Es knallt nicht!

Begonnen von Rudolf Rocker, 09:54:02 Sa. 01.März 2014

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Wanderratte

Man kann sich schon die Frage stellen, warum machen die Menschen so oft einfach alles mit. Obwohl es so nicht sein müsste. Wir könnten in einer ganz anderen Gesellschaft leben.

Zitat von: Kuddel am 10:25:39 Fr. 20.Dezember 2024Ich muß zugeben, mich hat das Lebensgefühl, daß alles unveränderbar ist, fix und fertig gemacht. Man sieht, daß alles immer ungerechter und schlimmer wird, doch es knallt nicht, es gibt keine soziale Explosion. Es geht weiter und weiter und bleibt grau in grau.

So sah es, jedenfalls in Deutschland, jahrzehntelang aus.
Ich kenne dieses Lebensgefühl auch. Doch auch in Deutschland war es irgendwann anders.

Mir kommt es so vor, als wenn immer ein Wechsel stattfindet, zwischen Anpassung und Widerstand. Obwohl die Anpassung schon sehr lange anhielt, ja, erstaunlich lange.

Dass es aktuell gerade die Rechten sind, die das Ruder herumreißen wollen und womöglich auch können, ist äußerst bedenklich. Dass es so schlimm kommen könnte, damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte immer, man hat aus der Vergangenheit gelernt.

Zitat von: Kuddel am 10:25:39 Fr. 20.Dezember 2024Doch der Kapitalismus läuft nicht, wie es manchmal erschien, einfach rund weiter. Er erzeugt selbst immer mehr Konflikte und Widersprüche. Seit einiger Zeit hat es unübersehbar begonnen, zu knallen. Doch nicht so wie erhofft. Der kapitalistische Konkurrenzkampf wird zunehmend militärisch ausgefochten.
Möglicherweise ist der Kapitalismus tatsächlich ein Auslaufmodell. Wenn nichts mehr so richtig funktioniert, scheint es nur noch einen Ausweg zu geben: Krieg. Da man somit sehr gut vertuschen kann, dass sich der Kapitalismus in einer Krise befindet. Krieg ist also kein Widerspruch an sich.

Manchmal denke ich, der Kapitalismus ist gerade dabei, sich selbst zu zerstören. Ein Wachstum ohne Ende kann nunmal nicht funktionieren. Die Natur sollte hier Vorbild sein. Auch ein Baum kann nur begrenzt in die Höhe wachsen. Man kann Grundprinzipien halt nicht einfach so ignorieren. So sehr sich das die Kapitalisten auch wünschen.

Doch, was dann? Vermutlich beginnt alles wieder von Vorne. Es sei denn, die Menschen wollen dies verhindern, indem sie einfach nicht mehr mitmachen.

Zitat von: Kuddel am 10:25:39 Fr. 20.Dezember 2024Und die sozialen Spannungen wurden von den Rechten aufgegriffen. Es kam zu rechten Revolten und weltweit zu rechten Machtübernahmen.

Das war kein erfrischendes Knallen voller Hoffnung auf eine bessere Welt, der Lärm der Kriege und der Faschos ist einfach doppelt deprimierend.

Man sollte nicht glauben, alles sei festgeschrieben und nun geht es so weiter. Politischer Umschwung, Aufstände und Revolten sind nicht vorhersehbar. Sie finden spontan und überraschend statt.
Wenn sich unsere Welt zum Negativen hin verändert, kann man zumindest die Hoffnung haben, dass es auch wieder besser werden kann. Auch eine positive Veränderung ist somit möglich. Man muss ganz einfach damit anfangen.

Zitat von: Kuddel am 10:25:39 Fr. 20.Dezember 2024Der Teamsters Streik von Amazonbeschäftigten in der Vorweihnachtszeit ist in meinen Augen nicht nur irgendein Arbeitskampf, sondern ein Meilenstein, an dem sich ein Stimmungswechsel in der US-Arbeiterschaft andeutet.
Warum funktioniert etwas in den USA, aber hier nicht? Okay, Trump hat die Wahl gewonnen. Soziale Probleme sind in den USA enorm.

Merken die Menschen jetzt etwa, dass Trump doch nicht so toll ist. Dass auch er nicht in der Lage sein wird, die gegenwärtige soziale Realität in den USA zum Positiven hin zu verändern.

Man wird sehen, was passiert, wenn CDU und AfD gemeinsam hier die Wahl gwinnen. Vielleicht kapieren die Menschen dann endlich, was los ist, sollte es tatsächlich dazu kommen. Wovon man leider ausgehen muss.

Mir gefällt dieser Gedanke aber überhaupt nicht.

Die Frage ist ja auch, warum es in Deutschland so sehr in Richtung "rechts" geht. Denn es müsste so nicht sein. Ich gehe davon aus, dass es auch damit im Zusammenhang steht, dass immer wieder behauptet wird, SPD und Grüne seien politisch links. Die Linken haben somit automatisch einen eher negativen Ruf, egal, was sie tun oder vorhaben. Daran sieht man aber auch sehr deutlich, dass viele Menschen oftmals eine komplett falsche Vorstellung von dem haben, was politisch hier gerade so los ist. Die Rechten freuen sich selbstverständlich darüber.

Aber, wie man sehr gut sehen kann, geht es auch anders. Nicht alles ist nur negativ.

Mittlerweile wird auch bei Amazon Deutschland gestreikt. Doch den Journalisten scheint das zumeist nicht besonders zu interessieren:

Zitat von: ManOfConstantSorrow am 17:43:25 Fr. 20.Dezember 2024Gleichzeitig wird auch bei Amazon in Deutschland gestreikt.
In unseren Medien findet man eher Berichte darüber, was Bearbock, Scholz und Merz zu Weihnachten essen.

counselor

ZitatMan kann sich schon die Frage stellen, warum machen die Menschen so oft einfach alles mit. Obwohl es so nicht sein müsste. Wir könnten in einer ganz anderen Gesellschaft leben.

Das und die Rechtsentwicklung liegt daran, dass die Menschen kein bzw nur ein schwach entwickeltes Klassenbewusstsein haben. Die Avantgarde hat die Aufgabe, die Menschen zum Klassenbewusstsein zu erziehen. Dabei wird sie durch mannigfaltige Unterdrückungsmaßnahmen behindert. Und die Massenmedien tun durch irreführende Berichterstattung ihr übriges dazu, das Klassenbewusstsein zu zersetzen.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Wanderratte

Ich denke nicht, dass man unbedingt ein Klassenbewusstsein benötigt, um Missstände zu erkennen und etwas dagegen tun zu wollen. Es geht auch ohne. Man muss sich doch nur die Welt anschauen, um zu erkennen, dass vieles nicht so ist, wie es sein sollte. Hierzu ein Beispiel aus meinem Leben:

Ich weiß noch genau, wie es war, als in den 90er Jahren seitens der USA der Irak Krieg losging. Es war hier mitten in der Nacht. Eine Freundin informierte mich und sagte, dass in der Innenstadt eine spontane Demo stattfinden soll. Ich rannte also in das Schlafzimmer meiner Eltern, weckte diese, erzählte ihnen voller Panik, dass Krieg sei und dass ich jetzt sofort zur Demo gehe. Meine Eltern schauten mich nur verständnislos an. Das war mir egal, weg war ich.

Um die Gefahr eines Krieges zu verstehen, war kein Klassenbewusstsein notwendig. Ich war sehr besorgt und hatte auch Angst um mein Leben und das Leben meiner Freunde.

Dass mittlerweile Krieg weniger als Bedrohung wahrgenommen wird, muss also andere Ursachen haben. Das mit dem Krieg ist jedoch nur ein Beispiel. Ich könnte noch weitere Missstände aufzählen.

Mir ist mittlerweile schon klar, dass ein Klassenbewusstsein von Bedeutung ist und vieles einfacher macht. Gerade auch, was betriebliche Kämpfe angeht.

Dennoch hängt die Inaktivität sehr vieler Menschen meiner Meinung nach nicht mit einem fehlenden Klassenbewusstsein zusammen.

Selbst ein Krieg in Europa, die Gefahr eines 3. Weltkriegs, die Gefahr eines Atomkriegs werden oftmals mit einer Ruhe wahrgenommen, die ich beängstigend finde. Mit einem fehlenden Klassenbewusstsein kann ich das nicht erklären.

Und wer gehört überhaupt zur Klasse? Du meinst vermutlich die Arbeiterklasse, denke ich. Doch kann ich mich als Akademiker überhaupt zur Arbeiterklasse zählen? Ich denke, eher nicht.

Dass die Massenmedien ein großes Problem darstellen, sehe ich auch so.

counselor

Das führt zu der Frage, was Klassenbewusstsein ist. Ich beziehe mich einmal auf Marx. Laut Karl Marx ist Klassenbewusstsein eine Erkenntnis, die der Schlüssel zur Auslösung einer Revolution ist, die ,,eine Diktatur des Proletariats errichten und es aus einer lohnabhängigen, besitzlosen Masse in die herrschende Klasse verwandeln würde".

Daher hast Du Recht: ein Klassenbewusstsein in diesem engen Sinne ist nicht notwendig, um gegen gesellschaftliche Mißstände zu demonstrieren.

Menschen gehen aber auf Demonstrationen, weil sie empört über bestimmte Entwicklungen sind und eventuell Forderungen haben. Dh, Menschen die zu einem Thema demonstrieren gehen, haben ein gewisses Problembewusstsein (zB ein gewisses Umweltbewusstsein betreffend des Klimawandels).

Wenn heute zB kaum jemand wegen des Ukraine-Kriegs auf die Straße geht, bedeutet das, dass das Problembewusstsein in diesem Punkt noch nicht hoch genug ist. Die Avantgarde könnte jetzt eingreifen und die Menschen über die Ursachen des Krieges und die Gefahr seiner Ausweitung zum Atomkrieg hinweisen. Dagegen arbeiten die Massenmedien mit ihren ständigen Rechtfertigungen der Waffenlieferungen.

ZitatUnd wer gehört überhaupt zur Klasse?

Das Proletariat ist die arbeitende Klasse - die Leute, die unter dem Kapitalismus Arbeitskraft bereitstellen, die aber nicht ihre eigenen Produktionsmittel besitzen, und deswegen ihre Arbeitskraft an diejenigen verkaufen müssen, die die Produktionsmittel besitzen: die Bourgeoisie. Als die Eigentümer der Produktionsmittel ist die Bourgeoisie die herrschende Klasse im Kapitalismus. Siehe  hier

Jedenfalls sind die Langzeitarbeitslosen meiner Meinung nach besonders unterdrückt.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Wanderratte

Warum sollen nach dieser Theorie Deiner Meinung nach die Langzeitarbeitslosen besonders unterdrückt sein? Immerhin halten sie sich doch aus dem Produktionsprozess raus. Unabhängig davon, ob das nun freiwillig geschieht oder nicht.

Und was ist mit den Akademikern? Ich wollte eigentlich Redakteur werden. Doch die dafür notwendigen Produktionsmittel besitzen auch hier andere. Andererseits sind Redakteure keine Arbeiter und gehören somit nicht zum Proletariat. Was nun?

counselor

ZitatWarum sollen nach dieser Theorie Deiner Meinung nach die Langzeitarbeitslosen besonders unterdrückt sein?

Weil sie wenig Geld haben, am Rand der Gesellschaft stehen und ständig in den Medien über sie gehetzt wird, indem sie als "faul" verunglimpft werden.

Redakteure würden wohl nach marxistischer Theorie zu den kleinbürgerlichen Zwischenschichten zählen und wären mögliche Bündnispartner bei der Revolution.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Es ist nicht alles nur getrieben von Elend und Not. Das Leben besteht nicht nur daraus zu essen und zu schlafen und sich gegebenenfalls fortzupflanzen.

Auch wenn man ökonomisch halbwegs abgesichtert ist und keine Not befürchten muß, kann das Leben als trist, langweilig und öder quälend wahrgenommen werden. Ja, das Leben kann unerträglich sein, auch wenn es einem an nichts fehlt, wie es so schön heißt.

Es gibt alle möglichen Sehnsüchte, eine Suche nach unbekanntem und ein Hunger nach Abenteuern, Lust und Gefahr.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Das heißt nicht, man möchte von möglichst vielen gemocht und geliebt werden. Der Motor vieler Jugendkulturen ist das genaue Gegenteil: Sie finden die Mehrheit der Menschen einfach Kacke. Sie möchten nicht so sein und sie wollen von ihnen gefürchtet oder gehaßt werden.

In der heutigen Zeit sind die Jugendsubkulturen schon längst eingehegt und Teil des Systems.

Irgendwie marschiert die Welt unaufhaltsam ihren Weg on the road to nowhere und ist durch nichts und niemanden aufzuhalten. In den 60ern gab es eine Phase, in der eine Vorstellung von einer Änderung der Welt, der Gesellschaft, der Zukunft möglich ist. Dieser Hauch von Revolution reißt Menschen mit, gibt Kraft und ein Lebensgefühl, in dem das Leben etwas echtes ist, ein Leben, das man gern lebt.

Das kam ansatzweise nochmal in der Jugendrevolte Anfang der 80er hoch.

Das ist schon lange passé. Was Linke heute so versprechen kommt so gewollt und gutgemeint rüber, doch es reißt nicht mit. Man hat nicht mehr das Gefühl, daß man die Machtverhältnisse ändern kann.

Und nun erscheint am Horizont eine rechte Revolte. Die Rechten vermitteln das Gefühl, daß es doch knallen kann und die Welt nicht so weiterlaufen muß, wie sie gerade läuft. Und sie umgibt die Aura, siegen zu können. Und wenn man sich die Wahlumfragen ansieht, kann man nur sagen, daß sie auf einem guten Weg sind. Sie können tatsächlich die Welt und den Lauf der Dinge erschüttern.

Dieses Gefühl ist attraktiv. Wer möchte nicht Teil der Veränderung der Welt sein?

Sie fragen nicht lange danach, wie es in einer Welt danach aussehen wird. Sie kriegen ihre Kicks daraus, dann ihren Frust an denjenigen auszulassen, die sie schon immer nicht abkonnten. Die Ausländer. Die Loser. Die Linken, von denen sie sich gedemütigt fühlten, weil sie gegen ihr intelektuelles Gequatsche nicht gegenan stinken konnten. Dann wird heimgezahlt. Erst einmal interessiert es nicht, daß all die Probleme, wie ihre eigenen Kackjobs, ihre soziale Situation, die Altersarmut, die immer schlimmer werdenden Extremwetter, nicht gelöst werden.

Nach uns die Sintflut.

Wanderratte

Zitat von: Kuddel am 17:39:43 Mi. 20.August 2025Es ist nicht alles nur getrieben von Elend und Not. Das Leben besteht nicht nur daraus zu essen und zu schlafen und sich gegebenenfalls fortzupflanzen.

Auch wenn man ökonomisch halbwegs abgesichtert ist und keine Not befürchten muß, kann das Leben als trist, langweilig und öder quälend wahrgenommen werden. Ja, das Leben kann unerträglich sein, auch wenn es einem an nichts fehlt, wie es so schön heißt.

Es gibt alle möglichen Sehnsüchte, eine Suche nach unbekanntem und ein Hunger nach Abenteuern, Lust und Gefahr.

[...]

Was Linke heute so versprechen kommt so gewollt und gutgemeint rüber, doch es reißt nicht mit. Man hat nicht mehr das Gefühl, daß man die Machtverhältnisse ändern kann.
Ich denke, das sind Sehnsüchte und Bedürfnisse, die mehr oder weniger wohl jeder kennt. Der eine mehr, der andere weniger. Unabhängig vom ökonomischen Status. Geld und Reichtum bedeuten halt nicht zwangsläufig, glücklich zu sein.

Die politisch Rechten schaffen es aber irgendwie, diese Sehnsüchte und Bedürfnisse zu befriedigen.

Dabei sollten es doch vielmehr die politisch Linken sein. Doch möglicherweise haben sie sich schon zu weit von der Bevölkerung entfernt.

Ich frage mich immer wieder, woran das liegt. Ich meine, es sind doch gerade die politisch Linken, die eine andere, bessere Welt wollen. Doch warum sind es zumeist immer nur die politisch Rechten, die so gut bei den Menschen ankommen? Warum können die politisch Linken so wenig überzeugen? Dabei sind sie es doch, die vor allem auf der Seite derjenigen stehen, für die der Kapitalismus eben keine Glückseligkeit bedeutet. Und das betrifft nunmal die Mehrzahl der Menschen.

Ich denke nicht, daß es allein die Massenmedien sind. Doch was ist es dann? Ich finde es so schwer, darauf eine Antwort zu finden. Dabei wäre doch alles so offensichtlich.

Tiefrot

ZitatIch denke nicht, daß es allein die Massenmedien sind. Doch was ist es dann? Ich finde es so schwer, darauf eine Antwort zu finden. Dabei wäre doch alles so offensichtlich.
Vielleicht erzähle ich Unsinn, aber unter diesen Voraussetzungen
entsteht der Wunsch nach einem "starken Führer". Die Rechte tickt ebenso.
Ist für mich daher kein Wunder, das die so einen Zulauf haben.
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet die asozialen Medien ab !

Wanderratte

Du erzählst ganz bestimmt keinen Unsinn.

Ich denke ja auch, daß es so ist. Ich weiß nur noch nicht, ob das die Hauptursache für diesen ganzen Mist ist.

Und ich verstehe diese Menschen nicht. Was will man denn mit einem "starken Führer"?

Auf den kann ich nämlich sehr gut verzichten. Ich denke dann doch viel lieber selbstständig. Haben diese Menschen denn überhaupt keine Selbstachtung mehr? Anders kann ich mir das nämlich nicht erklären.

Doch trotz alledem denke ich noch immer, daß die Massenmedien die Hauptursache für den Rechtsruck sind. Ich weiß aber auch nicht, ob ich damit richtig liege.

Irgendwie ist alles sehr kompliziert geworden. Dabei könnten es doch auch die politisch Linken sein, die das Sagen haben.

Denn eines steht nicht zur Debatte, sehr viele Menschen sind mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen sehr unzufrieden. Sie sind auch sehr unzufrieden mit dem Kapitalismus. Sie wissen es nur noch nicht.

Tiefrot

Bin ich komplett dabei.

Wir hatten allerdings kurz nach dem WKII fast so etwas, wie McCarthy in den USA.
Also alles, was links der CDU ist, ist bäh und brandgefährlich.
Auch gut belegbar am Verbot der KPD. Die hatten damals schon die Hosen randvoll.
Das bestimmt nicht nur, weil die damalige KPD sowas wie eine Sowjetunion in D-Land wollte.

Was an linkem Spektrum übrig geblieben ist, hat es nie so wirklich
zu Relevanz gebracht, oder ist Richtung Rechts abgedriftet, siehe SPD & Grüne.
Siehe Hartz IV und Geldsäcke hätscheln, nur als Eckpunkte.

Liest sich beschissen, aber es gibt kein relevantes linkes Spektrum mehr.
Die SPD schafft es nicht, sich von der Hetze gegen untere Schichten zu lösen,
die Grünen verbeissen sich darin uns vorzuschreiben, wen wir lieben, was wir zu essen
und wie wir uns fort zu bewegen haben, und von der Linkspartei hört man fast gar nichts.

Die anderen sind zu klein, unbekannt und sich zudem noch spinnefeind.
Wie willst du unter solchen Voraussetzungen auf politischer Ebene was verändern?
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet die asozialen Medien ab !

Wanderratte

Naja, dann vielleicht eher außerparlamentarisch?

Doch ich habe die Linkspartei noch lange nicht aufgegeben.

Das Problem ist wohl zuvorderst, daß wir einfach viel zu wenige sind. Und diese wenigen Menschen verteilen sich mehr oder weniger auf mehrere kleine Miniparteien.

Es muß sich unbedingt was ändern. Die Frage ist halt, wie.

Die Hoffnung, die ich habe, ist, daß neuerdings sehr viele Menschen in die Linkspartei eingetreten sind. Die wollen bestimmt was anders haben. Es ist halt nunmal leider ein sehr langsamer Prozeß.

Kuddel

Ich frage mich auch ständig, wie es möglich ist, daß Leute sich gegen ihre eigenen Interessen entscheiden.

Menschen sind verdammt unterschiedlich. Es gibt einige, die sind in der Lage ganz trocken die Lage zu analysieren und diesen Zustand klar zu beschreiben.

Das ist nicht bei jedem so. Viele sind sich viel zu unsicher so etwas schwieriges wie "Politik" zu verstehen. Man hält sich lieber an Leute, die als Fachleute gelten, Politiker, vielleicht auch Promis. An denen orientiert man sich. Da man sich als Einzelner, als Einzelne, so machtlos und unbedeutend fühlt, sieht man sich lieber als Teil einer Gruppe. Das kann eine Partei sein oder auch eine Bewegung. Dort fühlt man sich stärker und ein wenig geschützt.

Mir kamen dazu zwei Menschen in den Sinn, die Paradebeispiele sind.

Die erste kenne ich aus chefduzen-Zusammenhängen. Eine supernette Frau, inzwischen im Rentenalter, die sich ihr Leben lang in der linksalternativen Szene bewegt hat, an vielen Demos teilgenommen und auch feministisch betätigt hat. Sie hatte einen gewissen Hang zu Esokram, war aber voll in Ordnung.

Die zweite kenne ich durch mein Interesse an der Transportbranche, eine LKW Fahrerin, kämpferisch und mit einer gewissen kriminellen Ader, hatte schon im Knast gesessen, und fühlte sich in linksradikalen Kreisen wohl, kannte die inneren Strukturen der Hafenstrasse und zeigte eine Bewunderung für die RAF.

Das waren zwei coole Frauen, die im Rahmen der Querdenkerbewegung auf andersartige Pfade gekommen sind.

Die erste landete direkt bei den Querdenkern, wo sie sich wieder in ihre besten Zeiten zurückversetzt fühlte, die Zeiten der Anti-AKW- und Anti-Nato-Doppelbeschluß-Großddemos.

Es waren riesige Demos der Querdenker, was wir Linke wahrscheinlich verdrängt haben. Es waren Hunterttausende auf den Beinen, wobe vieles an die Demos von damals erinnerte. Man kämpfte gegen den medialen Mainstream und durchbrach Polizeiketten. Und die von ehemals Linken Kulturfatzkes (die inzwischen rechtsaußen angekommen sind) gebastelte  Zeitung "Demokratischer Widerstand" glich unserer Protestkultur damals. Das Layout der Zeitung erinnert an die frühen Tage der taz. Bilder, Layout, Wortwahl, es haut alles hin, wir tun uns zusammen gegen einen autoritär werdenden Staat, gegen einen Überwachungs- und Polizeistaat. Alles irgendwie wie früher. Daß sich da eine Querfront auftut, Rechte mitmischen und die Bewegung insgesamt behutsam auf einen Weg nach rechts geführt wird, geht bei der euphorischen Stimmung zehntausender gegen den unterdrückenden Staat irgendwie unter.

Ja, unsere ehemalige chefduzen-Mitstreiterin ging darin auf, sie erlebte wieder den Schwung und das Gemeinschaftsgefühl von damals. Und Diese Bewegung vermittelte wirklich so etwas wie eine politische Sprengkraft gegen die herrschenden Verhältnisse. Daß ein Sieg am Ende kein demokratischer Umsturz eines totalitären Systems hervorbringen würde, sondern eine Völkische Diktatur mit Volksgerichtshof, wissen nur die Faschos, die darauf hinarbeiten, während die Ex-Linken noch in ihren Phantasien des demokratischen Widerstands schwelgen. Unsere ehemalige Mitstreiterin hat da wohl ihr politisches und menschliches Zuhause gefunden, vielleicht hat sie auch wirklich nette freundschaftliche Kontakte gefunden, die sie vielleicht in dem Alternativmillieu (ich weiß, sie war gerade in einem Alternativprojekt abgezockt worden) nicht mehr hatte.

Und die Truckerin hat nicht lang um den heißen Brei geredet. Sie meinte, damals war noch richtig was los, die großen Demos waren richtig militant und manchmal konnte man sich gegen die Staatsmacht durchsetzen und Bullen in die Flucht schlagen. Die Hafenstraße konnte man den Spekulanten und dem Staat entreißen. Es gab neben der RAF noch weitere bewaffnete Gruppen wie die RZ. Sie selbst hatte wieder Ärger und sie schien gerade ihre Wohnung zu verlieren. Ich empfahl ihr einen Besuch bei Solidarisch in Gröpelingen, um sich beraten zu lassen. Sie fand das alles zu klein und zu popelig. Ach, die Versuche mit 20 Leuten eine Zwangsräumung zu verhindern, das sei doch lächerlich. Letztendlich ließ sie durchblicken, daß die Linken einfach keine ernstzunehmende politische Gegenbewegung mehr darstellten, also was soll der Scheiß!?! Sie sah die einzige bedrohliche, also wirkungsvolle, Zusammenrottung bei den Rechten.

Das ist alles viellecht deprimierend aber ehrlich.

Man will nicht einfach ein richtiges Argument auf Tasche haben, man möchte lieber aufgehoben sein in einer Gruppe oder Bewegung, die Stärke ausstrahlt.

Damit kann die Linke Bewegung im Moment wahrlich nicht punkten.

Kuddel

Es gibt politsche Umbrüche, jedoch anders als erwartet.

ZitatSoziologe Oliver Nachtwey: ,,Es gibt eine Lust, alles niederzubrennen"

Hier im Forum ist es schon lange Thema. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen so alternativlos und so unendlich quälend. Es geht nicht unbedingt um konkrete Unrecht. Es ist dieser Alltag, der sich niemals ändert und an allen Entwicklungen, die sich ergeben oder egeben könnten, haben wir nichts beizutragen. Wir dürfen uns nur einfügen und dem Lauf der Dinge unterwerfen.

Menschen, die Zweifel und Sehnsüchte in sich tragen, halten diese Unabänderlichkeit nicht aus. Man wünscht sich einen Knall, man möchte, daß diese langweilige und quälenden Scheiße zu Staub zerfällt.

Aber ehrlichgesagt versprechen die Faschos da mehr. Sie wollen die herrschenden Verhältnisse in Schutt und Asche legen. Ein großteil der Linken, oder der "linksliberalen" wollen nur "unsere Demokratie" und "unsere Verfassung" schützen. Ich bin von beiden kein großer Fan. Ich will schon all unsere Rechte und Mitsprachemöglichkeiten verteidigen, aber die herrschenden kapitalistischen Verhältnisse widern mich an, auch dann, wenn der Stempel "demokratisch" drauf gesetzt wurde. Ja, die Vorstellung der Faschos, alles müsse erst einmal zerlegt werden, damit etwas Neues entstehen kann, ist mir erstmal nah, sogar sympathisch. Nur die Vorstellungen der Faschos von einer neuen Gesellschaft sind der absolute Horror. Unmenschlich und inakzeptabel. Das sollen sie nicht ausprobieren dürfen. Das muß im Keim erstickt werden ohne lange zu fackeln.

Der Soziologe Nachtwey ist ein Idiot, er findet, daß der Neoliberalismus über die Stränge schlägt und möchte einen etwas weniger unmenschlichen Kapitalismus, als wenn sowas möglich wäre. Entsprechend altbacken und dumm sind seine Lösungsvorschläge:
ZitatMan darf die Verteidigung der Demokratie nicht allein der Politik überlassen. Es braucht Engagement – in Gewerkschaften, in Vereinen, in lokalen Initiativen.
https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/oliver-nachtwey-warnt-vor-krise-des-liberalismus-in-deutschland-94025114.html

counselor

ZitatAber ehrlichgesagt versprechen die Faschos da mehr. Sie wollen die herrschenden Verhältnisse in Schutt und Asche legen.

Die Faschisten wollen den Kapitalismus retten. Sie sind der Ansicht, dass "Zecken" den deutschen Volkskörper aussaugen und zu den ganzen Übeln führen. "Zecken" sind Linke, Homosexuelle, Juden etc. Diese muss man nach Ansicht der Faschisten vernichten, damit alles wieder gut wird und der Kapitalismus seinen Dienst versieht. Dazu bedarf es eines großen Führers.

Worauf ich hinaus will: Die Faschisten wollen die herrschenden Verhältnisse mittels Terror stabilisieren.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

@counselor, du bringst es auf den Punkt.

Genau so ist es es. Menschen und Wahlen sind stark von Emotionen gesteuert. Es wählen die Leute Parteien, die nicht ihre Interessen vertreten. Sie schießen sich selbst ins Knie.

Die Medien, die Wahlprognosen und die Social Media Blasen suggerieren einen Erdrutsch bei den Wahlen, der das Gefühl vermittelt, daß man doch etwas bewirken kann. Es wird das Bedürfnis aller befriedigt, die der herrschenden Politik einen Denkzettel verpassen wollen oder die ein Rachebedürnis gegen alles hegen, was ihnen nicht in den Kram paßt.

Ja, die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber.

Die Emotionen überwiegen und das Hirn wird zugeschüttet mit ein paar simplen, dummen Phrasen. Die lauten in etwa, "wenn es unserer Wirtschaft gut geht, geht es auch uns gut" und "Migration ist unser größtes Problem".

Uns ist es nicht gelungen, klarzumachen, daß die Bevölkerung auf Lügen hereinfällt. Sie wählen keine radikale Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse, sondern sie wählen die herrschenden Verhältnisse im Turbogang.

Man mag denken, sollen sie doch sehen, was dabei herauskommt. Ihnen wird es nach einem Rechtsruck schlechter gehen als heute. Sie werden sehen, daß die linken Kritiker doch Recht hatten. Doch wenn es autoritäre, faschistische Verhältnisse gibt, ist ein Weg zurück kaum noch möglich. Das Regime hat dann Strukturen des Terrors etabliert, um Kritik und Proteste klein zu halten, bzw. unmöglich zu machen. 

counselor

Der Weg zur Revolution in Deutschland

Deutschland kommt nicht mehr aus der Krise. Die herrschende Klasse hat keine Möglichkeit, den deutschen Kapitalismus zu stabilisieren. Während die Merz-Regierung die Krise auf die Massen abschieben will, fürchtet sie sich gleichzeitig vor einer Explosion des Klassenkampfes. Die Führungen der DGB-Gewerkschaften und der SPD stützen das System, indem sie den Klassenkampf blockieren und die Kürzungspolitik und Deindustrialisierung mittragen. Daraus gewinnt die AfD, weil nur sie die Wut der Massen auf das Klassensystem demagogisch auffängt. Der Aufstieg der AfD sorgt für wachsende Ängste vor Faschismus. Die Linkspartei möchte einen Ausweg aus aufzeigen, aber ihre Strategie heißt: Demokratie retten. Damit stellt sie sich auf die Seite der Regierung und spielt dieselbe Rolle wie die Führungen aus SPD und DGB. Kommunisten wiederum kämpfen für die sozialistische Revolution. Wie muss dieser Kampf heute in Deutschland geführt werden?

Abschlussreferat vom Karl-Marx-Seminar 2025

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