Vierte Flotte der US-Navy: Die Wiedergeburt der Kanonenbootpolitik

Begonnen von Kater, 14:37:00 Fr. 27.Juni 2008

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Kater

ZitatDie Wiedergeburt der Kanonenbootpolitik

Die neu formierte Vierte Flotte der USA ruft in Lateinamerika unangenehme Erinnerungen wach
Hinnerk Berlekamp

Vor dreizehn Jahren, am 1. Juli 1995, vollzog die US-Kriegsmarine ihre bis dato größte Umstrukturierung seit der Nachkriegszeit. Aus dem Bestand der für die Meere rund um Asien zuständigen Siebten Flotte wurde als eigenständige Einheit die Fünfte Flotte herausgelöst, um die wirtschaftlichen und politischen Interessen der USA in der Golfregion militärisch abzusichern. Diese Fünfte Flotte wirkte mit am Angriff auf das Afghanistan der Taliban 2001 und am zweiten Irakkrieg 2003; ihre Schiffe bilden heute die Drohkulisse gegen den Iran. Dass die Formierung dieses Marineverbandes keine rein administrative, sondern eine eminent politisch-strategische Entscheidung war, liegt auf der Hand.

Umso bemerkenswerter ist es, in welcher Stille sich eine in ihrer Dimension durchaus vergleichbare Strukturreform derzeit vollzieht. Ohne dass die USA viel Aufhebens darum machten, wird am kommenden Dienstag eine weitere Flotte wiederbelebt: die Vierte Flotte, die 1950 aufgelöst worden war, nun aber wieder vor den Küsten Lateinamerikas und in der Karibik kreuzen soll. Über welche Stärke der neue Verband künftig verfügen wird, ist noch unklar. Die Tatsache allein, dass mit der "USS George Washington" einer der elf Flugzeugträger der USA als Flaggschiff fungieren soll, ist Indiz genug, dass diese Vierte Flotte vom Pentagon nicht wesentlich schlechter ausgestattet werden wird als die bestehenden fünf Flotten.

Aber wofür? Oder präziser, schließlich handelt es sich um schwer bewaffnetes Militär: gegen wen?

Aufgabe der neuen Flotte werde es sein, beim Kampf gegen den Drogenhandel mitzuwirken und humanitäre Operationen durchzuführen, erklärt das Verteidigungsministerium in Washington knapp. Doch auch in den USA schießt man nicht mit Kanonen auf Spatzen. Den Kokainschmugglern in ihren Schnellbooten kann die Küstenwache mit ihren Mitteln allemal besser beikommen, und dass die USA extra einen Flugzeugträgerverband in Reserve halten wollten, um den Opfern der allherbstlichen Hurrikans in der Karibik beizustehen, käme auch eher überraschend. Allemal glaubwürdiger klingt da der Verdacht von Boliviens Präsident Evo Morales, die USA formierten ihre "Vierte Interventions-Flotte", um unliebsame Regimes in Lateinamerika einzuschüchtern und gegebenenfalls zu stürzen.

Parallelen aus der jüngeren Geschichte gibt es zur Genüge. Doch sei es die Seeblockade gegen Kuba in der Raketenkrise 1962, seien es die US-Interventionen in Santo Domingo 1965, in Grenada 1983 oder in Panama 1989 - alle Bespiele stammen noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Nach dem Epochenbruch hingegen trat die US-Kriegsmarine in der Region nur noch einmal offensiv in Erscheinung: 1994, als sie dem vom Militär weggeputschten haitianischen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide - einem in Washington eigentlich wenig geliebten Politiker - wieder in sein Amt verhalf. Ansonsten hielten die USA sich zurück, wie es die Region seit Franklin D. Roosevelts "Politik der Guten Nachbarschaft" in den 1930er Jahren nicht mehr erlebt hatte.

Mit der Neuformierung der Vierten Flotte signalisieren die USA nun, dass diese Phase ihrem Ende entgegengeht. Ihr Hauptaugenmerk richtet sich dabei natürlich auf Venezuela mit seinen immensen Öl-Vorkommen, die globalstrategisch für Washington von kaum geringerer Bedeutung sind als die der Golfstaaten. Allen Begehrlichkeiten der USA zum Trotz beharrt die linksnationalistische Regierung Venezuelas auf ihrem Anspruch, diese Reserven selbst zu kontrollieren. Es braucht wenig Fantasie, um sich auszumalen, welche Aufgaben auf die Vierte Flotte zukommen könnten, sollte der Konflikt zwischen Washington und Caracas weiter eskalieren.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0627/meinung/0028/index.html

Aloysius

Hier ist eine amerikanische Sicht auf die Wiederauferstehung der Vierten Flotte - für die, die des Englischen mächtig sind


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