Voller Lohn bei Krankheit auch für die Arbeiter

Die IG Metall forderte Lohnausgleich im Krankheitsfall und damit Gleichstellung mit den Angestellten. Die Gewerkschaft verdeutlichte ihre Forderungen an einem Beispiel: Ein Arbeiter mit Frau und zwei Kindern verdiente für 28 Tage Brutto 406.80 DM. Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen verblieben ihm 350.30 DM. Wenn dieser Arbeiter krank wurde, bekam er an den ersten 3 Tagen (Karenzzeit) gar kein Geld, dann für 9 Tage Hausgeld von insgesamt 58.86 DM und 16 Tage Krankengeld in Höhe von 116.32 DM. In den vier Wochen seiner Krankheit erhielt er daher nur 175.18 DM. Seine Einkommensminderung betrug also die Hälfte seines normalen Verdienstes, was für die Familie eine große finanzielle Belastung bedeutete.

Die Gewerkschaften argumentierten, technischer Fortschritt, Produktivitätssteigerung, größere Umsätze der Betriebe, die hervorragende Auftragslage – die Werften waren stark ausgelastet, dass z. T. Lieferfristen bis zum Jahre 1962 bestanden – und hohe Gewinne müssten auch einen sozialen Fortschritt bedeuten.

Daher lauteten die drei wesentlichen Forderungen:

― Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für gewerbliche Arbeiter für die Dauer von sechs Wochen, also praktisch die Gleichstellung mit den Angestellten;

― Zahlung eines zusätzlichen Urlaubsgeldes von 7.50 DM täglich und

― Verlängerung des Urlaubs auf 18 Tage, für Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr 24 Tage.

Dieses Programm hatte die Gewerkschaft am 21. April 1956 in einem Tarifvertragsentwurf den beteiligten Arbeitgeberverbänden zugesandt, nachdem schon am 31. Dezember 1955 der Rahmentarifvertrag in der schleswig-holsteinischen Metallindustrie auf Beschluss des Vorstandes der IG Metall gekündigt worden war.

Zehn Verhandlungen mit den beiden metallindustriellen Arbeitgeberverbänden Schleswig-Holsteins wurden seit Juli geführt, die jedoch im September scheiterten, weil eine Annäherung der Standpunkte nicht zu erreichen war. Die Arbeitgeber wiesen die Forderungen der Gewerkschaft mit der Begründung zurück, dass diese zu einer starken finanziellen Belastung der Betriebe führten, die Arbeitsplätze gefährden und die gesamte heimische Wirtschaft belasten würden. Z. B. wandte sich der Vorstand der MaK am 9. Oktober an seine Mitarbeiter mit folgender Feststellung: „Alle Forderungen, die von der Gewerkschaftsseite gestellt wurden, machen mehr aus, als das Werk verdient.“ Die IG Metall aber hielt ihre Forderungen für berechtigt. Die Situation spitze sich zu, der Streik war unausweichlich.

In einer Urabstimmung am 11. und 12. Oktober 1956 sprachen sich 77,7 % der Metaller für den Arbeitskampf aus. Am 22. Oktober stimmte der Gesamtverband der IG Metall in Frankfurt dem Streik der Metallarbeiter in Schleswig-Holstein zu.

Der große Streik

Daraufhin traten am 24. Oktober Metallarbeiter zwischen Flensburg und Lauenburg in den Ausstand. Der längste und umfangreichste Streik in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte nahm seinen Lauf. Er dauerte 114 Tage, d. h. 16 Wochen. Waren von 1949 bis Herbst 1956 1.110.000 Arbeitstage im Land durch Streiks verloren gegangen, so entfielen allein durch den Metallarbeiterstreik 1956/57 2.230.000 Tage. Er begann als Schwerpunktstreik in den gewerkschaftlich gut organisierten Werftbetrieben und Maschinenfabriken, weil man hier mit wenig Streikbrechern rechnen konnte. Er verursachte auch weniger Kosten und dadurch eine bessere Unterstützung für die Streikenden.

Mitte November ging die zentrale Streikleitung, die ihren Sitz in Kiel im Gewerkschaftshaus hatte, dazu über, kleinere Betriebe in den Streik einzubeziehen. Insgesamt wurde der Arbeitskampf in zehn Schritten bis zum 11. Januar 1957 auf 38 Betriebe mit 34 068 Beschäftigten ausgedehnt. Bei den Howaldtswerken z. B. traten von 11 503 Lohnempfängern 9648 in den Ausstand. Den Umsatzverlust schätzte die Geschäftsleitung auf ca. 100 Millionen DM. Insgesamt streikten Beschäftigte in folgenden Kieler Betrieben: ab 24. Oktober 1956 auf den Howaldtswerken, bei der MaK, in der Firma Bohn & Kähler, ab 5. November die Beschäftigten von Bernhard Kröger, der Elektro-Acustic, von Hagenuk, Vollert & Merkel, ab 14. November in den Firmen Rudolf Prey, Poppe GmbH, Eisen- und Stahlbau, ab 11. Januar 1957 bei Anschütz & Co., Zeiss-Ikon und in dem Betrieb von Fritz Howaldt.

Durch verschiedene Maßnahmen gelang es der Gewerkschaft, die Streikfront aufrechtzuerhalten.

Erstmalig wurden täglich die „Streik Nachrichten“ der IG Metall-Bezirksleitung, die bei der „Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung“ gedruckt wurde, an die Arbeiter verteilt, um sie über den Stand der Verhandlungen zu unterrichten. Auf montäglichen Streikversammlungen sollte die Möglichkeit für Aussprachen und Kontakte zu den Mitgliedern bestehen, ebenso auf Großkundgebungen an den großen Streikorten am 6. und 7. Dezember und am 7. Januar. In diesem Zusammenhang kamen in Kiel am 6. Dezember 1956 um 17 Uhr Streikende zu einer Kundgebung auf dem Kieler Rathausplatz zusammen.

Es gab auch eine Vielzahl von Unterhaltungsveranstaltungen, die den Zweck verfolgten „die Streikenden und ihre Familien zusammenzuführen und ihnen dadurch das Bewusstsein zu geben, dass sie in diesem Kampf nicht allein sind.“ Zu diesem Programm gehörten Streikrevuen, z. B. am 31. Oktober 1956 in der Kieler Ostseehalle, Kabarettveranstaltungen, Operettenabende, kostenlose Kinovorführungen, Skat- und Schachtuniere. Insgesamt fanden in den 16 Streikwochen 49 Veranstaltungen mit 39 620 Besuchern und vier Großveranstaltungen in der Kieler Ostseehalle mit jeweils 8500 Besuchern statt. Für die Ehefrauen wurden Hausfrauennachmittage und Modenschauen, drei davon im Oktober in Kiel, organisiert. Auch die Kinder und Jugendlichen wurden unterhalten. Weil man erwartete, dass die Weihnachtszeit die Haltung der Streikenden negativ beeinflussen könnte, veranstaltete die Gewerkschaft Weihnachtsfeiern. Über zehn Streik-Weihnachtsfeiern fanden allein in Kiel in den einzelnen Stadtteilen statt. Besonders eindrucksvoll war eine Feier im Gewerkschaftshaus, auf der neben dem Gewerkschaftssekretär auch Probst Sonntag sprach. Auf diesen Veranstaltungen verteilten Gewerkschaftsmitglieder Lebensmittelgutscheine, Weihnachtsgeld und im gesamten Bundesgebiet gespendete Geschenke an die Kinder.

Wichtig war natürlich die finanzielle Unterstützung der Streikenden durch die Gewerkschaft. Ca. 60% der Mitglieder erhielten wöchentlich 50-60 DM, außerdem eine Zulage von 10 DM, später von 15 DM. Seit Ende November wurde eine Mietbeihilfe von 45 DM für Verheirate und 25 DM für Ledige gewährt. Kinder konnten einige Tage in einem Ferienheim verbringen, Ledige im Kieler Gewerkschaftshaus ein billiges Mittagessen erhalten. Durch alle diese Maßnahmen kamen die Streikenden fast auf ihren Nettolohn.

Für Streikbrecher hatten die Gewerkschaftler kein Verständnis. Die Unternehmer und Arbeitgeberverbände versuchten, die Streikfront aufzubrechen, indem sie betriebliche Sozialleistungen, vor allem die Werkswohnungen, als Druckmittel gegenüber den Streikenden benutzten, aber auch Entlastungen vornahmen und Streikende diffamierten. Während des Arbeitskampfes wurden nicht mehr als 800 „Arbeitswillige“ gezählt, bei Howaldt nur 16 Streikbrecher registriert. Sie wurden von ihren Arbeitskollegen verachtet.

Tarifverhandlungen und Schlichtungsgespräche

Im Dezember unternahm Ministerpräsident von Hassel zwischen den Konfliktparteien einen Vermittlungsversuch, der aber scheiterte. Ebenfalls im Dezember wurden erste Schlichtungsverhandlungen geführt. Der Einigungsvorschlag der Schlichtungsstelle wurde aber von der Großen Tarifkommission der IG Metall abgelehnt. Auch 97% der im Ausstand befindlichen Metallgewerkschaftler sprachen sich am 7. Januar in einer Urabstimmung gegen den Einigungsvorschlag aus. In diesem scheinbar ausweglosen Konflikt wandte sich Ministerpräsident von Hassel an Bundeskanzler Konrad Adenauer, der daraufhin die Tarifparteien am 17. Januar 1957 zu einer Besprechung ins Kanzleramt einlud. Das Ergebnis der Bonner Verhandlungen wurde in einer Urabstimmung am 30. Januar mit 76% verworfen. Die Gewerkschaftsführung beschloss die Weiterführung des Streiks, rief aber gleichzeitig, um den „Risiken eines ausgedehnten Streiks mit politischen Konsequenzen“ auszuweichen, die freiwillige Schlichtungsstelle an, die am 8. Februar in Kiel zusammentrat und schon einen Tag später einen verbesserten Vorschlag vorlegte. Mit nur zwei Gegenstimmen wurde er von der Tarifkommission befürwortet und den Streikenden zur Annahme empfohlen. Zwar sprachen sich in einer weiteren Urabstimmung am 13. Februar 1957 39,66% der Streikenden für und 57,66 % gegen eine Annahme aus. Da aber 75% der Stimmen für die Fortführung des Arbeitskampfes nach der Satzung notwendig gewesen wären, hatte der Streik nun endlich sein Ende gefunden. Am Freitag, dem 15. Februar, meldeten die Kieler Nachrichten. „Seit heute Morgen wird in den bestreikten Betrieben der schleswig-holsteinischen Metallindustrie wieder gearbeitet“.

Das Ergebnis des Arbeitskampfes

Wie die Urabstimmung vom Februar gezeigt hat, war das Ergebnis der Kieler Verhandlungen bei den Metallarbeitern nicht unumstritten. Es war letztlich zwischen den Tarifparteien zu einem Kompromiss gekommen, der folgendermaßen aussah:

- Bei einer Krankheitsdauer von mehr als einer Woche werden eineinhalb Karenztage voll bezahlt. Nach einer Krankheitsdauer von mehr als zwei Wochen werden drei Karenztage mit dem Nettoverdienst bezahlt.

- Die Höhe des Lohnausgleichs im Krankheitsfall beträgt 90% des Nettolohns. Die Wartezeit wird von sieben auf vier Tage verkürzt.

- Lohnfortzahlung wird bei jedem Arbeitsunfall unabhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit gewährt.

- Urlaubstage werden vermehrt und eine bessere Urlaubsvergütung gewährt.

Mit dieser tariflichen Regelung hatten die Metallarbeiter in Schleswig-Holstein einen bedeutenden Schritt in der Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten erreicht. „Im Rückblick der schleswig-holsteinischen Metallgewerkschafter auf ihre Geschichte nimmt der Arbeitskampf von 1956/57 zweifellos den ersten Rang ein. Im Lichte der Ereignisse vor fast vierzig Jahren erscheinen sie, ähnlich ihrer Rolle beim Matrosenaufstand des Jahres 1918, als Vorreiter einer für ganz Deutschland wichtigen sozialpolitischen Entwicklung“ (Stamp).

Nur wenige Monate nach Beendigung des Streikes in Schleswig-Holstein, am 26. Juni 1957, verabschiedete der Bundestag das „Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfall“, wobei sich der Gesetzgeber an den Ergebnissen in Schleswig-Holstein orientierte. Ohne den Streik in diesem Bundesland wäre das Gesetz möglicherweise nicht entstanden. So profitierten auch Arbeiter in der gesamten Bundesrepublik von dem Erfolg in Schleswig-Holstein. Am 1. Januar 1970 trat das „Gesetz über die Fortzahlung des Arbeitsentgelts im Krankheitsfall“ in Kraft. Seit dieser Zeit entfallen die als ungerecht empfunden Karenztage.


Christa Geckeler
https://www.kiel.de/de/bildung_wissenschaft/stadtarchiv/erinnerungstage.php?id=63 (https://www.kiel.de/de/bildung_wissenschaft/stadtarchiv/erinnerungstage.php?id=63)
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 12:38:23 Mo. 04.Februar 2019
Ein Bericht aus Luxemburg:

Zitat
Recht auf Widerstand:
Die Ausstellung „De Streik vun 1942“

(http://www.tageblatt.lu/wp-content/uploads/2019/02/490_0008_15061310_Streik_1942_Gravure_Kaiser-e1549206549545.jpg)

Am 31. August 1942 begann in der Lederfabrik in Wiltz ein Streik, um gegen die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht durch die Nazis zu protestieren. Der Streik weitete sich bald auf das ganze Land aus. Die Ausstellung „De Streik vun 1942“ gedenkt dieses Ereignisses der luxemburgischen Geschichte
.

Es ist einer der großen Momente im kollektiven Gedächtnis der Luxemburger, betonte Jérôme Curtoy, Historiker im Nationalen Resistenzmuseum in Esch. Als am 30. August 1942 Gauleiter Simon die allgemeine Wehrpflicht für die Jahrgänge 1920 bis 1924 verkündete, ließ die Reaktion der Luxemburger nur einen Tag auf sich warten. Am darauffolgenden Morgen legten die Arbeiter der Lederfabrik in Wiltz die Arbeit nieder. Die Konsequenzen für die Bevölkerung sind allgemein bekannt: Repression, Deportationen und Exekutionen. 20 Luxemburger wurden erschossen, ein deutscher Angeklagter wurde geköpft.

Noch bis Ende März im Escher Resistenzmuseum

Der damalige Generalstreik blieb von der Außenwelt nicht unbemerkt. In internationalen Zeitungen wurde mit Bewunderung über den Generalstreik berichtet, so z.B. in der sowjetischen Tageszeitung Prawda, die darauf hinwies, dass dies der erste Generalstreik in den von den Nazis besetzten Gebieten sei. „Die Kräfte sind ungleich verteilt. Vielleicht wird der Generalstreik im Blut ertränkt werden. Doch das Ereignis in Luxemburg wird nicht spurlos vorübergehen. Es ist der erste Generalstreik im besetzten Europa. Es ist eine mutige und offene Kampfansage an Hitlers ‘neue Ordnung’.“

Die Ausstellung „De Streik vun 1942“, die noch bis Ende März im Escher Resistenzmuseum zusehen ist, erzählt anhand von 20 Tafeln die Vorgeschichte des Streiks (der deutsche Überfall, Reichsarbeitsdienst, Ankündigung der Wehrpflicht), den Streik selbst, der auf das ganze Land übergriff, nicht nur in Betrieben, sondern auch in Schulen, sowie die Konsequenzen. Besonders in den Vordergrund gestellt wird das Beispiel Wiltz, von wo die Aktion ja ausging. Die Wanderausstellung, die in Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde Wiltz und dem Resistenzmuseum entstand, wurde im Nachhinein um zwei Tafeln erweitert, die den Streikverlauf in Schifflingen erzählen.

Die Ausstellung hat eine klare pädagogische Ausrichtung. Die Erklärungen sind in vereinfachter Sprachen geschrieben. Zusätzlich werden Begriffe aus der Zeit wie „Ghetto“, „Kollaborateur“ oder „SA“ erklärt.

Neues Museum 2020

„De Streik vun 1942“ bietet Gesprächsstoff für Diskussionen. Wie Jérôme Courtoy bestätigte, würden viele Schulklassen sich die Ausstellung ansehen. Die Fragen der Schüler bei den Besichtigungen zeigten, dass das Interesse an der eigenen Geschichte noch immer vorhanden sei. Vor allem auch, weil die Ausstellung nicht bei den historischen Ereignissen und deren Folgen stehen bleibe. Eine Tafel widmet sich dem heiklen und stets aktuellen Thema des Widerstands in einer Demokratie. Wann dieses Recht besteht, ist bei Verfassungsrechtlern umstritten: Darf man sich nur gegen eine unrechtmäßige Regierung auflehnen, bspw. nach einem Putsch, oder darf man schon im Vorfeld Widerstand leisten? Und vor allem mit welchen Mitteln?
http://www.tageblatt.lu/kultur/recht-auf-widerstand-die-ausstellung-de-streik-vun-1942/
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 22:41:35 Fr. 22.März 2019
Warum nicht auch einmal ein Streik für die Beibehaltung der angestammten Rechte im alten Rom... (aus irgend so einem Buch)

(https://abload.de/img/streik-antikeb4ksc.png) (http://abload.de/image.php?img=streik-antikeb4ksc.png)
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 12:40:23 Fr. 26.April 2019
Zitat
Die Geburt des Streiks

Warum heißen Streiks eigentlich „Streiks“? Die Antwort liegt in der Entstehung der Arbeiterinnenklasse in London vor 250 Jahren(...)
https://adamag.de/streik-geschichte-london-kohle
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Kuddel am 15:57:46 Di. 14.Mai 2019
Zitat
Frankfurter Zeitung 28.02.1919 :
Streik und Tanzwut

Der Ernst der Lage wird wohl nicht überall gleich eingeschätzt: Auf die Eisenbahn-Streiks und Spartakisten reagiert die gehobene Berliner Gesellschaft mit Tanzpartys.


Die Streiks in Thüringen, der Provinz Sachsen und in Leipzig, die an den Haupteisenbanhpunkten zur Einstellung des Eisenbahnverkehrs geführt haben, bedrohen, wie auch von amtlicher Seite hervorgehoben wird, allmählich wichtige Zufuhrstraßen Berlins und stellen namentlich auch die Kohlenversorgungsfrage Berlin in Frage. Berlin ist aber, über Dresden, mit einigen Umwegen auch nach Süddeutschland, vor allem aber nach Osten, Norden und Nordwesten mit der übrigen Welt verbunden. Von der Ausdehnung und Dauer der die Eisenbahn weit wichtige Lebensinteressen der Hauptstadt bedroht sind. Die Stadt der Nationalversammlung, das zentral gelegene Weimar, ist vom Verkehr so gut wie abgeschnitten, und es kommt in Blättern verschiedener Richtungen jetzt der Gedanke zum Ausdruck, daß es ein von einem großen Teil der öffentlichen Meinung und manchen Parteien auch sofort erkannter Fehler war, die Nationalversammlung nicht in der Reichshauptstadt, sondern in einer kleinen Stadt Mitteldeutschlands tagen zu lassen, die, wie sich von Anfang an herausgestellt hat, von extremen Elementen im nahen Umkreis bedroht war und die, wenn die spartakistische Bewegung ernster werden sollte, schwerer zu schützen ist, als die Reichshaupstadt.

Der Ernst der Lage ist für verständige Menschen nicht zu verkennen und kein Optimist kann darüber hinwegtäuschen, daß diese Lage sich immer mehr zuspitzt. Es ist natürlich auch kein Zufall, daß Blätter verschiedener Richtungen in herben Worten den Leichtsinn und die Ahnungslosigkeit beklagen oder auch die Frivolität, mit der große Kreise der Bevölkerung sich über die drohenden wirtschaftlichen und politischen Zeichen hinwegsetzen und sich das Kriegswucheramt, das über den Verbrauch von Licht und Kraft wacht, zu ernsten Mahnungen und Verboten veranlaßt hat.

Der Taumel der Lust als Zeichen des sittlichen Zerfalls in Zeiten höchster Volksnot ist eine geschichtlich bekannte und psychologisch erklärte Tatsache. Es hieße einseitig urteilen, wenn man glauben wollte, daß diese Vergnügungs- und Tanzwut sich nur in öffentlichen Lokalen geltend mache.

Seit dem Winter vorigen Jahres hat ein Teil der Berliner Gesellschaft, die man die gute nennt, die Geburts- und Finanzaristokratie wieder angefangen, große Tanzgesellschaften zu geben und auch in diesen Monaten ist in bekannten Häusern derselben Art flott getanzt worden, auch von Persönlichkeiten, denen ihrer amtlichen und politischen Vergangenheit nach die Zeichen der Zeit kein Rätsel sein können. Man hört zur Begründung oder Beschönigung dieser mit der Not des Vaterlandes unverträglichen Vergnügungssucht zuweilen, daß es doch zu grausam, zu hart und zu bedauerlich wäre, wenn man mehrere Jahrgänge junge Mädchen ohne das Vergnügen des Tanzes weiter aufwachsen lasse. Wenigstens ist diese würdelose Vergnügungssucht auf dem Gipfel vaterländischer Not, wie viele Zuschriften und Berichte zeigen, keine Eigenheit der Hauptstadt, sie macht sich überall geltend.
https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/streik-und-tanzwut-in-berlin-15937820.html
Titel: Wilder Streik – Das ist Revolution
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 15:12:19 So. 28.Juli 2019
Buchvorstellung
Wilder Streik – Das ist Revolution.
Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973
und Dokumentarfilm


13. August 1973: Weil sie trotz harter Akkordarbeit nach der untersten Lohngruppe 2 bezahlt werden (4,70 DM pro Stunde), starten die migrantischen Arbeiterinnen bei dem Neusser Vergaserhersteller Pierburg für fünf Tage einen »wilden Streik«. Von den insgesamt 3800 Beschäftigten sind 70 Prozent Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die Mehrzahl davon Frauen. Die Arbeitsmigrantinnen demonstrieren gegen die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen, fordern »Eine Mark mehr« und treten insgesamt für bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen ein. Nach und nach schließen sich die deutschen Kolleginnen an, und die Stimmung auf dem Pierburg-Gelände erlangt zuweilen Festcharakter. Erst als klar wird, dass die Streikenden dabei sind, die gesamte deutsche Automobilindustrie lahmzulegen, kommt es zu ernsthaften Verhandlungen zwischen Belegschaft und Werksleitung: die Leichtlohngruppe 2 wird abgeschafft, der Lohn erhöht.

(https://laiensclub.files.wordpress.com/2019/06/1609_pierburg_1.jpg)

Der Film dokumentiert den Streik. Edith Schmidt-Marcello und David H. Wittenberg haben das Material, das während des Streiks von unterschiedlichen Akteurinnen vor Ort gedreht wurde, in Absprache mit den Streikenden montiert und mit eigenen Filmaufnahmen ergänzt.

Wilder Streik bei Pierburg: Freudentänze mit Facharbeitern


Vor 45 Jahren traten die Arbeiterinnen der Neusser Vergaserfabrik Pierburg in den Ausstand. Der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende erinnert sich an einen der legendärsten Streiks der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte...

https://laiens.club/2019/06/14/pierburg-ihr-kampf-ist-unser-kampf/

Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 21:18:32 So. 18.August 2019
Zitat
»Teamsters« on strike
Mitten in der Wirtschaftskrise streikten 1934 in Minneapolis die Lkw-Fahrer – ein Arbeitskampf mit Ausstrahlung auf die gesamten Vereinigten Staaten


(https://abload.de/img/126325hzk88.jpg) (https://abload.de/image.php?img=126325hzk88.jpg)
Angehörige der »Teamster«-Gewerkschaft im Straßenkampf mit der Polizei (Minneapolis, Juni 1934)

»Das waren keine Streiks, das waren Bürgerkriege«, erklärte Jack Maloney, Teilnehmer des Teamsterstrikes in Minneapolis, 40 Jahre nach dem siegreichen Ende des Arbeitskampfes dem lokalen Fernsehender KTCA. Der Streik, einer der gewaltigsten der US-Geschichte, legte 1934 nicht nur eine ganze Stadt lahm, sondern inspirierte auch Arbeiter überall in den USA. Trotzdem ist er heute fast vergessen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika befanden sich 1934 im fünften Jahr der bis dahin tiefsten Krise des Kapitalismus. Die industrielle Produktion war auf etwas über 60 Prozent des Niveaus von 1929 gefallen. Die sozialen Auswirkungen waren verheerend. Im August 1931 hatten 1.500 Arbeitslose in Indiana Harbor die Fruit Growers Express Company gestürmt und Arbeit verlangt, weil sie fürchteten zu verhungern. Die Firma rief kurzerhand die Polizei. Ganze Familien lebten auf der Straße. Gut jeder Dritte war arbeitslos und hätte jeden noch so kärglichen Lohn akzeptiert.

Minneapolis, die größte Stadt des Bundesstaates Minnesota im Norden der USA, wurde von der Krise besonders hart getroffen. Die von Unternehmern gegründete »Citizen’s Alliance« organisierte erfolgreiche Kampagnen gegen die Gewerkschaften. Siegreiche Arbeitskämpfe hatte es auch vor dem Börsencrash 1929 kaum gegeben. Während die Löhne in den USA in den 1920er Jahren im Durchschnitt um elf Prozent gestiegen waren, betrug der Zuwachs in Minneapolis gerade einmal zwei Prozent.

In dieser Situation, so die feste Überzeugung der American Federation of Labor (AFL), des Dachverbandes der US-Gewerkschaften, waren erfolgreiche Streiks praktisch ausgeschlossen, denn eine Armee von Streikbrechern schien an allen Ecken und Enden zu lauern. Auch Daniel Tobin, Präsident der International Brotherhood of Temasters (IBT), der Gewerkschaft der Lkw-Fahrer, lehnte Arbeitskämpfe ab.

Ausnahme »Local 574«

Tobin setzte seine Hoffnungen auf den 1932 gewählten demokratischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, dessen »New Deal« Jobs und Prosperität durch staatliche Interventionen versprach. Zudem sicherte der »National Industrial Recovery Act« (NRA) von 1933 Arbeitern auch die Möglichkeit gewerkschaftlicher Organisierung zu. Das reichte der Führung von AFL und IBT aus – auch dann noch, als die Arbeitslosenzahlen weniger sanken als versprochen, die Löhne hinter den Preisen herhinkten und die Unternehmer ihren Kleinkrieg gegen die Gewerkschaften fortsetzten.

Zitat
Was ist anders an Local 574? Die Antwort ist, fast alles ist anders. (…) Einer der zahlreichen Beiträge, die Local 574 geleistet hat, ist die Organisierung der Frauen der Streikenden und deren direkte Beteiligung am Streik durch die Frauenhilfsorganisation. (…)

Wir sehen die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit als einen unaufhörlichen Kampf zwischen der ausgebeuteten Klasse der Arbeiter und der Klasse der ausbeutenden Parasiten. Das ist Krieg. Was in diesem Krieg, wie in allen anderen, entscheidet, ist Macht. Die Ausbeuter sind organisiert, um uns im Staub zu zermahlen. Wir müssen unsere Klasse organisieren, um zurückzuschlagen. Und die Frauen bilden die Hälfte der Arbeiterklasse. Ihre Interessen sind dieselben wie unsere, und sie sind bereit, dafür zu kämpfen. Deshalb: Organisiert sie, damit sie an den Klassenkämpfen teilnehmen. Das ist die Idee hinter der wundervollen Organisation der Frauenhilfsorganisation und seiner effektiven Kooperation mit der Gewerkschaft im Kampf.

James P. Cannon: Das Geheimnis von Local 574, The Organizer, 18.8.1934

Aber ausgerechnet im gebeutelten Minneapolis setzte sich innerhalb der dortigen Gliederung der IBT, des »Local 574«, eine andere strategische Ausrichtung durch. Die Führung des »Local 574« bestand aus entschlossenen Aktivisten rund um den gebürtigen Schweden Carl Skoglund. Das Mitglied der trotzkistisch orientierten Communist League of America (CLA) hatte früh seinen Vater verloren und brachte seine Geschwister mit Gelegenheitsarbeiten durch. Sein Ruf, Streiks zu organisieren, eilte ihm voraus und verhinderte, dass er in seiner Heimat Arbeit fand. Im Alter von 27 wanderte er deshalb in die USA aus. In Minneapolis wurde er Kohleausfahrer und trat der IBT bei.

Trotz des geringen Ogranisationsgrades hatten sie es bereits im Februar 1934 geschafft, die Ausfuhr von Brennstoffen für zwei Tage zum Erliegen zu bringen. Die Unternehmer knickten ein. Der Sieg bescherte der IBT einen ungeahnten Zulauf, nicht weniger als 3.000 Beschäftigte verstärkten innerhalb weniger Wochen ihre Reihen.

Im April übergab »Local 574« einen Forderungskatalog der Lkw-Fahrer an die »Citizen‘s Alliance«. Diese lehnte jedes Zugeständnis ab. Daraufhin beschloss die Vollversammlung der Beschäftigten am 15. Mai 1934 den ersten Streik der Teamster. Das Hauptquartier schlug das aus 100 Kollegen bestehende Organisationskomitee in einer alten Garage auf. Die Streikenden trafen sich dort jeden Morgen und planten die Aktionen des Tages. Von dort wurden Wagenladungen voller Streikposten an die vorgesehenen Orte transportiert.

Ein Frauenkomitee unterstützte den Ausstand, ebenso ein eigens organisiertes Komitee von Arbeitslosen. Farmer spendeten Essen und Milch für die Kinder der Streikenden, Ärzte und Schwestern halfen nach ihrem Dienst bei der Versorgung von Verletzten. Und die gab es zuhauf: Bereits am 19. Mai versuchten Polizisten mit Gewalt, eine Streikpostenkette zu durchbrechen, letztlich erfolglos. Die Auseinandersetzung ging später unter dem Namen »The Battle of Deputies Run« in die Geschichte der Stadt ein.

Trotz der Propaganda der bürgerlichen Medien und obwohl sich der Chef der IBT Tobin öffentlich vom Streik distanzierte, hielten die Reihen der Streikposten. Unter dem Druck der Ereignisse verlangte Gouverneur Floyd B. Olson von der Bauern- und Arbeiterpartei von Minnesota, die später in der Demokratischen Partei aufging, eine Übereinkunft, und die »Citizen’s Alliance« stimmte massiven Lohnerhöhungen, Arbeitsschutzmaßnahmen und einem Kündigungsschutz zu. Alle erwarteten ein Ende des Ausstandes. Da sich die Unternehmer aber weigerten, den Abschluss auch auf die Beschäftigten der Lager auszuweiten, beschlossen die Teamster im Juli den Streik von neuem aufzunehmen.

Blutiger Freitag

Lkws konnten lediglich dann fahren, wenn sie die Erlaubnis des »Local 574« hatten. Das Streikkomitee organisierte die Belieferung der Stadt mit Essen durch die angrenzenden Farmen und gab eine tägliche Zeitung, The Organizer, heraus, Chefredakteur war James P. Cannon, Vorsitzender der CLA. In Minneapolis standen im wahrsten Sinne des Wortes die Räder still. Umso härter griff nun der Staat durch. Verhaftungen auch von Streikführern und Knüppeleinsätze kannten die Teamster bereits. Nun wurde die Nationalgarde in Bewegung gesetzt. Am 20. Juli, dem »blutigen Freitag«, eröffnete die Polizei sogar das Feuer auf Streikposten, verletzte 67 und tötete zwei von ihnen. An der Beisetzung nahmen Zehntausende Einwohner der Stadt teil.

Je länger der Streik anhielt, desto mehr Unternehmer scherten aus der Phalanx der »Citizen’s Alliance« aus und verlangten, die Forderungen des Streikkomitees zu akzeptieren. Selbst Präsident Roosevelt schaltete sich ein. Nach mehr als sieben Wochen Streik gaben die Unternehmer nach. Die Löhne der Teamster stiegen von 28 auf 52 Cent pro Stunde. »Local 574« erklärte den Ausstand am 22. August für beendet. Es war der erste große Streikerfolg in den USA seit 1929 und löste eine ganze Welle von erfolgreichen Arbeitskämpfen aus, in deren Folge die Löhne erstmals wieder spürbar stiegen.
https://www.jungewelt.de/artikel/361003.arbeiterbewegung-teamsters-on-strike.html
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 21:51:35 So. 18.August 2019
Minneapolis Teamsters Strike Documentary Part 1:
https://www.youtube.com/watch?v=m44DLk-IX1s

Minneapolis Teamsters Strike Documentary Part 2:
https://www.youtube.com/watch?v=xEjq90JMuy0

Scheint eine gute Doku zu diesem Streik zu sein. Jetzt noch mit Untertiteln...das wäre was.
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Kuddel am 18:46:28 Sa. 24.August 2019
Eine tolle Doku. Ich hatte teilweise Gänsehaut.
Ein spannender Blick in die Geschichte der Klassenauseinandersetzungen.
"Es war kein Streik. Es war Bürgerkrieg!"

Leider wurde der 1881 erschienene Beitrag auf Videoband gelagert und hat in Bild- und Tonqualität gelitten.

Hier gehts weiter mit der Geschichtsstunde:
The Great Sit-Down
Sitzstreik bei General Motors 1937

https://www.youtube.com/watch?v=E2Py_vNt4fc

Die BBC Produktion von 1976 hat eine astreine Bildqualität und der Sprecher spricht feinstes britisches Englisch.
Zitat
"The United Auto Workers' struggle for recognition is the focus of this program recalling the sit-down strikes against General Motors that were settled by the union in February 1937. Included: women's roles in settling the strikes."
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 17:13:57 Sa. 14.September 2019
Zitat
„September 1969: Als die heile Welt zerbrach“ – Wie Malocher in Dortmund erfolgreich in den Arbeitskampf zogen

(https://www.nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2019/09/1969_streikende-vor-der-hauptverwaltung_archiv-peter-keuthen.jpg)
Streikenden Hoeschianer vor der Hauptverwaltung der Westfalenhütte im September 1969. Foto: Archiv Peter Keuthen

Von Claus Stille

„Ein Paukenschlag ging vor 50 Jahren durch den Dortmunder Norden, der ganz Deutschland bewegte“, so Wiltrud Lichte-Spanger, die Vorsitzende des Evinger Geschichtsvereins. Spontane Streiks, ohne Unterstützung durch Gewerkschaften oder Parteien, begannen im September 1969 auf der Westfalenhütte, setzten sich über die Zentralwerkstatt der Zeche Fürst Hardenberg auf die Dortmunder Schachtanlagen und die Dortmunder Stadtwerke fort. Auch Betriebsräte hielten sich zurück, verschlossen sich in ihren Büros. Erfolge hefteten sie sich später an die Brust. Bald breitete sich die Streikwelle, der „Heiße Herbst 69“, über ganz Deutschland aus – Geschichte, die heute noch aktuell ist.

1969: Forderung nach 20 Pfennig Lohnerhöhung wurde rigoros abgelehnt


(https://www.nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2019/09/hoesch_septemberstreik-1969_dr-wilfried-kruse-wiltrud-lichte-spanger-und-werner-nass-768x538.jpg)
v.l.: Dr. Wilfried Kruse, Wiltrud Lichter-Spanger und Werner Nass. Foto: Claus Stille

Am Montagabend war dies Thema bei einer Veranstaltung des Evinger Geschichtsvereins. Als Zeitzeuge berichtete Werner Nass, später einer der einflussreichsten Betriebsräte in der Stahlindustrie, wie er den Streik erlebte.

Wiltrud Lichte-Spanger erinnerte an die Geschichte vor den Streiks. Zuvor hatte es nach dem Krieg in Westdeutschland die Aufbaujahre auch im Ruhrgebiet gegeben. Dann jedoch sei die erste Wirtschaftskrise 1966 eingetreten. Später folgte eine Erholung. Die Studentenbewegung stellte alles in Frage, was die Zeit des Zweiten Weltkriegs überlebt hatte.

Auf dem Höhepunkt des Wirtschaftsbooms waren Gewerkschaften, wie sie meinten, durch die Friedenspflicht an langfristig abgeschlossene, niedrige Tarifverträge gebunden. Während die Hoesch-Konzernleitung den Aktionären eine drastische Erhöhung der Dividenden ankündigte, sahen die Arbeiter weiter in die Röhre. 1969 sei dann die Forderung aufgestellt worden, den Stahlarbeitern zwanzig Pfennig mehr pro Arbeitsstunde zu zahlen. Das wurde von den Verwaltungen brüsk abgelehnt.

Die Septemberstreiks bahnten sich an und sind nicht spontan entstanden


(https://www.nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2019/09/westfalenhuette-hoesch-768x401.jpg)
Im September 1969 zogen sie von hier aus in die Innenstadt.

Im September 1969 zogen die DemonstrantInnen von der Westfalenhütte aus in die Innenstadt.

Dr. Wilfried Kruse, ehemals Leiter der Sozialforschungsstelle in Dortmund, gab den ZuhörerInnen einleitend einen Einblick in die „lange Vorgeschichte“ der Streiks. Wenn bezüglich der Septemberstreiks im Jahr 1969 von spontanen Streiks geredet werde, so Kruse, entstehe der Eindruck, sie seien „plötzlich und aus heiteren Himmel“ gekommen. Was nicht der Fall gewesen sei.

Es stimme weder gesellschaftlich noch betrieblich. Kruse sagte, er habe eigentlich ein kurzes Video aus der Deutschen Schlagerparade 1969 zeigen wollen. Dies scheiterte aber an technischen Problemen. Der Titel der Veranstaltung lautete ja: „September 1969: Als die heile Welt zerbrach“. Deshalb der Blick auf die Schlager jener Zeit: denn die heile Welt ging ja auch 1969 noch weiter, wusste Kruse.

Zwar habe es Elvis und Woodstock in den USA und die Beatles in Großbritannien gegeben – in der BRD aber hatte ein Schlagerstar den größten Erfolg überhaupt im Lande. Das sei Heintje gewesen, der Inbegriff von heiler Welt, mit „Heidschi Bumbeidschi“, Anfang 1969 der größte Hit. Er erzähle das, erklärte Kruse, weil wir uns davor hüten müssten, Schwarz-Weiß-Bilder zu erzeugen.

Während der Adenauer-Zeit wurde die jüngste Vergangenheit ausgeblendet


Es habe nämlich immer Widersprüche und Spannungen gegeben. In den Jahren 1969 und folgenden gehe es um das Ende der Nachkriegszeit. Präziser gesagt: „Das der Adenauer-Zeit.“ Eine Zeit, in der es eine Kombination gegeben habe aus einem in den 1950er Jahren beginnenden sogenannten „Wirtschaftswunder“ (Sinnbild dafür war Ludwig Erhard mit der Zigarre im Mund) und gleichzeitig einer äußerst konservative Grundhaltung.

Einerseits sei es eine Zeit voller Optimismus – nach dem Krieg ging es endlich wieder aufwärts – gewesen, die andererseits jedoch, was die gesellschaftlichen Verhältnisse betreffe, „grauenvoll war“. Nach 1945 sei der Faschismus eigentlich nicht zum Thema gemacht, sondern verdrängt und beschwiegen worden. Weshalb Dr. Kruse den Beginn des Endes der Nachkriegszeit nicht bei den 69er Streiks, sondern beim Auschwitz-Prozess (1963-1965) verortet. Als wichtiges Datum nannte Wilfried Kruse 1966. Da sei nämlich die erste Garde der westdeutschen Politiker aus den 1950er Jahren abgelöst worden.

Mut zur Demokratie: mit Willy Brandt kam ein Politik- und Moralwandel


Es kam zur ersten Großen Koalition. Der Sozialdemokrat Willy Brandt (im Widerstand gegen die Nazis tätig gewesen) wurde in der Bundesregierung des Christdemokraten Kurt-Georg Kiesinger (einem Nazitäter) Vizekanzler.

Willy Brandts Credo: „Mehr Demokratie wagen“. Bei der Bundestagswahl am 28. September 1969 – wenige Tage nach dem Septemberstreik – bekam die SPD knapp 42 (!) Prozent der Stimmen. Willy Brandt wurde Bundeskanzler der sozial-liberalen Koalition (mit der FDP). Es habe ein Kultur- und Moralwandel begonnen und ein verändertes Frauenbild gegeben. Was Willy Brandts Politikwandel ermöglichte.

Nachdem Dr. Wilfried Kruse zum besseren Verstehen den entsprechende gesellschaftlichen Hintergrund jener Zeit nachgezeichnet hatte, sprach Zeitzeuge Werner Nass darüber, wie es zu den Septemberstreiks gekommen war. Er selbst erlebte sie als junger Vertrauensmann „im dritten und vierten Glied“. Diese Zeit, sagte Nass, sei damals „ein Hammer für einen  jungen Gewerkschafter“ gewesen. An diesem 2. September 1969 habe er zufällig Frühschicht im Walzberg als Schweißer gehabt: „Um neun Uhr ging das dann rund.“

Trotz guter Konjunktur und hoher Dividenden: „Die Malocher sollten außen vor bleiben.“


Mehrere Faktoren wären damals zusammengekommen. 1969 sei genauso ein heißer Sommer wie 2018 gewesen. Da habe der Vorstand gesagt, man müsse den Kollegen an den Hochöfen etc. wenigstens eine Flasche Wasser geben. Das Unternehmen habe horrende Gewinne gemacht, die Konjunktur war enorm nach oben gegangen. Die Aktionäre sollten höhere Dividenden bekommen. Nass: „Aber der Malocher sollte außen vor bleiben.“
Neujahrsempfang des Runden Tisch BvB und Borsigplatz. ehemaliger Gesamtbetriebsrats-Chef Hoesch, Werner Nass, führt durch das Museum und erzählt von Arbeitskämpfen früherer Zeiten

(https://www.nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2015/01/RunderTisch20150127_0011.jpg)
Ehemaliger Gesamtbetriebsrats-Chef von Hoesch, Werner Nass, hat die Septemberstreiks miterlebt. Foto:Klaus Hartmann

Dann spielte die IG-Metall eine Rolle. Was vor fünfzig Jahren so war und heute noch so ist. Die Perspektive sei gewesen, stets Tarifverträge für zwölf Monate abzuschließen.

Stattdessen wurden längere Laufzeiten vereinbart. 1969 brummte also die Konjunktur und der Tarifvertrag lief noch bis zum 1. Dezember des Jahres. Einen neuen Tarifvertrag zu verhandeln, war nicht möglich. Die IG Metall habe gesagt: Uns sind die Hände gebunden.

Zwischen den drei Stahlstandorten in Dortmund habe es seinerzeit Stundenlöhne zwischen 5,30 DM und 5,40 DM gegeben, während in der Weiterverarbeitung die Löhne höher waren. Die Betriebsratsvorsitzenden gingen damals daran, am 15. August 1969 Forderungen zu stellen, die Tarifverhandlungen vorzuziehen und den Arbeitslohn pro Stunde um 20 Pfennig rückwirkend zu erhöhen.

Die Vorstände lehnten die Forderungen des Betriebsrats ab

Die Betriebsdirektoren äußerten Verständnis. Die Vorstände aber lehnten ab. Die Vorstände von Union und Phoenix waren bereit, am 1. Dezember 1969 fünfzehn Pfennige draufzulegen. Der Betriebsrat der Westfalenhütte lehnte einstimmig dieses Angebot ab. Man wollte 20 Pfennig mehr, sofort.

Der damalige Betriebsrat Albert Pfeifer habe dann im Gespräch mit dem damaligen Vorsitzenden der Vertrauenskörperleitung Fritz Wäscher gebeten, dass dieser 100 Kollegen bitte, auf die Treppe zur Hauptverwaltung zu kommen.

Nun rumorte es überall in den Betrieben. Einige Vertrauensleute im Bereich des Hochofens wollten es aber nicht bei der Zahl von 100 Kollegen belassen. Sondern die 9 Uhr-Kaffeepause nutzen, um mit mehr Leuten zur Hauptverwaltung zu kommen. Werner Nass: „Man ist gestartet und wusste nicht, wo man landet.“

Auf einmal waren 1.000 Menschen vor der Hauptverwaltung. Der Betriebsrat begannt, mit dem Vorstand Gespräche zu führen. Der Vorstand sagte 20 Pfennig mehr zu. Doch zwischenzeitlich war die gesamte Frühschicht – vielleicht fast 3.000 Arbeiter an der Treppe. Bevor das Ergebnis von 20-Pfennig-Mehr bekannt wurde, gab es die Losung: 30 Pfennig mehr! Die Sache schaukelte sich hoch. All das kam von der Basis.

Protest entwickelte überraschende Eigendynamik


Die IG Metall, so Nass, und der Betriebsrat waren außen vor. Der Betriebsrat lehnte es ab, weitere Gespräche zu führen. Nun forderte man – wenn heute nicht 30 Pfennig beschlossen würden – 50 Pfennige. Eine Strohpuppe wurde symbolisch an der Hoesch-Hauptverwaltung aufgehangen.

Was wiederum dazu führte, dass die bürgerliche Presse – etwa die FAZ und die Bild-Zeitung – schrieben, die Frau des Vorstandsvorsitzenden Fritz Harders hätte sich auf ihrem Grundstück in Ergste mit der Pistole verteidigen müssen gegen diese schlimmen Stahlarbeiter.

Die seien von Kommunisten oder was auch immer ferngesteuert. Nass: „Alles erlogen.“ Er machte deutlich, an diesem 2. und 3. September 1969 habe es keinerlei parteipolitische Aktivitäten gegeben. „Es waren die normale Kumpel, die Vertrauensleute, die aus eigenem Antrieb handelten.

Solidarität von den anderen Werken in Dortmund: 20.000 Menschen trafen sich am Wall


All dies habe sich mittags am 2. September abgespielt. Studenten hätten versucht, die Macht zu übernehmen. Die Stahlarbeiter rochen jedoch Lunte und ließen sich nicht missbrauchen. Die Westfalenhütte stand alleine da. Die beiden anderen Werke in Dortmund sollten davon abgehalten werden, sich zu solidarisieren.

Am ehemaligen Werkstor der Zeche Minister Stein versammelten sich 1969 streikende Bergarbeiter ohne Vertreter ihrer Gewerkschaft.

(https://www.nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2019/09/minister-stein-ehem-eingang-768x470.jpg)
Am ehemaligen Werkstor der Zeche Minister Stein versammelten sich 1969 streikende Bergarbeiter ohne Vertreter ihrer Gewerkschaft.

Die Mittagsschicht der Westfalenhütte führte den Streik weiter. Bei Union und bei Phoenix ließ nun ebenfalls die Nachtschicht die Arbeit ruhen. Der Betriebsrat forderte die Arbeiter auf, die Arbeit wieder aufzunehmen.

„Ein ganz gefährliche Sache“, merkte Werner Nass an: „Uneinigkeit auf der Arbeitnehmerseite.“ Der Vorstand war dennoch nicht bereit, zu verhandeln. Man glaubte – auch weil die IG Metall außen vor war – die Sache liefe sich tot. Am zweiten Tag des Streiks, dem 3. September, kam von den beiden anderen Werken in Dortmund das Signal an die Arbeiter der Westfalenhütte: Wir kommen zu Euch.

Die Arbeiter von der Westfalenhütte kamen ihnen entgegen. Werner Nass: „Dieses Bild habe ich immer noch im Kopf. Das war der erste Kampf mit Zwanzigtausend, die sich in der Stadt getroffen haben. Da war auch der kleine Krämer dabei, der ja auch Sorgen hatte, wenn das schiefgeht.“ Zwanzigtausend Menschen trafen sich am Wall. „Es war eine Stimmung, getragen von der Kraft, die von unten kam“, erinnerte sich Nass. Doch keiner habe gewusst, wie und wo es enden werde.

Sieg! – „So ein Tag, so wunderschön wie heute“

Gegen elf Uhr an diesem Tag war der Vorstand wieder bereit, die Verhandlungen aufzunehmen. Wohl um zwanzig vor eins sei es gewesen, dass Vorstand und Betriebsräte verkündet hätten, die 30 Pfennig würden bezahlt, die Ausfallzeiten vergütet und es werde in keiner Form Abmahnungen geben.

Nass: „Unterm Strich ein unglaublicher Erfolg. Praktisch gegen die Gewerkschaft. Der Betriebsrat war stellenweise außen vor.“ Zum Schluss sei das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ erklungen. Noch am selben Tag wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Für ihn als junger Gewerkschafter, sagte Werner Nass, sei das ein Schlüsselerlebnis gewesen.

Er wies allerdings darauf hin, dass man nach diesem unglaublichen Erfolg in nachfolgenden Arbeitskämpfen auch habe Niederlagen einstecken müssen. Erfolge setzten sich nicht einfach fort. Werner Nass gab darüber hinaus zu bedenken, wenn man in einen Streik gehe, müsse man sehen, wo eine Tür sei, wo man wieder zurück könne. Auf der Gewerkschaftsschule habe man gelernt, quer zu denken. Und entsprechendes Rüstzeug dafür erhalten, das Wirtschaftssystem zu begreifen. Mit den 69er-Tagen habe ein neues Denken eingesetzt.

30.000 Beschäftigte hatten sich in Dortmund dem Septemberstreik angeschlossen

(https://www.nordstadtblogger.de/wp-content/uploads/2019/09/hoesch-westfalenhuette-eingang-direktion.jpg)
Vor dem Direktionsgebäude demonstrieren Hoeschianer traditionell für ihre Forderungen.

Dr. Wilfried Kruse schätzte ein, dass der Septemberstreik auf der Westfalenhütte eine Initialzündung war, der fast die gesamte westdeutsche Stahlindustrie und 150.000 Stahlarbeiter erfasste. 30.000 Beschäftigte hatten sich in Dortmund damals in der Stahlindustrie und bis zu 8.000 im Bergbau beteiligt.

Im Bergbau indes sei die Streiksituation anders und viel schwieriger gewesen, erklärte Wilfried Kruse. Dort sei es um Arbeitskleidung und mehr Urlaub gegangen. Die Vorstände im Bergbau hätten Verhandlungen abgelehnt.

Die IG Bergbau und Energie sei nicht nur wie im Stahlbereich die IG Metall außen vor, überrumpelt und nicht handlungsfähig, sondern massiv gegen diesen Streik eingestellt gewesen. Streikführer im Bergbau wurden von ihrer Gewerkschaft hart angegriffen. Der Streik im Bergbau brach aus diesen Gründen zusammen und war ein Misserfolg.

Gemeinsamkeiten zwischen den Septemberstreiks und der Klimaschutzbewegung

In der Einladung zur Veranstaltung war vermerkt: „Bei allen Unterschiedlichkeiten meint Wolfgang Skorvanek, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender des Evinger Geschichtsvereins, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Septemberstreiks von 1969 und der heutigen Klimaschutzbewegung um Greta Thunberg.

Skorvanek: „Damals wie heute entstand eine spontane Aktion junger Menschen, die ohne Rücksicht auf Sanktionen neue Ansprüche formulierten, bevor sie von Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften zunächst erkannt wurden.“

„Die Septemberstreiks waren der Höhepunkt, wo Arbeiter sichtbar wurden, aber gleichzeitig der Beginn vom Ende des Malochers.“ Des Malochers als schwer arbeitender Bergarbeiter oder Stahlarbeiter. So könne man die Septemberstreiks als Höhepunkt und Abgesang des Malochers markieren.
https://www.nordstadtblogger.de/september-1969-als-die-heile-welt-zerbrach-wie-malocher-in-dortmund-erfolgreich-in-den-arbeitskampf-zogen/


    Ein Kurzfilm zum Septemberstreik: https://www.youtube.com/watch?v=QteqL-NrFZY
    www.geschichtsundkulturverein-eving.de
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 15:19:48 Mo. 23.September 2019
Zitat
50 Jahre Septemberstreiks

Beverly Silver verwies in ihrer Historiographie der Arbeitsunruhen im 20. Jahrhundert auf die Notwendigkeit, ein systematisiertes Verständnis für die aggregierte Bedeutung lokaler Arbeitskonflikte zu entwickeln, um die Dynamik von historischen Klassenbeziehungen überhaupt zu begreifen...
(...)
Genau dieses Spannungsfeld spielt in der sich seit einigen Jahren, nicht zuletzt im Zuge der Rezeption der Geschichte der „proletarischen“ 1968er entwickelnden historischen Aufarbeitung wilder Streiks eine wichtige Rolle. Die Septemberstreiks – die aktuell ihren 50. Geburtstag feiern – sind dafür eines von mehreren Beispielen.

Wie also sind latente und offene betriebliche Sozialproteste jeweils spezifisch miteinander verbunden? Und darüber hinaus, wie konnten sich wiederum diese „offenen“ Sozialproteste miteinander vernetzen, wenn sie über kein organisatorisch entwickeltes und institutionell gesichertes Dach verfügten? Für die Analyse der Streiks im September 1969 sind beide Fragen bedeutend. Diese Arbeitskämpfe brachten eine Vielzahl von Forderungen hervor, besonders aber „egalitäre“ Lohnforderungen, sie fanden innerhalb des mit einer Friedenspflicht belegten Zeitraums insbesondere in der Montanindustrie statt, mit Schwerpunkten im Ruhrgebiet und im Saarland. Rund 200.000 Beschäftigte beteiligten sich, etwa acht Millionen erhielten daraufhin „kampflos“ Verbesserungen bei den Löhnen, die in vielen Fällen weit über das hinausgingen, was bei regulären Tarifverhandlungen erreicht werden konnte. Andere Forderungen – die vor allem im Kohlebergbau vielfältig waren und von der Entlassung autoritärer Vorgesetzter bis hin zu Verbesserungen beim Schutz vor Arbeitsunfällen reichten – blieben jedoch außerhalb dessen, was erreicht werden konnte.

Die Septemberstreiks wurden häufig als eine Art „Schock“ für die etablierten Träger der industriellen Beziehungen und des „deutschen“ Modells der Sozialpartnerschaft beschrieben. Tatsächlich täuscht diese Sicht darüber hinweg, dass dieses Modell bereits in den Jahren vor 1969 als porös zu bezeichnen ist.
(...)
Die Septemberstreiks stehen für eine Erosion einer durch den Staat regulierten, aber autoritären Betriebs- und Arbeitspolitik, von dessen sozial-staatlicher Dimension auch viele Linke noch heute träumen, die aber damals nicht unbegründet als arbeiter_innenfeindlich und als entmündigend galt. Die Streiks markierten den Anfang vom Ende der auch in der SPD zu dieser Zeit durchaus verbreiteten Vorstellung, man könne soziale Konflikte quasi durch eine Verwissenschaftlichung der Politik und ihrer Apparate regulieren. Die Septemberstreiks schlossen an einen transnationalen Zyklus unabhängiger, anderer Arbeiter_innenkämpfe an, an den „Pariser Mai“, an den „heißen Herbst“ in Italien, an zahllose weitere Kämpfe. Sie markierten den Anfang eines Zyklus von Streiks, die das Spektrum der Themen auf den Kampf gegen „Frauenlöhne“ (Pierburg, 1973) oder rassistische Benachteiligung (Ford, 1973) erweiterten.
(...)
https://sozialgeschichte-online.org/2019/09/16/50-jahre-septemberstreiks/
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 13:31:40 Mo. 30.September 2019
Zitat
Pierburg 1973: Der migrantische Streik

Migration ist in der Geschichte Deutschlands häufig verbunden mit Marginalisierung, Rassismus und Unterdrückung. Doch die Geschichte der Migration ist auch eine des Widerstands wie der Streik bei Pierburg zeigt.


Die Vorurteile, sexistischen und rassistischen Angriffe, denen Frauen ohne deutschen Pass ausgesetzt sind, stehen in direkter Verbindung zur Ausbeutung an den oftmals prekären Arbeitsplätzen und der formellen Ungleichbehandlung vor dem Gesetz. Häufig werden sie in Sektoren gedrängt wie Reinigung, Pflege, Kindererziehung, Einzelhandel oder Gastronomie, wo sie schlechte Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne erwarten. Dabei hat die Entrechtung von Migrantinnen und Migranten einen einen naheliegenden Grund: Sie werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt.

Die Tradition der multiethnischen Arbeiterkämpfe

Die Rechten behaupten gerne, das „Wirtschaftswunder“ der 50er und 60er Jahre sei auf den Fleiß der Deutschen zurückzuführen. Sie ignorieren, dass die Überausbeutung von Millionen von migrantischen Arbeiterinnen und Arbeitern eine wesentliche Rolle für das Wachstum spielte. Der Rassismus blieb hierbei eine Konstante des deutschen Regimes. Als die sogenannten „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“ in den 1950er und 60er Jahren kamen, war nie vorgesehen, sie mehr als ein paar Jahre lang für das deutsche Kapital schuften zu lassen, um sie nach dem verrichteten Aufbau wieder zurückzuschicken. Eine politische Vertretung war ohnehin nicht angedacht. Das hat sich auch bis 2019 nicht geändert.

Aber in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es auch heroische Kämpfe der „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter “, die ihre deutschen Kolleg*innen an die eigene Kampfkraft erinnert haben. Die Streiks der 1970er Jahre gingen von der Basis aus, da die IG-Metall-Führung entweder nur zugunsten deutscher Kolleg*innen Verhandlungen abgeschlossen hatte oder komplett unfähig war, die Bosse unter Druck zu setzen. Unter diesen Bedingungen entstanden Lohnungleichheiten, die bei den Belegschaften auf Protest stießen. Denn viele „Gastarbeiter*innen“ hatten längst die Entscheidung getroffen, in Deutschland zu bleiben – worauf Kanzler Willy Brandt als Repression auf die Streikwelle und anlässlich der Ölkrise mit dem „Anwerbestopp“ antwortete, der Arbeitsmigration illegalisierte.

1973 erreichte die Streikpraxis der (post-)migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter und ihrer deutschen Kolleginnen und Kollegen ihren Höhepunkt: Es streikten in diesem Jahr mindestens 275.000 Beschäftigte in 335 Betrieben. Viele der Streiks wurden als „wilde Streiks“ eingestuft, da diese Arbeitskämpfe weitgehend unabhängig von der Gewerkschaftsbürokratie organisiert werden mussten. Hierbei waren Migrantinnen öfters führende Organisatorinnen.

Der Frauenstreik bei Pierburg in Neuss

Einen besonderen Platz in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung in Deutschland hat der Streik beim Autozulieferer Pierburg 1973 in Neuss, der von migrantischen Frauen angeführt wurde. 70 Prozent von insgesamt 3.800 Beschäftigten waren „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter “. Griechinnen, Italienerinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen, Türkinnen sowie auch deutsche Fließbandarbeiterinnen legten die Arbeit nieder, weil sie in einer eigenen Frauen-„Leichtlohngruppe“ schlechter bezahlt wurden als die Männer, was ihre Ungleichbehandlung als überwiegend migrantische Frauen formalisierte. Die Streikenden, deren Kampf in einem Eskalationsplan minutiös vorbereitet wurde, forderten die Abschaffung der Leichtlohngruppe und eine Mark zusätzlich für alle, was auch die Einbeziehung eher männlicher und deutscher Facharbeiterkollegen erlaubte.

Der Streik dauerte eine ganze Woche. Die migrantischen Kolleginnen schafften es, ihre deutschen und männlichen Kolleginnen und Kollegen auf ihre Seite zu ziehen und den Kampf gegen den Niedriglohn mit Errungenschaften zu beenden. „Eine Ursache für die Resonanz war, dass die geschlechtsspezifische Ungleichheit Ansatzpunkte für eine Solidarisierung von deutschen und migrantischen Frauen bot“, schreibt Peter Birke in „Wilde Streiks im Wirtschaftswunder“ (2007) über den Arbeitskampf. Deutsche Facharbeiter empörten sich darüber, dass ihr Betriebsrat von den Bossen nicht gehört wurde, und sahen, dass es bei anderer Gelegenheit auch ihnen selbst an den Kragen gehen könnten.

Der Streik hat gleichzeitig andere Industriearbeiterinnen und Industriearbeiter elektrifizieren können. So schreibt Peter Birke, dass es „fast zeitgleich […] zu einer Reihe weiterer Streiks von Industriearbeiterinnen gekommen war: Bei AEG in Neumünster, bei den Deutschen Telefonwerken in Rendsburg und anderswo waren sie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit eingetreten.“

Dies ist ein Beispiel, wie die Arbeiterinnen die sexistische und rassistische Spaltung überwinden und eine antirassistische Tradition etablieren können. Rassismus ist notwendig, um einen Keil zwischen Arbeiterinnen und Arbeiter zu treiben, die ansonsten sehr viel gemeinsam und jeden Grund haben, sich zu verbünden und zu organisieren.

Bis heute sind die (post-)migrantischen Frauen besonders von Prekarisierung betroffen. Sie sind diejenigen, die am meisten Unterdrückung erfahren und gezwungen sind, besonders häufig um ihre Rechte zu kämpfen. Ohne die Verbindung zu anderen Arbeiterinnen und Arbeitern bleiben sie aber isoliert. Der Pierburg-Streik in Neuss stellt ein Vorbild da, wie es den Unterdrückten gelingen kann, weitere Teile der arbeitenden Klasse für die gemeinsame Sache zu gewinnen und anzuführen. Der Kampf wurde gewonnen und gibt Hoffnung, dass die Unterdrückten nicht ewig Unterdrückte bleiben müssen. Die Kämpfe der nächsten Jahre werden notwendigerweise mit prekär arbeitenden Frauen und Migrantinnen und Migranten an ihrer Spitze stattfinden. Denn was die Rechten nicht wahrhaben wollen, ist längst Realität: eine weibliche und multiethnische Arbeiterinnenklasse.

Der Beitrag ist von Baran Serhad verfasst und erschien zuerst bei KGK.

Literaturempfehlungen zum Thema:
Peter Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark. Campus Forschung, 2007.
Dieter Braeg (Hg.): „Wilder Streik – das ist Revolution“. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973. Mit DVD. Die Buchmacherei, 2013.
https://diefreiheitsliebe.de/politik/pierburg-1973-der-migrantische-streik/
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 14:54:16 Di. 17.März 2020
Heute vor 100 Jahren wurde durch Generalstreik der Kapp Putsch beendet:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kapp-Putsch
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 09:02:03 Mo. 23.März 2020
Zitat
(https://abload.de/img/kanadastreik5kjol.png) (https://abload.de/image.php?img=kanadastreik5kjol.png)

1919. Generalstreik in Kanada

Vor Hundert Jahren kam es nicht nur in Europa zu Revolutionen und Streikwellen. Im Mai und Juni 1919 verließen auch in Winnipeg 35.000 ArbeiterInnen ihre Arbeitsplätze. Sie streikten aus verschiedenen Gründen: für höhere Löhne, mehr Rechte bei Tarifverhandlungen und generell mehr Macht für die Arbeitnehmer. Die Streikenden machten internationale Schlagzeilen, die kanadische Arbeiterschaft schloss sich mit Sympathiestreiks in vielen anderen Städten an. Obwohl diese Streikwelle sechs Wochen andauerte, endete sie schließlich mit einer Niederlage. In Absprache mit den Eliten aus Politik und Wirtschaft schlug die Polizei den Streik schließlich gewaltsam nieder.

Einhundert Jahre später bleibt der Generalstreik in Winnipeg eines der bedeutendsten Ereignisse in der kanadischen Geschichte. Dieser Comic erinnert an den Streik, um neuen Generationen die Macht des Klassenkampfes und der Solidarität und die brutale Taktik, mit der Regierungen und Chefs die Arbeiterbewegungen zerschlagen, vor Augen zu führen. Der Generalstreik von Winnipeg ist eine deutliche Erinnerung daran, dass Herr und Knecht nichts gemeinsam haben, und der Staat keine neutrale Instanz ist, sondern immer die Interessen der Eigentümer schützt. Als Reaktion darauf müssen sich die Arbeitnehmer aufeinander verlassen und zusammenarbeiten, um eine neue, gerechtere Welt in der Hülle der alten zu schaffen.
http://www.bahoebooks.net/start_de.php?action=201&id=115

Winnipeg General Strike - This video, tied to our 1920s unit, tells the details of the story and legacy of the Winnipeg General Strike:

https://www.youtube.com/watch?v=pVKo6xEgjaI
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 13:03:56 Mo. 08.Juni 2020
Zitat
Ein vergessener Klassiker

Wenn auch Ausbeutung in der Geschichte der Menschheit in unterschiedlichen Formen auftrat, so bestand sie in ihrem Kern immer in der Aneignung fremder Arbeit.


Andere Menschen für sich arbeiten zu lassen, war seit je her der Schlüssel zu einem individuellen Reichtum, der allein mit Hilfe der eigenen Arbeitskraft nie in dem Umfang hätte realisiert werden können. Von den Pyramiden im frühen Ägypten über die Schlösser im Feudalismus bis zur Parallelgesellschaft der Oberschicht im globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zeugen die individuellen Reichtümer von der Aneignung fremder Arbeit und damit davon, dass die Armut der Mehrheit die Grundlage für die Reichtümer einer Minderheit ist.
(...)
Die ursprünglich auf Deutsch erschienene Erstauflage der Grundprinzipien wurde beschlagnahmt und weitgehend vernichtet. Eine vollständig überarbeitete und verbesserte Ausgabe in niederländischer Sprache erschien 1931 zunächst Auszugsweise und 1935 in zweiter Auflage in Buchform. Der Text der deutschen Erstausgabe wurde 1970 nachgedruckt und auch in die englische und französische Sprache übersetzt. Die vollständig überarbeitete und verbesserte zweite Auflage verblieb die folgenden 85 Jahre dagegen weitgehend unbeachtet in niederländischer Sprache verborgen. Mit der hier vorliegenden Übersetzung der zweiten Auflage in die deutsche Sprache wird dieser Dornröschenschlaf beendet.
Zitat
Kollektivarbeit der Gruppe Internationaler Kommunisten: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung. Deutsche Erstausgabe der 2. Auflage von 1935. Red & Black Books. 339 Seiten, ca. 19.00 SFr. ISBN 9798601283687
untergrund-blättle (https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/kollektivarbeit-der-gruppe-internationaler-kommunisten-grundprinzipien-kommunistischer-produktion-und-verteilung-1700.html)
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 11:47:24 Do. 11.Juni 2020
Schön lange Liste von Streiks aus den letzten vier Jahrhunderten:
https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_strikes



Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 20:27:30 Sa. 11.Juli 2020
Zitat
Interview mit Historiker Simon Goeke   
Der BMW-Streik, von dem kaum jemand weiß


(https://abload.de/img/media.media.1ed4f552-onjww.jpg) (https://abload.de/image.php?img=media.media.1ed4f552-onjww.jpg)
Unterschriftensammlung gegen die Notstandsgesetze vor dem BMW-Werk 1968. In jenen Jahren gab es viel Protest rund um Münchens Fabriken

1972 streikten italienische Arbeiter bei BMW – und flogen raus. Ein Historiker hat die wenig bekannte Aktion erforscht. Hier spricht er über die Verbindung von Studentenbewegung und Gastarbeitern - und ihre Grenzen.

Proteste in den 60er- und 70er-Jahren: Da denkt man auch in München gleich an die Studenten. Doch auch in den Fabriken wurde rebelliert – zum Beispiel gegen die oft schlechten Arbeitsbedingungen der griechischen oder italienischen Arbeiter. Der Münchner Historiker Simon Goeke hat für sein gerade erschienenes Buch ("Wir sind alle Fremdarbeiter!", Verlag Ferdinand Schöningh, 59 Euro) einen wilden Streik von 1972 erforscht, wie Studenten und Arbeiter zusammen Politik machten – und, inwiefern das die Alternativkultur in der Stadt bis heute prägt.

AZ: Herr Goeke, mit den "68ern" meint man in Deutschland oft nur die Studentenbewegung. Gingen die Debatten der Studenten mit der Lebenswelt der Arbeiter oft nicht zusammen?
SIMON GOEKE: Ja, das ist so.

Auch aus München gibt es diese Geschichten: Dass die Studenten im SPD-Ortsverein etwas abgehoben Theorien diskutierten. War den Studenten die Lebenswelt der sogenannten Gastarbeiter noch fremder?
Sicher. Trotzdem gab es bis zur Debatte um die Notstandsgesetzgebung Verbindungen von linker Studentenbewegung und gewerkschaftlicher Arbeiterbewegung. Zunächst waren die Gewerkschaften ja sogar Teil der Bewegung gegen die Notstandsgesetze. Dann zogen sich die Gewerkschaften allerdings aus dieser Bewegung zurück. Das war der Bruch. Und dann haben Teile der Studentenbewegung gesagt: Wir müssen selbst zur Arbeiterklasse gehen. Andere wollten besonders das Subproletariat unterstützen, die Randgruppen, die ganz unten in der Gesellschaft standen. Dazu zählten zum Beispiel Heimkinder, aber eben auch die sogenannten Gastarbeiter.

   
"Studenten konnten in zwei Wochen zu BMW-Arbeitern werden"

Sie glauben, dass die ausländischen Arbeiter zugänglicher für die deutschen Linken waren als die bayerischen. Warum?

Ein Grund ist, dass die ausländischen Arbeiter die "Bild"-Zeitung nicht gelesen haben, die damals wahnsinnig gegen die Studentenbewegung gehetzt hat.

Machte sich das bemerkbar, wenn Studenten vor dem BMW-Fabriktor Flugblätter verteilt haben?

Ja, die deutschen Arbeiter haben gesagt: Schleichts euch!

Und die Ausländer nicht?
Die Vorstellung, dass die Menschen, die nach München kamen, alle arme Bauern oder Landarbeiterinnen waren, ist falsch. Viele kamen ursprünglich vom Land, hatten aber auch schon in Fabriken gearbeitet, etwa in Istanbul oder in Nord-Italien. Sie hatten schon Kontakt mit Gewerkschaften gehabt, in Spanien oder Portugal kämpften Arbeiter mit Studenten gegen die Diktatur. Und: In Südeuropa hatten es auch viele Arbeiterkinder auf die Universitäten geschafft, man war sich nicht so fremd.

Wie entstand in München die Gruppe "Arbeitersache"?

Das war ein klassisches Produkt der Studentenbewegung. Man war enttäuscht, dass die Gewerkschaften ausgestiegen waren aus der Bewegung gegen die Notstandsgesetze. Und wollte die ansprechen, die ganz besonders ausgebeutet waren. Man wollte, dass Studenten und Arbeiter diskutieren - und gemeinsam kämpfen.

Der Arbeitersache reichte es schnell nicht mehr, Flugblätter zu verteilen. Warum?
Sie haben festgestellt, dass man so eigentlich nicht vorankommt. Und entschieden, in die Betriebe reinzugehen. Das war damals ja sehr einfach. Es gab den Arbeitskräftemangel. Wenn jemand gesagt hat: Ich will Aushilfsarbeiter werden, dann wurde er zwei Wochen angelernt und konnte am Band anfangen. Man hat nicht groß nachgeforscht, was die Motivation war.

Die Arbeitersache wollte bewusst die Arbeiterschaft bei BMW unterlaufen. Warum BMW?
Weil dort viele Griechen waren. Und sie gesagt haben: Zu den Griechen haben wir guten Kontakt, weil man gemeinsam gegen die Militärjunta in Griechenland protestiert hatte. Es war zum Teil schon gelungen, deutsche und ausländische Arbeiter zusammenzubringen.

Bei der Streikaktion 1972 waren dann aber Italiener die treibende Kraft. Warum?

Der entscheidende Grund war wohl, dass in dieser Zeit gezielt italienische Linke nach München gekommen sind, um hier zu arbeiten. Das waren Kader, die in italienischen Fabriken für den anti-kapitalistischen Kampf agitiert hatten, das wollten sie nun auch unter den italienischen Arbeitern in Deutschland machen. Sie haben sich in den Zug gesetzt, um sich bei BMW anwerben zu lassen. "Studenten und Arbeiter: ein Kampf!", das war in diesen Jahren in Italien eine prägende Parole. Diese Kader suchten auch Kontakt zu deutschen Linken. Und Italien war auch in der Theorie immer das große Vorbild der Arbeitersache.

Wie sah das in der Praxis aus?

Man nannte es militante Untersuchung. Die Arbeitersache wollte nicht wie andere Studenten Flugblätter verteilen und den Arbeitern mit Marx erklären, was die richtige Position ist.

Sondern?
Die Arbeitersache wollte herausfinden, was der Arbeiterschaft unter den Nageln brennt und wo es ohnehin täglichen Widerstand gegen die Produktionsbedingungen gibt.
"Man erkannte das Bedürfnis nach Urlaub und Pausen"

Wie sah der aus?
Man hat sich krankschreiben lassen, um eine Pause vom Arbeitsalltag zu bekommen. Oder auch Sabotage betrieben. Wenn zum Beispiel ein Schraubstock ins Fließband fiel, dann war eine halbe Stunde Pause.

Wie wurde das gedeutet?
Man erkannte, dass es offenbar ein Bedürfnis gibt: nach Band-Pausen oder nach mehr Urlaub. Daraus hat man Forderungen entwickelt, die bei den Arbeitern auf Gehör stießen.

Was gefiel den deutschen Linken in München an den Italienern?
In den Texten der Zeit liest es sich so, dass der Kontakt zu den italienischen Linken echte Erweckungserlebnisse waren. Man hat verstanden, dass man mit Arbeitern auch feiern und tanzen und mal ein Bier trinken kann. Das hat in München viele beflügelt.

Wie kam es zu der Streikaktion bei BMW?
Es gab eine Gruppe von Facharbeitern, die hatte in Pisa an der Facharbeiterschule gelernt. Sie sind bei BMW mit dem Versprechen eingestellt worden, dass sie nach einem Jahr ungelernter Arbeit entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt und bezahlt werden würden. Das hat dann aber nie stattgefunden. Vielen Migranten ist es ja so gegangen.

"Ihr habt die Leute verheizt, kritisierten andere Linke"

Wie lief die Aktion ab?

Sie haben BMW ein Ultimatum gestellt und gesagt: Wenn ihr unsere Forderungen nicht erfüllt, dann streiken wir. Zum Schichtwechsel sind sie dann durch den Betrieb marschiert und haben erklärt, dass Streik ist. Drauf entstand eine Unruhe und ein Großteil des Betriebs hat sich tatsächlich im Hof versammelt, um sich zu erkundigen, was los ist und was die Forderungen sind.

Wie hoch war der Schaden für BMW?

Da gibt es verschiedene Angaben. Die Arbeitersache gab an, dass die Bänder 20 Minuten stillstanden. Der Betriebsrat sprach von zwölf Minuten.

Klingt nicht viel.

Es ist nicht wenig für einen Betrieb wie BMW. Das ist schon ein erheblicher Schaden.

In der linken Szene wurde die Aktion als Erfolg gewertet?
Nein. Sie wurde sehr viel kritisiert. Auch links von den Gewerkschaften hieß es: Ihr habt da die Leute verheizt.

Sind die direkt beteiligten Arbeiter bei BMW rausgeflogen?
Ja. Aus dem Betrieb und aus dem Wohnheim. Das hat zu großen Solidarisierungen auch von Studenten geführt. Aber es hat alles nichts genutzt.

Stimmt es, dass BMW nach der Aktion erstmal keine Italiener mehr einstellte?
Ich habe keine Belege gefunden, es könnte auch ein Gerücht sein, dass sich immer weiter verbreitet hat. In der Zeit kamen ja dann ohnehin vermehrt türkische Arbeiter nach Deutschland. Klar ist aber: In dieser Zeit gab es in der deutschen Wirtschaft generell eine Angst vor Italienern.

"In italienischen Fabriken sind Menschen gestorben"

Warum?

Man hat gesehen, wie militant die Kämpfe in italienischen Fabriken sind, damals sind dort ja sogar Menschen gestorben. Und auch in Deutschland waren, nicht nur in unserem Beispiel aus München, oft Italiener an wilden Streiks beteiligt.

Wie groß war die Angst vor dem Aufstand der Gastarbeiter?
Offenbar sehr groß. Bei einer Notstandsübung des Bundes mit Innenministerium und Bundeswehr ging man vom Szenario aus, dass es in der Autoindustrie einen großen Italienerstreik gibt, den man nicht befriedet kriegt und sich die DDR auf die Seite dieses Aufstands schlägt. Das könnte dann am Ende bis zum Atomkrieg führen. Da sieht man schon, welches Gefahrenpotenzial die Sicherheitsbehörden in den Aufständen gesehen haben - und warum sollte man das dann in den Betriebsleitungen anders gesehen haben.

Die Arbeitersache verlor schnell an Bedeutung. Warum?
Man änderte in der Linken die Perspektive, zum Beispiel weg von der Fabrik als tendenziell männlicher Raum auch hin zu Frauenthemen, zur Stadtteilarbeit, dem Kampf um bezahlbaren Wohnraum. Trotzdem ist das Umfeld der Arbeitersache die Basis für vieles, was es auch heute noch an Alternativkultur in München gibt.

Zum Beispiel?
Der Trikont-Verlag war ganz eng verbunden mit der BMW-Gruppe der Arbeitersache, hat ja auch die italienischen Texte verlegt. Und die ersten multikulturellen Stadtteilfeste waren eine Kopie dessen, was man in Italien gemacht hat. Alle sollten zusammen feiern, ihre Kultur leben - und nebenbei wollte man Leute für den Kampf gewinnen.

"Multikulturelle Feste? In Schwabing waren da alternative Deutsche"

Offenbar schauten die Gastarbeiter teils irritiert auf die Deutschen. Sie zitieren im Buch eine jugoslawische Gruppe. Von wegen multikulturell, so der Tenor. Auf den Festen träfen sich fast nur deutsche Studenten und Freaks.

Ich glaube, im Westend war es da schon anders. Weil es das Griechische Haus schon gab oder das Freizeitheim, das heutige Multikulturelle Jugendzentrum, da gab es auch schon griechische Sozialarbeiter. Die Community war schon einbezogen. In Schwabing war es sicher stärker das deutsche, alternative Milieu. Und die Stadtpolitik um OB Hans-Jochen Vogel fand die Feste super, hat da schnell auch Grußworte gesprochen. Da ging auch wieder ein Stück subversiver Charakter verloren. Heute werden diese Stadtteilfeste ja vom Kulturreferat gefördert.

Das sind die Notstandsgesetze

Die Notstandsgesetze wurden 1968 zur Zeit der ersten Großen Koalition in Bonn verabschiedet. Dem Verfassungstext wurde somit eine Notstandsverfassung beigefügt, um die Handlungsspielräume der Staatsorgane in einer Krisensituation zu erweitern – aber auch um die Grundrechte einzuschränken. Im Fall eines inneren oder äußeren Notstands kann seither ein "Notparlament" zusammentreten. Außerdem darf auch die Bundeswehr gegen bewaffnete Aufstände im Inland eingesetzt werden. Angewendet wurden die Notstandsgesetze noch nie. In den Jahren nach 1968 aber galten sie Kritikern als Angriff auf die Demokratie und gaben so der Außerparlamentarischen Opposition Auftrieb.
https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.az-interview-mit-historiker-simon-goeke-der-bmw-streik-von-dem-kaum-jemand-weiss.379b2731-f7b1-4553-a42f-49031bf4f248.html
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 21:13:47 Sa. 11.Juli 2020
Zitat
Interview mit Historiker Simon Goeke   
1972 streikten italienische Arbeiter bei BMW – und flogen raus.

Spannendes Interview. So etwas ähnliches geschah zur selben Zeit bei Volkswagen und ist auch kaum erforscht.
Da das Buch 60 Tacken kosten soll, hier wenigstens ein Scan der "Arbeitersache" von 1970:
https://www.mao-projekt.de/BRD/BAY/OBB/Muenchen_BMW_Arbeitersache/Muenchen_BMW_Arbeitersache1970_02.shtml

Tipptopp:
Zitat
26.02.1972:
In München wird, laut ABG, die DGB Veranstaltung für Italiener zu den Betriebsratswahlen (BRW) und zum BVG im 800 Leute fassenden Hackerkeller von 10 bis 15 Personen verfolgt, während ca. 50 von Lotta Continua (LC) Italien und der Arbeitersache München (ASM) durch Hupen, Fahrradfahren, Singen und Schreien im Saal gegen die Betriebsräte, die Arschlecker der Kapitalisten seien, protestieren.
Q: Kommunistische Arbeiter Zeitung Nr. 21, München März 1972
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 15:29:12 Di. 14.Juli 2020
Aus Freies Landvolk - Zeitung für die freie Landvolkbewegung, Jg. 4, Nr. 12, Stadland (Nds.), Juli 1981

„Wir sind Eure Untertanen nicht…“

Jeverland 1765: Während der Bauarbeiten zur Eindeichung des Friedrich-August-Grodens kommt es zu mehrfachen Arbeitskämpfen der etwa 2000 Deicharbeiter, die erst unter den Kanonenschüssen des Militärs gewaltsam beendet werden.
(,,,)
Die Kojerarbeit erforderte einen hohen Menschenbedarf, der in der Regel in den unmittelbaren Küstenregionen nicht zu decken war. Deshalb schickte die Regierung Werber in die Nachbargebiete und heuerte dort Arbeiter an.
(…)
Die Deicharbeiter wurden direkt an der Baustelle untergebracht, es wurden Hütten aus Stroh und Rieth gebaut. Nur die Aufsichts-, Material und Kommandobaracken wurden aus Brettern gezimmert. Von einem stets wehenden Küstenwind und starker Luftfeuchtigkeit umgeben, waren die Arbeiter schweren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt, bevor überhaupt die Arbeit begonnen hatte. Problematisch war auch die Versorgung der Deicharbeiter mit Getränken und Lebensmitteln. In der Regel brachten die Deicharbeiter von zu Hause die Nahrungsmittel mit, womit die Verpflegung für einige Zeit gesichert war. Anders war die Situation in bezug auf Brot und Getränke. Beides mußte im Land besorgt werden und oft haperte der Nachschub, oder es wurden verdorbenen Waren geliefert.
(…)
Im Mittelpunkt der Streiks der Deicharbeiter stand die Forderung nach höheren Löhnen, die auch im Verlaufe der Kämpfe um das Doppelte gesteigert wurden.
(…)
Mit dem Hissen der Fahne begannen zumeist die Streiks, sie signalisierten die Arbeitsniederlegungen. Viele Kojer tranken sich erst Mut an und zogen dann gemeinsam zum Bauleiter, um die Forderungen zu präsentieren.
(…)
Die Deichbeamten mußten sich vor der zu einem Teil mit Gewehren bewaffneten Menge bis Hohenkirchen zurückziehen.
(…)
Auf heranstürmende Deicharbeiter wurden mehrere Kanonenschüsse abgefeuert. Elf Deicharbeiter erlitten schwere Verletzungen, an denen zumindest einer von ihnen starb.
Aber selbst die Kanonensalven vom 1. Juli 1765 verhalfen der Regierung nur zu einem oberflächlichen Sieg. Zwar wurde allmählich die Arbeit wieder aufgenommen, nachdem die Regierung den meisten Deichern Generalpardon gewähren mußte, doch auch in den folgenden Jahrzehnten gab es viele Lohnkämpfe an den Deichbaustellen.
Obwohl die Deicharbeiter aus den unterschiedlichsten Ständen und Regionen kamen und nur ein knappes halbes Jahr auf einer Baustelle vereint waren, wurde aus den Arbeitsbedingungen heraus eine große Solidarität gegenüber den Herrschenden geschaffen. Oft gelang es sogar, die einheimischen Bauern, die Hand- und Spanndienste am Deich zu leisten hatten, mit in die Kampffront einzubeziehen. Gab es auch Widersprüche untereinander, so stand man fest gegen den gemeinsamen Hauptgegner. Eine wichtige Lehre der Geschichte für die heutige freie Landvolkbewegung.

https://mao-archiv.de/Scans/BRD/ORG/RLB/Zeitung/Freies_Landvolk_19810700_08.jpg
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 13:12:05 Do. 13.August 2020
Zitat
"WIR SIND KEINE ROHE, VERWILDERTE SCHAR, DOCH SIND WIR BEREIT ZUM GEFECHTE"

Ein Streikfilm

Günter Hörmann und der Kameramann Thomas Mauch stellten im Jahr 1965 einen legendären Dokumentarfilm über den Streik der Ruhrbergarbeiter her. "News & Stories" zeigt diesen Film mit Kommentaren des Sozialforschers und Autors Oskar Negt. Noch steht im Jahre 1965 die klassische Industrie (Kohle, Eigen) in voller Geltung. Im Selbstbewusstsein der Arbeiter ist die Nachkriegszeit, in der gerade die Kohle gebraut wurde, gegenwärtig. Als die Arbeitgeberverbände eine der Geldentwertung entsprechende Lohnerhöhung ablehnen, entsteht Zorn. Es kommt zur Urabstimmung. Da aber außerdem die Landesregierung den Landtagswahlen entgegensieht, beredet diese beide Tarifpartner zu einem Kompromiss, der durch Staatszuschüsse versüßt wird. Der Streik wird kurzfristig abgesagt. Dies führt zu einem Aufstand der Basis, die sich emotional bereits auf den Streik eingestellt hatte.
https://www.dctp.tv/filme/news-stories-04-10-1993
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 23:36:41 Mi. 28.Oktober 2020
1990:

Zitat
In Ost-Berlin treten 3200 Müllwerker in den Streik. Sie fordern nicht nur, dass die Löhne auf Westniveau angehoben werden sollen, sondern verlangen auch, dass die extrem geringen Gebühren für die Beseitigung von Industrie- und Gewerbemüll angeglichen werden. 210 Müllwagen belagern drei Tage lang das Rote Rathaus. Dann endet der Streik ergebnislos, da nicht der Magistrat für die Müllabfuhr zuständig ist, sondern das „Kombinat Stadtwirtschaft“.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/serie-berliner-chronik-26-juni-1990/1869008.html

Richtig übel ist der Hetzartikel im Spiegel:

Zitat
1990
Löhne: Da tickt 'ne Bombe

Kaum ist das West-Geld im Land, wollen die DDR-Bürger mehr davon. Drohen Streiks?

Der Streik der Ost-Berliner Müllmänner war der erste große Ausstand in der Noch-DDR, in dem es um die zukünftige Lohnentwicklung in der gesamten Republik geht. Es wird wohl nicht der letzte bleiben. Oberbürgermeister Tino Schwierzina schmetterte vergangene Woche die Forderungen seiner Reinigungsmannschaft erst einmal ab. "Das hätte Signalwirkung", warnte er.

Da hat er recht. Auch Krankenhaus-Mitarbeiter, Polizisten, Wasserwirtschafter oder Verkehrsbetriebe wollen nach dem Währungswechsel mehr Geld - notfalls mit Hilfe weiterer Streiks. "Da tickt 'ne Bombe", meint Frank Batsch, Kfz-Schlosser und Vertrauensmann der Stadtreinigungswerkstätten.
(...)
Kaum rollt das wunderbare West-Geld ins Land, nehmen die Bewohner des ehemaligen Arbeiter-und-Bauern-Staates auch schon westliche Sitten an: Sie wollen immer mehr von der guten Mark. Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe kommt das vor, als würde man "auf der sinkenden Titanic über die Auswahl der Süßspeisen streiten".

Die neue Begehrlichkeit droht, in den Augen der Arbeitgeber, das Experiment Währungsunion zu gefährden, noch ehe es richtig begonnen hat. Denn nur wenn die Löhne nicht stärker steigen als die Produktivität, argumentieren sie, kann eine Massenarbeitslosigkeit verhindert werden. Opel-Chef Louis Hughes hat angekündigt, er wolle die Entscheidungen über den Bau eines Automobilwerkes in Eisenach von der Entwicklung der Löhne abhängig machen.

Die DDR-Bürger sehen nicht volkswirtschaftliche Zusammenhänge, sie schielen auf den Wohlstand der Bürger im Westen. Selbst DDR-Manager meinen deshalb, daß die Löhne in der DDR schnell auf bundesrepublikanisches Niveau steigen müßten, sonst heuerten ihre besten Mitarbeiter im Westen an.
(...)
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13499685.html

Man sah einfach nicht die "volkswirtschaftliche Zusammenhänge".
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 16:04:07 Di. 02.März 2021
Zitat
2.3.21
Lang und erbittert: Der Stuhlarbeiter-Streik in Lauterberg

Ausbeutung und Lohndrückerei sind Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts an der Tagesordnung. Die Lauterberger Stuhlarbeiter treten heute vor 125 Jahren in den Streik. Es beginnt ein brutaler Arbeitskampf - und mit 23 Wochen der damals längste.
(...)
Doch die Aussperrungen haben für die Arbeiter auch positive Auswirkungen: Erstmals in ihrem Leben haben sie Freizeit. Viele nutzen dies, um sich zu politisieren: "Die Arbeiter haben Muße zum Nachdenken über sozialpolitische Dinge...
(...)
Bei den Gewerkschaften führt die Erfahrung in Lauterberg dazu, ihre Satzungen zu ändern. Künftig dürfen örtliche Streiks nur noch mit Genehmigung der Zentralen geplant und begonnen werden.
(...)
https://www.ndr.de/Holzarbeiter-starten-vor-125-Jahren-einen-der-laengsten-Streiks,stuhlarbeiterstreik100.html
Titel: Re: Streikgeschichte
Beitrag von: Fritz Linow am 01:15:54 Mi. 14.April 2021
https://www.youtube.com/watch?v=krss_MczGKE