Ärzt_innen - Mangel, Stadt- und Landarztmangel

Begonnen von Frauenpower, 20:16:50 Di. 15.Februar 2022

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Frauenpower

In Stuttgart-Nord gibt es ab Mitte März 2022 keinen Kinderarzt / - ärztin mehr. Der noch derzeitig praktizierende Arzt soll acht  Jahre lang erfolglos nach einem Nachfolger gesucht haben.
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/kinderarzt-ohne-nachfolger-stuttgart-100.html

Und da soll ein cdu'ler nochmal über Planwirtschaft schimpfen... Wo hierzulande die Anzahl von Ärzt_innen am Ort die Bedarfsplanung regelt (und es hinter und vorne nicht reicht laut Dr. Jansen)

dagobert

Bei Psychotherapeuten sieht es auch düster aus.
Über den Sinn von Petitionen mag man geteilter Meinung sein, aber hier steht einiges an Hintergrundinfos drin, wo einem echt das  :Q kommt:
https://www.change.org/p/chancengleichheit-für-junge-psychotherapeut-innen-für-eine-fairere-kassensitzvergabe-jensspahn-kbv4u-kvno-aktuell/
"Sie haben die unglaubwürdige Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln! Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volke das Letzte daran gelegen sein wird, nicht mit ihnen verwechselt zu werden."
Thomas Mann, 1936

Nikita

Zitat von: dagobert am 21:38:01 Di. 15.Februar 2022
Bei Psychotherapeuten sieht es auch düster aus.
Über den Sinn von Petitionen mag man geteilter Meinung sein, aber hier steht einiges an Hintergrundinfos drin, wo einem echt das  :Q kommt:
https://www.change.org/p/chancengleichheit-für-junge-psychotherapeut-innen-für-eine-fairere-kassensitzvergabe-jensspahn-kbv4u-kvno-aktuell/

Das hat einen Fullquote verdient:

"Hallo, wir sind Elena, Michelle, Susanne, Felix und Niklas und hoffen auf euren Einsatz für mehr Generationengerechtigkeit im Gesundheitssystem! Wir sind Psychotherapeuten (oder werden es gerade) aus Köln und stehen nun nach einer langen und kostspieligen Berufsausbildung vor dem Eintritt ins Berufsleben. Dabei sind wir von der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems entsetzt.  Was wir vorfinden ist ein System, in dem sich Einzelne auf unkollegiale Weise an anderen bereichern und ihnen die Chancen nehmen!

Hintergrund ist dabei der Erwerb einer Abrechnungserlaubnis mit den Krankenkassen (sog. Kassensitz), den Therapeut*innen brauchen um gesetzlich versicherte Patient*innen zu behandeln. Die Preise für diese Kassensitze erleben gerade eine regelrechte Preisexplosion, die es Berufseinsteiger*innen fast unmöglich macht, einen solchen zu ergattern. Ein Grund dafür ist der Umstand, dass einzelne Therapeut*innen mehrere der wenigen Kassensitze besitzen und das System möglichst gewinnbringend für sich ausnutzen. Gleichzeitig fehlt es an rechtlichen Maßnahmen, die der Preisbildung entgegenwirken. Dabei sind Therapeut*innen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status am stärksten betroffen.

Bevor wir diesen komplizierten Sachverhalt weiter aufklären wollen, stellen wir euch hier erstmal unsere Forderungen vor:

Beschränkung der Anzahl von Kassensitzen pro Psychotherapeut*in auf einen Sitz
Deckelung der Preise für einen Kassensitz

Für die psychotherapeutische Behandlung von gesetzlich versicherten Patient*innen braucht man neben der Approbation als Psychotherapeut*innen die Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), den sogenannten Vertragstherapeutensitz. Dieses System wurde 1999 eingeführt und die Anzahl der Sitze auf die Anzahl der damals existierenden Psychotherapeut*innen begrenzt. Jeder Psychotherapeut erhielt kostenfrei einen Sitz. Noch heute gilt, wenn alle Sitze in einem Gebiet vergeben sind, besteht Vollversorgung. Zu beachten ist also, dass diese Versorgung sich nicht an dem Bedarf im Sinne der Anzahl von Patient*innen in einem Gebiet orientiert, sondern an der Anzahl von Therapeut*innen, die es vor 20 Jahren in diesem Gebiet gab.

Ist die Vollversorgung, wie es in den meisten Ballungsräumen in Deutschland der Fall ist, erreicht, können Vertragstherapeutensitze nur dann übernommen werden, wenn es Therapeut*innen gibt, die ihren Sitz abgeben. An diese bezahlen die übernehmenden Psychotherapeut*innen einen immer größeren Betrag, welcher überwiegend von Angebot und Nachfrage beeinflusst wird. Dabei können die abgebenden Therapeut*innen maßgeblich mitentscheiden, wer ihren Sitz übernimmt. Die KV steckt hierbei den Rahmen ab, ermittelt eine Liste mit geeigneten Bewerbern und der sogenannte Zulassungsausschuss trifft die endgültige Entscheidung. Jedoch können abgebende Therapeut*innen einen Favoriten vorschlagen. In der Praxis wird dieser Vorschlag auch meistens angenommen. Ein zusätzliches Mittel zur Einflussnahme ist, dass die Sitzinhaber*innen selbst mit möglichen Mitbewerbern in Kontakt treten können. In der Auswahl der Empfehlungen ist oft die Zahlungsfähigkeit der Kandidat*innen der ausschlaggebende Faktor. Die Konsequenz sind steigende Preise. So ist in Köln die Übernahme eines halben (!) Sitzes für 85.000 Euro mittlerweile als gutes Angebot anzusehen. Selbst außerhalb, 30 Min von Köln entfernt, reichen 70000 Euro für einen halben Kassensitz nicht aus.

Dabei ist es aus Sicht der übernehmenden Therapeut*innen oft gar nicht nachvollziehbar, wodurch sich dieser Betrag rechtfertigt. In der Regel werden weder Gerätschaften, noch Praxisräume oder ein Patientenstamm übernommen. Auf Grund des hohen Bedarfs an Psychotherapie in Deutschland fällt die Patientenakquise auch ohne Unterstützung des Vorgängers nicht schwer. Inwiefern Praxisinhabende einen Gegenwert erschaffen haben, der einen so hohen Kaufpreis rechtfertigt, ist nicht ersichtlich.

Diese Preise werden weiter durch den Umstand in die Höhe getrieben, dass es immer mehr Therapeut*innen gibt, die im Besitz mehrerer Kassensitze sind. Zwar können Therapeut*innen offiziell nur einen Sitz halten, sich jedoch bis zu vier Sitze kaufen, solange sie auf den übrigen Sitzen approbierte Psychotherapeut*innen anstellen. Des Weiteren können auch Medizinische Versorgungszentren (MVZs) gegründet werden, wodurch noch mehr Sitze erworben werden können. In der Realität entstehen so immer mehr einzelne ,,Big Player", die eine hohe Anzahl von Therapeut*innen beschäftigen. Auf diesen Angestellten lastet häufig der Druck, möglichst viel Umsatz zu generieren und dies oft auch auf Kosten der Patient*innen. Patient*innen werden oft als reine Finanzobjekte gesehen, es gibt häufig Anweisungen, Erstgespräche so kurz wie möglich zu halten und Testungen möglichst oft abzurechnen, auch wenn es gar keine Aussichten auf einen Therapieplatz gibt. Teilweise arbeiten die Inhaber*innen dieser Praxen nicht mehr als Therapeuten*innen sondern allein als Manager der Praxen.

Vor allem frisch approbierte Therapeut*innen leiden unter den aktuellen Regelungen, da sie nach einer langjährigen und kostspieligen Ausbildung oft nicht die Mittel haben, in diesem Bieterwettbewerb gegen die Etablierten der Branche zu bestehen. Zudem schaden die die hohen finanziellen Hürden auf dem Weg zum Kassensitz der Diversität unter den Therapeut*innen. Dabei wäre genau diese Diversität unter den Behandlern für Patient*innen sinnvoll. Anstatt weitere Hürden aufzustellen, ist es dringend notwendig diesen Entwicklungen entgegenzuarbeiten!

Insgesamt empfinden wir das aktuelle System als strukturell unfair und nicht nachvollziehbar. Nicht erst seit Ausbruch der Corona-Epidemie verschärft sich die Debatte darüber, ob ein wettbewerbs- und profitorientiertes Gesundheitssystem das ist, was unserer Gesellschaft gerecht wird. Neben dem Sparen an Personalkosten, dem ,,Aktienhandel" mit Kassensitzen, sind es oft auch die Patient*innen und Kassen selbst, die darunter leiden, dass oft das Maximum an Abrechnungsmöglichkeiten ausgeschöpft wird. Praktisch gesehen wäre die Schaffung von genügend Kassinsitzen die fairste Lösung um behandlungsbedürftigen Patient*innen sowie Therapeut*innen gerecht zu werden. Da dieses Ziel schon seit Jahren ein stark umstrittenes Thema- und die Lösung nicht absehbar ist, wollen wir zunächst die oben genannten Ziele erreichen."

Frauenpower

Diese Petition sollte man teilen. Auch wenn nicht unterschrieben wird, warum auch immer, dann geht imnerhin die Hintergrundinfo viral.

Frauenpower

Das Problem am Arztmangel besteht auch darin, dass ein Arztwechsel so gut wie unmöglich gemacht wird. Ich wollte mal dringend  wechseln und bin ständig auf diesen einen Arzt wieder zurück verwiesen worden.

Und was man sich nebst wochenlanger Wartezeiten  von manchen Ärzten  und Mitarbeitenden sich anhören muss!

Kuddel

Wenn ich das Vertrauen in einen Arzt verloren habe, suche ich mir einfach einen anderen, ohne um eine Überweisung zu bitten. Hatte noch nie Probleme mit diesem Vorgehen.

Ist bei dir das Problem, daß eine bestimmte Sorte Facharzt in der Region nur 1x zu finden ist?

Frauenpower

@ Kuddel: das sind Praxen die wegen Überfüllung  keine neuen Patienten aufnehmen. Deshalb kann ich nicht wechseln.

Ich habe vorgestern den ganzen Vormittag lang verschiedene Ärzt_innen und Behandlungsanbieter-innen für einen Termin versucht zu erreichen. (Auch das Jobcenter, weil Antwort auf meinen WBA ausbleibt.) Niemand ging dran.
Lediglich einen Termin konnte ich ausmachen. Zum Facharzt vor Ort in fünf Monaten, einen Ort weiter in vier Monaten.

Ab Mittag konnte ich nicht mehr.

In einer Praxis rufe ich wegen Terminverschiebungen schon gar nicht mehr an, wegen dauerhaft  besetzt.

Es gibt Facharztpraxen, die bestehen auf Überweisungsschein. Manche nicht.

Frauenpower

Kinderärzt_innenmagel im Rems-Murr-Kreis / Ba-Wü (das einen Wirtschaftspavilliin für mehrere Millionen Euro in Dubai hat)
https://www.regio-tv.de/mediathek/video/unsinnige-erfindungen/

Frauenpower

https://www.antenne1-neckarburg.de/nachrichten/landkreis-rottweil.html
Meldung vom 14.09.23
ZitatNach Tod von Kinderarzt sind viele Patienten ratlos
Oberndorf. Der Kinderarzt Dr. Reihard Wartha ist in Oberndorf letzte Woche verstorben. Für seine Praxis gibt es keine Nachfolge, deswegen muss die Praxis jetzt schließen. Davon betroffen sind hunderte Eltern, die sich jetzt für ihre Kinder einen neuen Arzt sehen müssen. Viele Kinderärzte in unserer Region haben schon seit Monaten einen Aufnahmestopp. Einige Kinderärzte haben sich jetzt schon bereit erklärt außer der Reihe Patienten von Dr. Wartha aufzunehmen, aber das reicht nicht für alle Eltern. Die Betroffenen fordern jetzt von der Politik, dass die endlich etwas tun soll, um den Ärztemangel bei uns auf dem Land zu bekämpfen. 

Kinderarzt /- ärztinnenmangel scheint auch bundesweit ein Thema zu sein. Google bringt diese Meldung bspw  für Sachsen-Anhalt im April.

Frauenpower

Ein Facharzt hier in der Kreisstadt geht mit 70 in Rente. Er hat keine Nachfolge für seine Praxis gefunden. Er hätte es probiert. Das war schon bei einigen vor ihm so.
😔

Frauenpower

Eine Praxis hat einen berenteten Arzt zur Verstãrkung in der Praxis angestellt.

Kuddel

Ich habe eine Überweisung zu einem Facharzt gekommen. Ich habe versucht, da einen Termin zu bekommen. Das scheiterte bei meinen ersten Versuchen. Aufnahmestop für Neupatienten. Jetzt habe ich eine Gemeinschaftspraxis gefunden, die mir einen Termin gegeben hat. Im Oktober. :o

Frauenpower

Ja, die Wartezeiten sind teils astronomisch. Kardiologe ein Jahr.. Also irgendwie hakt es da schon aus logischen Gründen.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis (Nationalpark Schwarzwald) im grün-schwarzen Baden-Württemberg muss es ganz übel sein. Habe mich etwas quer gelesen, die meisten Artikel sind aber mit paywall. Ein Kinderarzt hat die Schnauze voll. Er sollte Regressforderungen an die Kassenärztliche Vereinigung zahlen, weil er zuviel gearbeitet hätte, wegen Kinder-Ärzt_innenmangel.

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/suedbaden/kinderarzt-in-villingen-schwenningen-kuendigt-kv-vertrag-100.html
Vereinigung

ZitatWarum ein Kinderarzt aus Villingen-Schwenningen seine Kassenzulassung gekündigt hat

Bis zu 120 junge Patientinnen und Patienten behandelt der Arzt an solchen Tagen. Trotzdem nimmt er sich viel Zeit für jeden Einzelnen. Von einem Acht-Stunden-Tag ist der 60-Jährige weit entfernt. Den hohen zeitlichen Aufwand möchte der Arzt natürlich bezahlt wissen.

Doch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) will die geforderten Honorare nicht "mal eben so" zahlen. Der Arzt soll seine Abrechnungen plausibel erklären. Und genau darauf hat Stefan Röser einfach keine Lust mehr: "Es ist so ein enormer Aufwand. Ich habe andere Dinge zu tun, als mich da erklären zu müssen," sagt der Arzt genervt. Überhaupt nehme der bürokratische Aufwand inzwischen enorme Formen an, kritisiert Röser.


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