Stadtteilarbeit

Begonnen von Kuddel, 15:38:31 So. 17.Dezember 2017

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Kuddel

Zitat von: Wanderratte am 10:00:09 Mi. 21.Mai 2025...sollte doch auch woanders möglich sein. Zumindest theoretisch.

*seufz*

Ach, was wäre nicht alles möglich. Man muß es nur machen.

Man kann sich auch mit ein paar Leuten zu einem chefduzen Stammtisch treffen. Da kann man nicht nur sein Herz ausschütten, sondern man kann auch Aktionen oder Aktiönchen planen. Alles ist besser als darüber zu lamentieren, was man alles "könnte".

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Wanderratte

Ich wollte nicht lamentieren. Meine Absicht war, eine positive Aussage zu machen.

Ansonsten denke ich, dass Du mit Deinem Beitrag recht hast. Jedoch ist alles sehr viel einfacher, wenn schon irgendwas da ist bzw. wenn man dort wo man wohnt Menschen kennt, die eventuell mitmachen wollen.

Ich weiß nicht wann, doch irgendwann habe ich schon vor, nach Kiel zum Stammtisch zu kommen.

Kuddel

Stadtteilarbeit in Frankreich

ZitatMit Molotowcocktails und Feuerwerkskörpern haben sich Angreifer in Limoges schwere Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Der Bürgermeister spricht von einer Stadtguerilla, der Staat schickt nun eine Spezialeinheit. (...)

Bei den Randalen hätten demzufolge etwa 100 Personen in der Nacht zu Samstag in der Nähe des Viertels Val de l'Aurence eine Autobahn blockiert und Fahrzeuge angegriffen. Die Angriffe seien »hauptsächlich mit Feuerwerksbeschuss« erfolgt. (...)

Laut der Staatsanwaltschaft wurde eine Untersuchung wegen der Teilnahme an einer bewaffneten »Zusammenrottung« sowie Gewalt gegen Polizisten eingeleitet. Der Bürgermeister von Limoges, Émile Roger Lombertie, spricht von einer »Gefahr« durch »eine Stadtguerilla«. Das vorwiegend von Zuwanderern bewohnte, »sehr arme« Viertel sei zu einer »rechtsfreien Zone« geworden. »Sie sind organisiert, strukturiert, es gibt einen Plan, Waffen«, sagte er über die Angreifer. Laut Lombertie handelte es sich nicht um einen spontanen Protest.
https://www.spiegel.de/ausland/frankreich-vermummte-attackieren-polizisten-und-fahrende-autos-in-limoges-a-5e093a2f-a221-4dbf-927b-8ae30d314a0d

Es mag hart erscheinen, doch die Verhältnisse sind hart. Wir haben uns schon oft gefragt, wie weit man die Daumenschrauben der Verarmung anziehen kann, bis es knallt. Wir haben an vielen Beispielen gesehen, daß es nicht automatisch "knallt". Zu oft führt Verarmung zu Selbstzerstörung und Gewalt untereinander.

Hier hören wir von höchsten Stellen, also vom Bürgermeister und der Staatsanwaltschaft, daß dieser Aufstand kein spontaner war. In meinen Augen ist es ein hohes Lob, wenn die Vertreter es Staates sagen, "Sie sind organisiert, strukturiert, es gibt einen Plan". Die soziale Situation dieser Menschen ist auch klar beschrieben: Es sei ein "sehr armes Viertel" von Limoges. Und scheinbar waren diese ausgegrenzten, sehr armen Menschen in der Lage, eine "bewaffnete Zusammenrottung", bzw. "Stadtguerilla" auf die Beine zu stellen.

Da kriegen einige ein gepflegtes Muffensausen.

Hartzhetzer

ZitatDas vorwiegend von Zuwanderern bewohnte, »sehr arme« Viertel sei zu einer »rechtsfreien Zone« geworden.
Frei von dem was der Kapitalistische Staat unter Recht versteht, umso besser.

ZitatDa kriegen einige ein gepflegtes Muffensausen.
Das mit Recht...
Die Nazis vollzogen auf ihre Weise, was die Sozialdemokratie sich immer erträumt hatte: eine »ordentliche Revolution«, in der alles ganz anders wird, damit alles so bleiben kann, wie es ist.

Zitat Schwarzbuch Kapitalismus Seite 278

Projekt Unsinn

Zitat von: Kuddel am 18:58:08 Mi. 05.Februar 2025- Wiedereinführung des Eingangsstempels
einen Schritt näher zu kommen.
 
 
PEOPLE POWER SOLIDARITÄT!

Was? Es gibt bei euch keinen Eingangsstempel mehr? Ist das lokal
oder in anderen Jobcentern auch so?

Onkel Tom

Zitat von: Wanderratte am 00:25:06 So. 25.Mai 2025Ich weiß nicht wann, doch irgendwann habe ich schon vor, nach Kiel zum Stammtisch zu kommen.
Dann aber bitte mit Zwischenstop in Hamburg oder nach den CD-Stammtisch etc..
Ein Tach,einen Abend-Nacht reicht, dich mal im "berüchtigtem" Hamburch rum zu führen. ;)
Lass Dich nicht verhartzen !

Wanderratte

Das ist eine super coole Idee. Also wenn, dann melde ich mich auf jeden Fall bei Dir.

Es ist halt alles nicht so einfach. Ich wohne halt leider sehr weit weg.

Ich muß schauen, wann das klappt. Ich habe ja noch nichtmal vernünftige Klamotten und Schuhe. Für hier in der Pampa genügen Jogginghosen.

Und mit dem Deutschland Ticket nach Kiel, das kommt schon eher einer kleinen Weltreise gleich. Wenn ich mich korrekt erinnere, dann sind es von hier nach Kiel ca. 8.5 Stunden. Vorausgesetzt die Bahn funktioniert so wie sie soll. Worauf ja leider nicht unbedingt Verlaß ist. Und fünfmal umsteigen. Ich hatte vor einiger Zeit mal nachgeschaut.

Es ist halt scheiße, daß ich nicht in Norddeutschland wohne. Doch vielleicht ziehe ich ja irgendwann von hier weg. Ich möchte viel lieber im Norden wohnen.

Die Stadtteilgewerkschaft "Solidarisch in Gröpelingen" interessiert mich auch sehr. Ich möchte schon sehr gerne politisch was machen. Mich irgendwo engagieren. Eine Gemeinschaft kennenlernen. Doch hier in der Pampa bin ich diesbezüglich ratlos.

Und Bremen ist auch eine tolle Stadt. Ich habe nur einmal Maikäfer kennengelernt. Und das war in Bremen.

Ich weiß überhaupt nicht, ob ich Hamburg noch wiedererkenne. Es ist alles schon so lange her. Als Kind war ich schon öfter dort. Ich habe Verwandte ganz in der Nähe von Hamburg. Und ich war immer sehr glücklich, wenn es in den Sommerferien nach Norddeutschland ging. Meine Mutter wohnte auch sehr lange in Norddeutschland bevor sie hierher kam und meinen Vater kennenlernte.

Ich denke, in Kiel war ich auch schon. Ich bin mir aber nicht zu 100% sicher, ob es tatsächlich Kiel war. Es war eine Butterfahrt nach Rødby.

Ich fühlte mich in Norddeutschland immer sehr viel mehr zu Hause als hier. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Zeit. Nur mit meinem nervigen cholerischen Onkel kam ich nie klar. Deswegen war dann als ich 16 Jahre alt war, damit Schluß.

Onkel Tom

Na denn könntest Du dir ja aine "Aktiv-Rundreise" organisieren..
Du wirst doch wohl noch eine normale Jeans im Schrank haben oder ?
Auf eine Modenschau soll es ja auch nicht hinaus laufen oder ?  ;)
Lass Dich nicht verhartzen !

Wanderratte

Aktiv-Rundreise, das klingt gut. Dumm nur, wenn ich es bis zum Abend nicht nach Kiel schaffe. Weil ich wegen Verspätungen ständig die Anschlußzüge verpasse.

Aber den Gedanken behalte ich schon im Kopf.

Vielleicht im nächsten Jahr, wenn es finanziell hoffentlich ein wenig besser aussieht. Ab August muß ich auch noch eine Zahnarztrechnung in Raten abbezahlen.

Naja, einige Jeans sind schon noch da. Die passen nur leider schon seit längerem nicht mehr, da ich zugenommen habe.  ;)

Modenschau? Nee, nee, überhaupt nicht mein Ding.

Kuddel

ZitatEs war eine Butterfahrt nach Rødby.

Klingt nach Kiel.
Butterfahrten waren ein attraktives Angebot für ärmere Leute.
Eine Hin- und Rückfahrt kostete 15 DM und beiinhaltete eine warme Mahlzeit.
Viele Rentner machten die Tour zum zollfrei Shoppen und gingen mit vollen Plastiktüten von Bord.
Wir sind als Schüler zu einer Spedition gegangen und haben Bananenlaster entladen. Dafür gab es Geld schwarz auf die Hand. Damit gings auf Butterfahrt, an Bord eine Flasche zollfreien Rum, die wir unterwegs verköstigt haben. Der Aufenthalt im dänischen Hafen dauerte nur eine Stunde. Da ist kaum jemand an Land gegangen.
Die Butterfahrten wurden wegen der sich verändernden EU Politik eingestellt.
Sie wurden von vielen schmerzlich vermißt.

Wanderratte

Ja, das war richtig cool. Ich danke Dir für die Infos. Ich wußte das mit Kiel nicht mehr so genau.

Ich erinnere mich noch immer sehr gerne an die leckeren Süßigkeiten, die man auf dem Schiff kaufen konnte. Süßigkeiten, die ich sonst noch nie gesehen habe.

Wir waren leider überhaupt nicht im dänischen Hafen. Kurz vorher sind wir wieder zurück. Doch ich war glücklich, zumindest vom Meer aus Dänemark gesehen zu haben. Ich wäre auf jeden Fall an Land gegangen und hätte mir Dänemark angeschaut.

Sehr schade, daß es die Butterfahrten nicht mehr gibt. Irgendwie vermisse ich das alles. Auch das Meer.

Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, konnte man früher mit der Bahn (Kurswagen) von Mittelhessen aus direkt ohne Umsteigen nach Kiel fahren. Geht leider auch nicht mehr.

counselor

Revolutionäre Stadtteilarbeit mit BdK

Der Bund der Kommunist:innen arbeitet in Berlin mit Stadtteilkomitees daran, praktische Gegenmacht im Kiez zu entwickeln. In dieser Folge geben die Genossinnen und Genossen einen ehrlichen Einblick: von Verankerung in der Nachbarschaft über soziale Angebote bis hin zu den Lessons Learned.

Doch bleibt man dabei nicht in der Rolle kommunistischer Sozialarbeit hängen – oder gelingt es wirklich, darüber langfristige Organisierung aufzubauen?

Spannend für alle, die linke Wohnzimmer satt haben und nach Wegen suchen, wie Kommunistinnen und Kommunisten wieder in ihrer Klasse arbeiten können.

Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Solidarisch in Gröpelingen ist aus guten Gründen eine art Leuchtturmprojekt, an dem man sich orientiert, wenn es um Stadtteilarbeit geht.

Das auch zurecht. Ich lasse hier die Bilder sprechen.

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und SiG in eigenen Worten:
ZitatWir sind im September mit einer großen und lebendigen Mitglieder Versammlung aus der Sommerpause gestartet. Thema der MV war diesmal: wie können wir einem neuen Mitglied gut erklären, wer wir sind bzw. was eine Stadtteilgewerkschaft ist? Was bedeutet Solidarisch in Gröpelingen für uns und was heißt es, ein Mitglied zu sein?

In fünf Kleingruppen mit jeweils unterschiedlichen Sprachen (bulgarisch/türkisch, englisch, französisch, arabisch und deutsch) haben wir über die Frage diskutiert und die Ergebnisse später in der großen Versammlung vorgestellt. Dabei ist klar geworden, dass viele Mitglieder ein ähnliches Bild von Solidarisch in Gröpelingen und sich über die Zeit ein gemeinsames Verständnis darüber entwickelt, was SiG ist. Wichtig war auch, dass wir uns als Mitglieder nochmal darüber bewusst geworden sind, was uns von einer Beratungsstelle unterscheidet.

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ZitatWichtige Aussagen von Mitgliedern über den Charakter unserer Bewegung waren z.B.: ,,Solidarisch in Gröpelingen zeigt Menschen, dass sie einen Wert haben und Rechte", ,,in der Stadtteilgewerkschaft kämpfen wir gemeinsam für unsere Rechte", ,,Solidarisch in Gröpelingen bedeutet Solidarität jenseits von Herkunft, Sprache oder Religion", ,,wir lernen zusammen und wachsen gemeinsam", ,,Solidarisch in Gröpelingen ist stark, weil viele Menschen zusammen kommen und füreinander einstehen" und ,,jedes Mitglied sollte eine Aufgabe übernehmen".

Wie immer gab es bei der MV eine simultan Übersetzung. Diesmal mit mehreren Mitgliedern, die das erste Mal gedolmetscht haben. Auch gab es wieder eine Kinderbetreuung. Für beide Aufgaben suchen wir immer auch neue Leute, die Lust haben ins Übersetzungs- oder Kinderbetreuungs-Komitee mit einzusteigen oder abundzu auszuhelfen.

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Kuddel

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Jetzt nochmal die Beschreibung der erfolgreichen Arbeit der Stadtteilgewerkschaft Gröpelingen in meinen Worten.

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Es wird jedem/jeder Hilfesuchenden vor einer Beratung erklärt, daß es sich bei SiG um keinen Dienstleister handelt und niemand für seine Beratungsarbeit bezahlt wird. Es ist ein solidarischer Zusammenschluß von Menschen, die sich ein besseres Leben und eine bessere Gesellschaft wünschen. Deshalb sollen die Hilfesuchenden sich überlegen, ob sie im Gegenzug etwas für diese solidarische Gemeinschaft tun können. Es wird keine großartige politische oder organisatorische Arbeit erwartet, sondern einfache Dinge, die für diesen solidarischen Zusammenhang notwendig sind. Es kann das Backen von Kuchen, das Kochen von Tee und Kaffee sein, oder Kinderbetreuung oder Hilfe bei Übersetzungen sein. 

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Das besondere an der Basisarbeit in Gröpelingen ist, daß sie gelernt haben, daß es nicht darum geht, den armen, prekarisierten und migrantischen Menschen zu helfen, sondern ihnen den Raum und die Unterstützung geben, sich in gegenseitiger Unterstützung selbst zu helfen. Ich mag das überstrapazierte Wort "Selbstermächtigung" nicht sonderlich, doch in dieser Stadtteilarbeit trifft der Begriff zu. Man organisiert nicht etwas für die Menschen, sondern läßt sie selbst herausfinden, was sie bedrückt, worunter sie leiden. Sie formulieren dann ihre Forderungen selbst. Sie denken sich selber Aktionen aus, malen selbst ihre Transparente. Es sind zumeist Menschen, die noch nie etwas mit Politik und solchen Dingen am Hut hatten. Es ist toll zu sehen, wie sie beim Vorbereiten, beim Basteln von Protestutensilien Spaß haben. Es entstehen auch Freundschaften. Frauen, deren Leben zuvor nur aus Job, Familie und Küche bestand, blühen auf. Ich bin davon tief berührt. Das ist in meinen Augen eine gelungene politische Arbeit.

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hartz4hilfe-of.de

Das Wort "Selbstermächtigung" ist vollkommen in Ordnung und keinesfalls ein Widerspruch zur altbekannten Anleitung zur Selbstbefreiung und Selbstemanzipation.

Bevor man effektiv anderen bei ihrer Emanzipation helfen kann, muss man sich genau dazu erst mal selbst ermächtigen, egal ob man mit Nachnamen nun Lenin, Bakunin oder Blüm heißt.

Libertäre trinken ja auch Tee, und auch davon wird Tee trinken nicht automatisch falsch.

Projekt Unsinn

Zitat von: Projekt Unsinn am 14:12:08 Di. 22.Juli 2025
Zitat von: Kuddel am 18:58:08 Mi. 05.Februar 2025- Wiedereinführung des Eingangsstempels
einen Schritt näher zu kommen.
 
 
PEOPLE POWER SOLIDARITÄT!

Was? Es gibt bei euch keinen Eingangsstempel mehr? Ist das lokal
oder in anderen Jobcentern auch so?


Hey, du hast meine Frage leider nicht beantwortet.

Nikita

Solidarisch in Gröpelingen - ein wundervolles Projekt. Niemand erklärt, was man zu sagen oder zu fordern hat - keine linke Szene, keine Gewerkschaften. Ein echter Lichtblick.

Kuddel

Projekt Unsinn, deine Frage erübrigt sich.

Wenn das Jobcenter Gröpelingen Eingangsstempel hätte, würde die Stadtteilini nicht deren Wiedereinführung fordern.

Wie es Jobcenter anderswo handhaben weiß ich nicht.

Kuddel

Das schwedische Husby Arbetarcentrum habe ich als Stadtteilgruppe eines Viertels in Stockholm kennengelernt, das von Migranten selbst gegründet worden ist. Die Basisgewerkschaft SAC hat sie finanziell unterstützt, ohne sich inhaltlich einzumischen. Sie nennen sich nicht Stadtteilinitiative, sondern "Arbeiterzentrum", so wie sich Solidarisch in Gröpelingen "Stadtteilgewerkschaft" nennt. Mein Eindruck ist, daß die Schweden jedoch dichter an der Arbeitswelt sind.

ZitatArbeiterbewegung Schwedens
Selbstorganisierung als Schlüssel

Schweden: Das Arbeiterzentrum Husby stärkt migrantischen Arbeitern ohne Gewerkschaft den Rücken


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Eine Streikkundgebung der syndikalistischen Gewerkschaft SAC

Wenn das »Arbeiterzentrum Husby« (Husby Arbetarcentrum) im Gemeindehaus aufschlägt, ist viel los. Jeden Dienstagabend lädt die 2019 gegründete Initiative zur kostenlosen Rechtsberatung. Die Gäste sind fast ausschließlich Migranten. In den schwedischen Gewerkschaften sind sie unterrepräsentiert. Viele arbeiten Teilzeit und müssen regelmäßig ihre Jobs wechseln. Über ihre Rechte wurden die wenigsten informiert. Das macht sie zu gefundenem Fressen für skrupellose Ausbeuter, die Überstunden nicht ordnungsgemäß abrechnen, Löhne nicht auszahlen oder Angestellte grundlos entlassen. In diesen Fällen springt das Arbeiterzentrum ein. Oft reicht es, die Verfehlungen aufzuzeigen. Geben die Ausbeuter trotzdem nicht klein bei, eskaliert das Arbeiterzentrum den Konflikt: Es kommt zu Blockaden und öffentlichen Kampagnen. Hunderten Arbeitern wurde bereits geholfen.

Husby liegt im Norden Stockholms, ist ein Stadtteil in der Peripherie, wie er für schwedische Städte typisch ist: mangelnde Infrastruktur, soziale Probleme, Lieblingszielscheibe rechter Parteien. Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Migranten erster und zweiter Generation. 2014 schrieb es internationale Schlagzeilen, als eine Jugendrevolte hier ihren Ausgang nahm. Nach einem Polizeieinsatz mit Todesfolge entlud sich die Wut über das Gefühl, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden.

Dass die Aktivisten sich an den US-amerikanischen Workers' Centers orientieren und nicht am schwedischen Gewerkschaftsmodell, hat seine Gründe. Shamal Ali, von Anfang an dabei, erklärt dies im Gespräch mit jW so: »Nach dem schwedischen Arbeitsrecht kannst du als Gewerkschaft einen Konflikt nur lösen, indem du dich mit dem Arbeitgeber auf Verhandlungen einlässt oder zum Arbeitsgericht gehst.« Das aber täten die Gewerkschaften nur, »wenn sie sich sicher sind, zu gewinnen«. Folglich blieben viele Mitglieder ohne Hilfe – »und wenn du nicht Mitglied bist, bekommst du ohnehin keine«.

Das Arbeiterzentrum hilft hingegen allen. Nehmen sich die Aktivisten eines Falls an, erwarten sie, dass die Betroffenen für einen geringen Monatsbeitrag Mitglied werden. Wer nach einem gewonnenen Konflikt aussteigt und beim nächsten Problem wieder auftaucht, muss sich eventuell hinten anstellen. Das Prinzip der Solidarität wird im Arbeiterzentrum großgeschrieben. Genauso wie die Selbsthilfe: »Die Bereitschaft zur Organisierung – und damit meinen wir Selbstorganisierung – ist der Schlüssel für alles. Wir sind keine Serviceeinrichtung, die sich um Konsumenten kümmert«, erklärt Ali. Das Projekt beruhe »auf Partizipation und aktiven Mitgliedern«. Die Konflikte verliere man demnach vor allem dann, wenn die betroffenen Arbeiter aufgeben.

Doch im Arbeiterzentrum geht es nicht nur um Arbeitsplatzkampf. Eine Zusammenarbeit mit anderen Projekten sorgt dafür, dass man dienstagabends in Husby auch Hilfe bei Problemen mit Vermietern oder Einwanderungsbehörden bekommt. Zudem gibt es für Bedürftige eine Tafel. An anderen Tagen findet Kampftraining für Jugendliche statt, und Kinder erhalten Unterstützung bei den Hausaufgaben. »Arbeiter haben nicht nur bei der Arbeit Probleme. Sie haben genauso Probleme mit ihrer Wohnung oder der Schule ihrer Kinder. Sie brauchen in jedem Lebensbereich Unterstützung«, so Ali.

Das Arbeiterzentrum Husby antwortet auf akute Probleme, die die schwedischen Gewerkschaften nicht lösen können. Mit den Syndikalisten der Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), seit 1910 die radikale Alternative zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften, wurde lange kooperiert. Mit Hilfe des Arbeiterzentrums gelang der SAC 2019 ein Coup, als sie im neuerrichteten nordischen Lager des deutschen Onlinekleidergiganten Zalando die Mehrheit der Belegschaft organisierte. Doch als die Gewerkschaft in Verhandlungen stecken blieb, demonstrierten Mitglieder des Arbeiterzentrums lautstark vor den Toren des Lagers. Heute wenden sich die Arbeiter dort eher an das Arbeiterzentrum, nicht an die Gewerkschaft, auch nicht die radikale. Es sollte ein Weckruf sein.
https://www.jungewelt.de/artikel/518561.arbeiterbewegung-schwedens-selbstorganisierung-als-schl%C3%BCssel.html

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