Kampf um die Köpfe / um die Medien

Begonnen von Kuddel, 16:31:15 Mo. 29.Juli 2019

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Kuddel

Ein paar Schlagzeilen aus rund einem Jahr:

ZitatAngriffe auf die Freiheit der Medien nehmen zu

Um die Pressefreiheit steht es im östlichen Europa immer schlechter. Europaweit attackieren die Mächtigen das demokratische Grundrecht.


Als Journalist im EU-Bewerberland Montenegro zu arbeiten, ist lebensgefährlich. Erst vor kurzem wurde ein Sprengstoffanschlag auf Sead Sadikovic, den regierungskritischen Journalisten der Zeitung ,,Vijesti", verübt. Das Attentat demonstriert, wohin das von Korruption und Vetternwirtschaft paralysierte Adrialand steuert.

Der am Sonntag mit knapper Mehrheit gewählte Präsident Milo Djukanovic, der direkt und indirekt das Nato-Land wie seinen Familienbesitz regiert, ist kein Freund der Medienfreiheit.

Auch in EU-Ländern selbst ist es um die Medienfreiheit kaum besser gestellt. Nachdem Viktor Orbán und seine rechtspopulistische Koalition Fidesz-KDNP vor kurzem überraschend klar die Wahl gewonnen haben, haben es die freien Medien noch schwerer.
https://www.wiwo.de/der-medien-kommissar-angriffe-auf-die-freiheit-der-medien-nehmen-zu/21178886.html

ZitatArbeit für Journalisten in Europa wird gefährlicher
Die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisiert eine zunehmende Einschränkung der Pressefreiheit in Europa. Auch in Deutschland wurden Journalisten häufiger attackiert.


Die Lage der Pressefreiheit in Europa hat sich aus Sicht von Reporter ohne Grenzen verschlechtert. "Die systematische Hetze gegen Journalistinnen und Journalisten hat dazu geführt, dass Medienschaffende zunehmend in einem Klima der Angst arbeiten", erklärt die Organisation in ihrem Bericht zur Rangliste der Pressefreiheit 2019.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-04/reporter-ohne-grenzen-pressefreiheit-einschraenkung-europa-deutschland

ZitatSo kämpft René Benko um die Medienmacht in Österreich

Der Immobilienunternehmer will mit dem Essener Mitgesellschafter Funke den Herausgeber und Chefredakteur von Österreichs größter Zeitung ,,Krone" absetzen.
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-so-kaempft-rene-benko-um-die-medienmacht-in-oesterreich/24246964.html

ZitatÖsterreichs Medienkontrolle außer Kontrolle

Helmut Brandstätter hat die Einflussnahme der Regierung unter Ex-Kanzler Kurz auf die Medien offengelegt. Nun wechselt der frühere NTV-Chef in die Politik.
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medienkommissar/der-medien-kommissar-oesterreichs-medienkontrolle-ausser-kontrolle-/24848720.html?ticket=ST-2118847-hUgjkbAfFGnj5bh6olvr-ap5


Kuddel

Medienpreise sind oftmals eine üble Sache. Auch eine Art, den Journalismus zu steuern. Vielleicht sollte man hier ein paar besonders schlimme Preise aufführen.

Im Moment möchte ich nur auf diesen Preis hinweisen:

ZitatHerbert-Quandt-Medienpreis

Deutschlands höchstdotierter und höchst problematischer Journalistenpreis


Alle Jahre wieder wird in Deutschland ein Journalistenpreis zu Ehren eines schwerreichen Industriellen verliehen. Es ist ein Preis ,,im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk des Unternehmers Dr. h.c. Herbert Quandt", wie es auf der Homepage der Johanna-Quandt-Stiftung heißt. Die Verleihung ist üblicherweise am 22. Juni, denn dieser Tag war Herbert Quandts Geburtstag.

In sommerlicher Atmosphäre wird dann eines Mannes gedacht, der Mitglied der NSDAP war und Fördermitglied der SS. Ein Journalistenpreis zum ehrenden Gedenken an einen Unternehmer, der während der NS-Diktatur mitverantwortlich war für das Leid Tausender ausgebeuteter Zwangsarbeiter, der eine führende Rolle in der Rüstungsindustrie einer kriegerischen Diktatur hatte und der überdies an mehreren sogenannten Arisierungen auf Kosten jüdischer Unternehmer mitwirkte.

Rüdiger Jungbluth war Redakteur bei Reuters, Vize-Chef von ,,Net-Business", Reporter beim ,,Stern", Finanzkorrespondent des ,,Spiegel" und Wirtschaftsredakteur der ,,Zeit". Seine kritische Familienbiografie ,,Die Quandts" (2002) erscheint im Juli 2024 in einer zweiten aktualisierten Neuauflage.

Obwohl ihnen das alles eigentlich bekannt sein könnte, bewerben sich Jahr für Jahr Dutzende deutscher Journalistinnen und Journalisten mit ihren Beiträgen darum, mit dem Herbert-Quandt-Preis ausgezeichnet zu werden. Dabei ist inzwischen sogar historisch erwiesen und durch Akten belegt, dass der Namensträger des Preises 1944 persönlich ein Außenlager für KZ-Häftlinge in Schlesien geplant hat.

Wie ist das möglich? Hängt das große Interesse von Journalistinnen und Journalisten an diesem Preis mit der besonderen Eitelkeit ihres Berufsstandes zusammen? Oder rührt es daher, dass der 1986 von der Milliardärsfamilie Quandt gestiftete Medienpreis mit insgesamt 50.000 Euro Preisgeld der höchstdotierte in Deutschland ist? Und dass gutes Geld für guten Journalismus einfach nicht stinkt? (...)
https://uebermedien.de/95519/deutschlands-hoechstdotierter-und-hoechst-problematischer-journalistenpreis/

Der Artikel ist recht lang, doch bis zur letzten Zeile lesenswert.

dagobert

"Der beste Kaufmann ist der Krieg. Er macht aus Eisen Gold."
Friedrich von Schiller

,,Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten."
Theodor W. Adorno

Kuddel

Bei einigen werde ich wohl Kopschütteln ernten. Ich weiß, daß in verschiedenen großen Medien (egal ob ÖRR oder privat) noch einzelne kritische Beiträge auftauchen, doch ich bin der Meinung, sie beugen sich weitestgehend politischen Kampagnen. Ich halte sie tendenziell für gleichgeschaltet. Bei diesen Tendenzen/Kampagnen geht es Hand in Hand mit der Politik.

Es gibt eine Anti-Islam Kampagne, die mich an 2001 erinnert.
Inzwischen gilt jeder entfernt arabisch aussehender Mensch als Antisemit, dem das Aufenthaltsrecht entzogen werden sollte.

Groß Britannien ist medientechnisch noch krasser,
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Das ganze war begleitet von einer politischen Debatte von Sunak (der letzte Regierungschef) und Farage (Rechtspopulist), bei der die AfD wohl vor Neid erblaßt ist.

Ideologisch so aufgeputscht kam es zu einer Welle faschistischer Riots, bei der man versuchte Migranten zu lynchen.

Auch ein schönes Beispiel, ist der Terror gegen Swifties in Wien:
ZitatDer wäre so nicht möglich gewesen, wenn nicht ein ,ausländischer Dienst' einen entscheidenden Hinweis gegeben hätte. Ausländische Dienste – auf Deutsch gesagt: die Amerikaner – können, was die Österreicher nicht können, weil sie es aus rechtlichen Gründen nicht dürfen.
FAZ via https://www.deutschlandfunk.de/blick-in-die-zeitungen-von-morgen-7804.html

Was dann medial abging, ist schon enorm:
"Die Terrorpläne von Wien richteten sich nicht gegen den US-Superstar, sondern gegen die westliche Lebensweise, die Islamisten suchten dafür die denkbar größte Bühne." "Sie trafen ins Herz dessen, was das Leben in Europa ausmacht." "Lebensfreude, Sexualität, Internationalität, frohes Feiern. Genau das hassen manche junge, gewaltbereite Männer – pervertierte Religiosität forciert ihre Wut und liefert ihnen eine Handlungs-Begründung." "eine globale Megakultur aus Freiheit und Lebensfreude", "...gezielt auf Frauen und queere Menschen. Mädchen, Frauen und queere Personen werden täglich Opfer von Gewalt und Unterdrückung; Femizide sind wortwörtlich an der Tagesordnung. Eine Attacke auf einen solchen Safe Space...", "Feige Anschläge auf Unschuldige sollen die Länder des Westens erschüttern. Doch nein, von diesen Wahnsinnigen dürfen wir uns niemals einschüchtern lassen. Die Fundamente unserer Gesellschaften gilt es zu verteidigen.", "Die offene, demokratische, westliche Welt..." (https://www.deutschlandfunk.de/die-presseschau-aus-deutschen-zeitungen-7774.html)

Es paßt zeitlich. Die israelische Armee droht mit Ausweitung des Blutbades und mit weiteren Kriegsverbrechen. Es muß der Bevölkerung im Westen klargemacht werden, daß ihre Welt von der islamischen Welt bedroht ist und Israel die Drecksarbeit übernimmt, unsere offene, demokratische, westliche Welt zu verteidigen.

Kuddel

Ein anderer, aber wichtiger Blick auf den Journalismus:

ZitatIst Journalismus eine Klassenfrage? Diese provokative Frage stellt sich zu Recht. Wer sich für den Beruf entscheidet, muss prekäre Verhältnisse und schlecht bezahlte Arbeit akzeptieren. Opfer, die nur diejenigen erbringen können, die über das notwendige kulturelle, wirtschaftliche und soziale Kapital verfügen.
https://voxeurop.eu/de/journalistin-burgerlicher-beruf/

Ein lesenswerter Artikel der italienischen Journalistin Francesca Barca.

Hier noch ein gewerkschaftlicher Blick auf den Journalismus aus Spanien:

,,Sind es immer Leute aus derselben sozialen Schicht, die Zugang zu diesem Beruf haben und später über die Ereignisse berichten und dabei ganz klare Klassenvorurteile haben. Menschen aus den unteren Schichten dagegen bekommen keine Stimme" – Beatriz Lara, Confederación Nacional del Trabajo (CNT)

Kuddel

Ich bin nicht der Meinung, daß wir die Machtstrukturen und die Besitzverhältnisse hinter der Medien ignorieren sollten, ich finde es aber gut darauf hinzuweisen, daß unsere Plattform die Straße ist:

ZitatDen jüngsten Protesten in Frankreich ist es gelungen, die politische Debatte auf Steuergerechtigkeit statt auf klassische Themen der Rechten zu verschieben. In Talkshows sind Migration und Sicherheit nicht mehr die Hauptthemen.
https://jacobin.de/artikel/bloquons-tout-paris-frankreich-krise-proteste-melenchon-insoumise-france-cgt

Kuddel

Die Berlinale hat ja den Ruf ein kritisches und politisches Filmfestival zu sein. Wim Wenders ist Jurypräsident des diesjährigen Festivals.

Tilo Jung twittere:
ZitatFragen Sie auf der Berlinale nicht nach Palästina!

Hier ist meine Frage an die Jury zur selektiven Solidarität des Filmfestivals mit den Menschen im Iran und in der Ukraine gegenüber den Palästinensern. Wim Wenders (Jurypräsident) sagte tatsächlich: ,,Wir müssen uns aus der Politik heraushalten."

Noch 2024 sagte er
Zitat,,Die Berlinale ist traditionell seit immer schon das politischste der großen Festivals, hält sich auch jetzt nicht raus, wird sie auch in Zukunft nicht tun", sagte Wenders (78) auf dem roten Teppich der Filmfestspiele
https://www.sueddeutsche.de/kultur/filmfestspiele-wim-wenders-berlinale-haelt-sich-politisch-nicht-raus-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-240215-99-03801

P.S.: Ich konnte den Wenders noch nie leiden.
P.P.S.: Herbert Achternbuschs Film Das Gespenst wurde 1983 politisch übelst angegangen und Teile der Filmförderung wurden einbehalten. Daraufhin solidarisierten sich viele aus der Filmbranche. Wim Wenders verlas beim Münchner Filmfest eine Solidaritätserklärung. Achternbusch ging ans Micro und meinte, die Erklärung sei genauso langweilig wie die Filme von Wenders. Der Achternbusch ist wirklich lustig.

Kuddel

ZitatAutorin Arundhati Roy, "Schockiert und angewidert" von den Gaza-Bemerkungen der Jury, zieht sich aus Berlinale 2026 zurück
Die indische Autorin, Filmemacherin und Friedensaktivistin reagiert auf einen kürzlichen Versuch von Jurymitgliedern auf dem Festival, von der Gewalt abzulenken, die Israel auf dem Gazastreifen zugefügt hat.


Mit tiefem Bedauern muss ich sagen, dass ich nicht an der Berlinale teilnehmen werde.
https://thewire.in/politics/author-arundhati-roy-shocked-and-disgusted-by-gaza-remarks-pulls-out-of-berlinale-2026

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