Aktuell: migrantischer Streik in Leipzig

Begonnen von Kuddel, 17:13:24 Sa. 08.November 2025

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Kuddel

ZitatMomox-Streik in Leipzig: Arbeiten, um zu bleiben

Wie Momox mit der Angst von Geflüchteten Geschäfte macht


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(...) Dies ist der erste Streik in der Geschichte des Unternehmens. Ein Akt der Selbstermächtigung, der unter widrigsten Bedingungen entstanden ist. Boris vom Betriebsrat, der selbst Logistikarbeiter ist, bringt es auf den Punkt: "Das ist ein historischer Moment, und ich bin unendlich stolz darauf!" Die Kolleg:innen sind gut gelaunt, lachen, klopfen sich gratulierend auf die Schultern und applaudieren ihrem eigenen Streik – Gesten der Solidarität und des Kampfes. Jeden Tag sind sie zum Arbeiten hier, heute sind sie gekommen, um nicht zu arbeiten. Für einen Tag entziehen sie sich einer Logik, die ihr ganzes Dasein bestimmt: der Logik der Verwertbarkeit und der Angst.

Das Geschäft mit der Prekarität

Hinter der Fassade des nachhaltigen Secondhand-Händlers Momox, der sich progressiv und weltoffen gibt, verbirgt sich ein anderes Bild: ein System, das die prekäre Lage von Geflüchteten ausbeutet. Seit 2012 hat sich der Umsatz des Unternehmens von 58 auf 377 Millionen Euro mehr als versechsfacht. Doch an denjenigen, die in den Leipziger Hallen den Warenstrom am Laufen halten, ist dieser Boom spurlos vorbeigegangen. Sie berichten von existentiellen Nöten, stagnierenden Löhnen und Respektlosigkeit.

Schätzungsweise haben 70 Prozent der gesamten Belegschaft hier einen Migrationshintergrund. "Drinnen braucht man kaum Sprache – man muss nur arbeiten", sagt Baraa Aljarad nüchtern und zeigt dabei auf das riesige Gebäude hinter sich. "Das passt für Ausländer." Momox ist, so wird schnell klar, kein Arbeitgeber wie jeder andere. Das Unternehmen ist eine Anlaufstelle für diejenigen, die anderswo keine Chance bekommen. Menschen mit Duldung, mit unsicherem Aufenthaltsstatus, mit gebrochenem Deutsch. Sie arbeiten, um bleiben zu dürfen. Der Arbeitsplatz ist für sie nicht nur eine Einkommensquelle, sondern die Bedingung für ihr Recht, in Deutschland zu leben. Eine Falle aus Papier und Angst. (...)

Jahrelang hat Rizwan all das ertragen – Jahre, in denen er mit einer Duldung lebte. "Erst Ende 2022 wurde mir klar, dass ich mich kaputtmache", sagt er. Seine Worte sind eine Anklage gegen ein System der systematischen Überlastung: "Selbst eine Maschine wird kaputt, wenn man sie zu schnell arbeiten lässt. Uns sagt man ständig: 'Gas geben!'" Die Folge: Rücken, Knie, Beine – alles schmerzt. "Das muss endlich aufhören."

Organisiert mit Händen und Füßen


Der Momox-Streik ist nicht nur deshalb historisch, weil es der erste in der Unternehmensgeschichte ist, sondern auch, weil er von Arbeiter:innen mit unzähligen Muttersprachen organisiert wurde. Dieser Stolz schwingt mit, wenn Mehmet auf die Frage, wie sie es geschafft haben, antwortet: "Wir sprechen mit Händen und Füßen. Trotzdem finden wir Wege, uns zu verstehen. Heute sind wir alle zusammengekommen."

Das Unternehmen lehnt bisher alle Forderungen nach Tarifverhandlungen ab, so Verdi. Die Gewerkschaft zeigt sich entschlossen, den Arbeitskampf zu intensivieren, und setzt der Ignoranz des Unternehmens eine "demokratische Haltung" entgegen: "Es ist egal, woher wir kommen. Wir sind alle Arbeitnehmer:innen mit den gleichen Interessen und Träumen. Wir fordern Respekt!"

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Die gebrochene Schweigemauer


Die historische Bedeutung dieses Streiks liegt auch darin, dass die Schweigemauer durchbrochen wurde. Er deckt die Widersprüche unserer Gegenwart auf: Menschen, die nur bleiben dürfen, wenn sie arbeiten, und Firmen, die davon profitieren, dass sie bleiben müssen. (...)


Mit GEAS wird alles noch schlimmer

Die Situation der Beschäftigten könnte sich bald weiter zuspitzen: Mit der Umsetzung des GEAS drohen neue Arbeitsverbote und Rückschritte in der Integrationspolitik. Statt Arbeitsmarktintegration zu fördern, erschwert der Gesetzesentwurf die Beschäftigung von Geflüchteten mit Aufenthaltsgestattung massiv – mit gravierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen. Damit verschärft sich genau jener Kreislauf aus Angst, Abhängigkeit und Ausbeutung, den die Streikenden bei Momox zu durchbrechen versuchen. Die Arbeitsgruppe "Aufenthaltsverfestigung" der WIR-Netzwerke hat mit einem Positionspapier darauf aufmerksam gemacht.
https://www.saechsischer-fluechtlingsrat.de/2025/11/03/momox-streik-in-leipzig-arbeiten-um-zu-bleiben/

Onkel Tom

Hoffentlich zieht diese Info um die Welt, damit Gastarbeiter_innen bemerken,
das es ihnen in D wirtschaftlich nicht besser geht.
Diese Lockangebote von deutschen Politikern im Ausland um Arbeitskräfte sollten
nicht mehr als "Land in dem Milch und Honig fließt" empfunden werden.

Vor kurzem habe ich mich mit jemand aus Ghana unterhalten, der meinte, das er das
bereut, nach D gekommen zu sein.. Ich fragte nach und bekam Antworten wie habe
einen Job, der nur dazu reicht, sein Leben in D zu finanzieren und kann nichts
nach Hause schicken, hat Angst, als Versager in die Heimat zurück zu kehren und
manchen Deutschen sieht man den Ausländerhass schon regelrecht an.

Naja,mich würde es freuen, wenn Migrannten zum Schluss kommen würden "Leck mich!
Ich lasse mich nicht mehr wie eine Zitrone auspressen."

Wäre doch mal geil, wenn Gastarbeiter_innen alle gemeinsam mal ne Woche blau machen
würden.. Anders lässt sich wohl kein Respect herstellen.
Lass Dich nicht verhartzen !

counselor

Das ganze Gehetze mancher Weißbrote gegen Migranten geht mir auf den Senkel. Ohne Migranten würde in Deutschland gar nichts mehr laufen. Zahlt sie endlich anständig!
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!


Kuddel

ZitatStreik bei momox Leipzig intensiviert

,,In einem Arbeitsstreik haben die streikenden Kolleginnen und Kollegen beschlossen, den Arbeitskampf zu intensivieren und den Arbeitgeber erstmals über zwei Tage zu bestreiken. Sie sind entschlossen, ihre Forderung nach Verhandlungen für einen Tarifvertrag durchzusetzen."

Am 15. und 16.12. brummt das Weihnachtsgeschäft. ,,Nach der Black Week, dem Black Friday usw. geht das Weihnachtsgeschäft weiter. Hoher Arbeits- und Leistungsdruck, Überstunden, keine Ruhe, hoher Krankenstand – das sind die Folgen für die Beschäftigten. Und das alles ohne Tarifvertrag und für einen Lohn, der für sie kaum zum Leben reicht."

Bei momox in Leipzig arbeiten viele migrantische und geflüchtete Kolleginnen und Kollegen z.B. aus Afghanistan, Syrien, Iran, Venezuela, Indien. Sie stehen unter besonderem Druck. Arbeitshetze und Leistungsdruck treffen auf Existenzängste. Die migrantischen Beschäftigten befürchten mit Verlust des Arbeitsplatzes auch den Verlust des Aufenthaltstitels. Diese Angst nutzt auch momox aus, insbesondere mit befristeten Einstellungen.

,,Die Kollegen streiken mit Mut und Stolz für eine lebenswerte Normalität. Durch den Streik machen sie ihre schlechten Arbeitsbedingungen, die schlechte Bezahlung und die fehlende Wertschätzung sichtbar."

Wir nehmen auch härteren Widerstand der Arbeitgeberseite wahr. Strafversetzungen, persönliche Gespräche, in denen Druck auf Streikende gemacht wird sind keine Seltenheit. ,,Die Arbeitgeber sollten wieder zur Vernunft kommen, das demokratische Grundrecht auf Streik akzeptieren und die eigenen Mitarbeiter in Ruhe lassen, wenn sie ihr guten Recht zum Streik wahrnehmen, um für bessere Arbeitsbedingungen einzustehen. Das widerspricht auch allem, was momox für sich als vermeintlich guten Arbeitgeber in Anspruch nimmt. Besser ist es, die Verweigerungshaltung aufzugeben, an den Verhandlungstisch zu kommen und auf Augenhöhe miteinander zu sprechen."

Die Streikenden versammeln sich am Montag, den 15.12.2025 – je nach Schicht – zwischen 5:00 Uhr und 16:00 Uhr vor dem Lager in der Straße Am alten Flughafen 1, 04356 Leipzig.
https://sat.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++c443ce72-d981-11f0-8b8e-e52e91d08f6c

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