Keine Zeit

Begonnen von Kuddel, 09:19:31 Do. 23.Oktober 2025

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Kuddel

Merkwürdig.

Das Argument "keine Zeit" taucht in meinem Umfeld überall auf. Man winkt ab, wenn es darum geht, gemeinsam etwas schönes zu machen oder um politische Aktivitäten.

Ist es so, daß heutzutage alle rund um die Uhr arbeiten, bzw. arbeiten bis zum Umfallen??

Und was ist mit den Erwerbslosen? Bei denen ist man doch froh, wenn sie mal eine Stunde Zeit in der Woche finden, um z.B. ein Flugblatt zu verteilen. Mehr geht nicht.

Was machen die Leute denn die ganze Zeit?

Ich habe das Gefühl, es hat auch mit der psychischen Verfaßtheit zu tun, zu glauben, man hätte keine Zeit. Ich werde jedenfalls nicht schlau aus dieser Situation. Wie seht ihr das?

Nikita

Das Argument gab es im Grunde schon immer, denke ich. Wenn man auf sozialen Medien festhängt und danach gehetzt seinen Kram erledigt, fühlt man sich sicher so, als wenn man keine Zeit zu hat. Als Depressiver oder Introvertierter braucht man wiederum viel zeit für sich, um klarzukommen, hat wenig Kraft, Antrieb und damit auch Kapazität. Der Durchschnittsmensch hat es sowieso eilig. Das ist so eine Mischung aus gefühlter und tatsächlicher Wahrnehmung der Anderen, die ich erlebe, weshalb sie keine Zeit haben.
Ob Arbeit wirklich so ein starkes Argument ist, weiß ich nicht. Gibt es sicher auch.

Wanderratte

Das mit der Zeit, das ist so eine Sache. Trotz Erwerbslosigkeit fehlt sie mir ständig. Und ich denke nicht, daß es daran liegt, daß ich nur glaube, ich hätte keine Zeit. Da ist so vieles, was ich sehr gerne mache.

Letztendlich hängt es meiner Meinung nach auch davon ab, welche Prioritäten man setzt. Wenn man z.B. meint, für das Verteilen von Flugblättern keine Zeit zu haben, dann liegt es schlichtweg daran, daß einem andere Dinge wichtiger sind. Jeder setzt nunmal andere Prioritäten.

Naja, bei Menschen, die arbeiten, kommt halt noch hinzu, daß sie abends und am Wochenende des öfteren erschöpft sind. Mit "keine Zeit haben" hat das dann jedoch nur bedingt was zu tun. Ich bin der Meinung, ein 8-Stunden-Arbeitstag ist halt auch einfach viel zu lang.

Onkel Tom

Zitat von: Kuddel am 09:19:31 Do. 23.Oktober 2025Und was ist mit den Erwerbslosen? Bei denen ist man doch froh, wenn sie mal eine Stunde Zeit in der Woche finden, um z.B. ein Flugblatt zu verteilen. Mehr geht nicht.
Mit einer Stunde kommt man meines Erachtens nicht hin und Zeit für Flugiverteilung
kann man ja nicht mit dem Standardspruch "Habe keine Zeit" gleich setzen oder bewerten.

In erster Linie sind Erwerbslose "vereinzelt" weiter nach yx Zeit durch SBs "verschüchtert".

Mensch hat "keine Zeit" eine unglaubhafte Entschuldigung dafür, das man sich für das
"angeschleppte" Anliegen etwas auftragen will, zumal immer Der Zaun "was habe ich davon?"
im Wege steht.

In diesem Forum haben wir schon oft darüber diskutiert, warum das so schwer ist, das Erwerbslose
wieder aktiv werden.. Viele Elos ziehen sich im ihrem Kämmerlein zurück, sofern sie eins haben
oder sie machen was aber in anderen Bereichen. Anti-H4 ist vielen zu anstrengend wegen permanent
neuen Änderungen etc.

Letztendlich fehlt da die Kraft, als Vereinzelter andere Vereinzelte auf zu suchen und sie davon
zu überzeugen, sich zusammen zu schließen. Für Zusammenschluss ist ja immer auch ein Ziel anvisiert,
von dem jeder im Zusammenschluss überzeugt ist, man hat was davon.

Im Prinzip scheitert es daran, das man als Gründer noch kein leckeren Appel in der Hand hat,
den man Elos vor einem Zusammenschluss oder Aktion egal welcher, anbieten kann.

Denn dieser leckere Appel wächst nicht am Baum, sondern entsteht im Kopf des Neuling, wenn er
erfährt, wie Endophingewaltig das ist, nach einer Aktion am Tisch zu sitzen und das Geschehene
reflektiert unter Gleichgesinnten.

Lass Dich nicht verhartzen !

BGS

Das Argument "keine Zeit" zu haben gibt es auch hier durch u.a.

- lange Fahrtwege aller Art
- widrige und schnell wechselnde Wetterverhältnisse
- einer Art Druck stets erfolgreich und fit zu sein
- Arbeitsverdichtung und Prekarisierung
- verringerte Belastbarkeit aufgrund von Burnout / Depressionen
- Wichtges nicht von Unwichtigem unterscheiden können
- Mangel an Konzentrationsfähigkeit
- übermässige Benutzung von Schmarrtphones, Streamingdiensten + sozialen Netzwerken
- Dauerhafte Überflutung mit  Nachrichten, Werbung, mails etc.
- Mangel an Selbstorganisation
- Geldmangel


MfG

BGS

P.S.: Die tägliche durchschnittliche Schmarrtphonenutzung liegt hier bei > 4 Std.





"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Wanderratte

Zitat von: Onkel Tom am 12:55:08 Sa. 25.Oktober 2025Letztendlich fehlt da die Kraft, als Vereinzelter andere Vereinzelte auf zu suchen und sie davon
zu überzeugen, sich zusammen zu schließen. Für Zusammenschluss ist ja immer auch ein Ziel anvisiert,
von dem jeder im Zusammenschluss überzeugt ist, man hat was davon.
Möglicherweise wäre es einfacher, wenn Erwerbslose gemeinsam mit Nicht-Erwerbslosen für ihre Rechte kämpfen. Denn letztendlich kann doch nahezu jeder irgendwann erwerbslos sein. Es betrifft somit alle irgendwie.

Das Problem ist halt auch, daß man als Erwerbsloser nicht so einfach andere Erwerbslose kennenlernen kann.

Man kann sie nunmal nicht an irgendwas erkennen. Von daher kann es nur dann gelingen, wenn schon bestimmte Strukturen vorhanden sind. Wie z.B. unabhängige Erwerbsloseninitiativen. Solche als einzelner Vereinzelter allein aufzubauen ist nunmal alles andere als einfach. Ich weiß zumindest nicht, wie man das machen könnte. Zudem hat das alles auch sehr viel damit zu tun:

Zitat von: Onkel Tom am 12:55:08 Sa. 25.Oktober 2025Im Prinzip scheitert es daran, das man als Gründer noch kein leckeren Appel in der Hand hat,
den man Elos vor einem Zusammenschluss oder Aktion egal welcher, anbieten kann.

Denn dieser leckere Appel wächst nicht am Baum, sondern entsteht im Kopf des Neuling, wenn er
erfährt, wie Endophingewaltig das ist, nach einer Aktion am Tisch zu sitzen und das Geschehene
reflektiert unter Gleichgesinnten.
Ich finde, das mit dem Appel ist eine sehr schöne und anschauliche Metapher.

Den Appel am Baum bekommt man ja auch nicht einfach nur so. Ohne was dafür zu tun. Man muß ihn ernten. Oder warten, bis er von alleine herunterfällt. Dann kann er aber möglicherweise schon faul sein. Dann war es einfach zu spät.

Die Frage ist doch, wie überzeugt man die Elos, aber auch alle anderen Menschen, daß unbedingt was getan werden muß. Und zwar ganz dringend. Und dann erhält auch jeder seinen wohlverdienten Appel.

Im Grunde möchte doch jeder im Besitz eines leckeren Appels sein. Ein Versuch sollte es wert sein. Einfach machen. Einfach irgendwas probieren. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn ohne was zu tun, kommt man nicht zu seinem Appel. Doch für einen leckeren Appel lohnt sich das doch auf jeden Fall, finde ich.

Zitat von: BGS am 18:12:38 Sa. 25.Oktober 2025P.S.: Die tägliche durchschnittliche Schmarrtphonenutzung liegt hier bei > 4 Std.
Ich habe keine Ahnung, wie es in Deutschland ist. Doch letztendlich macht es keinen Unterschied, ob ich nun auf mein Smartphone glotze oder den Computer nutze. Und ich kann mit Sicherheit sagen, daß es bei mir definitiv sehr viel mehr als vier Stunden sind. Was ich aber auch okay finde. Okay, ich bin erwerbslos. Wenn jemand, der acht Stunden am Tag arbeitet, das auch so handhabt, dann bleibt tatsächlich nicht mehr allzu viel Zeit für andere Dinge. Es hängt somit halt auch immer von der jeweiligen Lebenssituation ab.

Onkel Tom

Diese Solidarisch-Gruppen, die ja unabhängig sind, wären auch als Anlaufstelle ideal,
wenn denn erwerbsloser Besucher auch bereit ist, auch nach seinen Fähigkeiten zu unterstützen.

Die Pest an Erwerbslosenarbeit ist halt, das Beratung und Begleitung zum JC eher als
Dienstleistung falsch aufgefasst wird. Da ist gegenseitiges Geben und Nehmen angesagt,
was ich persönlich auch viel besser finde.
Lass Dich nicht verhartzen !

Wanderratte

Ich finde, da tut sich was mit den Solidarisch-Gruppen. Auch wenn es meiner Meinung nach noch immer viel zu wenige sind. Es braucht halt seine Zeit. Bisher habe ich jedoch den Eindruck, daß diese Gruppen vorrangig in Großstädten vertreten sind. Man muß halt abwarten. Das kann sich ja noch ändern.

Was ich sehr gut finde, ist zudem, daß diese Solidarisch-Gruppen nahezu allumfassend sind. Es geht bei ihnen ja auch noch um andere soziale Themen.

Aber eigentlich ist es doch sehr schade, daß diejenigen, die am meisten Zeit haben (Elos), oftmals die wenigsten Möglichkeiten haben (wegen der Vereinzelung), was zu machen.

Kuddel

Danke an alle für die Antworten.
Es waren gute Denkanstöße.

Nur bin ich noch zu keinem vernüftigen Ergebnis gekommen.

Ich habe das Gefühl, es ist die Frage schlechthin.

Es ist nicht das Problem, daß Repression droht. Wir ändern die Welt nicht, weil wir "keine Zeit" haben. Es geht allen so. Mir auch. Wir haben nun scheinbar alle einen eigenen Knastschließer im Kopf. Der sagt uns, daß wir nicht weg können. Wir haben schließlich keine Zeit.

Heute bin ich schon froh, wenn wir einmal im Monat zu einem Polittreffen zusammenkommen. Früher war ich oft bei Treffen und wenn wir etwas konkretes geplant haben, haben wir uns täglich gesehen. Das ging alles trotz Vollzeitjob.


Wanderratte

Zitat von: Kuddel am 14:25:12 Do. 06.November 2025Heute bin ich schon froh, wenn wir einmal im Monat zu einem Polittreffen zusammenkommen. Früher war ich oft bei Treffen und wenn wir etwas konkretes geplant haben, haben wir uns täglich gesehen. Das ging alles trotz Vollzeitjob.
Woher nimmst Du die Energie?

Ganz ehrlich, ich könnte das nicht. Besonders bei mehrstündiger körperlicher Arbeit bin ich abends einfach platt. Dann leidet auch die Kommunikationsfähigkeit. Ich merke das auch in letzter Zeit mal wieder. Da ist gerade sehr viel zu tun im Garten (auch anstrengende Tätigkeiten). Dann abends noch politisch was machen, selbst wenn ich diese Möglichkeit hätte, ich weiß nicht.

Keine Ahnung, wie es anderen geht. Möglicherweise bist Du ja jemand, der besonders viel Energie hat.

Ansonsten könnte es tatsächlich daran liegen, daß mittlerweile auch sehr viel online möglich ist.

Die Gesellschaft ändert sich und wir uns mit ihr. Generell scheint es ja so zu sein, daß sich die Menschen immer weniger persönlich treffen. Auch mit Freunden oftmals nicht. Das habe ich irgendwo gelesen. Ich weiß aber leider die Quelle nicht mehr.

Kuddel

Zitat von: Wanderratte am 17:56:01 Do. 06.November 2025Woher nimmst Du die Energie?

Ganz ehrlich, ich könnte das nicht. Besonders bei mehrstündiger körperlicher Arbeit bin ich abends einfach platt. Dann leidet auch die Kommunikationsfähigkeit.

Ich bin wohl das Gegenteil eines Energiebündels.

Die unerträglichen Verhältnisse einfach zu schlucken, halte ich nicht aus. Die herrschende Normalität zieht mich nur runter und macht mich krank. Widerstand und Gegenangriff machen mir Spaß. Es funktioniert als Antidepressivum.

Wanderratte

Krass. Also, ich finde das gut, was Du machst. Ich frage mich dennoch, wie man das schaffen kann.

Es ist ja nicht so, daß ich nicht will. Doch wenn ich tagsüber schon sehr aktiv war, dann fehlt mir zumeist einfach die Energie, um abends noch fit und kommunikativ zu sein.

Und es hat absolut nichts damit zu tun, ob mir was Spaß macht oder nicht.

Kuddel

"Es gibt nichts gutes, ausser man tut es!", um es mal mit Erich Kästner zu sagen.

Ich finde die Widerstandskultur hierzulande oftmals recht jammerlappig. Man kann ja von dem System nicht erwarten, daß es uns den Roten Teppich auslegt und uns Zeit und Geld gibt, damit wir es dann bekämpfen können.

Ich habe mal Interviews mit jungen Arbeiterinnen in Südostasien gelesen. Die arbeiteten 6 Tage die Woche 12 Std am Tag in Fabriken. Sie gingen dann noch abends auf Veranstaltungen irgendwelcher gewerkschaftlicher oder kommunistischer Gruppen. Sie wollten raus aus diesem Leben, das für sie fast nur aus Arbeitshölle bestand. Sie wußten, daß es nicht von selbst passiert, sondern daß es nötig ist, zu lernen und sich zu organisieren. Ihre Eltern waren dagegen, daß sie zu diesen Roten gehen. Sie versteckten die Schuhe ihrer Töchter, doch sie gingen dann barfuß zu den Treffen.

Wanderratte

Zitat von: Kuddel am 18:11:55 So. 09.November 2025Ich habe mal Interviews mit jungen Arbeiterinnen in Südostasien gelesen. Die arbeiteten 6 Tage die Woche 12 Std am Tag in Fabriken. Sie gingen dann noch abends auf Veranstaltungen irgendwelcher gewerkschaftlicher oder kommunistischer Gruppen. Sie wollten raus aus diesem Leben, das für sie fast nur aus Arbeitshölle bestand. Sie wußten, daß es nicht von selbst passiert, sondern daß es nötig ist, zu lernen und sich zu organisieren. Ihre Eltern waren dagegen, daß sie zu diesen Roten gehen. Sie versteckten die Schuhe ihrer Töchter, doch sie gingen dann barfuß zu den Treffen.
Das ist sehr beeindruckend.

Sie haben genau das verstanden:

Zitat von: Kuddel am 18:11:55 So. 09.November 2025[...] Man kann ja von dem System nicht erwarten, daß es uns den Roten Teppich auslegt und uns Zeit und Geld gibt, damit wir es dann bekämpfen können.
Hast Du mitbekommen, ob die jungen Arbeiterinnen mit ihrem außergewöhnlichen Engagement was erreichen konnten?

Kuddel

Es ist nur wenige Jahre her, da hat mein bester Kumpel (noch aus Schulzeiten) mich gefragt, ob wir uns mal treffen könnten, um zu quatschen. Ich habe geantwortet, ich hätte "keine Zeit".

Kurze Zeit später hat er sich das Leben genommen.

Das verfolgt mich. Man sollte sehr vorsichtig sein mit dem, was man meint machen zu "müssen" und wofür man Zeit hat oder nicht.

Wanderratte

Das tut mir sehr leid.

Doch ändern kannst Du es nicht mehr. Man macht halt leider Fehler im Leben. Auch wenn es scheiße ist.

So ähnlich ("keine Zeit") geht es mir sehr oft mit meiner Mutter.

Wenn ich auf sie aufpasse, bin ich oftmals sehr ungeduldig und gereizt.

Weil mir alles zu lange dauert, sie kaum noch versteht oder verstehen will, was ich meine und ich dann auch denke, keine Zeit.

Was dann oftmals zu einem heftigen Streit führt. Okay, sie kann von ihrer Art her schon sehr anstrengend sein. Doch hinterher habe ich dann ein schlechtes Gewissen. Gestern auch schon wieder.

Sie ist 90 Jahre alt. Man weiß´halt nie, wie lange sie noch lebt.

Ja, man sollte schon versuchen, sehr sorgsam damit zu sein, was man mit seiner Zeit macht. Hinterher bereut man es vielleicht.

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