Gespräche über Weltuntergänge

Begonnen von admin, 20:25:26 Mo. 01.Januar 2018

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admin

Ich hätte nicht gedacht, daß ich nochmal den Text einer (schweizer) Sozialdemokratin empfehlen würde...

ZitatFünf nach zwölf: Gespräche über Weltuntergänge
«Wenn mein Leben und das der Kinder bedroht ist, kann ich nicht mehr einfach mit dem Papier wedeln.» Gespräch mit Ursula Koch.

Wie gehst Du persönlich mit dieser bedrohlichen Situation um? Stichwort Resignation?


Das beschäftigt mich sehr häufig. Nach der Erkenntnis, dass es eigentlich zu spät ist oder zu spät sein könnte, kommt die Frage: Was soll ich noch tun? Was nützt der Kampf? Könnte ich nicht einfach alles sein lassen? Diese Fragen sind sehr bedrückend. Persönlich habe ich grosse Schwierigkeiten gehabt, als ich das Buch «Global 2000» genau studiert habe, da hatte ich echte Depressionen. Da habe ich phantasiert, ich gehe weg von hier, nach Neuseeland oder weiss der Teufel wohin. Ich habe mir gedacht, wenn die Situation hier immer schlimmer wird, dann gibt es irgendwo noch eine Nische, wo ich noch meine 20 Jahre leben kann. Und ich habe Freude am Leben! Diese Phase war begleitet von einer echten Depression und der Unfähigkeit, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Irgendwie habe ich diese Fluchtgedanken aufgegeben, und dann kam so etwas wie ein «Dennoch». Ich habe mir überlegt, wie ich mein Leben überhaupt noch sinnvoll leben könnte und habe gemerkt: Selbst wenn ich erkennen sollte, dass es zu spät ist, gibt es für mich noch eine sinnvolle Lebensführung, die darin besteht, dass ich, obwohl es zu spät sein könnte, alles tue, es doch nicht soweit kommen zu lassen. Ich lebe heute nicht mehr mit der Hoffnung, dass ich die Welt verändern könnte, obwohl ich auch das immer wieder denke, aber, zuerst denke ich ganz persönlich, dass ich mit diesem Engagement ein sinnvolles Dasein habe, mit dem Hinstehen gegen diese Entwicklung. Das hat etwas mit der Würde vor mir selbst zu tun.

Es ist nicht mehr nur ein Kampf für eine Zukunft, sondern es ist eine Daseinsform für heute, ein Leben im Hier und Jetzt, obwohl es zugleich ein Daseinskampf für die Zukunft ist.
weiter: https://www.infosperber.ch/Artikel/Umwelt/Krieg-Umweltzerstorung-Ursula-Koch

Der Text, auch wenn man nicht jedem Punkt beipflichten mag, ist lesenwert und diskussionswürdig.

counselor

Langsam kommt es wohl im Mainstream an, dass wir uns längst im Übergang zu einer Klimakatastrophe befinden.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

BGS

Zitat von: counselor am 06:42:28 Di. 02.Januar 2018
Langsam kommt es wohl im Mainstream an, dass wir uns längst im Übergang zu einer Klimakatastrophe befinden.

Da werden Einige sich in der Tat noch wundern. Glücklich kann sich schätzen, wer ohne Nachkommen ist in dieser Welt.

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Kuddel

Ein Bekannter von mir aus der Schweiz wollte den Artikel nicht unwidersprochen stehenlassen.
Er wollte mit vollem Namen genannt werden "Rainer Thomann" und mailte: "Elegant wäre als Quellenangabe ,,Mitverfasser des Buches ,Aufstieg und Fall der Arbeitermacht in Russland' + Link: http://diebuchmacherei.de/produkt/aufstieg-und-fall-der-arbeitermacht-in-russland/". In diesem Buch geht es im Grund genommen um die gleichen Themen, auch wenn sich nach 100 Jahren um die besiegte Arbeitermacht in Russland ein wahres Dornengestrüpp an Mythen und Legendenbildungen rankt."

ZitatUrsula Koch bin ich noch nie begegnet. Und sollte ich je mit ihr ins Gespräch kommen, würden wir uns wahrscheinlich heftig streiten.

Auf den ersten Blick wirken Ihre Aussagen im Interview plausibel. Beim genaueren Hinschauen handelt es sich allerdings eher um Allgemeinplätze, etwas despektierlicher ausgedrückt: ein grosses Blabla auf hohem Niveau. Es gibt ausserdem einige Sätze, die fatal sind und nicht unwidersprochen bleiben dürfen.

,,In einer dezentralen Gesellschaft kann die heutige Technologie gar nicht entstehen und angewendet werden. Am Beispiel der Mikroelektronik: Die Chips, die ganze hard ware, das kann man/frau nicht im Selbstbau machen, das setzt eine ganz bestimmte zentralistische Gesellschaftsstruktur voraus."

Die Behauptung, eine hochentwickelte Technologie würde nur in einer zentralistischen Gesellschaftsstruktur funktionieren, ist nichts anderes als bürgerliche Ideologie. Nachdem sie sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde geschaffen hat, kann sich die Bourgeoisie eine andere Welt schlicht nicht vorstellen. Daraus den Schluss zu ziehen, man müsse, um den Zerstörungen Einhalt zu gebieten, welche die kapitalistische Gesellschaftsordnung an Mensch und Natur angerichtet hat und weiter anrichtet, zu einer bäuerlichen Produktionsweise zurückkehren, ist buchstäblich reaktionär. Die Automatisierung der Produktion, welche die Lohnarbeit tendenziell überflüssig macht, und die digitale Technologie haben vielmehr Möglichkeiten und Chancen geschaffen, die noch vor einem halben Jahrhundert undenkbar waren. Sie erlauben insbesondere die globale Vernetzung dezentraler Strukturen, ebenso wie einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur. Was und wie angebaut wird, was und wie produziert wird (ob Waffen oder landwirtschaftliche Geräte), das war und ist ein politischer Entscheid. Genauer gesagt, er wird von jenen gefällt, welche die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel besitzen.

Rudolf Rocker

Da hat er auch vollkommen recht, der Rainer!
Übrigens werden diese ganzen "Chips" in kleinen Klitschen (dezentral) entwickelt und gebaut und gehen dann erst in die Massenproduktion!

Früher hat man mal gesagt: "Wenn die Entwicklung so weitergeht, machen die Maschienen bald alles für uns und dann müssen wir noch zwei oder vier Stunden am Tag arbeiten."
Heute ist es so, das die Maschienen (fast) alles für uns machen und wir arbeiten sogar immer länger! Stattdessen hat sich die Produktion erhöht und es werden sinnlos Resourchen und Menschen verheizt, um Dinge zu produzieren, die keiner braucht!

BGS

Rainer Thomann hat recht mit dem Gesagten. Werde mir sein Buch besorgen, antiquarisch und bestimmt nicht bei "amazon". Aber erstmal skifahren in unberuehrter Natur, wie jeden Tag :)

MfG

BGS
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Rudolf Rocker

Das kannst Du doch direkt über die Buchmacherei bestellen. Siehe Kuddels Link.

BGS

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

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Kuddel

Es war nur der 1. Teil seines Kommentars zu "Gespräche über Weltuntergänge".
Hier ist der Rest, den Rainer Ursula Koch entgegnet:
Zitat,,Es braucht eine völlig neue Art der Revolution, keinen blutigen Aufstand mehr, sondern wahrscheinlich eine noch viel grössere Weigerung, nicht mehr mitzumachen, nicht mehr zu konsumieren, nicht mehr zu funktionieren."

Ein ähnliches Mantra hörte ich als Jugendlicher dauernd von meinem Vater, ein überzeugter Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Als Beweis fügte er jeweils an: ,,Schau in Chile, der Allende, er ist auf friedlichen Wege an die Macht gekommen. Es braucht gar keine Revolution." Die Geschichte dauerte wenige Jahre, dann verstummte das Mantra meines Vaters. Und ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er am 11. September 1973 wie versteinert am Mittagstisch sass und kaum einen Bissen hinunterbrachte. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen und für mich die Ablehnung jeglicher reformistischer Illusionen gefestigter denn je.

Die Metapher von der ,,blutigen Revolution", vom ,,blutigen Aufstand", unterstellt den Aufständischen eine Neigung zu Blutdurst und Gewalttätigkeit. Abgesehen von vereinzelten Gewaltexzessen, die sich hauptsächlich zu Beginn eines Aufstands als verständliche Reaktion auf die jahrelang erlittenen Demütigungen und Erniedrigungen entladen, verlaufen Revolutionen vergleichsweise friedlich. Im Unterschied zu den Gegenrevolutionen in all ihren Formen, die stets blutige Rache nehmen für den gescheiterten Versuch, die Herrschaft und die Privilegien einer Minderheit zu beseitigen. ,,Um ein Seitenstück zu finden für das Benehmen des Thiers und seiner Bluthunde, müssen wir zurückgehen zu den Zeiten des Sulla und der beiden Triumvirate. (...) Nur der eine Unterschied ist da, dass die Römer noch keine Mitrailleusen hatten, um die Geächteten schockweise abzutun, und dass sie nicht ,in ihren Händen das Gesetz' trugen, noch auf ihren Lippen den Ruf der ,Zivilisation'", schrieb Marx über die Niederwerfung der Pariser Kommune von 1871. Seither zieht sich dasselbe Bild wie ein blutroter Faden sowohl durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts – wie auch des noch jungen 21. Jahrhunderts.

Die nach Ursula Koch ,,noch viel grössere Weigerung, nicht mehr mitzumachen, nicht mehr zu konsumieren, nicht mehr zu funktionieren", ist ein individueller Entscheid, der zu einem schönen Teil von den jeweiligen Lebensumständen abhängt: für Leute, die Familie und Kinder haben, sieht die Sache anders aus als für Einzelpersonen ohne Verpflichtungen und mit gesichertem Einkommen. Im besten Fall kann Konsumverzicht zu einer Veränderung der Nachfrage nach bestimmten Waren führen, in keinem Fall jedoch zu einer Veränderung der Produktionsverhältnisse. Die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen und politischen Veränderung. Daher hat es durchaus seine Berechtigung, wenn wir uns in Fürstenberg akribisch mit betrieblichem Widerstand gegen die Lohnsklaverei befassen, auch wenn sich die Formen des Widerstands im Laufe der Zeit und unter gewissen Umständen durchaus ändern können (Stichwort: Stadtteilarbeit). Um der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur ein Ende zu setzen, ist es unabdingbar, dass die Lohnsklaven ihre Fesseln abschütteln und sich die Produktionsmittel aneignen, kurzum: jener Vorgang, den Marx in den berühmten Statuten der I. Internationale als ,,ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse" bezeichnete.

Zurück zum Thema der ,,blutigen Revolution". Die möglichweise wichtigste Frage, die über das weitere Schicksale eines zunächst siegreichen Aufstandes entscheidet, besteht darin, nicht in die Falle eines Bürgerkriegs zu geraten. (Das ist mir bei der Untersuchung über die Arbeitermacht in Russland stärker denn je bewusst geworden.) Es ist höchst bedenklich, wie sorglos die revolutionäre Linke damit umging (und umgeht) und wie wenig Beachtung die Problematik überhaupt findet. (Um dann, dies nur nebenbei, 100 Jahre später zu behaupten, der Bürgerkrieg in Russland sei den Bolschewiki aufgezwungen worden!) Jeder Krieg, auch ein Bürgerkrieg, wird von einer militärischen Logik beherrscht. Mit der Konsequenz, dass sich militärische Strukturen allzu leicht verselbständigen, sich allmählich auch politischer Strukturen bemächtigten und dem gesellschaftlichen Emanzipationsprozess ein Ende bereiten. Daher ist es von ganz entscheidender Bedeutung, nichts unversucht zu lassen, um eine politische Entwicklung zu verhindern, die in einem Bürgerkrieg endet.

Man braucht übrigens in der Geschichte gar nicht weit zurückzugehen. Es ist erst wenige Jahre her, als die Proteste gegen das Assad-Regime in Syrien innerhalb weniger Monate zu einem Bürgerkrieg führten, aus dem es bis heute kein Entrinnen zu geben scheint. Als dann etwas später Rojava überall in den Schlagzeilen war, konnte man auch lesen, dass die Kurdenführer von Anfang an davor gewarnt und vergeblich darauf hingewiesen hatten, dass Assad nicht so leicht zu stürzen sei. Bedauerlicherweise war es auch bei uns innerhalb der radikalen Linken kaum möglich, nüchtern über das Thema zu diskutieren: Während einige glaubten, im Namen eines sehr seltsamen ,,Anti-Imperialismus" ein mörderisches Regime verteidigen zu müssen, gaben sich andere einem resignativen Defätismus hin. Andere wiederum verherrlichen inzwischen völlig unkritisch die politischen Strukturen in den nordsyrischen Kurdengebieten. So hoffnungsvoll die gesellschaftlichen und politischen Ansätze dort vermutlich auch sind, so verfehlt wäre es beispielsweise, ernstzunehmende Bericht über Menschenrechtsverletzungen einfach zu ignorieren oder gar mit den Umständen des Bürgerkriegs zu rechtfertigen.

So düster sich die Weltlage derzeit auch präsentiert, es gibt keinen Grund, in Weltuntergangsstimmung zu verfallen. Auf der einen Seite sieht es so aus, als würde die Bourgeoisie überall fest im Sattel sitzen. Gleichzeitig sitzt sie auf einem Pulverfass, dessen Lunte längst zu brennen begonnen hat. Das Feuer scheint erloschen. Doch unter der fahlen Asche glimmt grimmig die Glut. Es wird den Mächtigen nicht gelingen, diese brennende Lunte auszulöschen. Dafür sorgen allein die gesellschaftlichen Widersprüche, die ausreichend Reibung und Wärme erzeugen, um das Feuer stets von Neuem zu nähren. Das Jahr 2018 hat mit Protesten und Aufständen im Iran begonnen. ,,Der Druck aus dem Volks ist so gross, dass ihm das Regime nicht standhalten wird", erklärte ein junger Iraner, der in die Schweiz geflüchtet war, hoffnungsvoll im Interview mit einer grossen Boulevard-Zeitung (www.blick.ch/news/ausland/iranischer-regime-gegner-nima-pour-jakub-30-ueber-die-proteste-das-ist-der-anfang-vom-ende-id7796642.html).

ManOfConstantSorrow

ZitatHier bauen die Superreichen geheime Bunker

Klima, Pandemie, politische Instabilität: In Zeiten globaler Krisen fürchten Prepper eine Apokalypse. Exklusive Satellitenbilder zeigen, wo die Reichen im Ernstfall unterkommen wollen.
https://www.wiwo.de/technologie/wirtschaft-von-oben/wirtschaft-von-oben-276-bunker-hier-bauen-die-superreichen-geheime-bunker/29955186.html?utm_source=pocket-newtab-de-de
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

Im Angesicht der Katastrophe
Die Angst der Tech-Milliardäre vor ihrem Personal


Welches Welt- und Menschenbild beherrscht das Denken der Tech-Milliardäre in Silicon Valley, die zunehmend auch unser Denken bestimmen?

https://www.deutschlandfunk.de/die-angst-der-tech-milliardaere-vor-ihrem-personal-100.html

Irgendwie erwartet man von diesen mächtigsten Männern der Welt ein wenig Genie und vielleicht auch Wahnsinn.

Aber wenn man sich das anhört, was diese Milliardäre ernsthaft gefragt haben, stellt man enttäuscht fest, wie schlicht sie sind, wie erbärmlich ihre Vorstellungswelt ist.

In dem Beitrag werden auch die Anfangszeiten des Internets beschrieben. Die Deadheads seien die ersten gewesen, die sich in virtuelle Welten hineindenken konnten und fortschrittliche und nicht kommerzielle Vorstellungen entwickelten. Ich kenne diese Euphorie noch. Es wirkte irgendwie sympathisch und anarchistisch, doch mich überzeugte das nicht. Abgesehen davon, daß ich Deadheads (Greatful Dead Fans) schon immer ziemlich nervig fand, waren das eher naive Vorstellungen von Leuten, die gern nächtelang am Monitor verbracht haben.

Der Beitrag bringt nichts wirklich neues, Georg Schramm hat schon vor längerer Zeit von den Ängsten der Superreichen erzählt. Dies ist etwas ausführlicher über das schlichte Weltbild der Mächtigen.

Kuddel

ZitatWarum die Welt bald untergeht
An vier Abenden hat der Tech-Milliardär Peter Thiel seine Ideologie erklärt. Sehr vertraulich, vor exklusivem Publikum. Es ist ein Blick in den Abgrund.


Bevor sich Peter Thiel ans gläserne Pult stellen und über den Weltuntergang sprechen wird, positionieren sich vier muskulöse Bodyguards in den Ecken des kleinen holzgetäfelten Saals. Aufmerksam mustern sie die rund 150 vor allem männlichen Zuhörer. Mehrfach werden sie an diesem Abend im September im Publikum Smartphones kontrollieren. Kein Bild, kein Ton soll nach nach außen dringen. (...)

Er spricht über eine Gestalt aus der Bibel, die ihn schon seit Längerem umtreibt: den Antichrist, eine Art Gegenspieler Jesu Christi und Vorbote des Untergangs.
Vier Abende lang will der Tech-Milliardär über diesen falschen Messias sprechen. Denn Thiel, 58, ist überzeugt: Wir sind dem Ende nah, die Agenten des Antichrist weilen längst unter uns.
Zwei Jahre lang hat der 27-fache Milliardär an Universitäten wie Harvard, Oxford und an theologischen Fakultäten diese Vortragsreihe erprobt – stets im kleinsten Kreis, unter strenger Geheimhaltung. In San Francisco unterbreitet er seine Thesen nun Unternehmern und Investoren, darunter einige der mächtigsten Männer des Silicon Valley, um sie davon zu überzeugen, dass die Katastrophe vermeidbar ist. (...)

Man könnte den theologischen Ausflug des Milliardärs als skurriles Hobby abtun. Doch es ist für die weltliche Realität durchaus relevant, was der Mann denkt und glaubt und welche Ziele er daraus ableitet. Thiel strebt nämlich nicht nur nach metaphysischer Erkenntnis, sondern auch nach weltlicher und politischer Macht. Bewusst hilft er anderen dabei, wichtige Ämter und Posten einzunehmen.

Während Thiel selbst im Hintergrund bleibt, bekleiden Leute mit engsten Verbindungen zu ihm und seinen Firmen zentrale Posten in der US-Hauptstadt Washington, D. C. Unter ihnen sind Minister, Staatssekretäre und Stabschefs. Sie arbeiten im Verteidigungsministerium ebenso wie im mächtigen Office of Management and Budget. Der Wichtigste von ihnen sitzt direkt im Weißen Haus: US-Vizepräsident JD Vance. Thiel hat ihm nahezu jede berufliche Station ermöglicht, ihn in seinen Firmen angestellt und mit Rekordsummen in Wahlkämpfen unterstützt. Er war es, der Vance im Jahr 2021 mit Donald Trump bekannt machte. (...)

Es ist auch der Versuch, seiner politischen Weltanschauung einen theologischen Unterbau zu geben – und sein politisches Engagement hat auf diese Weise etwas von einer heiligen Mission. (...)

Für Thiel hat die Menschheit heute "die Wahl zwischen zwei unvorstellbaren Übeln": einer totalitären Weltregierung oder der Vernichtung – einer schlechten Welt oder keiner Welt. Die Menschen würden sich dabei, sagt Thiel, immer für den autoritären Weltstaat entscheiden, weil der für sie wie eine Lösung der Probleme wirke. Thiel sieht darin etwas Teuflisches. In der Endzeit, so glaubt er, übernehme so ein totalitärer Weltstaat die Rolle des Antichrist. (...)

Das meiste, was er sagt, ist düster. Und doch scheint auch er Hoffnung zu haben. Er meint, einen Ausweg gefunden zu haben aus dem Dilemma zwischen Weltstaat oder Untergang, Antichrist oder Armageddon. Nur als Christ könne man ihn erkennen. Denn in der Bibel ist noch von einer anderen schemenhaften Gestalt die Rede, die dort lediglich in zwei Sätzen auftaucht: der Katechon, der das Chaos aufhält. Das Einzige, was Antichrist und Endzeit zurückhalten kann. (...)

Thiel ist dabei von Carl Schmitt inspiriert, dem "Kronjuristen des Dritten Reichs", der inzwischen zu einem einflussreichen Vordenker der politisch-katholischen Rechten geworden ist. Schmitt sah Politik als Unterscheidung zwischen Freund und Feind, etwas, das die staatliche Ordnung stützt. Die größten Gefahren für ihn: Chaos, in dem es keine Autorität mehr gibt; oder ein Weltstaat, in dem alle Unterschiede verschwinden. Denn beides, meinte er, mache echte Politik und die Selbstbestimmung von Nationen unmöglich. Ordnung entsteht bei Schmitt erst, wenn ein Souverän, ein starker Entscheider, eine einheitliche Gemeinschaft formt. (...)
https://archive.is/HqYvQ#selection-2477.304-2481.461

Mit der Konzentration von Reichtum und Macht werden so gruselige, duchgeknallte Typen an führende Positionen gespült.

Es sei hier noch kurz darauf hingewiesen, daß Julia Klöckner und Jens Spahn die Nähe zu Thiel suchen.


Kuddel

Die Zeit hat den Artikel über Peter Thiel und sein Weltbild nochmal ausgegraben und aktualisiert.

Es ist schon krass. Die Schriften von Carl Schmitt, einem faschistischen Juristen und ein paar Bibelzitate rund um den Antichrist und die Apokalypse sind wichtige Bestandtteile seines Weltbilds.

ZitatDie größten Gefahren für ihn: Chaos, in dem es keine Autorität mehr gibt; oder ein Weltstaat, in dem alle Unterschiede verschwinden.
https://archive.is/mFZIz#selection-2167.291-2167.423

Das Verschwinden von Autokraten und Grenzen und die Gleichheit aller Menschen ist für ihn eine Horrorvorstellung.

Mit dieser Mischung aus Paranoia und Größenwahn könnte man glatt in der Klapse landen, doch Peter Thiel ist superreich und mächtig.

Es gibt ja Leute, die einen Mordsrespekt vor denen da oben haben. Man meint, es müßten irgendwie herausragenden Menschen sein, um an die Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie zu kommen. Vielleicht haben sie ein Fachgebiet, auf dem sie genial sind, aber wenn es um Philosophie und Weltbild geht, ist wenig Genialität zu sehen. Ähnliches könnte man bei Leuten, die unter der Brücke schlafen oder in der Klapse sitzen, auch finden...

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