Warum ist die DDR gescheitert?

Begonnen von counselor, 16:21:24 Do. 20.Mai 2021

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counselor

Wir sollten uns Gedanken machen, warum die bisherigen sozialistischen Versuche gescheitert sind. Hier einige Gedanken von Fabian Lehr zur DDR:

https://youtu.be/ELO8C2QPjjI
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Ferragus

Kerngedanke des Vortrages scheint zu sein: Die DDR ging unter, weil sie sie die Produktivkraftentwicklung nicht so gut wie die westlichen Industriestaaten betreiben konnte, das führte zu Nachteilen auf dem Weltmarkt und steigender Staatsverschuldung, welche wiederum nicht durch eine internationale Planwirtschaft innerhalb des Ostblocks reduziert oder verhindert werden konnte. Man konnte sich den kapitalistischen Maßstäben (ökonomische Kategorien wie Preis, Kredit, Lohn, Warentausch) also nicht entziehen und die Parteibürokratie war nicht in der Lage vernünftig mit der Gesamtheit der Maschinen, Rohstoffen, Arbeitskraft etc. umzugehen, zu planen, sie instand zuhalten und zu erweitern und der Rest der Bevölkerung, die Arbeiter und Angestellten, konnte dem nichts entgegensetzen - eine Sozialisierung, Vergesellschaftung der Produktion hatte also niemals stattgefunden.
Merkwürdig, dass der Vortragende von einem kulturellen Fortschritt spricht - Sozialistischer Realismus, kleinbürgerlicher Muff und Staatspolizei waren eher Gift für "die Kultur" und sorgten dafür, dass die kritischen Intellektuellen, Künstler das Weite suchten oder in einem Ghetto geduldet worden.

counselor

ZitatUNWÜRDIG BEHANDELT - Das Leben der Vertragsarbeiter in der DDR

Menschlichkeit, Solidarität, Internationalismus - mit hohem praktischem Idealismus begann nach der finsteren Nazizeit der Aufbau in der DDR. Nach 1956 verließ die SED-Parteiführung der DDR den sozialistischen Weg und stellte den Kapitalismus in neuer Form wieder her, als bürokratischen Kapitalismus.

Quelle: https://www.rf-news.de/2023/kw34/das-leben-der-vertragsarbeiter-in-der-ddr
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

counselor

Die DDR - das sei kein echter Sozialismus gewesen, so sagt es Heidi Reichinnek, und so sagen es zig sich durchaus als SozialistInnen verstehende Linke, die gleichzeitig aber Distanzierung vom Realsozialismus einfordern. Aber ergibt dieses "Die DDR war nicht wirklich sozialistisch" Sinn?

Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Hartzhetzer

Ich fand dieses Video interessant, so wie Fabian Lehr habe ich es noch gar nicht gesehen.
Warum sich als Linker für die DDR schämen, die Faschos laufen ständig rum und meinen unter Hitler war nicht alles schlecht.
Die Nazis vollzogen auf ihre Weise, was die Sozialdemokratie sich immer erträumt hatte: eine »ordentliche Revolution«, in der alles ganz anders wird, damit alles so bleiben kann, wie es ist.

Zitat Schwarzbuch Kapitalismus Seite 278

Kuddel

Ich finde die Videos von Fabian Lehr recht lang, doch meist nehme ich mir die Zeit, denn er ist ein heller Kopf und ich finde seine Gedanken interessant und inspirierend. Zu besagtem DDR Beitrag habe ich einigen Widerspruch, will damit den Beitrag aber nicht insgesamt runtermachen.

Ergänzend: Die Existenz der Sowjetunion und DDR hatte auch Auswirkungen auf den Westen. Es gab ein höheres Lohnniveau und bessere Sozialleistungen als heute. Man wollte ja nicht, daß der wie auch immer geartete "reale Sozialismus" für die Menschen im Westen allzu attraktiv wird. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und Mauerfall ging es los mit dem radikalen Sozialkahlschlag.

counselor

Ich schäme mich auch nicht für die DDR. Sie war der erste Anlauf auf deutschem Boden zum Sozialismus. Dieser Anlauf hatte gute Seiten (kostenloses Gesundheitswesen, jeder hatte Arbeit und ein Dach über dem Kopf etc), ist aber letztlich gescheitert. Nun sollte man dem Sozialismus, nachdem er wie ein Kleinkind gestürzt ist, wieder aufhelfen, damit er einen zweiten Gehversuch machen kann.

Dazu müssen wir uns damit auseinandersetzen, was beim ersten Gehversuch schief gelaufen ist.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Führung der DDR noch der Arbeiterklasse verpflichtet war, oder ob sie begonnen hatte, die Arbeiter auszubeuten. Da werde ich wohl noch recherchieren müssen.

Der Grundgedanke des Parteisozialismus ist ja, dass die Arbeiter eine Arbeiterpartei aufbauen, die einen Arbeiterstaat errichtet, der dann die Produktionsmittel kontrolliert. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Arbeiter Partei und Staat kontrollieren und es funktioniert nicht, wenn sich eine Funktionärsschicht bildet, die dann die Arbeiter kontrolliert und drangsaliert und im schlimmsten Fall ausbeutet.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

Tscha, wie hat man als linker Wessi damals die DDR gesehen?

Es herrschte ja der Kalte Krieg und es gab mehr Vorurteile über Ostdeutschland als reales Wissen. Ich war damals ein einer linken Schülerzeitung aktiv. Ein Pärchen hat da einen Artikel über eine Reise nach West-Berlin geschrieben. Die Fahrt über die Transitstrecke wurde wie eine Geisterbahnfahrt beschrieben und bei der Ankunft in West-Berlin atmete man auf mit den Worten, "endlich freie Luft atmen!" So haben einige damals die Welt gesehen.

Gegenüber reaktionären Lehrern sah ich mich gezwungen, die DDR gegen ihre Propaganda zu verteidigen. Ob das aus tiefsten Herzen kam, fragte mich meine Freundin kürzlich. Sie erinnerte daran, daß man damals (insbesondere bei Demos) von irgendwelchen Spießern angeblökt wurde, "Geht doch nach Drüben!". Sie meinte, sie hatte null Interesse in die DDR zu gehen, das Land war nicht attraktiv.

Ich versuchte mich zu erinnern. Ich war schon offen und neugierig, hatte auch eine gewisse Sympathie für ein Land, daß hier von den reaktionären Arschlöchern so inbrünstig gehaßt worden ist. Eine Freundin hatte damals vorgeschlagen, daß wir das Land bereisen sollten, um es uns mal anzusehen. Das mit den Visaanträgen, die einen langen Vorlauf brauchten, haben wir aber nie gebacken gekriegt.

Wir sind in den 80ern nach West-Berlin gefahren, um dort gegen die Besuche von Ronald Reagan zu demonstrieren. An der Grenze wurden wir jedoch von Grenzern der Nationalen Volksarmee wie Dreck behandelt. Wir dachten, wir würden auf der selben Seite stehen gegen das US-Imperialistenschwein, doch sie sahen in uns langhaarige Arbeitsscheue, die sie am liebsten verhaftet hätten.

Ich glaube schon, daß ich in der DDR klargekommen wäre und auch kein schlechtes Leben gehabt hätte, doch hingeszogen hat mich mich da nichts. Irgendwie erschien mir da alles zu grau und piefig. Ich war damals auf einem subkulturellen Trip und Punks und Co. hatten es im Osten schwerer als im Westen.

Daß es Einzelne gab, die aus unterschiedlichen und nicht nur politischen Gründen in den Osten gezogen sind, wußte ich. Daß es aber recht viele waren, habe ich erst heute mitbekommen.

ZitatDie massenhafte Auswanderung von Westdeutschen in die DDR ist ein deutsch-deutsches Tabu-Thema. Bernd Stöver geht den Motiven und Schicksalen dieser Auswanderer nach und fördert dabei – meist aus bisher verschlossenen Geheimdienst-Akten – erstaunliche und spannende Geschichten zu Tage, wie sie nur die deutsche Teilung schreiben konnte.

Bis zum Mauerbau 1961 sind mehr als eine halbe Million Westdeutsche in die DDR emigriert, darunter heute so bekannte wie Stefan Heym, Wolf B... , Robert Havemann, Ralph Giordano, Lothar Bisky oder Ronald Schernikau. Bis zum Mauerfall 1989 waren es jedes Jahr immer noch mehrere tausend Übersiedler
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/histothek_stoever

ZitatDie Zuwanderung in die Deutsche Demokratische Republik aus der Bundesrepublik Deutschland (auch: West-Ost-Migration)(...) wurden in der DDR als Westflüchtlinge bezeichnet. Knapp 500.000 Menschen taten dies im Verlauf des Kalten Krieges. Nur ein Drittel von ihnen kam als Zuziehende in die DDR, zwei Drittel waren Rückkehrer, die zuvor aus der DDR in den Westen geflohen waren.

Von 1949 bis 1953 zogen pro Jahr etwa 25.000 Menschen von West nach Ost. Viele davon zogen in die DDR, wo laut Verfassung Arbeit und Wohnraum sowie die deutsche Einheit Staatsziele waren. Ab 1953 förderte die DDR den Zuzug aus der Bundesrepublik und warb gezielt Wissenschaftler, Künstler und Facharbeiter an, so dass bis 1957 jährlich etwa 70.000 in den Osten umsiedelten. Rückkehrer erhielten in ihren Heimatorten ihr beschlagnahmtes Eigentum zurück und wurden bei der Vergabe von Wohnungen bevorzugt. Allein 1957 waren es etwa 50.000.
https://de.wikipedia.org/wiki/Zuwanderung_in_die_Deutsche_Demokratische_Republik_aus_der_Bundesrepublik_Deutschland

So wenig bekannt, jedoch nicht uninteressant.

Mit Sicherheit gibt es im Westen weiterhin ein schräges Bild vom Osten. Der Kalte Krieg hat einige Spuren hinterlassen. Und der Blick noch weiter nach Osten ist noch mehr von Vorurteilen geprägt. Die Furcht vor allem Slavischen kommt aus Kaiserszeiten und sie lebt noch immer.

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