Kreatives Prekariat?

Begonnen von Kuddel, 20:26:34 Do. 29.März 2018

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Kuddel

Die Arbeitsbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern

Wer im Bereich von Kunst und Kultur kreativ tätig ist, befindet sich häufig in einer komplizierten Erwerbssituation. Zu einer finanziell oft prekären Lage gesellen sich Planungsunsicherheiten und schwierige Arbeitsbedingungen. Einige KünstlerInnen wollen das nicht länger hinnehmen.

http://www.blickpunkt-wiso.de/post/kreatives-prekariat-die-arbeitsbedingungen-von-kuenstlerinnen-und-kuenstlern--2180.html

Fritz Linow

Es gibt gewerkschaftliche Bestrebungen in der Spieleindustrie weltweit, so von wegen hippe geile Spiele programmieren und sich nebenbei ausbeuten lassen. Klingt gut:

ZitatGame Workers Unite is a broad-reaching organization that seeks to connect pro-union activists, exploited workers, and allies across borders and across ideologies in the name of building a unionized game industry.
https://www.gameworkersunite.org/about-us

Fritz Linow

Zitat6.5.18
Kulturschock im Silicon Valley: Gewerkschaften werden populär

Hoch bezahlt und heiß begehrt – auf den ersten Blick wirkt die Hightech-Avantgarde des Silicon Valley nicht, als müsse sich eine Gewerkschaft für sie ins Zeug legen. Und doch wagen nun einige Angestellte zaghafte Solidaritäts- und Mitbestimmungsversuche. Dabei haben sie allerdings einen steinigen Weg vor sich.

Wer in der Technologie-Hochburg im US-Bundesstaat Kalifornien im Job Probleme hat, dem winkt meist bereits die nächste Softwareschmiede und lockt mit kostenlosen Mahlzeiten, Premium-Krankenversicherung oder einer Espresso-Flatrate. Im Silicon Valley sehen traditionell nicht nur viele Unternehmen, sondern auch zahlreiche Arbeitnehmer Gewerkschaften eher als Fortschrittsbremse denn als Interessenvertretung.

Anders Bjorn Westergard: Im Jänner wird der Software-Entwickler vom Start-up Lanetix gefeuert, gemeinsam mit rund einem Dutzend seiner Kollegen.
(...)
https://mobil.derstandard.at/2000079263810/Kulturschock-im-Silicon-Valley-Gewerkschaften-werden-populaer

Fritz Linow

ZitatSeit Jahrzehnten versuchen Gewerkschaften Software-Ingenieur*innen zu organisieren, ohne großen Erfolg. Eine Organisierungskampagne in Kalifornien könnte das ändern.

Zu Beginn des Jahres feuerte die Tech-Firma Lanetix ihre gesamte Belegschaft von Software-Ingenieur*innen, weil diese versucht hatten sich in der Gewerkschaft NewsGuild-CWA zu organisieren. NewsGuild reichte daraufhin eine Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde für Arbeitsrechte ein, deren Ausgang noch ungewiss ist. Doch schon jetzt hat die Auseinandersetzung historisches Potenzial.

Denn Gewerkschaften versuchen seit Jahrzehnten Software-Ingenieur*innen zu organisieren – ohne großen Erfolg. Dieses Mal könnte es anders sein. Ben Tarnoff sprach mit zwei von Lanetix gefeuerten Ingenieuren, Björn Westergard und einem anonymen Kollegen, den wir ,,Will" nennen.
(...)
Eine Sache, die uns antreibt – und die ich schon mit vielen Freund*innen im Tech-Bereich diskutiert habe – ist die Rolle, die die Launen der Manager*innen in deiner Arbeitsumgebung spielen, wenn es keine genau definierten Regeln gibt. Für die meisten Leute außerhalb dieser sehr privilegierten White-Collar-Jobs geht der Trend in Richtung Mikromanagement und hoch restriktive Arbeitsregeln. Man denke nur an die Lagerarbeiter*innen bei Amazon. Die Disziplinierung wird immer und immer feinmaschiger. Im Tech-Bereich dagegen wird noch nicht mal eingestanden, dass es sie gibt.
(...)
https://www.zeitschrift-luxemburg.de/programmieren-unter-zwang/

Fritz Linow

Zitat7.5.19
Streik beim League-of-Legends-Studio

Das Spielestudio Riot Games kommt nicht zur Ruhe. Weil sich das Unternehmen außergerichtlich einigen will, haben über 150 Angestellte die Arbeit niedergelegt.

Anlass für den "Walkout", bei dem Mitarbeiter demonstrativ den Arbeitsplatz verlassen, sich vor dem Studio versammelt und Reden gehalten haben, ist die Durchsetzung einer Vertragsklausel. Einzelne Mitarbeiter haben Riot Games wegen sexueller Belästigung und wegen unfairer Bezahlung verklagt. Das Unternehmen pocht darauf, dass solche Klagen per Vertrag außergerichtlich beigelegt werden müssten.(...)
https://www.golem.de/news/riot-games-streik-beim-league-of-legends-studio-1905-141086.html

Fritz Linow

Zitat8.5.19
Zur Lage der »Bobos«

Vorabdruck. Die soziale Situation von Musikern und Kulturarbeitern
(...)
Wenn sich das kulturelle Prekariat nicht als Arbeiter, sondern als kleinbürgerliche Boheme versteht, wird es zu einem Akteur und Propagandisten neoliberaler Ideologie. Künstler und Kreative sind im herrschenden Gesellschaftssystem, um es mit Karl Marx zu sagen, »konzeptive Ideologen«, machen also »die Ausbildung der Illusion dieser Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweig«. Sie betreiben mit ihrer auf Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung ausgerichteten Daseinsweise die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Sie agieren, auch wenn vermutlich oft unbewusst und ungewollt, gegen Kollektivität und Solidarität.
(...)
https://www.jungewelt.de/artikel/354261.kulturindustrie-zur-lage-der-bobos.html

Fritz Linow

Der Stadtentwicklung ins Poesiealbum geschrieben:

Zitat(...)
Vor zehn Jahren schrieb der amerikanische Ökonom mit dem sonnigen Namen Richard Florida über ,,The rise of the creative class". Es war eine Hymne über den Aufstieg einer ,,kreativen Klasse", die nur in hochentwickelten Wirtschaftsnationen entstehen kann. Eine florierende Wirtschaft ziehe kreative Menschen an, die wiederum die Wirtschaft am Laufen halte, mutmaßte Florida.

Das leuchtete dem Deutschen Bundestag dermaßen ein, dass er vor vier Jahren hochamtlich einen neuen Wirtschaftszweig definierte: ,,Kreativwirtschaft". Das ist ein Sammelsurium aus insgesamt elf Branchen, von denen etliche pessimistisch gestimmt sind: Ob nun Presse, Rundfunk, Buchmarkt, Film oder Musik – keiner dieser Branchen geht es derzeit uneingeschränkt gut. Auch Werbung, Design, Architektur, Darstellende Kunst und Kunst klagen. Einzig die vom Bundestag definierte Untergruppe ,,Software/Games" hat keine Zukunftssorgen.
(...)
https://www.cicero.de/innenpolitik/verzweifelte-suche-nach-der-kreativen-klasse/51417

Der erwähnte Richard Florida hat sich nun entschuldigt:

ZitatFor years, Richard Florida preached the gospel of the creative class. His new book is a mea culpa.
(...)
The rise of the creative class in places like New York, London, and San Francisco created economic growth only for the already rich, displacing the poor and working classes. The problems that once plagued inner cities have moved to the suburbs.
(...)
https://jacobinmag.com/2017/08/new-urban-crisis-review-richard-florida

Es wird wohl hierzulande noch einige Zeit vergehen, bis man erkennt, dass das alles albern ist. Bis dahin wird im Coworking-Space munter weitergewerkelt, zu elenden Bedingungen. Die urbane Landlustbewegung macht den Sidekick und sorgt für Fahrradstraßen, deren jetzige Anlieger die Mieten dann nicht mehr bezahlen können. Hauptsache man war dabei...

ManOfConstantSorrow

ZitatWährend Blizzard-Boss Mike Ybarra derzeit über den Preis der Next-Gen Konsolen spekuliert, wurden die Blizzard-Büros am vergangenen Freitag, den 31. Juli in Aufruhr versetzt: Im Unternehmen machte ein Zettel die Runde, auf dem frustrierte Angestellte anonym ihr derzeitiges Gehalt und vergangene Gehaltserhöhungen vermerkten, berichtet der amerikanische Spiele-Journalist Jason Schreier für Bloomberg. Die Gehaltserhöhungen der dutzenden vermerkten Angestellten überschritten in den meisten Fällen nicht den angestrebten Wert von 10%. Währenddessen erhielten Top-Performer im Unternehmen im Vergleich zum vorherigen Jahr durchschnittlich eine Gehaltserhöhung von über 20%. Die Schere innerhalb Blizzards scheint also stetig auseinanderzuklaffen.

Zusätzlich vermerkten Angestellte mit mickrigen Gehaltserhöhungen, dass sie definitiv mit stärker wachsenden Zuzahlungen seitens Blizzard gerechnet hatten. Die Arbeitsbedingungen erscheinen gleich doppelt bitter, zieht man die Gehälter der Führungskräfte bei Mutterfirma Activision Blizzard mit hinein: So soll Executive Officer Bobby Kotick im Jahr 2019 ein schwindelregendes Gehalt von 40 Millionen Dollar eingestrichen haben, während Chief Financial Officer Dennis Durkin 15 Millionen Dollar in Aktienzusagen verdiente.

Für viele Blizzard-Angestellte ist allerdings gar nicht einmal der Mangel an aussagekräftigen Gehaltserhöhungen das Hauptproblem der Arbeitsbedingungen, sondern das Gehalt an sich. Wie es in Jason Schreiers Recherche heißt, kämpfen viele Angestellte schlicht darum, mit ihrem Gehalt an das Ende des Monats zu gelangen – und das, obwohl Activision Blizzard jährlich Wachstum vorweisen kann. Gerade Game-Tester und Mitarbeiter im Customer-Service seien von den Hungerlöhnen bei Blizzard betroffen.

Bereits 2019 entließ Activision Blizzard hunderte Mitarbeiter, um Kosten zu sparen. Ein Angestellter berichtete von einem angeblichen Gehalt für Überstunden von nicht einmal 50 Cent in der Stunde. Ebenfalls kam es zu Berichten von Angestellten, die bewusst Mahlzeiten ausließen und ihren Magen mit so viel kostenlosem Kaffee wie möglich (denn den gibt es im Unternehmen) zu füllen, um am Ende des Monats ihre Miete zahlen zu können. Ebenfalls ließen Mitarbeiter Mahlzeiten in der hauseigenen Blizzard-Kantine aus, da sie sich die dortigen Preise mit ihrem Gehalt einfach nicht leisten können.

Die schwierigen Arbeitsbedingungen bei Blizzard sind in der Spieleindustrie leider keine Seltenheit: Im März wurden Anschuldigung über unverantwortliches Crunch-Time Verhalten bei Entwickler Naughty Dog laut. Naughty Dog soll Mitarbeiter im Vorfeld des Releases von The Last of Us 2 Tag und Nacht am Blockbuster schuften lassen. Auch die Geschäftsführung des französischen Entwicklers Ubisoft steht derzeit in der Kritik: Mobbing, Sexismus und Belästigungen würden seit geraumer Zeit von der Chefetage ohne Konsequenzen geduldet.
https://www.ingame.de/news/blizzard-angestellte-ausbeutung-mitarbeiter-gehalt-geld-hungerlohn-skandal-arbeitsbedingungen-ueberstunden-jason-schreier-activision-irvine-usa-90018388.html
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

BGS

Zitat von: ManOfConstantSorrow am 19:07:17 Mi. 19.August 2020
Zitat... .  Ebenfalls ließen Mitarbeiter Mahlzeiten in der hauseigenen Blizzard-Kantine aus, da sie sich die dortigen Preise mit ihrem Gehalt einfach nicht leisten können.

Die schwierigen Arbeitsbedingungen bei Blizzard sind in der Spieleindustrie leider keine Seltenheit: ... .
[/unquote]

Gehts noch?!

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Fritz Linow

Zitat27.08.2020
Spiele-Industrie: Game-AutorInnen streiken für mehr Geld

Ein Streik von AutorInnen, die an der Produktion eines Handyspiels beteiligt sind, schreibt Geschichte: Es ist der erste erfolgreiche Arbeitskampf in der Gaming-Industrie. (...)
https://www.unionize.de/++co++90df2da6-e846-11ea-a2c7-001a4a160123

Fritz Linow

Zitat21.1.21
,,Die Veränderung kann nur von innerhalb der Branche kommen" – PAIDIA im Gespräch mit der Games-Arbeiter*innenschaft

Marx für die Game Studies sowie für das Verhältnis von Arbeit und Spiel fruchtbar zu machen, ist eines der Hauptanliegen dieser Sonderausgabe. Allerdings wäre es ein großer Fehler bei einem solchen Thema im Elfenbeinturm zu verweilen. Wir möchten die Verbindungen von Arbeit und Spiel offenlegen und dafür möchte wir nicht nur die Stimmen von Wissenschaftler*innen, sondern auch die von Arbeiter*innen hörbar machen. PAIDIA hat sich deshalb mit einem Mitglied von Game Workers Unite Deutschland unterhalten. Lily (Name geändert) hat mit uns über Erfahrungen in der Spieleindustrie, schlechte Arbeitsbedingungen, deren zugrundeliegenden Problemen sowie was sich ändern müsste, gesprochen.
(...)
https://www.paidia.de/die-veraenderung-kann-nur-von-innerhalb-der-branche-kommen-paidia-im-gespraech-mit-der-games-arbeiterinnenschaft/

ManOfConstantSorrow

Die kritische Diskussion unter den Start-up Beschäftigten ist ein hervorragender Ansatz, diese schlimme Branche aufzumischen.
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

Zitat

Blizzard-Mitarbeiter streiken heute, wollen Forderungen durchsetzen

Eine neue Entwicklung im Skandal um Activision Blizzard: Die Mitarbeiter streiken heute, verlangen große Änderungen von den Firmen-Chefs.


Kaum ein Skandal in der Videospielbranche ist wohl so groß gewesen, wie der aktuelle Vorfall rund um Sexismus und Diskriminierung bei Blizzard, dem Entwickler hinter World of Warcraft, Diablo, Hearthstone und Overwatch. Harte Anschuldigungen stehen im Raum und jeden Tag melden sich mehr Betroffene und erzählen ihre Geschichte. Doch das offizielle Statement von Blizzard hat viele erzürnt – jetzt werden Änderungen gefordert. Ein Streik soll dabei helfen, Aufmerksamkeit zu schaffen und die Wünsche durchzusetzen.(...)
https://mein-mmo.de/blizzard-mitarbeiter-streiken-forderungen-durchsetzen/

Kuddel


ManOfConstantSorrow

In Polen haben Beschäftigte der Gaming Industrie unter dem Dach der Inicjatywa Pracownicza  (IP) eine eigene Gewerkschaft gegründet.

Maschinenübersetzt ihr "Manifest" von ihrer Homepage:

ZitatManifest   
  • Wir sind Arbeiter:innen aller Berufe in der polnischen Videospielindustrie. Wir wollen unsere Arbeit unter sicheren, würdigen und fairen Bedingungen verrichten.
  • Unser Ziel ist es, Arbeitsplatzsicherheit, faire Behandlung und Transparenz der Arbeitsbedingungen zu gewährleisten.
  • Dies wollen wir durch gegenseitige Unterstützung und den Dialog mit den Arbeitgebern erreichen, in dem wir eine starke Stimme sein werden, die die Bedürfnisse der Arbeitnehmer vertritt. Wir geben Bildung und Gesprächen den Vorrang vor Konflikten.
  • Wir vertreten alle Beschäftigten in der Spieleindustrie, von der eigentlichen Produktion über Marketing und Publishing bis hin zu Support und Back-Office. Wenn Sie für ein Spieleentwicklungsunternehmen arbeiten, sind Sie bei uns willkommen, unabhängig von Ihrer Berufsbezeichnung.
  • Wir sind eine demokratische Organisation. Unsere Mitglieder nehmen durch Diskussionen und Abstimmungen aktiv Einfluss auf die Strategie und die alltäglichen Aktivitäten der Gewerkschaft.
  • Wir ändern Dinge, wenn es nötig ist, und lernen ständig aus den Daten und Rückmeldungen, die wir sammeln. Dies ist gerade jetzt, am Anfang unserer Aktivitäten, besonders wichtig. Jede Veränderung führt zu demselben Ziel - die Interessen der polnischen Gamedev-Mitarbeiter bestmöglich zu vertreten.
  • Wir arbeiten als unabhängige Sektion unter den Fittichen der Inicjatywa Pracownicza (IP). Als Teil größerer Strukturen haben wir Zugang zu den Erfahrungen und der Unterstützung von Gewerkschaftern aus Polen und dem Ausland, während wir gleichzeitig die Unabhängigkeit unserer Ziele und Aktionen bewahren.
https://gamedevunion.pl/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

ZitatAufruf ans Berliner Kultur-Prekariat: Geht in den Streik und verlasst Berlin!

Berlin gilt als teuer, aber sexy. Aber wie lange noch? Diejenigen, die Berlin hip gemacht haben, können sich kaum etwas leisten. Zeit für Protest!
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/aufruf-ans-berliner-kultur-prekariat-geht-in-den-streik-und-verlasst-berlin-li.2212117

Kuddel

Wieder ein Text, der hinter der Paywall verschwindet.

Aber allein die wenigen zugänglichen Zeilen geben einen tiefen Einblick in die Arbeit im Kulturbetrieb.

Zitat"Ich weiß nicht, wie lange ich so weitermachen kann"
Anika, 38, übersetzt Romane und arbeitet viel. Doch sie verdient gerade mal zwischen 400 und 1.000 Euro im Monat. Je älter sie wird, desto mehr sorgt sie sich.
https://www.zeit.de/arbeit/2024-06/literaturuebersetzer-romane-uebersetzung-finanzen-kontoauszug

Nikita

"Ich weiß nicht, wie lange ich so weitermachen kann"

 Anika, 38, übersetzt Romane und arbeitet viel. Doch sie verdient gerade mal zwischen 400 und 1.000 Euro im Monat. Je älter sie wird, desto mehr sorgt sie sich.

In der Serie "Kontoauszug" stellen wir regelmäßig Menschen vor, die erzählen, wie viel sie verdienen, wofür sie ihr Geld ausgeben - und wie viel sie monatlich auf die Seite legen. Hier berichtet Anika Pfeiffer*, die 38 Jahre alt ist und als Übersetzerin und freie Schriftstellerin arbeitet.

Beruf: Ich übersetze literarische Texte, hauptsächlich Romane, meist für Verlage. Manchmal sind es auch Essays oder Artikel, gelegentlich eine Broschüre oder andere Sachtexte für kleinere Organisationen und Vereine. Die Originale sind auf Englisch oder Französisch verfasst, außerdem übersetze ich noch aus einer kleinen Sprache, die viel seltener ins Deutsche übertragen wird. Dementsprechend ist der Markt dafür kleiner, was es mir schwer macht. Ich kenne viele Übersetzerinnen und Übersetzer, denen es ähnlich geht. Sie haben wenige Aufträge und müssen sich noch etwas dazuverdienen. Auch ich mache das, ich korrigiere Texte oder gebe Kindern und Jugendlichen Nachhilfe.

Wie mein Alltag aussieht, hängt davon ab, ob ich gerade einen Auftrag habe. Wenn ich einen Roman mit ungefähr 300 Seiten übersetzen muss, brauche ich dafür fünf bis sieben Monate. Wenn ich kein Projekt habe, betreibe ich Akquise. Dann suche ich Bücher, zum Beispiel auf Französisch, die auf dem deutschen Markt funktionieren könnten, bereite eine Probeübersetzung vor und biete sie Verlagen an.

Ich übersetze dafür etwa 30 Seiten aus einem Buch ins Deutsche, damit die Verlage einen Eindruck von dem Werk bekommen und eine Entscheidung treffen können, ob sie es übersetzen lassen wollen. Oft ist das erfolglos, die Situation auf dem Buchmarkt ist angespannt. Menschen lesen immer weniger, auch KI ist eine große Gefahr für meine Arbeit. In Übersetzerkreisen bekomme ich mit, dass mehr und mehr Verlage Texte von künstlicher Intelligenz übersetzen lassen. Übersetzer überarbeiten dann nur noch das Ergebnis - für ein viel geringeres Honorar.

Das ist sowieso schon viel zu klein. Wenn ich für eine Lesung eingeladen werde, bekomme ich oft kein Geld dafür. Manchmal werden zwar die Reisekosten übernommen, die Veranstalter gehen aber davon aus, dass ich mich irgendwie anderweitig finanziere. Es gibt ja zum Glück viele Programme, die Leute wie mich unterstützen, etwa Arbeitsstipendien für Übersetzungen oder literarische Projekte. Ohne die würde es nicht gehen. Aber natürlich kann man sich nie darauf verlassen, ein Stipendium zu bekommen. Der Bewerbungsprozess ist langwierig und die Konkurrenz ist groß.

Wenn ich Zeit habe, schreibe ich eigene Romane. Den ersten habe ich gerade in einem renommierten, aber eher kleinen Verlag veröffentlicht, nun arbeite ich an meinem zweiten. Auch wenn es nicht einfach ist, so zu leben, will ich meine Selbstständigkeit nicht aufgeben. Ich bin frei, kann kreativ sein, meine eigenen Projekte entwickeln. Ich habe keinen Chef und muss nicht jeden Tag acht oder neun Stunden im Büro sitzen.

Ausbildung: Ich wollte immer etwas mit Sprachen machen. Deshalb habe ich im Bachelor Geisteswissenschaften studiert und einen Master in Sprachwissenschaften gemacht. Schon während des Studiums arbeitete ich frei. Damals hatte ich verschiedene Auftraggeber, vor allem für Fachartikel, die ich übersetzte. Das funktionierte sehr gut, die Anfangsphase lief besser als jetzt. Damals übersetzte ich schon den ersten Roman. Eine Zeit lang arbeitete ich auch als Journalistin, jetzt mache ich das eher selten, weil mir die Kontakte fehlen und die Konkurrenz groß ist.

Ich denke darüber nach, ob ich noch etwas anderes machen muss. Finanziell wird es immer schwieriger, und ich muss ja auch an die Altersvorsorge denken. Was genau ich machen soll, weiß ich aber noch nicht.

Arbeitszeit: Wenn ich einen Auftrag mit Deadline habe, zum Beispiel die Übersetzung eines Romans, arbeite ich manchmal acht, neun Stunden am Tag, sechs oder sieben Tage die Woche. In den anderen Phasen kann ich meine Zeit frei einteilen. Dann arbeite ich drei oder vier Tage sehr intensiv und mache den Rest der Woche frei. Das ist sehr flexibel, ich habe da keine Routine.

Bruttoeinkommen: Als Freiberuflerin habe ich kein festes Monatseinkommen, das kommt immer auf meine Auftragslage an und darauf, ob ich ein Stipendium habe. Wenn ich einen Roman mit 300 Seiten übersetze, bekomme ich dafür ungefähr 6.000 Euro. Das sind runtergerechnet zwischen 18 und 22 Euro für eine Seite. Für sieben Monate Arbeit ist das wenig. Falls ich ein Stipendium bekomme, variiert die Höhe zwischen 2.000 und 4.000 Euro im Jahr, selten auch 9.000 Euro. Wenn ich die vergangenen fünf Jahre betrachte und alle Tätigkeiten und Stipendien einberechne, verdiene ich brutto im Jahr zwischen 5.000 Euro und 12.000 Euro, also auf den Monat heruntergerechnet zwischen 400 und 1.000 Euro.

Nettoeinkommen: Mein Bruttoeinkommen ist gleichzeitig auch mein Nettoeinkommen, da es zu gering ist, um versteuert zu werden.

Sonstige Einnahmen: Weil ich so wenig verdiene, erhalte ich Wohngeld, das sind 280 Euro im Monat. Ansonsten bekomme ich im Jahr zwischen 150 und 250 Euro Tantiemen von meinen Veröffentlichungen.

So (un)fair finde ich mein Gehalt: Ich finde mein Gehalt extrem unfair. Ich bin Akademikerin, ich habe lange studiert und einen Masterabschluss. Und ich arbeite viel. Aber die Situation in dieser Branche ist eben so, und ich habe mich bewusst dafür entschieden. Wer einen Bestseller schreibt, lebt besser, aber das Glück hatte ich bis jetzt noch nicht.

Wohnen: Mein Partner und ich leben in einer Wohnung mit einem alten Mietvertrag und zahlen zum Glück wenig. Die Wohnung kostet warm insgesamt 565 Euro und ist 60 Quadratmeter groß. Das Wohngeld reicht für meinen Anteil. Neben der Miete zahle ich anteilig ungefähr 25 Euro für Strom und Wasser. Möbel schrauben mein Freund und ich selbst zusammen, die sind schöner als die aus dem Möbelhaus. Teilweise bauen wir die aus Sperrmüll, manchmal kaufen wir auch ein Möbelstück und vergrößern es mit Brettern aus dem Baumarkt.

Hygieneprodukte: Für Kosmetikartikel und Drogerieprodukte zahle ich ungefähr 15 Euro im Monat. Beim Friseur war ich das letzte Mal vor fünf Jahren, ich schneide mir die Haare selbst. Das klingt traurig, geht aber nicht anders. Im Nagelstudio oder Kosmetikstudio war ich noch nie. Dafür war noch nie Geld da. Ich weiß aber auch gar nicht, ob das mein Ding wäre.

Lebensmittel: Ich esse eigentlich alles, achte aber auf meine Ernährung. Viel Gemüse, viele gesunde Produkte und wenig Fleisch. Das kaufe ich alles im normalen Supermarkt. Wenn da der Eisbergsalat zwei statt ein Euro kostet, kaufe ich ihn aber eher nicht. Oft kaufe ich abends ein, weil manche Produkte dann reduziert sind. Too Good To Go habe ich auch schon benutzt, das ist diese App, über die man bei Bäckereien und Restaurants die Reste vom Tag für wenig Geld abholen kann. Das letzte Mal ist schon ein paar Jahre her, der Aufwand dafür ist mir meist zu groß. Generell kann ich mir eigentlich nie etwas gönnen. Aber es reicht, damit mein Partner und ich gut für zwei Personen kochen können. Anteilig gebe ich im Monat für Lebensmittel 200 bis 250 Euro aus.

Kleidung: Ich kaufe Kleidung seit ungefähr zwei Jahren nur gebraucht. Das macht mir unglaublich viel Spaß. Ich liebe Secondhandläden oder kaufe im Internet bei Vinted. Das Einzige, was ich neu kaufe, sind Schuhe - ein- bis zweimal im Jahr. Meist kaufe ich nur, was ich wirklich brauche. Ansonsten vielleicht mal ein T-Shirt für zehn Euro, wenn ich es schön finde. Ich weiß noch, vor ein paar Jahren habe ich mir mal eine Hose neu für 100 Euro gekauft. Danach fühlte ich mich so schlecht, dass ich sie wieder zurückgegeben habe. Secondhand finde ich schon aus Umweltgründen besser als Neukauf, außerdem passt es zu meinem Geldbeutel. Wenn Kleidung kaputtgeht, nähe ich sie. Ich schmeiße nichts weg, was ich noch irgendwie gebrauchen könnte. Im Monat gebe ich ungefähr zehn bis 40 Euro für Kleidung aus.

Internet und Mobilfunk: Ich zahle 22 Euro, das ist sowohl für mein Handy als auch für meinen Anteil am Internet zu Hause.

Mobilität: Weil ich Wohngeld beziehe, habe ich Anspruch auf das Berlin-Ticket. Das ist ein reduziertes Ticket für den Nahverkehr und kostet mich neun Euro im Monat. Das ist wirklich super, ich kann mich frei in ganz Berlin bewegen. Ansonsten fahre ich noch Fahrrad, aber keine weiten Strecken.

Freizeit: Ich hatte noch nie so viel Geld, dass ich mir die Mitgliedschaft in einem Sportverein oder ein teures Hobby leisten konnte. Ich bin gerne in der Stadt oder im Umland unterwegs und mache Ausflüge. Meist habe ich dann Proviant dabei und mache Picknick. Dank des Berlin-Tickets komme ich günstiger ins Kino, im Theater zahle ich damit nur drei Euro Eintritt. Da gehe ich häufig hin. Ansonsten treffe ich mich mit Freunden zum Spazierengehen oder lese. Manchmal, ganz selten, gehe ich essen. Inzwischen ist es fast unmöglich für mich, weil die Preise so gestiegen sind. Pro Monat gebe ich zwischen 30 und 40 Euro in meiner Freizeit aus.

Reisen: Urlaub im klassischen Sinne mache ich fast nie. Aber ich reise viel, zum Beispiel besuche ich oft meine Familie. Ich bin dann zwei Wochen da und kann in dieser Zeit arbeiten. Die Unterkunft kostet mich nichts, ich muss nur das Zugticket bezahlen. Oder ich besuche Freunde im Ausland, bei denen ich dann umsonst leben kann. Kürzlich war ich bei einer Freundin in Tschechien und habe drei Wochen bei ihr gewohnt. Im Gegenzug besucht sie mich manchmal. Aber auch während ich im Ausland bin, muss ich Aufträgen nachgehen. Es kommt selten vor, dass ich ein oder zwei Wochen freihabe, um wirklich Urlaub zu machen. Ich reise meist mit dem Zug, ab und zu auch mit dem Fernbus oder per Mitfahrgelegenheit. Das ist zum Glück relativ günstig. In manchen Monaten habe ich gar kein Geld für Reisen, manchmal gebe ich zwischen 80 und 100 Euro im Monat aus.

Abonnements: Ab und zu abonniere ich für einen Monat Netflix und zahle da fünf Euro. Ansonsten habe ich keine Abos.

Versicherungen: Ich habe die gesetzlichen Versicherungen: Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Rentenversicherung. Für alle zusammen zahle ich weniger als 100 Euro pro Monat. Den Arbeitgeberanteil übernimmt die Künstlersozialkasse, bei der ich seit 15 Jahren Mitglied bin. Die Aufnahme muss man beantragen und mit Artikeln oder Büchern nachweisen, dass man hauptberuflich künstlerisch tätig ist. Ohne die Künstlersozialkasse würde mein Leben so nicht funktionieren. Ich hätte gerne eine Zusatzkrankenversicherung oder eine Zahnversicherung. Das kann ich mir aber nicht leisten.

Spenden/Mitgliedschaften: Ich würde sehr gerne spenden, aber das geht finanziell nicht. Ich gebe aber Geld an Menschen auf der Straße, wenn ich es habe. Mehr geht nicht. Ich bin Mitglied in einer Schriftstellervereinigung, die ist vor allem zum Netzwerken und kostet nichts.

Sparen und Investments: Ich investiere nichts. Beim Sparen kommt es auf den Monat oder das Jahr an. Ich habe zum Glück geringe Fixkosten, und wenn es mal wirklich gut läuft in einem Jahr und ich ein Stipendium habe, kann ich bis zu 150 Euro im Monat sparen. Die nehme ich dann aber meist für eine Reise. Meine Altersvorsorge läuft vor allem über die Künstlersozialkasse, und ich werde nie ein gutes Rentenniveau erreichen. Ehrlich gesagt habe ich auch nicht so viel Vertrauen, dass das System in 30 Jahren, wenn ich in Rente gehe, noch so ist wie jetzt. Absicherungen habe ich keine. Ich glaube, ich werde wie meine Kolleginnen und Kollegen arbeiten, bis ich umfalle.

Was am Ende übrig bleibt: Übrig bleibt das, was ich sparen kann. Manchmal ist es wirklich gar nichts. Ich würde sagen, dass ich eine Art Lebens- und Überlebenskünstlerin bin. Ich finde es ein bisschen unfair, wie Kulturschaffende behandelt werden. Es wird zwar immer wieder betont, wie wichtig Kultur sei. Aber fast niemand sieht die prekären Lebensbedingungen der Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler. Andererseits bin ich für die Programme und Förderungen dankbar, die es gibt: die Künstlersozialkasse und die Stipendien. Aber ich weiß nicht, wie lange ich so weitermachen kann. Mit 30 war das noch kein Problem, aber so langsam - na ja. Manchmal macht mir der Gedanke an die Zukunft Angst, aber wenn ich mich umschaue, sehe ich ja, dass es anderen aus meiner Branche genauso geht.

*Da die Protagonistin detailliert über ihre Finanzen berichtet, will sie anonym bleiben. Ihr vollständiger Name ist der Redaktion bekannt.

Wenn auch Sie uns erzählen möchten, was Sie beruflich machen und wie viel Sie verdienen, schreiben Sie uns an kontoauszug@zeit.de

https://www.zeit.de/arbeit/2024-06/literaturuebersetzer-romane-uebersetzung-finanzen-kontoauszug

Kuddel

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https://publik.verdi.de/ausgabe-202403/wieviel-geld-kann-ich-verlangen/

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