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Industrie & Handwerk & Agrar => Industrie und Handwerk bundesweit => Landwirtschaft und Agrarindustrie => Thema gestartet von: nontestatum am 23:50:10 Fr. 26.Oktober 2007

Titel: Erntehelfer
Beitrag von: nontestatum am 23:50:10 Fr. 26.Oktober 2007
Jetzt habe ich geglaubt, das Thema Erntehelfer wäre für dieses Jahr ausdiskutiert, aber nein, es geht weiter:

Nun sind's die Weihnachtsbäume:

Zitat
Als Grund für den Erntehelfer-Mangel nannte Bernd Oelkers, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft (der Weihnachtsbaum- und Schmuckgrünerzeuger ...http://www.wb-verband.de/), die streng begrenzten Arbeitszeitregeln für osteuropäische Arbeiter.

Sie erlaubten es vielen Aushilfen nicht, nach der Erdbeer- und Spargelernte auch in der Erntezeit für Weihnachtsbäume in Deutschland zu arbeiten.


http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/wirtschaft/news/493999
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: Eivisskat am 00:08:55 Sa. 27.Oktober 2007
;) http://www.chefduzen.de/thread.php?threadid=12302
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: Futter am 19:02:54 Sa. 27.Oktober 2007
Die W.Bäume sollen bis 20 % teurer werden und ich glaub nicht das die
Leute davon ne' n vernünftigen Mindestlohn abbekommen.

Holt euch den Baum selber aus der Plantage, gibt es auch, Säge mitnehmen und einen Schönen aussuchen.  =)




http://www.ln-online.de/artikel/2243178/Weihnachtsb%E4ume_werden_deutlich_teurer.htm
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: Carpe Noctem am 01:13:03 So. 28.Oktober 2007
Zitat
Original von Futter
Holt euch den Baum selber aus der Plantage, gibt es auch, Säge mitnehmen und einen Schönen aussuchen.  =)

Ich konnte noch nie verstehen, warum jeder glaubt, zum Weihnachtsfest unbedingt einen Baum töten zu müssen ;(

Grüsse - CN
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: Pinnswin am 08:46:16 So. 28.Oktober 2007
Die Ernte geht das ganze Jahr, mit Bodenheizung, Klimawandel und Plastikfolie.
Die Weinernte ist noch lange nicht im Keller, Äpfel und Brokoli sind noch dran...

Lg
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: WurstKalle am 11:42:54 So. 28.Oktober 2007
hab mal für nen 10er die stunde in holland geerntet soviel kriegst du hier noch nicht einmal als facharbeiter bei einer lehbude
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: Ziggy am 11:52:18 So. 28.Oktober 2007
Als Pazifist bin ich gegen das Schlagen von Weihnachtsbäumen.
Ich finde, jeder Baum hat das Recht, selbst zu entscheiden, ob er die Feiertage mit mir in meiner Wohnung verbringen möchte oder nicht.
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: WurstKalle am 12:08:48 So. 28.Oktober 2007
dann möchte ich nicht weissen wie deine wohnung aussieht hast bestimmt keine haustiere und keine pflanzen in der wohnung und wovon ernährst du dich wenn das obst und gemüse selber entscheiden kann ob es in deinem körper verdaut werden will lolo
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: Ziggy am 13:39:56 So. 28.Oktober 2007
Die Pflanzen sind alle freiwillig hier, wir haben das gründlich diskutiert ... ebenso die Möbel und die Frau ...
Weihnachtsbäume hatten wir auch schon, aber ohne Schläge, wir haben sie mit unserem warmherzigen Wesen überzeugt. :]

Du weißt schon, was Satire ist, oder?
Titel: Erntehelfer
Beitrag von: WurstKalle am 17:11:17 So. 28.Oktober 2007
:D
Titel: Re:Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 21:43:06 Do. 08.September 2016
Zitat
(Dehydrierter) Tod durch Arbeit(s)-Hetze endet nach 2 Jahren mit Strafbefehlsantrag

Die Staatsanwaltschaft Freiburg teilt mit: "Mit einem Strafbefehlsantrag zu dem Amtsgericht Freiburg hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Vorwurfs der fahrlässigen Tötung abgeschlossen. Einem 47 Jahre alten Landwirt aus dem südlichen Breisgau wird zur Last gelegt, für den Tod eines 32jährigen rumänischen Erntehelfers im Juni 2014 verantwortlich zu sein. Der Erntehelfer habe am Nachmittag des 07.06.2014 unter direkter Sonneneinstrahlung gemeinsam mit einem weiteren Erntehelfer Heuballen mit einem Einzelgewicht von ca. 20 kg im Akkord auf einen Anhänger aufstapeln müssen. Obwohl der Erntehelfer den den Traktor fahrenden Landwirt darüber unterrichtet habe, dass er sich unwohl fühle, habe der Landwirt darauf bestanden, dass die beiden Erntehelfer, deren Wasservorräte aufgebraucht gewesen seien, weiterarbeiten sollten. Weil der Landwirt die erforderlichen Pausen sowie die Flüssigkeitsaufnahme nicht zugelassen habe, obwohl sich der Gesundheitszustand des 32jährigen verschlechterte, habe dieser gegen Abend einen Hitzschlag erlitten, sei bewusstlos zusammengebrochen und nach längerem Koma ca. 2 ½ Wochen später verstorben"
https://rdl.de/beitrag/dehydrierter-tod-durch-arbeit-hetze-endet-nach-2-jahren-mit-strafbefehlsantrag
Titel: Re:Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 10:03:36 Di. 13.Dezember 2016
Zitat
Ausbeutung und Betrug:
Gefängnisstrafe für Geschäftsführer von Prime Champ


Das Gericht von Roermond hat am 10. November 2016 vier strafrechtliche Verurteilungen wegen Missbrauchs auf der Pilzfarm Prime Champ Production B.V. in dem Zeitraum von Juli 2009 bis August 2012 ausgesprochen. Geert Verdellen, ehemaliger Geschäftsführer des Pilzunternehmens Prime Champ, bekam zwei Jahre Gefängnis.

Das Gericht erachtete es als erwiesen an, dass Prime Champ unter Führung des Geschäftsführers Fälschungen begangen hat. Es ist auch erwiesen, dass ein Teil der polnischen Pflückerinnen ausgebeutet wurde. Verdellen wurde auch wegen illegalen Besitzes von zwei Feuerwaffen und Munition verurteilt.

Das Unternehmen und sein Geschäftsführer wurden wegen Missbrauchs von 6 polnischen Pilzpflückerinnen und der Fälschung von Lohnangaben und Teilen der Geschäftsführung verurteilt. Das Gericht hat auch eine weitere Führungsperson für Finanzen und einen von dem Unternehmen eingestellten ICT-Mitarbeiter wegen Fälschung verurteilt.

Drei weitere Mitarbeiter ohne Geschäftsführungspflichten wurden von dem Gericht bezüglich des Arbeitermissbrauchs freigesprochen.
http://www.fruchtportal.de/artikel/ausbeutung-und-betrug-gefangnisstrafe-fur-geschaftsfuhrer-von-prime-champ/025530 (http://www.fruchtportal.de/artikel/ausbeutung-und-betrug-gefangnisstrafe-fur-geschaftsfuhrer-von-prime-champ/025530)
Titel: Re:Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 21:22:12 Fr. 26.Januar 2018
Zitat
Erntehelfer starb nach Schwerstarbeit in der Sommerhitze

Stundenlang stapelte er Heuballen - bis er einen Hitzschlag erlitt: Nach dem Tod eines 32-jährigen Erntehelfers steht nun in Freiburg der Landwirt vor Gericht. Er soll Pausen und Getränke verboten haben.


Der 48-jährige Deutsche habe seinen Bediensteten im Juni 2014 bei Hitze und unter direkter Sonneneinstrahlung auf einer Wiese bei Freiburg zur Arbeit gezwungen, sagte der Staatsanwalt zum Prozessauftakt am Freitag.

Gemeinsam mit einem weiteren Helfer habe der 32 Jahre alte Mann 800 bis 900 jeweils 20 Kilo schwere Heuballen im Akkord auf einem Anhänger stapeln müssen. Der Landwirt saß auf dem Traktor. Der Erntehelfer, der zuvor laut Staatsanwalt über gesundheitliche Probleme geklagt hatte, erlitt einen Hitzschlag und starb.

Der Landwirt habe dem Mann, der zusammen mit seinem Schwager auf dem Feld arbeitete, keine Pausen erlaubt und nichts zu trinken bereitgestellt, sagte der Staatsanwalt. An dem Tag seien im Schatten 31 Grad gemessen worden, es habe Windstille geherrscht. Der Landwirt habe die zwei Helfer zur schnellen Arbeit angetrieben. Die beiden arbeiteten den Angaben zufolge zehn Stunden am Tag für sechs Euro Stundenlohn. Es war der zweite Arbeitstag des 32-Jährigen.
http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/freiburg-erntehelfer-stirbt-nach-schwerstarbeit-bauer-vor-gericht-a-1189995.html (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/freiburg-erntehelfer-stirbt-nach-schwerstarbeit-bauer-vor-gericht-a-1189995.html)
Titel: Re:Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 18:04:34 Do. 22.Februar 2018
Zitat
14.2.18
Erntehelfer/-innen im Arbeitskampf unterstützen

Zahlreiche Menschen kommen jedes Jahr in westliche europäische Länder, um in landwirtschaftlichen Betrieben zu arbeiten. Ihre wenigen Rechte werden oftmals nicht gewahrt, die Entlohnung ist gering, Mindestlöhne werden nicht eingehalten, Überstunden bleiben unbezahlt, die Unterkünfte sind unwürdig.
Diese Ausbeutung kann drastische Folgen haben: Im Juni 2014 starb ein Mann aus Rumänien durch einen Hitzeschlag nach der Arbeit auf dem Feld nahe Freiburg. Die Arbeiter/-innen aus Bulgarien, Rumänien und anderen Ländern über ihre Rechte aufzuklären und für diese einzutreten, zu diesem Zweck hat sich die Organisation „sezonieri“ gegründet. Der Verbund aus österreichischer Produktionsgewerkschaft und Aktivist/-innen publiziert unter anderem mehrsprachige Videos, die zur Aufklärung der Erntehelfer/-innen beitragen sollen. „sezonieri“ gründete sich, nachdem mehrere Saisonarbeiter/-innen in Österreich 2014 in den Streik traten um gegen ihre unwürdige Situation zu protestieren. Wir haben mit Sónia Melo gesprochen, die Erntehelfer/-innen im Bundesland Tirol unterstützt.
http://radiocorax.de/erntehelfer_innen-im-arbeitskampf-unterstuetzen/ (http://radiocorax.de/erntehelfer_innen-im-arbeitskampf-unterstuetzen/)

http://www.sezonieri.at (http://www.sezonieri.at)

Titel: Re:Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 12:19:58 So. 08.April 2018
Auf die Felder!

Die Spargelsaison(arbeit) ist eröffnet


Mitte, Ende April geht die Spargelzeit wieder los. Gemüse, Obst und Früchte müssen geerntet und für den Verkauf bereit gemacht werden. Hunderttausende Wanderarbeiterinnen kommen dafür jährlich zur Erntesaison nach Deutschland, die Arbeitsbedingungen sind prekär, der Mindestlohn wird häufig unterwandert. Die Emanzipatorische LandarbeiterInnen-Initiative und die Initiative Frohes Schaffen rufen zum Saisonstart dazu auf, sich an einer Informationskampagne auf den Feldern zu beteiligen.

Die Ernte wird seit Jahrzehnten von WanderarbeiterInnen durchgeführt, sie stellen mit etwa 314000 Menschen rund 66 Prozent der in der Landwirtschaft Beschäftigten. Sie kommen vor allem aus Polen, Bulgarien und Rumänien, vereinzelt auch aus Kroatien, Ungarn, Serbien und der Ukraine.

Die Anzahl an SaisonarbeiterInnen variiert von 20 bis 1500 bei einem Betrieb. Unterbringung und Verpflegung gibt es meist vor Ort, doch auch sie werden vom Lohn abgezogen. In den meisten Fällen sind es Mehrbettzimmer, teils Stockbetten in Containern. Wieviel dafür zu bezahlen ist, ist den LandarbeiterInnen oft bis zum Schluss unbekannt.

Ist das Wetter gut, kann es sein, dass an sieben Tage die Woche bis zu 14 Stunden gearbeitet werden. Ist es schlecht, gibt es unbezahlten Urlaub – die Unterkunft ist natürlich weiter zu bezahlen.

Die Hauptstoßrichtung liegt auf der Aufklärung über Arbeitsrechte. Entstanden sind Informationsflyer in verschiedenen Sprachen sowie eine Vernetzung und der Ausbau von Beratungsstellen, die die LandarbeiterInnen in ihren Muttersprachen beraten.

Angedacht ist auch eine App zur digitalen Selbsthilfe, die über Pflichten des Arbeitgebers informiert – nicht in Bezug auf die Einhaltung von Arbeits-, Ruhe- und Pausenzeiten, sondern auch in bezug auf die Bereitstellung von Getränken und Sonnenschutz im Sommer. Auch die Zusammenarbeit mit dem Zoll und den Arbeitsschutzbehörden gehört dazu, darauf wird jedoch nur in Absprache mit den Beschäftigten zurückgegriffen. 2017 gab es Razzien und staatsanwaltliche Ermittlungen bei sechs Betrieben in Rheinland-Pfalz.

Grundlage für die Organisierung und vermehrt erprobt wird die aufsuchende Arbeit, also das gezielte Fahren auf die Felder, um in den Pausen ins Gespräch zu kommen und Vertrauen aufzubauen. Für die anstehende Saison werden Unterstützer gesucht, die in einer Aktionswoche mit auf die Felder ziehen, um über die bestehenden Rechte zu informieren und die gewerkschaftliche Organisierung zu unterstützen. Unterstützung in Form von Material, Erfahrungswerten aus den letzten Jahren und einer detaillierten Durchführungshilfe wird bereit gestellt. Rumänisch-, Bulgarisch- oder Polnischkenntnisse sind keine Voraussetzung, aber natürlich besonders wertvoll.

http://www.sozonline.de/2018/04/auf-die-felder/ (http://www.sozonline.de/2018/04/auf-die-felder/)
(von mir gekürzt)


Es ist ein praktischer Ansatz für das im Forum bereits diskutierte Problem: Wie kriegt man Kontakte zu Arbeitsmigrant*innen und wie kann man ihnen helfen sich zu organisieren?
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 13:31:38 Mi. 02.Oktober 2019
Zitat
24.9.19
Sklavenartige Arbeitsbedingungen auf Pelati-Plantagen

Foggia in Süditalien. Hier trifft «Kassensturz» afrikanische Migranten, die gegen ihre miserablen Lebensbedingungen und Ausbeutung demonstrieren. Sie ernten auf den Feldern rund um Foggia Tomaten für die Pelatiproduktion. Im Akkord reissen sie Stauden aus, schwere körperliche Arbeit für wenige Euro pro Tag. Von diesem kargen Lohn ziehen ihnen Arbeitsvermittler – sogenannte Caporali – noch Gebühren ab.
(...)
https://www.srf.ch/news/schweiz/ausgebeutete-erntehelfer-sklavenartige-arbeitsbedingungen-auf-pelati-plantagen
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 14:44:47 Do. 02.April 2020
Zitat
Drehen wir Klöckners Vorschlag auf links. Das bedeutet bedingungslose Bleibeperspektive für alle, unbeschränkter Zugang zur Sozial- und Gesundheitsversorgung und darin enthalten auch eine nicht an Bedingungen geknüpfte Arbeitserlaubnis. Das wären die Grundvoraussetzungen, um überhaupt eine Tätigkeit Geflüchteter in der Landwirtschaft zu diskutieren.
https://www.freitag.de/autoren/skonto/roter-spargel
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 12:40:51 Mi. 06.Mai 2020
Zitat
5.5.20
Spargelbauern und Corona: Wie viele rumänische Erntehelfer ausgebeutet werden

Zunächst war das Geschrei der Landwirte groß, als die Erntehelfer aus Osteuropa ausblieben. Inzwischen sind mehr als 10.000 von ihnen gekommen, helfen bei der Spargelernte. Doch nach drei Wochen hagelt es Beschwerden, beklagen sich viele massiv über die Arbeitsbedingungen.
https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/report-mainz/videosextern/spargelbauern-und-corona-wie-viele-rumaenische-erntehelfer-ausgebeutet-werden-102.html
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 14:40:27 Fr. 15.Mai 2020
Zitat
15.5.20
Erntehelfer des Erdbeer- und Spargelhofs Ritter in Bornheim haben am Freitag die Arbeit niedergelegt. Vor einer Unterkunft protestierten die Arbeiter gegen Lohnausfall und die Zustände in der Unterkunft - auch mit Blick auf die Corona-Pandemie.
(...)
https://www.general-anzeiger-bonn.de/region/voreifel-und-vorgebirge/bornheim/erntehelfer-bei-spargel-ritter-protestieren-gegen-missstaende_aid-51157837
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 16:30:50 So. 17.Mai 2020
Zitat
17.5.20
Aufruf zur Demonstration für morgen 9 Uhr, Am Ühlchen 53332 Bornheim

Seit einem Monat arbeiten über 250 rumänische Beschäftigte als Erntehelfer*innen auf dem Spargelhof Ritter. Ohne Schutzausrüstung ernten sie hier jeden Tag pro Person circa 30 Kisten Erdbeeren einen Stundenlohn gibt es nicht. Theoretisch sollen etwa drei Euro pro Kiste gezahlt werden. Manchmal sind es noch weniger. Das bedeutet, dass die Arbeiter*innen teils weniger als ein Drittel des gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohns bekommen. Das ist ein Skandal!
Es fehlt an Hygieneartikeln, das vom Lohn abgezogene Essen ist verdorben und die Beschäftigten dürfen das Gelände nicht ohne weiteres selbstständig verlassen.

Während der Arbeit am letzten Donnerstag kam großer Unmut auf, als sich rumsprach, dass einzelne Angestellte etwas mehr Geld bekamen als andere. Daraufhin verließen die Erntehelfer*innen geschlossen das Feld und wollten zum Chef. Dieser aber war für keine Gespräche bereit und ging nicht auf die gerechtfertigten Vorwürfe ein. Am nächsten Tag rief er direkt die Polizei, die zog aber ohne wirklich benötigt zu werden bald vom Wohngelände der Arbeiter*innen ab.

Der zu diesem Zeitpunkt bereits insolvente Spargel- und Erdbeerenproduzent Ritter hatte seinen Erntehelfer*innen drei Monate Arbeit vertraglich zugesichert. Nun sollen sie nach einem Monat bereits auf eigene Kosten nach Rumänien abreisen dabei kostet schon eine Strecke die Hälfte des unvollständig gezahlten Lohns.
Am Dienstag müssen die Erntehelfer*innen ihr Unterkünfte verlassen und müssen zusehen, wo sie bleiben. Die ca. 250 Personen stehen vor der Obdachlosigkeit und stehen kurz davor, ohne das dringend benötigte Geld für sich und ihre Familien heimreisen zu müssen. Aus Protest wurde die Arbeit am Freitag niedergelegt. Diesen Protest unterstützen wir und fordern euch alle auf, an diesem Protest teilzunehmen!

Wir solidarisieren uns mit den Arbeiter*innen und fordern gemeinsam mit den Arbeiter*innen die Auszahlung der zustehenden Löhne. Weiterhin wehren wir uns gegen die ausbeuterische, menschenunwürdige Unterbringung und Versorgung der Beschäftigten.

Wir rufen zur Unterstützung und zur Selbstorganisation aller in vergleichbaren Situationen auf, denn Bornheim ist kein Einzelfall.

Gemeinsam mit den Beschäftigten ruft die FAU Bonn zu einer Demonstration für Montag den 18. Mai um 9 Uhr morgens in Bornheim auf. Treffpunkt ist: Am Ühlchen 53332 Bornheim.
https://bonn.fau.org/aufruf-zur-demonstration-fuer-morgen-9-uhr-am-uehlchen-53332-bornheim/
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 21:26:50 So. 17.Mai 2020
Update:

Zitat
Aktuell werden die Arbeiter*innen bei Spargel Ritter einzeln in ein Büro gebeten. Darin sind 2 Anwälte die sie unter Druck setzen einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben den sie vorher nicht lesen durften.

Eine Prüfung durch unsere Anwälte wird ihnen Verweigert. Sie dürfen das Schriftstück nicht mit raus nehmen. Die Arbeiter*innen sind isoliert, sprechen kein deutsch, sind verunsichert und haben Angst obdachlos zu werden.

Die Angaben im Aufhebungsvertrag entsprechen nicht der Wahrheit. Sie sollen unterschreiben, dass sie bereits die vollen 3 Monate die ihr Vertrag vorsieht gearbeitet hätten, obwohl es nur einer war. Man droht ihnen das sie sonst keine Lohnzahlung erhalten.

Das ist die Arbeitsweise der Insolvenzverwalter Schulte-Beckhausen und Bühs in Bonn.
http://ra-sbb.de
https://twitter.com/FAUBonn/status/1262071739242119169
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: counselor am 22:26:17 So. 17.Mai 2020
Sollte Anzeigen wegen versuchter Nötigung nach sich ziehen.
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: BGS am 06:39:37 Mo. 18.Mai 2020
Was sind das bloss fuer Advokaten und unmögliche Verhältnisse? Sowas glaubt einem hier niemand.

MfG

BGS
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Onkel Tom am 14:11:27 Mo. 18.Mai 2020
Und bei der Anwaltskammer Alarm schlagen, damit solch Schweinejuristen hoffentlich die Zulassung
entzogen kriegen.. Sone Touren mag die Anwaltskammer nicht..

Dreister geht es wohl nicht  >:(

Und noch was.. Aufhebungsverträge, die so zustande kommen, sind ungültig, da sie voll mit dem § 123 BGB
kollidieren. Die Betroffenen sollten sich zusammen tun und gemeinsam dagegen vorgehen..

Die Wechselwirkung zu § 240 StGB (Nötigung) und § 123 BGB (arglistiger Täuschung oder Drohung) geben
sich da super die Klinke in die Hand, das die Spargel-Bonzen so richtig tief in die Tasche kommen müssen..
(Lohnnachzahlungen, Gerichtskosten u.s.w.)  ;D

Ich hoffe, das die FAU das aufschappt und das nutzt.. Habe kein FB-Acount..
Titel: Re: Erntehelfer, Protest in Bornheim, 18.5.20
Beitrag von: Fritz Linow am 17:57:28 Mo. 18.Mai 2020
Zitat
18.5.20
Ausgebeutet, gestreikt, gekündigt

Feldarbeiter protestieren gegen Hungerlöhne, miese Unterkünfte und Versorgung
(...)
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1136818.bornheim-ausgebeutet-gestreikt-gekuendigt.html

Der Protest läuft noch. Einige Schnappschüsse aus dem Internet:

(https://abload.de/img/sp16yju7.png) (https://abload.de/image.php?img=sp16yju7.png)

(https://abload.de/img/sp2nbj2f.png) (https://abload.de/image.php?img=sp2nbj2f.png)

(https://abload.de/img/sp3drkjw.png) (https://abload.de/image.php?img=sp3drkjw.png)

(https://abload.de/img/sp4dfk79.png) (https://abload.de/image.php?img=sp4dfk79.png)

(https://abload.de/img/sp5zuktn.png) (https://abload.de/image.php?img=sp5zuktn.png)

(https://abload.de/img/sp6ujjhk.png) (https://abload.de/image.php?img=sp6ujjhk.png)

(https://abload.de/img/sp7enjk8.png) (https://abload.de/image.php?img=sp7enjk8.png)

(https://abload.de/img/sp8q2j6t.png) (https://abload.de/image.php?img=sp8q2j6t.png)

(https://abload.de/img/sp9tjjbt.png) (https://abload.de/image.php?img=sp9tjjbt.png)

(https://abload.de/img/sp10hpkzn.png) (https://abload.de/image.php?img=sp10hpkzn.png)

(https://abload.de/img/sp11hyjwi.png) (https://abload.de/image.php?img=sp11hyjwi.png)

(https://abload.de/img/sp126rkcz.png) (https://abload.de/image.php?img=sp126rkcz.png)

(https://abload.de/img/sp13lrjj1.png) (https://abload.de/image.php?img=sp13lrjj1.png)

(https://abload.de/img/sp15xfjyh.png) (https://abload.de/image.php?img=sp15xfjyh.png)

(https://abload.de/img/sp16kfk84.png) (https://abload.de/image.php?img=sp16kfk84.png)

(https://abload.de/img/sp17vqktc.png) (https://abload.de/image.php?img=sp17vqktc.png)

(https://abload.de/img/sp19lzk22.png) (https://abload.de/image.php?img=sp19lzk22.png)

(https://abload.de/img/20mpj3v.png) (https://abload.de/image.php?img=20mpj3v.png)

(https://abload.de/img/sp21j1jx0.png) (https://abload.de/image.php?img=sp21j1jx0.png)
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 18:42:58 Mo. 18.Mai 2020
Beeindruckend. Osteuropäische "Wegwerfarbeiter" (Prälat Kossen) erfahren hierzulande selten so breite Solidarität.
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 20:45:52 Mo. 18.Mai 2020
Endlich in der Mainstreampresse:

Zitat
„Das ist wie Sklaverei“
Erntehelfer protestieren gegen Bornheimer Spargelhof Ritter


(https://www.express.de/image/36713808/max/600/450/16d27ba9d731ab40999b34a3948e3cb9/ap/ernte-ritter-proteste-plakate.jpg)
https://www.express.de/bonn/-das-ist-wie-sklaverei--erntehelfer-protestieren-gegen-bornheimer-spargelhof-ritter-36711658

Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 21:14:43 Mo. 18.Mai 2020
In erster Linie geht es gegen den Insolvenzverwalter. Hier das Statement vom insolventen Bauern:

Zitat
Sehr geehrte Geschäftspartner, Facebook-Follower, Kunden und Freunde

Mit diesem Schreiben beziehen wir Stellung zu den aktuellen Mediengesprächen über unseren Spargel- und Erdbeerbetrieb.

Wie Sie seit Anfang des Jahres über zahlreiche Medienberichte erfahren haben, befindet sich die Claus und Sabine Ritter GbR nach zwei hintereinander folgenden Jahren mit Sturm, Dürre und schlechten LEH-Preisen in der Insolvenz.

Ziemlich schnell entschied sich der Insolvenzverwalter dazu, die bereits gut im Feld stehenden Pflanzen bis zur Ernte weiter zu pflegen um diese einzufahren und dadurch Geld in die Insolvenzkasse zu spülen.

Mit dieser Entscheidung wurde der laufende Betrieb vom Insolvenzverwalter vollständig übernommen. Die Betriebsführung durch Claus und Sabine Ritter verfiel dadurch, die angestellten Mitarbeiter wurden übernommen.

Die gesamte Verwaltung lag ab diesem Zeitpunkt nicht mehr in den Händen der Familie Ritter.

Nachdem die Familie anfangs noch zur Beratung und Mitarbeit benutzt wurde, wurden die Tätigkeitsfelder nach und nach bei zunehmender Erfahrung der vom Insolvenzverwalter zusätzlich eingestellten Mitarbeiter eingeschränkt, bis zum Schluss für alle ein gesamtes Betriebsverbot verhängt wurde.

Dies hatte nichts mit durch die Familie gestifteter „Unruhe“ zu tun, vielmehr konnte man uns nicht mehr gebrauchen und konnte dadurch unbeobachtet und uneingeschränkter diversen Sachen nachgehen.

Auch die für die Pflege und Ernte benötigten Erntehelfer wurden vom Insolvenzverwalter eingestellt, womit dieser auch für die Bezahlung voll zuständig ist.

Hierbei handelte es sich bei einem großen Teil um Menschen, die bereits seit zum Teil über 25 Jahren jährlich in unseren Betrieb kommen und uns bei anfallenden Arbeiten unterstützen.
In all diesen Jahren gab es bei uns noch nie Probleme bei Lohnauszahlungen oder Unterkünften. Wir bezahlten unsere Mitarbeiter meist übertariflich und hatten Personal welches sich nur um die Pflege, Sauberkeit und Instandhaltung der Unterkünfte kümmerte.

Verpflegt wurde unser Personal von der betriebseigenen Küche, welche täglich frisch und kalorienreich kochte, um die schwer arbeitenden Erntehelfer ausreichend zu sättigen. Ebenfalls stand für alle Arbeiter uneingeschränkt Wasser mit und ohne Kohlensäure zur Verfügung.

Doch um Geld zu sparen wurde auch dieser Service eingestellt und ein Caterer arrangiert. Dieses Essen passt eher in den Speisesaal eines Altersheimes als in die Kantine für Erntehelfer. Weiteres ist Medienberichten zu entnehmen.

Abschließend gesagt hat unsere Familie mit der aktuellen Betriebsführung unseres bis Dato gut funktionierenden und sauber geführtem Familienbetrieb nichts zu tun und jegliche in Verbindung bringen mit diesen Missständen ist schlicht falsch.

Wir hoffen, dass wir Sie mit diesem Schreiben etwas näher über die Situation aufklären konnten.
Statt blind Berichten in der Boulevardpresse zu glauben und sich dadurch ein Bild über die Situation zu machen, ist es oft besser sich direkt bei den Betroffenen zu melden und sich seine Fragen aus erster Hand beantworten zu lassen.

Für jegliche Fragen stehen wir jederzeit in der Nachrichtenfunktion unserer Facebookseite zur Verfügung.
Zur weiteren Aufklärung ist das weitere Teilen dieses Beitrages erwünscht.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Familie Ritter
https://www.facebook.com/erntehelfer.bornheim/posts/1416303485232774?__tn__=K-R

Als der Bauer Ritter heute erschien, wurde ihm zugejubelt, weil die Beschäftigten ihm vertrauen. Sie vertrauen eher weniger dem hier:

(https://abload.de/img/insolvenz4ujbl.png) (https://abload.de/image.php?img=insolvenz4ujbl.png)

Dr. jur. Andreas Schulte-Beckhausen von der Kanzlei Dr. Schulte-Beckhausen & Bühs. Die haben auch das Sicherheitsunternehmen KTD Night & Day aus Bad  Honnef beauftragt, um für Sicherheit zu sorgen:

Zitat
11:19 Uhr: Die Schergen des sogenannten “Anwalts” Schulte-Beckhausen hindern uns weiterhin daran die Unterkünfte der Arbeiter zu begehen. Damit verstoßen sie gegen §2 BetrVG.

12:15 Uhr: Ca. 60 Spargelbäuer*innen haben heute auf dem Feld gearbeitet und würden gerne zu den Unterkünften zurückkehren um sich der Demo anzuschließen. Die Security weigert sich sie zurück zu bringen.

13:45 Uhr: Der Klassenfeind hat angekündigt das die Lohnauszahlungen die es heute Morgen nicht gab nun in den Unterkünften stattfinden, weil die Security uns davon abhält da rein zu kommen. Feudalismus 2020.

15:36 Uhr: Wir versuchen die Arbeiter*innen mit Vollmachten eines Anwalts auszustatten bevor sie zur Lohnauszahlung gehen. Wie es aussieht kriegen wir das Begehungsrecht juristisch durchgesetzt. Der Security Stiernacken macht aber immer noch Faxen.

15:38 Uhr: Einer unserer Dolmetscher wird von der Polizei festgehalten, warum ist unklar. Anscheinend Vorwürfe der Security.

16:15 Uhr: Der RockerAtzen Security sagt wir können nicht mit unserem Anwalt bei der Lohnauszahlung dabei sein, weil da läge viel Geld rum und wir oder unser Anwalt könnten das ja klauen.
Aus FAU Bonn Twitter

Hier wird einem Journalisten uff die Fresse angedroht:
https://twitter.com/d_pesch/status/1262375167466057733

Während nun mal mehr, mal weniger böse Bauern mit verbrecherischen Anwälten und Rockern versuchen, die Lage in den Griff zu bekommen, vermeldete die zuständige Ministerin heute:

Zitat
Aus Rumänien hatte ich heute Arbeitsministerin Victoria Alexandru zu Besuch. Es ging um die Arbeits- + Infektionsschutzstandards bei Saisonarbeitskräften. Wir haben beide den hohen Wert der Arbeitnehmerfreizügigkeit betont + die Kontrolle der verabredeten Corona-Schutzmaßnahmen
https://twitter.com/JuliaKloeckner/status/1262375639136505861
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 12:15:15 Di. 19.Mai 2020
Solidarität vom Hambacher Forst!

Zitat
Aufruf zur praktischen Solidarität mit dem Sklavenaufstand in Bornheim!

In Bornheim, zwischen Köln und Bonn, spielt sich gerade einer der größten Skandale bezüglich Ausbeutung von Arbeiter:innen ab, die in Deutschland in den letzten Jahren öffentlich wurden. Man könnte von Sklaverei sprechen.

Was ist passiert?

Im März und April dieses Jahres hat die Firma Spargelritter in Bornheim mit folgenden Versprechen Saisonarbeiter:innen, vor allem aus dem rumänischen Sprachraum, geworben:
-10€/Stunde Netto
-Vereinbarung über die Tätigkeit als Erntehelfer
-Ordnungsgemäße Anmeldung zur Sozialversicherung
-Saubere Abrechnung
-Mittagessen oder Abendessen
-Mundschutz
-Handschutz
-Witterungsunabhängiges arbeiten im Tunnel
-Ordnungsgemäße Erfassung der Arbeitszeit
-8 Stunden-Tag

Hier könnte man schon stutzig werden, dass solche absoluten Selbstverständlichkeiten Leuten, die deutsches Arbeitsrecht nicht gut kennen, als große Besonderheit verkauft wird. Die Website, auf der das ganze beworben wurde, wurde inzwischen deaktiviert, es existieren allerdings Screenshots.

Am 15. Mai begannen die Arbeiter:innen, die mit diesem Versprechen gelockt wurden, spontan einen Streik. Die Gründe: Unbeheizte Unterkünfte, mangelnde Corona-Schutzmaßnahmen (teilweise nicht mal Masken), nicht trinkbares Wasser und ungenießbares Essen, aber vor allem, weil die versprochenen Löhne niemals ausgezahlt wurden! Am 17. Mai wurde bekannt, dass einige Arbeiter aufgefordert wurden, am nächsten Morgen ihre Unterkünfte zu verlassen. Der Lohn für einen Monat Arbeit: 150€. Später stellte sich heraus, dass einige noch weniger bekamen, teilweise nur 50€ für zwei Wochen. Ebenfalls am 17. Mai wurden die Arbeiter:innen abends einzeln bei Spargel Ritter ins Büro gebeten. Dort wurden sie von zwei Anwälten der Kanzlei Schulte-Beckhausen und Bühs, deren Anwalt Schulte-Beckhausen auch Insolvenzverwalter von Spargelritter ist und vermutlich die Verantwortung für den ganzen Scheiß trägt (Adresse: Oxfordstraße 2, 53111 Bonn) unter Druck gesetzt, einen Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen, den sie vorher nicht lesen durften. Eine Prüfung durch die Anwälte der FAU Bonn (der Gewerkschaft, die sich spontan bereit erklärt hat den Streik zu unterstützen, fette Probs) wurde verweigert. Die Arbeiter:innen durften keine Kopie des Schriftstück aus dem Büro mitnehmen. In dem Vertrag sollten die Arbeiter:innen unter anderem erklären, bereits drei Monate gearbeitet zu haben wie es der Vertrag vorsieht, obwohl es nur einer war. Bei Nicht-Unterzeichnung wurde mit Nicht-Zahlung des gesamten Lohn gedroht.
Heute ging es ähnlich weiter, einige Arbeiter:innen wurden mit 170€ abgespeist, andere ließen das nicht mit sich machen. Später hat die Buchhalterin bei der Lohnauszahlung sich in ihrem Büro verbarrikadiert, anstatt den Arbeiter:innen ihren rechtmäßigen Lohn zu zahlen. Schulte-Beckhausen drohte im nächsten Schritt damit, dass alle, die weiter streiken, keinerlei Lohn für die bisher geleistete Arbeit bekommen. Gewerkschafter:innen wurde währenddessen illegal der Zutritt in die Unterkünfte der Arbeiter:innen verweigert (nicht von den Arbeiter:innen, sondern im Auftrag von Schulte-Beckhausen). Später wurde einigen Arbeiter:innen nach der Arbeit auf dem Feld durch den Sicherheitsdienst (KTD Night&Day) verweigert, sie zurück zu den Unterkünften zu bringen, um zu verhindern, dass sie an einer Demo gegen diese Zustände teilnehmen. Es scheint in dem Unternehmen übliche Praxis zu sein, dass Arbeiter:innen mit Bussen zur Arbeit gefahren werden. Etwa 200 Arbeiter:innen wurden auf dem Feld festgehalten, die Fahrt zur Kantine verweigert. Später hat der Sicherheitsdienst die Arbeiter:innen in die Busse getrieben und dann in Lessenich (NICHT bei ihren Unterkünften, sondern halt irgendwo) rausgeschmissen.
Etwa gleichzeitig stellte sich heraus, dass in einer Unterkunft eine schwerverletzte Person lag, der Schulte-Beckhausen vermutlich die medizinische Versorgung verweigert hat. Presse und Gewerkschaft wird auch nach dieser Info der Zugang zu den Unterkünften verwehrt. Der Schwiegersohn des ehemaligen Eigentümers Ritter kommentierte die Situation mit „Lasst die Leute auf keinen Fall ohne Dolmetscher und euren RA [Rechtsanwalt] ins Büro! Die Secus sind kriminell und werden die Leute massiv unter Druck setzen! Irgendwas vertuschen die da drin!“ Die Polizei unterstützt währenddessen die Ausbeuter, indem sie Dolmetscher festnimmt und bei der Lohnauszahlung Leute einschüchtert. Anwälte werden nicht zur Lohnauszahlung gelassen, weil sie ja „das Geld klauen könnten“.

Die Infos dieser Kurzzusammenfassung stammen größtenteils von der Twitterpräsenz der FAU Bonn (https://twitter.com/FAUBonn), wo es auch regelmäßige Updates gibt.

Warum werden diese Infos gerade hier publiziert?

Die Waldbesetzung war nie ein reines Umwelt-Projekt. Es ging immer auch um einen generellen Kampf gegen jede Form der Ausbeutung. Niemand, der sich linken Ideen irgendwie verpflichtet fühlt, kann weg schauen, wenn in direkter Nähe so etwas passiert. Deshalb der Aufruf an alle, die sich irgendwie als links, anarchistisch, sozialistisch oder auch sozialdemokratisch verstehen oder einfach nur Wert auf Menschenrechte legen: Auf nach Bornheim oder Bonn und den Streik supporten.

Aber wie kann man jetzt helfen?


Dafür vernetzt euch am besten mit der FAU Bonn. Die ist vor Ort und hat viel Ahnung und Erfahrung bezüglich Arbeitskämpfen. Für andere kreative Aktionen hier die Adresse der Kanzlei, die die Insolvenzverwaltung/Betriebsleitung übernommen hat:

Rechtsanwälte
Dr. Schulte-Beckhausen & Bühs
Oxfordstraße 2
53111 Bonn

und noch eine Privatadresse:
Dr. Andreas Schulte-Beckhausen
Terrassenweg 21 A
53639 Königswinter – Thomasberg
Kennzeichen BN TD 28

Für Telefon/Fax/Mail-Terror erreicht ihr die Kanzlei unter:
Telefon: 0228 98521-0 (Die 0 gerne mal experimentell durch andere Ziffern ersetzen und schauen, welche Durchwahlen es sonst noch gibt)
Fax: 0228 98521-22
Mail: info@ra-sbb.de

Privat ist Herr Schulte-Beckhausen erreichbar unter der 02244 872737

Für die Hacktivisten unter euch hier noch die Website der Kanzlei: https://www.ra-sbb.de/

Die Zentrale des Sicherheitsdienstes, der die Drecksarbeit für Schulte-Beckhausen macht, ist zu finden:
KTD Night & Day
Floßweg 61b
53604 Bad Honnef

Und erreichbar unter:
Telefon: 02224 969606
Fax: 02224 969609
E-Mail: contact@ktd-nightday.de
Website: https://www.ktd-nightday.de/

Die Eigentümerfamilie und ehemalige Geschäftsleitung vor der Insolvenz hat mit dem Ganzen vermutlich recht wenig zu tun.
https://hambacherforst.org/blog/2020/05/18/aufruf-zur-praktischen-solidaritaet-mit-dem-sklavenaufstand-in-bornheim/
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 12:28:40 Di. 19.Mai 2020
Vor dem Büro der ADWIN Consulting GmbH in Siegburg gab es heute morgen auch eine Forderung. Die Klitsche ist wohl direkt in die betrügerischen Verhandlungen verwickelt:

(https://abload.de/img/adwinvzjak.png) (https://abload.de/image.php?img=adwinvzjak.png)
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 21:27:29 Di. 19.Mai 2020
Zu der heutigen Entwicklung bei den Erntehelfern in Bornheim gibt es auf diesem Twitterkanal einige nette kurze Filmchen:
https://twitter.com/johnmalamatinas

Ob sich der Geschäftsführer der ADWIN Consulting GmbH darüber freut?

(https://abload.de/img/siegburgjmke7.png) (https://abload.de/image.php?img=siegburgjmke7.png)
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 14:28:05 Mi. 20.Mai 2020
Auch in Rumänien wird über den Kampf berichtet:

https://adz.ro/artikel/artikel/erntehelfer-weiter-kritik-an-arbeitsbedingungen
https://adevarul.ro/economie/stiri-economice/reactia-violetei-alexandru-protestele-muncitorilor-romani-aflati-cules-sparanghel-bonn-nu-accept-indrumari-de-bine-nimeni-1_5ec4b4bc5163ec4271f4784c/index.html

(https://pbs.twimg.com/media/EYVGGszXkAEXSnO?format=jpg&name=large)

(https://pbs.twimg.com/media/EYc6tccXkAAVM8z?format=jpg&name=medium)

Solidarität in Dresden:
(https://pbs.twimg.com/media/EYccF_IWoAALWab?format=jpg&name=large)

Kleiner Spontanprotest vor dem Landwirtschaftsministerium in Berlin:
(https://pbs.twimg.com/media/EYYhZp5XkAEriP2?format=jpg&name=small)

(https://pbs.twimg.com/media/EYVAtiNXYAku6QN?format=jpg&name=large)

https://youtu.be/qXt5TcpPoIQ
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 22:16:50 Do. 21.Mai 2020
Zitat
Spanien ordnet Überprüfung auf Ausbeutung von Erntehelfern an
Der spanische Staat schickt Inspektoren auf die Höfe, um die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter zu überprüfen und ob sie unter Druck gesetzt werden. Die Bauern sind über die Vorverurteilung empört.
https://www.topagrar.com/panorama/news/spanien-ordnet-ueberpruefung-auf-ausbeutung-von-erntehelfern-an-12067763.html

Es erinnert an das, was sich in Deutschland an den Schlachthöfen tut.
Der Staat hat sicherlich nicht plötzlich sein Herz für migrantische Arbeiter entdeckt. Die Ausbeuter haben den Bogen überspannt. Das wohlaustarierte Ausbeutungssystem droht ihnen um die Ohern zu fliegen.
Die Auseinandersetzungen in Bornheim sind eine Drohung, bzw. ein Hoffnungsschimmer. Er könnte sich ein Flächenbrand entwickeln.
Der Staat will genau das verhindern, indem die Ausbeuter ein wenig staatliche Kontrolle hinnehmen müssen, damit das gesamte Ausbeutungssystem weiterlaufen kann.

Ich kann meinen alten Vorschlag nur wiederholen: Wenn wir die Verhältnisse aufmischen wollen, müssen wir den Kontakt zu migrantischen Malochern suchen!
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: BGS am 06:35:01 Fr. 22.Mai 2020
... .

Ich kann meinen alten Vorschlag nur wiederholen: Wenn wir die Verhältnisse aufmischen wollen, müssen wir den Kontakt zu migrantischen Malochern suchen!

Wie wahr.

MfG

BGS
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 18:13:12 Fr. 22.Mai 2020
Nochmal Spargelhof Ritter in Bornheim: Hier ist ein Video von 2018 mit Aufnahmen von 2013/14 über die Unterbringung, teilweise wohl heimlich gefilmt. Das ist erst seit einer Woche in der Röhre. Keine Ahnung, was der Kommentator da redet, in der Beschreibung steht laut Googleübersetzung:

Zitat
Nach Gesprächen mit einigen Kollegen starb der 43-jährige Rumäne, nachdem er seine Arbeitgeber um Hilfe gebeten hatte, weil seine Brust und sein Herz sehr schmerzten. Nach einer Stunde der Barmherzigkeit fiel der Mann und ging in die andere Welt. Die Rumänen sagten, dass hier im Spargelhof Ritter in Bornheim vor etwa einem Monat ein weiterer 48-jähriger Rumäne gestorben ist und niemand weiß, warum und was mit seinem Körper passiert ist.

Aber so sieht es aus in der heilen Erdbeerwelt:

https://www.youtube.com/watch?v=3dnlQFEOb4U

In diesem Blog werden weitere Schweinereien dokumentiert:
https://aebs.org/blog/lagar-de-romani-langa-bonn-doi-morti-in-ultima-luna-nu-s-a-chemat-salvarea-video/

Unter anderem sind dort auch Arbeitsverträge und Mietverträge eingescannt (2018), z.B.

(https://abload.de/img/mietehljx7.png) (https://abload.de/image.php?img=mietehljx7.png)
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 19:33:05 Sa. 23.Mai 2020
Zitat
Die Abwesenheit der zuständigen DGB-Gewerkschaft
Ausbeuterischem Spargeln den Sarg zunageln!

In der Nähe von Bonn zeigt sich gerade, zu welchen Spargel-Spitzenleistungen das deutsche Agrarkapital in der Lage ist, und wer dafür den Buckel krumm zu machen hat.
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/deutschland/spargelernte-arbeitsrecht-2629.html (https://www.untergrund-blättle.ch/politik/deutschland/spargelernte-arbeitsrecht-2629.html)

Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 12:27:52 So. 24.Mai 2020
Auch der AK hat sich dieser Auseinandersetzung gewidmet:
Zitat
Der wilde Streik der rumänischen Feldarbeiter*innen in Bornheim zeigt, dass auch im System rassistischer Überausbeutung Kämpfe möglich sind
https://wirkommen.akweb.de/bewegung/der-streik-bei-spargel-ritter/
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Nikita am 14:31:17 So. 24.Mai 2020
Rumänische Erntehelfer demonstrieren am Bonner Bertha-von-Suttner-Platz am 19.05.20

https://www.youtube.com/watch?v=oO4yz1S0PtQ

vom Kanal "Einsatzfahrten und so"

"Am 19.05.2020 gegen 13:00 Uhr trafen ca. 20 rumänische Erntehelfer vor der Kanzlei des Insolvenzverwalters in der Oxfordstraße am Bertha-von-Suttner-Platz im Bonner Zentrum ein, um mit ca. 30 Vertreter der anarchistischen Gewerkschaft Freie ArbeiterInnen Union, die bereits seit dem Morgen vor der Kanzlei demonstrierten, für Ihren Lohn bei Spargel Ritter zu kämpfen. Gegen 13:45 Uhr zogen alle gemeinsam über den Bertha-von-Suttner-Platz bis zum  rumänischen Konsulat im Legionsweg. Dort durften 10 Demonstranten in die Botschaft, um mit den Diplomaten zu sprechen. Das Konsulat nahm Kontakt zum rumänischen Landwirtschaftsministerium auf, deren Mitarbeiter den Arbeitern helfen möchten. Die Demonstration endete am Konsulat."
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 15:09:10 So. 24.Mai 2020
Die rumänische Arbeitsministerin Violeta Alexandru hat die kämpfenden ArbeitInnen in Bornheim besucht. Die Rumänischen Medien sind voll mit Berichten darüber.

Ein deutscher Bericht:
https://www.rundschau-online.de/region/bonn/bornheim/spargelstreit-in-bornheim-rumaenische-ministerin-sagt-erntehelfern-unterstuetzung-zu-36730874
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 13:29:28 Mo. 25.Mai 2020
Dem Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhaus droht weiteres Ungemach:
Zitat
Nach den gravierenden Unregelmäßigkeiten bei der Behandlung von Saisonarbeiter*innen auf dem in Insolvenz befindlichen Landwirtschaftsbetrieb „Spargel-Ritter“ in Bornheim bei Bonn wurde vom Bundestagsabgeordneten Dr. Alexander Neu bei der Staatsanwaltschaft Bonn Strafanzeige gegen den Insolvenzverwalter gestellt. (...)
https://www.dielinke-nrw.de/start/aktuell/detail/news/spargel-ritter-linke-stellt-anzeige-gegen-insolvenzverwalter/
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 15:52:54 Mo. 08.Juni 2020
Die unschuldige und ehrenwerte Familie Ritter vom Spargelhof Ritter in Bornheim:

Zitat
8.6.20
Erschreckende Einblicke in die Erntehelfer-Branche

(...)
Bei den Protesten war auch der Besitzer des insolventen Betriebs Claus Ritter dabei. Er kritisierte den Insolvenzverwalter scharf und erklärte in der Lokalzeit aus Bonn, dass er das ganze Chaos nicht nachvollziehen könne: "Wir haben die Leute seit 25 Jahren. Das sind immer die gleichen Leute, die da jedes Jahr kommen. Wir haben mit denen noch nie Probleme gehabt."

Gab es nie Probleme mit Erntehelfern?
Sie sei fast vom Hocker gefallen, als sie diese Aussage von Claus Ritter im Fernsehen gesehen habe, erzählt Ursula Heß. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Büro für die Eheleute Ritter. Sie sagt, die rumänischen Erntehelfer seien immer schlecht behandelt worden.
(...)
https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/einblicke-erntehelfer-branche-100.html
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Nikita am 17:19:43 Mo. 08.Juni 2020
Die Recherche klingt so gruselig, dass ich sie noch mal als Fullquote reinstelle:

https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/einblicke-erntehelfer-branche-100.html

Erschreckende Einblicke in die Erntehelfer-Branche
Von Tobias Al Shomer

Dieser Artikel ist eine gemeinsame Recherche des WDR Landesstudios Bonn und des General-Anzeigers Bonn

Es waren Bilder, die deutschlandweit Schlagzeilen gemacht haben: rumänische Erntehelfer protestieren vor dem Spargel- und Erdbeerhof Ritter in Bornheim. Angeblich, weil sie zu wenig Lohn erhalten hätten. Der Betrieb ist pleite. Der Insolvenzverwalter erklärt aber gegenüber dem WDR und General-Anzeiger, dass alle Erntehelfer vertragsgemäß bezahlt worden seien.

Massenprotest von 150 Feldarbeitern in Bornheim | mehr
Bei den Protesten war auch der Besitzer des insolventen Betriebs Claus Ritter dabei. Er kritisierte den Insolvenzverwalter scharf und erklärte in der Lokalzeit aus Bonn, dass er das ganze Chaos nicht nachvollziehen könne: "Wir haben die Leute seit 25 Jahren. Das sind immer die gleichen Leute, die da jedes Jahr kommen. Wir haben mit denen noch nie Probleme gehabt."

Gab es nie Probleme mit Erntehelfern?
Sie sei fast vom Hocker gefallen, als sie diese Aussage von Claus Ritter im Fernsehen gesehen habe, erzählt Ursula Heß. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Büro für die Eheleute Ritter. Sie sagt, die rumänischen Erntehelfer seien immer schlecht behandelt worden.

WhatsApp-Nachricht vom 10. Mai 2017. "Frau Ritter zahlt jetzt die 15 Leute von heute Morgen aus, mit 4 Mann von der Security im Rücken."Whats App-Nachricht der Mitarbeiterin
Bei Auszahlungen in den letzten Jahren seien immer Polizei und Sicherheitsdienst mit dabei gewesen. Als Beleg zeigt sie uns eine Whats App-Nachricht, die sie am 10. Mai 2017 an ihren Ehemann geschrieben hat: "Frau Ritter zahlt jetzt die 15 Leute von heute Morgen aus, mit 4 Mann von der Security im Rücken (...)"

Auch sonst sei der Umgang ruppig gewesen. Besonders in Erinnerung geblieben, ist ihr ein Vorfall aus dem Sommer 2018: "Da wollte ein Mann unbedingt nach Hause. Ich weiß nicht mehr, was der Grund war, aber er hatte offensichtlich große Probleme. Dem wurde das abgewiesen und dann griff er hier durch das offene Fenster in meinem Büro, nahm sich meine Büroschere und schlitzte sich damit den kompletten Oberarm auf. Nach dem Motto: wenn ich verletzt bin kann ich nicht mehr arbeiten und dann müsst ihr mich nach Hause schicken." Weitere Kollegen bestätigen diesen Fall.

Abgelaufenes Kantinen-Essen
Monika Blank bestätigt das. Sie hat als Küchenkraft auf dem Hof gearbeitet. Das Mindeshaltbarkeitsdatum der Lebensmittel sei immer wieder abgelaufen gewesen, sagt sie. Trotzdem seien die verarbeitet worden. Noch heute schaudert es sie, wenn sie an tiefgekühlte Hähnchen zurückdenkt: "Also das waren diese kleinen Hähnchenkeulen. Die waren im Gefrier 3 Jahre abgelaufen. Die Anweisung war halt, noch mal gut zu waschen. Salz, Pfeffer und gut zu würzen. Damit die Leute das halt nicht merken. Irgendwo hatte man ein schlechtes Gewissen, aber irgendwie denkste Dir: ok, mach es einfach. Weil Du irgendwie immer diesen Druck gekriegt hast. Irgendwann gibst Du es auf und sagst gar nichts mehr dazu. Du nimmst es einfach irgendwie hin." Weitere Kollegen bestätigen diese Zustände in der Küche.

Ritter weist Vorwürfe zurück
Die Anschuldigungen zur Küche weist Claus Ritter auf Anfrage des WDR zurück. Es habe immer gutbürgerliches Essen gegeben, das neben den Erntehelfern auch die anderen Angestellten und seine Familie sowie er selbst gegessen hätten.

Claus Ritter.Claus Ritter weist die Vorwürfe zurück
Den Vorfall mit der Schere bestätigt er: "Durch unsere übertarifliche Bezahlung hatten die Erntehelfer schnell Ihren Lebensunterhalt verdient und versuchten bereits weit vor Vertragsende abzureisen. Bei den dann geführten Gesprächen Zwecks fristgerechten Verbleib in unserem Betrieb, da wir in der Ernte auf die Kräfte angewiesen waren, kam es zu dem von Ihnen erwähnten Zwischenfall mit der Bastelschere." Der Mann habe aber nicht Mal einen Arzt aufsuchen müssen und sich am nächsten Tag entschuldigt. Er habe auch in den Folgejahren weiter auf seinem Hof gearbeitet.

Die Containerunterkünfte neben dem Spargelfeld.Feldarbeiter protestieren03:09 Min. Verfügbar bis 19.05.2021Eine Halle des Spargelhofs Ritter mit einer Erdbeerfigur auf dem Dach.Halle des Spargelhofs
Ein anderes Bild zeichnet eine Kontrolle des Zolls Mitte Oktober 2018. Am Firmensitz und im privaten Wohnhaus in Bonn-Endenich gab es Hausdurchsuchungen. Aus dem Einsatzbericht, der WDR und General-Anzeiger vorliegt, geht hervor, dass mutmaßlich Erntehelfer den Zoll verständigt hatten. Im Bericht steht: "In Zusammenhang mit verzögerten Lohnzahlungen wurden die Beschuldigten und der Rechtsanwalt auf den Nötigungstatbestand hingewiesen, da Arbeitnehmer wegen der fehlenden Entlohnung nicht in ihr Heimatland abreisen können."

Gefälschte Papiere für Sozialversicherung
Brisanter dürfte für die Eheleute der Fund diverser Siegel und Stempel damals sein. Offenbar stehen die im Zusammenhang mit Formularen ausländischer Sozialversicherungsträger. Ursula Heß erinnert sich, dass sie an dem Tag gar nicht im Büro war: "Ein paar Tage später hat mir die Frau Ritter verzweifelt erzählt, mit Tränen in den Augen, dass sie richtig Angst hat und dass sie befürchtet, dass da noch was ganz Schlimmes auf sie zukommt. Sie hätten diverse Papiere, die die Rumänen im Grunde benötigen, um hier arbeiten zu können, gefälscht. Hätten also da diverse Stempel zu Hause gehabt von diesen verschiedenen rumänischen Distrikten (...) und hätten dann mehr oder weniger die Papiere selber ausgefüllt für die Rumänen mit rumänischen Stempeln, Siegelstempel versehen."

Rumänische Erntehelfer dürfen unter bestimmten Voraussetzungen in einem Zeitraum von 90 Tagen sozialversicherungsfrei in Deutschland arbeiten. Ursula Heß hat die Anmeldung der Rumänen auf Anweisung von Sabine Ritter bearbeitet. Sie sagt, auf dem Hof habe es ein eigenes System gegeben: "Dann ist aber irgendwann Mal durchgesickert. Ja, ja, die fahren dann nach Hause nach ihren 90 Tagen, weil sie auch die Familie Mal sehen möchten und kommen dann mit nem anderen Ausweis und anderen Papieren aber selber wieder und sind dann halt unter anderem Namen wieder für 90 Tage hier."
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 22:42:16 Mo. 08.Juni 2020
Auch der investigative Generalanzeiger aus Bonn berichtet aktuell von Spargelritter:

Zitat
8.6.20
Einreise unter falscher Identität

Zollbericht belegt: Schon 2018 Missstände bei Spargel Ritter

Bornheim/Bonn Ein alter Zoll-Bericht belegt Missstände bei Spargel Ritter: Schon 2018 kam es zu Verzögerungen bei der Auszahlung des Lohns und Saisonarbeiter reisten unter falscher Identität erneut ins Land ein. Das ergaben gemeinsame Recherchen des GA und des WDR Landesstudios Bonn.

Der insolvente Bornheimer Erdbeer- und Spargelhof Ritter kommt nicht zur Ruhe. Während der Proteste rumänischer Erntehelfer Mitte Mai wegen angeblich ausstehender Lohnzahlungen und hygienischer Mängel in der Unterkunft sprachen Ritters in einer Stellungnahme auf Facebook noch von einem „bis Dato gut funktionierenden und sauber geführten Familienbetrieb“. Zu verstehen sind diese Worte als deutliche Kritik am Bonner Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen, der die Geschäfte im Zuge der Insolvenz seit dem Frühjahr führt und Claus Ritter wegen Unruhestiftung Hausverbot auf dem Betriebsgelände erteilt hatte.

In einem Beitrag der WDR-Lokalzeit Bonn zu den Protesten ist Claus Ritter zu sehen, wie er sagt: „Wir haben mit denen noch nie Probleme gehabt.“ Gemeint sind die rumänischen Erntehelfer. Eine Aussage, die nach gemeinsamen Recherchen von General-Anzeiger und WDR-Landesstudio Bonn unhaltbar ist. Denn was er verschweigt, was aber mehrere ehemalige Ritter-Mitarbeiter nun berichten, ist: Vor etwa zwei Jahren rammte sich einer der Saisonarbeiter eine Schere in den Arm. Das soll eine Tat aus Verzweiflung gewesen sein, weil Ritters ihn genötigt hätten, zu bleiben, um das Geld für seine An- und Abreise abzuarbeiten.

Der Bericht eines Zoll-Einsatzes bei Ritter aus dem Oktober 2018, der GA und WDR vorliegt, belegt, dass es schon damals zu Verzögerungen bei der Auszahlung des Lohns kam. „Im Zusammenhang mit verzögerten Lohnzahlungen wurden die Beschuldigten und der Rechtsanwalt auf den Nötigungstatbestand hingewiesen, da Arbeitnehmer wegen der fehlenden Entlohnung nicht in ihr Heimatland abreisen können“, heißt es in dem Zoll-Bericht. Und weiter: Ritter habe zugesagt, die Lohnzahlungen „umgehend vorzunehmen“.

Gleichwohl ermittelt die Staatsanwaltschaft nach Informationen von GA und WDR gegen Claus Ritter und seine Frau Sabine seit 2018 wegen Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug. Zudem gibt es ein Ermittlungsverfahren, das sich um illegale Geschäfte mit Oldtimern dreht.

Bei dem Einsatz an Ritters Privatanschrift stellte der Zoll laut Bericht ferner einen nicht registrierten Revolver samt Munition und eine Schreckschusswaffe sicher. Auch rückte eine mit Siegeln und Stempeln gefüllte Stofftüte ins Visier der Fahnder. Ritter hatte während des Einsatzes vergeblich versucht, diese zu verstecken, indem er sie unter einen Anhänger mit Brennholz warf.

Auf die Tüte von den Fahndern angesprochen, sagte Ritter laut Bericht, „dass die einen Briefmarken sammeln und der andere das“, also die Stempel. Zudem müssten die Ermittler die dazu gehörigen Dokumente haben – und die fänden sie nicht.

Die Frage drängt sich auf, ob Ritter die Stempel möglicherweise dazu genutzt haben könnte, um Dokumente der rumänischen Erntehelfer zu fälschen. Denn nach Informationen von GA und WDR war es bei Ritter Praxis, dass Saisonarbeiter nach spätestens drei Monaten das Land verließen und unter falscher Identität wieder einreisten. Auf diese illegale Weise sollten Steuern und Abgaben gespart werden. Aus dem Umfeld das Betriebs wird dies von verschiedenen Seiten bestätigt.

So sei auch stets Unruhe ausgebrochen, wenn ein Erntehelfer medizinische Versorgung brauchte. Denn man habe nicht gewusst, mit welchen Papieren der Betroffene zum Arzt gebracht werden sollte, erzählt ein Mensch, der es wissen muss, aber anonym bleiben will. Diese Person berichtet zudem von einem „schlimmen Umgang“ mit den Erntehelfern bei Ritter. Den Angaben zufolge waren aber auch Erntehelfer Teil des Problems, besonders die „Clans“, die angereist seien. „Wenn die gesagt haben, es wird nicht gearbeitet, wurde nicht gearbeitet.“ Schon immer sei es so gewesen, dass rumänische Erntehelfer der Meinung waren, dass sie zu wenig Geld bekommen. „Die waren immer am Pokern“. All diese Schilderungen stehen in deutlichem Widerspruch zu den Äußerungen der Ritters auf Facebook und im Fernsehen, nach denen es Probleme mit den Erntehelfern erst seit der Insolvenzverwaltung in diesem Jahr gegeben haben soll.

Zu dem Einsatz des Zolls und den Ermittlungen gegen ihn äußert sich Claus Ritter indes nicht. Den Vorfall mit dem Erntehelfer, der sich eine Schere in den Arm gerammt haben soll, bestätigt er jedoch. Seine Version lautet wie folgt: Durch die „übertarifliche Bezahlung“ hätten die Erntehelfer schnell Ihren Lebensunterhalt verdient und „bereits weit vor Vertragsende“, versucht abzureisen. „Wie sich Menschen mit gesundem Verstand vorstellen können, musste die durch die Bastelschere entstandene „Verletzung“ nicht ärztlich behandelt werden“, äußert sich Ritter schriftlich. Bereits einen Tag nach diesem Vorfall habe sich der Erntehelfer „aufrichtig“ entschuldigt. Bis heute komme er jedes Jahr in den Betrieb zurück.
https://www.general-anzeiger-bonn.de/region/voreifel-und-vorgebirge/bornheim/spargel-ritter-aus-bornheim-schon-2018-wurde-lohn-zu-spaet-ausgezahlt_aid-51549287

Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 14:14:37 Mo. 22.Juni 2020
Zitat
Verschweigen, verdrängen, ignorieren

Die Ausbeutung osteuropäischer Wanderarbeiter*innen findet wenig Aufmerksamkeit – in Bornheim war das anders. Was folgt daraus?


(https://wirkommen.akweb.de/wp-content/uploads/2020/06/streik_bornheim-700x471.jpg)
Als juristischer Nachklapp der Ereignisse in Bornheim bleiben jetzt noch rund 150 bis 200 Einzelverfahren um ausstehenden Lohn.

er Pulverdampf hat sich innerhalb einer Woche verzogen, die meisten rumänischen Erntehelfer*innen sind entweder zurück nach Hause gereist oder haben bei anderen Landwirtschaftsbetrieben angeheuert. Jetzt sind die 180 Wohncontainer, in denen sie in drei Zeilen übereinander gestapelt hausten – abgezäunt und von Security bewacht, versteckt, isoliert und vergessen zwischen Bahndamm, Roisdorfer Klärwerk und Friedhof –, wieder verlassen. Die Europäische Union hat dem »Bornheimer Spargel« 2014 den Titel »geschützte geografische Angabe« verliehen. Die Region zwischen Köln und Bonn ist bekannt für ihre fruchtbaren Böden, was große Chemiekonzerne wie Shell, Evonik oder LyondellBasell nicht daran hindert, diese systematisch zu verseuchen. (1) Der Beliebtheit des Spargels hat es bis jetzt nicht geschadet.

Während die EU die Bornheimer Spargelbauern und -bäuerinnen also mit einem Siegel vor unlauteren Wettbewerbern schützt, schuften diejenigen, die im Mai die Ernte einbringen, abseits öffentlicher Wahrnehmung, unbeobachtet auch vom trägen Auge des Gesetzes. Für die rumänischen Erntehelfer*innen aus verarmten Regionen wie Banat und Transsylvanien hat die EU höchstens individuelle Sonderbetreuung und Beratung in Form des Projekts »Faire Mobilität« parat: Muttersprachliche Akademiker*innen leisten individuelle Rechtsberatung und Betreuung. Gewerkschaftliche Organisierung, Proteste, Streiks und Arbeitskämpfe sind eher nicht ihr Ding.

Diesmal kam die »Faire Mobilität« zu spät. Am Freitag, den 15. Mai 2020, legten 100 bis 300 Erntehelfer*innen in Bornheim bei Bonn unter Protest die Arbeit nieder. Bereits am Montag, den 18. Mai, folgten rund 150 bis 200 Unterstützer*innen einem Aufruf anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter*innen Union Bonn (FAU) und demonstrierten vor der Unterkunft der Erntehelfer*innen.

Die Mobilisierung war beeindruckend. Den Anstoß gab eine schnelle, intensive Lokalberichterstattung durch General-Anzeiger, Rheinische Post und Express, denen im Lockdown nach echten Ereignissen dürstete. Die FAU Bonn baute spontan Kontakt auf zu den Arbeiter*innen, organisierte praktische Hilfe und mobilisierte – neben vielen anderen. Kurzfristig kamen Leute aus Köln, Bonn, Düsseldorf, sogar Frankfurt und Essen zusammen, die froh waren, in Zeiten des Lockdowns einen Ansatzpunkt für sinnvolle Intervention zu finden: angewandte Solidarität, Anti-Rassismus und Arbeitskampf. Gemeinsam mit den Betroffenen zog das Protestgemisch an jenem Montag lautstark vom Container-Lager zur Zahlstelle und konnte dort durchsetzen, dass der Bonner Rechtsanwalt Harald Klinke sowie rumänisch-deutsche Übersetzer*innen die anstehenden Lohnauszahlungen begleiteten. Sie konnten verhindern, dass die Arbeiter*innen dubiose Quittungen unterzeichneten, mit denen sie weitere Forderungen abtraten.

Ein Lehrstück des institutionellen Rassismus


Der Streik war ausgebrochen, als der Bonner Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen, der das Pleite-Unternehmen Sabine & Claus Ritter GbR bereits seit Anfang März 2020 leitet, am Ende für einen Monat Arbeit nur 200 bis 250 Euro rausrücken wollte. Um die letzte Ernte in Zeiten von Corona noch einzubringen, hatte Schulte-Beckhausen aber für mehrere Wochen Arbeit wohl rund 2.000 Euro in Aussicht gestellt.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ließ die Rumän*innen mitten im Lockdown per Sonderregel extra über Düsseldorf einfliegen. Als die Lohntüte nur ein Zehntel der erhofften Summe aufwies, platzte den Leuten der Kragen, die zuvor ohne Heizung die Eisheiligen überstehen mussten, verschimmeltes Essen serviert bekamen und neben Müllbergen wohnten, die nicht entsorgt wurden, von Infektionsschutz und Hygiene, selbst regelmäßig gereinigten sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Vor allem wussten die Arbeiter*innen nicht, wie sie ohne ihren rechtmäßigen Lohn überhaupt nach Hause kommen sollten. Vielen drohte die Obdachlosigkeit.

    Um das Gespenst wilder Streiks von Wanderarbeiter*innen zu bannen, setzt die EU vor allem auf Soft Power.

Der Bornheimer Spargelstreik ist ein Lehrstück des industriellen und institutionellen Rassismus in Zeiten der EU-Osterweiterung, ebenso wie für plötzlich aufflammende, spontane Arbeiterproteste, die nach 120 Jahre alten syndikalistischen oder revolutionär-unionistischen Mustern verlaufen. Nur wenig unterschied das Szenario von historischen Streiks wie dem Free Speech Fight in Fresno, Kalifornien, im Jahr 1910. (2) Statt auf Seifenkisten zur Menge zu sprechen, wie es damals Joe Hill und Frank Little taten, sprechen die Wortführer*innen heute lautstark und empört in Handies, die das Geschehen auf Facebook, Youtube und Twitch in die Welt streamen.

Doch so schnell die Emotionen überborden und rumänische Wanderarbeiter*innen plötzlich schwarz-rote Fahnen schwenken, so schnell zerstreuen sich die Leute auch wieder und dies – so meine Befürchtung – ohne erkennbaren Nachhall oder organisatorische Verankerung. Eine Erkenntnis, die 1910 schon frustrierte. Um das Gespenst wilder Streiks von Wanderarbeiter*innen zu bannen, setzt die EU vor allem auf Soft Power. Entstehende Risse im Herzen der EU sollen heute möglichst schnell oder sogar präventiv gekittet werden – gerne auch durch ehemals linkes, »progressives« Personal, dessen Projekte der EU-Sozialfonds und gewerkschaftsnahe Fördertöpfe recht großzügig finanzieren. (3) Schon durch deren üppig bezahlte Stellen entsteht eine scharfe Trennung zwischen Betreuer*innen und Betreuten sowie zwischen Forscher*innen und Erforschten. Die Praxis dieser Projekte verschärft diese Grenze. Es geht nicht um gemeinsame Kämpfe, Mobilisierung, gar Aufruhr – also Grenzüberschreitung –, sondern um Einhegung und Einzelfallbetreuung durch Profis. Am Ende landet alles vor Arbeitsgerichten und manche Betroffene dürfen sich über finanzielle Trostpflaster freuen. Aber es ändert sich nichts.

Was wir für die Zukunft lernen könnten


Als juristischer Nachklapp der Ereignisse in Bornheim bleiben jetzt noch rund 150 bis 200 Einzelverfahren um ausstehenden Lohn. Die FAU prüft mit Anwalt Harald Klinke außerdem, ob der Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen kriminell handelte. Er hatte gemeinsam mit Andreas Willems (Adwin Consulting GmbH) per Video zunächst auch deutsche Erntehelfer*innen angeworben und ihnen einen Stundenlohn von 10 Euro in Aussicht gestellt. Seine massenhafte Anwerbung aus Rumänien – trotz Pleite – wirkt wie Betrug, die Unterbringung mindestens sittenwidrig.

Es bleiben zudem – kurz skizziert – folgende Lehren:

Erstens: In Deutschland existiert eine Schattenarmee, die wesentliche Teile der Produktion stemmt. Arbeiter*innen aus Osteuropa sind anzutreffen in den Bereichen Landwirtschaft, Fleisch-Industrie, Schiffbau (Meyer-Werft), Reinigung, häusliche Pflege, Bau-Industrie. Die Arbeits- und Wohnbedingungen dieser Menschen – meist Werkverträge, Leiharbeit, Saisonarbeit – sind weitgehend unbeachtet und unbekannt. Der industrielle Rassismus besteht vor allem in systematischer Ungleichbehandlung, Ausbeutung, Rechtsnihilismus und Vertuschung.

Zweitens: Wir dürften uns nicht durch liberale Multi-Kulti-PR täuschen lassen, die für Ausbeuter*innen wie den Schweine-Baron Clemens Tönnies und viele andere inzwischen zum guten Ton gehört. Der industrielle Rassismus hat nichts gegen Ausländer*innen, solange sie brav den Platz einnehmen, der für sie vorgesehen ist. Für die Masse sieht er einen Platz ganz unten in der Verwertungskette vor.

Drittens: Diese industrielle Schattenarmee und das verschämte Verschweigen ihrer Existenz – obwohl es eigentlich alle wissen (können) – hat ihre direkten Vorläufer in der Zwangsarbeit, die im 1. Weltkrieg begann und im 2. Weltkrieg perfektioniert wurde. Danach kamen die »Fremdarbeiter«, die zu »Gastarbeitern« wurden. Heute: Werkverträge, Leiharbeit, sachgrundlose Befristung. Das Verschweigen, Verdrängen, Ignorieren ist eine überlieferte Verhaltensweise.

Viertens: Die Grundlage des industriellen Rassismus ist die Zerstörung vormals intakter Regionen: de-industrialisierte, bankrotte, privatisierte und von Land-Grabbing betroffene EU-Regionen vor allem Bulgariens und Rumäniens. Viele Obdachlose und Bettler*innen in deutschen Städten dürften eine Vorgeschichte als Wanderarbeiter*innen haben, die vom System angesogen, ausgepresst und wieder ausgespuckt wurden. Da sie als EU-Staatsbürger*innen Freizügigkeit genießen, haben sie zwar einerseits ein Recht hier zu bleiben, genießen aber andererseits viel weniger Aufmerksamkeit und Sympathie als Geflüchtete.

Fünftens: Die Behörden greifen nicht ein. Sie sehen zu, auch wenn offensichtlich rechtswidriges Verhalten, Straftaten und sogar organisierte Kriminalität selbst für Laien schon erkennbar sind. Zudem sind wichtige Kontrollinstanzen systematisch unterversorgt mit Personal und Ressourcen. Die Folge sind Rechtsnihilismus, Straflosigkeit bis hin zu mafiösen Strukturen.

Sechstens: Die EU ist ein hoch aggressives Gebilde, kein fortschrittliches Projekt. Sie verschleiert ihren ausbeuterischen, rassistischen Charakter durch Methoden der Soft Power.

Und schließlich: Wo wohnen die Wanderarbeiter*innen? Der erste Schritt, um die Verhältnisse irgendwann verändern zu können, besteht im Sichtbarmachen – wie in Bornheim etwa durch die Lokalpresse geschehen. In Zukunft wären Eigenrecherche und Kartografierung vonnöten. Die Peripherie ist derzeit unerforscht: Ostwestfalen, Niederrhein, Bornheim und so weiter. Der Schritt muss dann sein: Kontaktaufnahme mit Hilfe von Muttersprachler*innen.

Es bleibt abzuwarten, ob der Bornheimer Spargelstreik nur ein heller Moment in der Corona-Krise war, der durch das unwahrscheinliche Zusammentreffen günstiger Faktoren möglich wurde. Wünschenswert wäre das Gegenteil: Eine neue Welle sozialer Kämpfe in dieser Richtung. Lernen wir Rumänisch!

Elmar Wigand

Elmar Wigand ist Pressesprecher der aktion ./. arbeitsunrecht.

Anmerkungen:
1) Shell betreibt in Godorf und Wesseling die größten Raffinerieanlagen Deutschlands, gebaut noch unter dem NS-Fliegergeneral Hermann Göring. Auch viele Rohre sind noch aus dem Jahr 1941. Am 30.5.2012 gab Shell bekannt, dass zuvor etwa eine Million Liter Kerosin durch eine defekte Leitung in den Boden geströmt waren. Seit 2015 warnt die Stadt Köln die Bewohner*innen der südlichen Stadtteile Rondorf, Immendorf, Hahnwald, Poll und Porz davor, das Grundwasser zu trinken oder zum Pflanzengießen zu verwenden. Es ist mit PFC verseucht und gilt als krebserregend. Ursache: unklar.
2) Fresno war ein Zentrum der kalifornischen Landwirtschaft. Die IWW setzte das Recht der freien öffentlichen Rede ab 1910 im fruchtbaren San-Joaquin-Tal durch, um Erntearbeiter*innen agitieren zu können. Matthew S. May: Hobo Orator Union. The Free Speech Fights of the Industrial Workers of the World, 1909-1916 (PDF) (Ph.D). University of Minnesota 2009, S. 51 ff.
3) Besonders gerne tragen diese Projekte das Wort »Fair« im Namen: Faire Mobilität, IG Werkfairträge, Fair im Betrieb / Work watch.
https://wirkommen.akweb.de/politik/verschweigen-verdraengen-ignorieren/
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 10:45:30 Mi. 08.Juli 2020
Zitat
Rechtsstreit nach Pleite in Bornheim
Alter Porsche von Ritter sorgt für Streit vor Gericht

Der Prozess um den Verkauf eines Sportwagens gibt Einblicke in die Autogeschäfte eines Bornheimer Landwirtes – auch wenn dieser gar nicht am Verfahren beteiligt ist.


Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt gegen den Landwirt Claus Ritter wegen mutmaßlich illegalen „Fahrzeugfinanzierungsgeschäften“. Ob es dabei auch um den folgenden Fall geht, ist unklar. Trotzdem wirft der Zivilprozess, der am Freitag am Landgericht Köln begann, ein Schlaglicht auf Ritters Machenschaften rund um teure Autos. In dem Prozess geht es nicht direkt um Ritter und dessen Bornheimer Erdbeer- und Spargelhof. Dieser steht seit März unter Insolvenzverwaltung.

Vielmehr beansprucht in dem Verfahren ein Unternehmen, das auf Leasing und Finanzierung von Luxusautos spezialisiert ist, das Eigentum an einem Porsche 964.

Die Situation bei Spargel Ritter

Der Bornheimer Spargel- und Erdbeerhof Ritter steht seit März dieses Jahres unter Insolvenzverwaltung. Mitte Mai demonstrierten überwiegend aus Rumänien stammende Saisonarbeiter gegen angeblich ausstehenden Lohn und schlechte Unterbringung. In Bonn marschierten sie zum rumänischen Konsulat. Aufs Feld nach Bornheim kam sogar die rumänische Arbeitsministerin. Daraufhin wurde die Ernte vorzeitig abgebrochen, Ritter bekam von Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen Hausverbot.

Indes ist Ritter nicht nur wegen mutmaßlich illegaler Finanzierung von Fahrzeug ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Nach Informationen von GA und WDR  ermittelt sie seit 2018 auch wegen Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug.

2016 hatte ein Zahnarzt den Porsche gekauft


Diesen hat ein Zahnarzt aus dem Rheinland 2016 für eine halbe Million Euro von Ritter gekauft. Laut dem Anwalt des Unternehmens, dessen Vorstandschef auch bei der Verhandlung anwesend war, sei Ritter allerdings gar nicht dazu berechtigt gewesen, das Auto zu verkaufen.
(...)
Ritter soll bis zu 86 Oldtimer besessen haben

Der Fall mit dem Porsche sei so, „als ob der Mieter eine Wohnung verkauft und dann dem Eigentümer sagt: Pech gehabt“, sagte der Anwalt des Finanzdienstleisters vor Gericht. Merkwürdig sei zudem, dass der Zahnarzt das Auto in bar bezahlt habe. Insgesamt werde momentan nach insgesamt einem Dutzend verschwundener Autos gesucht, die Ritter finanziert habe. Deren Wert belaufe sich auf etwa 15 Millionen Euro – „konservativ geschätzt“. „In der Spitze“ sei Rittter Besitzer von 86 Oldtimern gewesen.

Damit der Zahnarzt den Porsche 964 – nach GA-Informationen Baujahr 1993 und damit übrigens noch kein Oldtimer – behalten darf, soll er nun nach dem Willen des Finanzdienstleisters 600 000 Euro zahlen.
(...)
https://www.general-anzeiger-bonn.de/region/voreifel-und-vorgebirge/spargel-ritter-rechtsstreit-um-porsche_aid-52016807
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 12:42:03 Do. 09.Juli 2020
Zitat
Ärger auf den Feldern
Proteste von Saisonarbeitskräften in Ladenburg

Saisonarbeitskräfte haben am Montag in Ladenburg ihrem Ärger über zu wenig Lohn Luft gemacht. Einige sagen, dass sie am Monatsende gerade Mal 150 Euro in der Tasche haben.


Es sind harte Vorwürfe, die von einigen Erntehelfern an der Bergstraße kommen. Der Hegehof - einer der größten Obst und Gemüsehöfe an der Bergstraße, zahle zu wenig. Dieter Hege weist das entschlossen zurück. Er bezahle den Mindestlohn von 9,35 Euro - genau das, was gesetzlich vorgeschrieben ist. Viele seiner Arbeiter seien damit zufrieden, sagte er dem SWR. Er sieht den Grund für den Streit in der aktuellen Situation.

Wer in dieser Saison aus Rumänien nach Deutschland kam, konnte das nur unter erschwerten Bedingungen. Üblicherweise würden Busfahrer die Erntehelfer bringen. Diese Fahrer würden als Vermittler eingesetzt, um den Arbeitern die Vorgehensweisen sowie die Bezahlungsmodalitäten zu erklären.

Vermittler für die Erntehelfer in der Kritik

In diesem Jahr kamen andere Erntehelfer per Flugzeug und auch die Vermittler waren andere. Diese fürchten nun den Zorn der Arbeiter. Eine Vermittlerin ist aus Angst mit ihrer Familie wieder unterwegs zurück nach Polen.

Die Arbeiter, die jetzt protestiert haben, sollen den regulären Stundenlohn bekommen haben. Wenn sie aber ihre Steuer-Identifikationsnummer nicht angegeben hatten, wurden sie in Steuerklasse 6 eingestuft, heißt es von Seiten des Hofes. Dann blieben ihnen 600 Euro im Monat. Davon wurden noch Kosten für Unterkunft und Verpflegung abgezogen.
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/ladenburg-aerger-um-erntehelfer-am-hegehof-100.html
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 10:13:23 Di. 21.Juli 2020
Zitat
Spargel- und Erdbeerernte
"Arbeitgeber wetten darauf, dass die Menschen sich nicht wehren"

Zehntausende Saisonarbeiter ernten jedes Jahr in Deutschland Spargel und Erdbeeren. Die Gewerkschafterin Catalina Guia betreut solche Menschen - sie erzählt von Angst und unhaltbaren Zuständen.
https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/saisonarbeiter-in-der-spargel-und-erdbeerernte-arbeitgeber-wetten-darauf-dass-die-menschen-sich-nicht-wehren-a-b1f82efa-0189-4159-b031-0f99998adb64
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 20:31:30 So. 26.Juli 2020
Zitat
Auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Mamming in Bayern haben sich mindestens 174 Erntehelfer mit dem Coronavirus infiziert. Das berichtete der Sender Antenne Bayern unter Berufung auf die Behörden im Landkreis Dingolfing-Landau.

Demnach sei der gesamte Betrieb unter Quarantäne gestellt worden und werde nunmehr von einem Sicherheitsdienst überwacht. Laut Antenne Bayern dürfen 480 Mitarbeiter und die Betriebsleitung das Gelände nicht verlassen.
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-07/pandemie-coronavirus-infektion-erntehelfer-bayern-quarantaene

Die Coronakrise macht's möglich, man interniert einfach 480 Arbeitsmigranten. In bester deutscher Tradition.
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 17:07:13 Mi. 29.Juli 2020
Zitat
27.7.20
Video: Serie: Erntehelfer in der Krise
Erntehelfer aus Osteuropa sind nicht mehr aus der deutschen Landwirtschaft wegzudenken - so wie die zwei rumänischen Geschwister Simi und Ancuta. Sie wollen zurück nach Rumänien, warten aber verzweifelt auf ihren Lohn.
https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/mittagsmagazin/videos/Serie-Erntehelfer-in-der-Krise-1-100.html
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Kuddel am 19:33:20 Mi. 29.Juli 2020
Ich hab mir das Video gerade angesehen. Ein Dokument der Erbärmlichkeit der deutschen Gewerkschaftsbewegung. In dem Beitrag ist die ganze Zeit die Rede von "Gewerkschaftern", als es real um Mitarbeiter von "Faire Mobilität" ging.

Von der Webseite des Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Zitat
Bei der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration wurde zum 21. Mai 2016 die "Gleichbehandlungsstelle EU-Arbeitnehmer" eingerichtet. Ziel der Stelle ist es, EU-Arbeitnehmerinnen und -Arbeitnehmer sowie ihre Familienangehörigen in ihren Rechten zu unterstützen, die ihnen im Rahmen der Arbeitnehmerfreizügigkeit zustehen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales fördert bereits seit dem 1. August 2011 das Beratungs- und Informationsprojekt "Faire Mobilität - Arbeitnehmerfreizügigkeit sozial, gerecht und aktiv". Die Projektumsetzung haben der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und dessen Partner übernommen. Das kostenlose Angebot richtet sich an Arbeitskräfte aus anderen europäischen Ländern und hilft ihnen dabei, gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Es findet irgendwie unter dem Dach des DGB statt und wird von der Bundesregtierung finanziert. Und wenn dan Extremausbeutung und Sklaverei aufgedeckt werden, reagiert man keineswegs mit gewerkschaftlichen Mitteln (Solidarität von Kollegen aus der Branche, Arbeitsniederlegungen, Demos, Blockaden), nein, man schlägt den juristischen Weg vor oder ruft gleich die Bullen. Gewerkschafter, die also nicht mehr auf den gewerkschaftlichen Kampf hoffen, sondern bestenfalls auf den Rechtsstaat.  Seufz.
Titel: Re: Erntehelfer
Beitrag von: Fritz Linow am 20:05:25 Mi. 29.Juli 2020
Dass man da eher auf Behörden und Rechtskram setzt, ist nicht verwunderlich. Trotzdem bietet das Filmchen ganz interessante Einblicke, z.B. die aufgenommene Ansage des Chefs oder die eingeschüchterten Erntearbeiter, aber auch, dass es tatsächlich eine spontane Arbeitsniederlegung gab.
(Der herbeigerufene Zoll muss da schon länger dran seien, der kommt nicht mal so spontan auf Anruf der Faire-Mobilität-Leute. Die suchen übrigens gerade Leute: https://www.faire-mobilitaet.de/ueber-uns/++co++073548d4-cb0d-11ea-b61e-525400e5a74a )

Von gewerkschaftlichen Kämpfen ist man da, wie in anderen Bereichen auch, noch weit entfernt. Und Solidarität und Einheit zeigt der DGB ja auch immer nur dann, wenn er alle paar Jahre die Tarifverträge zur Leiharbeit unterzeichnet.

Wirkliche Überlegungen zu verschiedenen Kampfformen gibt es da wohl nicht, andererseits ist es ein wirklich schwieriger Bereich: Angst, Existenz, Mafiastrukturen, Abgeschiedenheit usw..

Für ein luschiges Mittagsmagazin war das jetzt nicht so schlecht. Scheint wohl eine Serie zu sein und das war erst der erste Teil.