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Industrie & Handwerk & Agrar => Industrie und Handwerk bundesweit => Landwirtschaft und Agrarindustrie => Thema gestartet von: telefonfreak am 03:05:43 Mo. 28.Februar 2005

Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: telefonfreak am 03:05:43 Mo. 28.Februar 2005
Guten Abend!

Unter http://www.abendblatt.de/daten/2005/02/26/403977.html gibt es einen Bericht über die Lohnhöhe im Schlachthof. Bald ist das 1 Euro Niveau pro Stunde wohl erreicht  :baby:

Schöne Grüsse
Der Telefonfreak
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: geishapunk am 11:23:11 Mo. 28.Februar 2005
Ich habs doch gesagt das die EU-Osterweiterung keine gute Idee ist.... *kotz*  X(
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 13:43:52 Mo. 28.Februar 2005
Zitat
Original von geishapunk
Ich habs doch gesagt das die EU-Osterweiterung keine gute Idee ist.... *kotz*  X(

Ich halte es für keine gute Lösung das Hochziehen dichter Grenzen zu fordern. Schließlich werden wir auch nicht von denjenigen bedroht, die noch mehr am Arsch sind als wir und deshalb für so niedrige Bezahlung arbeiten, sondern von denjenigen, die von Lohndumping profitieren. Und mit denen haben wir es hier zu tun!
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: pagix am 13:49:25 Mo. 28.Februar 2005
Gibt es denn alternativen im augenblick?
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 13:56:47 Mo. 28.Februar 2005
Häh? Wie meinen?

Alternativen zum Mauerbau?
Eine EU-Osterweiterung wäre ja kein Problem, wenn die Arbeitsbedingungen im Osten auf Westbedingungen angeglichen werden.

Vorerst sollten wir uns zumindest hier auf die simple Forderung einigen:
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
Niedrigere Bezahlung für Frauen oder Nicht-Deutsche gehören schließlich abgeschafft!!!
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: geishapunk am 14:11:47 Mo. 28.Februar 2005
Sorry, aber das siehst Du ein wenig sehr zu einfach! Wenn Du die Grenzen fallen läßt, so ganz und komplett, dann kannst Du Dir diese Forderungen mit "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!" schenken!

Es verlangt auch niemand den Bau einer Mauer o.ä., sondern es geht einfach darum das die EU-Osterweiterung einfach viel zu früh war, eben aus solchen Gründen wie im ursprünglichem Posting beschrieben!

Zitat
Eine EU-Osterweiterung wäre ja kein Problem, wenn die Arbeitsbedingungen im Osten auf Westbedingungen angeglichen werden.

Genau! Und das wird noch laaaaaaange dauern!
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: pagix am 14:15:18 Mo. 28.Februar 2005
Zitat
Original von ManOfConstantSorrow
Häh? Wie meinen?

Alternativen zum Mauerbau?
Eine EU-Osterweiterung wäre ja kein Problem, wenn die Arbeitsbedingungen im Osten auf Westbedingungen angeglichen werden.

Vorerst sollten wir uns zumindest hier auf die simple Forderung einigen:
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
Niedrigere Bezahlung für Frauen oder Nicht-Deutsche gehören schließlich abgeschafft!!!

Wenn das mal so eben machbar währe. Ist sicher die beste Lösung, nur
wird da niemand mitspielen - das kostet ja schließlich alles Geld....
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Wilddieb Stuelpner am 15:15:58 Di. 01.März 2005
ARD/SWR, Sendung "Report aus Mainz": Tatort Schlachthaus - Warum Tausende deutsche Arbeiter gefeuert werden (http://www.swr.de/report/archiv/sendungen/050228/03/frames.html)

Report Mainz vom 28. Februar 2005

Moderation Fritz Frey:

So hatten wir uns das nicht vorgestellt mit der EU-Osterweiterung. Mehr als fünf Millionen deutsche Arbeitslose, und in vielen unserer Schlachthöfe schuften Slowaken und Polen unter Bedingungen, die nicht nur Gewerkschaftern die Zornesröte ins Gesicht treibt. Unternehmerische Verantwortung - Fehlanzeige. Und die Staatsmacht tut sich schwer, dem oft kriminellen Treiben ein Ende zu machen.
Adrian Peter traf bei seinen Recherchen ausgebeutete Osteuropäer, Unternehmer ohne Skrupel und eben auch Deutsche ohne Arbeit, gefeuert, weil andere billiger sind.

Bericht:

Reinhard Bauch ist gelernter Schlachter. Der achtfache Familienvater ist arbeitslos. Die Kündigung kam pünktlich mit der EU-Osterweiterung im Mai vergangenen Jahres.

O-Ton, Reinhard Bauch:


"Wir haben am 1.05. haben wir die Kündigung bekommen. Man sagte uns, also wir würden zu viel Geld verdienen. Er könnte das nicht billiger machen und so. Und deswegen wird er die Arbeiter da nicht mehr behalten."

Bauchs gesamte Kolonne wurde gekündigt. Ersetzt durch Osteuropäer. Untergebracht sind die direkt neben Bauchs Haus im Osnabrücker Land. In diesem Wohnheim. Davor parken Autos mit polnischen Kennzeichen.

Als die Polen unsere Dreharbeiten bemerken, winken sie uns zu sich. Sie wollen mit uns über ihre Situation reden. Seit vier Tagen sind sie im Streik, erzählen sie, warten auf versprochene Löhne. Immer wieder werden sie vertröstet.

O-Ton:

"Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Das heute ist vier Tage, dass kein Geld. Alles Leute warten."

Das Wohnheim ist in einem miserablen Zustand. Vier Männer teilen sich ein Schlafzimmer. Doch an Schlaf ist ohnehin kaum zu denken. Einer der Polen schreibt uns die Arbeitszeiten auf. Von 4.30 Uhr bis 20 Uhr. Täglich rund 16 Stunden. Der versprochene Lohn - 1.000 Euro im Monat. Das entspricht einem Stundenlohn von gerade mal 3 Euro.

Seit der EU-Osterweiterung herrscht Goldgräberstimmung in der Schlachtbranche. Zu Tausenden werden Deutsche verdrängt von osteuropäischen Schlachtkolonnen, die über Subunternehmer in den Schlachtbetrieben angeheuert werden.

Chemnitz vor wenigen Tagen. Entlassene Schlachter und Zerleger treffen sich in einem Hotel. Sie waren bei einem deutschen Subunternehmer angestellt, der mit heimischen Arbeitskräften arbeitete. Doch der konnte nicht mithalten gegen einen slowakischen Konkurrenten. Er verlor den Auftrag, 60 deutsche Schlachter ihre Jobs.

O-Ton:

"Ich glaube, es sind alle Leute sauer bei uns hier. Wir haben dort gearbeitet für gutes Geld. Wir haben unsere Leistung gebracht, und dann wird der Betriebsvertrag gekündigt, und es kommen Tschechen oder Slowaken rein. Machen sie auch von der anderen Fleischindustrie, dass überall solche Sachen veranstaltet werden. Ich finde, das ist riesenhafte Sauerei."

O-Ton:

"Das ist schon an der Grenze der Legalität würde ich sagen. Ich würde das als kriminell bezeichnen."
Bei Gausepohl in Chemnitz machen jetzt Slowaken ihren Job. Angestellt sind sie bei einem slowakischen Subunternehmer, der Firma Eurokart. Scheinbar ganz legal. Schlachter- und Zerlegerarbeiten dürfen seit Mai vergangenen Jahres auch in die Slowakei vergeben werden. Vorausgesetzt, diese Firmen haben dort einen eigenen Betrieb, etwa einen Schlachthof.
Wir wollen wissen, hat Eurokart tatsächlich einen Schlachthof in der Slowakei. Zusammen mit dem Gewerkschafter Markus Dieterich fahren wir in die slowakische Kleinstadt Trencin, machen uns auf die Suche.

O-Ton, Markus Dieterich, Gewerkschaft NGG:

"So, wenn die Adresse stimmt, müsste das die Stefanikova 19 sein und es müsste dann ein Schild sein mit dem Namen Eurokart."

Laut Handelsregister hat die Firma zum Zeitpunkt unseres Besuches hier ihren Sitz. Doch statt eines Schlachthofes finden wir nur ein Bürogebäude. Und tatsächlich - hier findet sich das Firmenschild der Eurokart. Wir fragen nach.

Frage: Mich würde interessieren, ist das die Firma Eurokart?

O-Ton:

"Ja. "

Frage: Mich würde interessieren, arbeiten Sie für Gausepohl in Chemnitz?

O-Ton:

"Ja. "

Frage: Ich dachte, das wäre ein Schlachtbetrieb hier. Haben Sie keinen Schlachtbetrieb hier?

O-Ton:

"Nein, hier in der Slowakei nicht."

Möglicherweise ein Fall für die deutsche Justiz.

O-Ton, Bernard Südbeck, Staatsanwaltschaft Oldenburg:

"Wenn wir feststellen, dass es in einem osteuropäischen Land beispielsweise nur ein Anwerbebüro gibt und keine aktive Produktionsstätte, beispielsweise Schlachthof, dann gehen wir davon aus, dass es sich, wenn die Ausländer dann hier arbeiten, um illegale Beschäftigung handelt. Die Ausländer sind dann hier in Deutschland sozialversicherungspflichtig. Und wir haben dann zum einen Verstöße gegen das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz und auch Betrug zum Nachteil der Sozialversicherung."

Und die Firma Eurokart ist kein Einzelfall. Wir fahren weiter nach Levice. Auch hier müssten wir eigentlich auf einen Schlachthof stoßen. Doch auch hinter der Firma EURA verbirgt sich nur ein kleines Büro.

O-Ton:

"Uns wurde ja gesagt, dass die EURA lediglich ein Anwerbebüro sei. Das scheint sich hier zu verfestigen, der Verdacht. Und einen Schlachthof kann ich hier meilenweit nicht sehen."
Nach unserem Besuch behauptet der Geschäftsführer der EURA, er habe einen Schweinezucht- und Zerlegebetrieb in der Slowakei. Wo der sein soll, darüber allerdings schweigt er. Demgegenüber bestätigen uns zwei Gesellschafter der Firma EURA:

Zitat:

"Die Firma EURA s.r.o. betreibt weder eine Schweinezucht noch einen Zerlegebetrieb."

O-Ton, Markus Dieterich, Gewerkschaft NGG:

"Für mich ist das im Grunde genommen Menschenhandel, wie wir es aus der Prostitution kennen."
Zurück in Deutschland suchen wir die Arbeiter der Firma EURA. Wir finden sie in der Nähe von Coesfeld, Westfalen.

O-Ton:

"Firma? Firma EURA, ja. Arbeiten in Coesfeld Westfleisch."

Frage: Wie viel verdienen Sie denn im Monat?

O-Ton:

"Wie viel Geld ein Monat? 800 Euro."

Frage: Im Monat?

O-Ton:

"Im Monat."

Frage: Ist wenig, oder?

O-Ton:

"Ja. Ich muss. In Slowakei keine Arbeit und muss Arbeit."

Der Chef von Westfleisch, Helfried Giesen, einer der Großen der Branche. In seinem Betrieb schuften die Slowaken. Wir treffen ihn in Münster. Auf dem Podium redet er über Transparenz im Fleischmarkt.

Frage: Wie viele Slowaken arbeiten bei Westfleisch?

O-Ton, Helfried Giesen, Vorstand Westfleisch:

"Kann ich Ihnen aus dem Kopf beim besten Willen nicht sagen."

Frage: Wie viele Osteuropäer?

O-Ton, Helfried Giesen, Vorstand Westfleisch:

"Auch die Frage, mit Verlaub, Herr Peter, kann ich Ihnen aus dem Stegreif nicht beantworten. Wir haben über 3.000 Mitarbeiter. Wirklich so nicht zu beziffern."

Kein Wunder. Die Osteuropäer sind bei Subunternehmern oder Dienstleistern angestellt. Haben also offiziell mit Westfleisch nichts zu tun. So ziehen sich die großen Fleischfabrikanten häufig aus der Affäre. Aber:

O-Ton, Bernard Südbeck, Staatsanwaltschaft Oldenburg:

"Die Verträge sind so ausgestaltet und vom Preisniveau mittlerweile so niedrig, dass man auch als Unternehmer erkennt: Das kann nur gehen, wenn ich sehr viele Stunden arbeiten lasse, also deutlich mehr als vereinbart. Oder wenn ich von ganz niedrigen Löhnen ausgehe."
Frage: Wissen Sie, was ein slowakischer Schlachter bei Ihnen am Band verdient?

O-Ton, Helfried Giesen, Vorstand Westfleisch:

"Ich weiß nicht, ob wir slowakische Schlachtarbeiter am Band haben."
Frage: Sie haben slowakische Schlachter am Band.

O-Ton, Helfried Giesen, Vorstand Westfleisch:

"Wenn Sie das besser wissen, können wir das Interview jetzt damit ja auch beenden. Vielen Dank."
Angeblich ahnungslose Unternehmer, dubiose Dienstleister, ausgebeutete Osteuropäer. Auf der Strecke bleiben Menschen wie Reinhard Bauch.

Frage: Herr Bauch, wie schätzen Sie denn jetzt Ihre Chancen ein, wieder im Fleischgewerbe hier was zu kriegen?

O-Ton:

"Ganz ehrlich - gar nicht gut. Also ich denke, dass ich da nichts mehr bekomme."

Moderation: Fritz Frey
Bericht: Adrian Peter
Kamera: Guntram Fink, Thomas Kluge, Peter Linskens, Reinhold Maxl
Schnitt: Sylke Nattermann
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: aian19 am 12:42:20 Do. 03.März 2005
Sieht hier im Metallbereich genauso aus auf den Werften !!!

Nur das hier der Normal-Metaller so um die 800-900.-€ netto verdient !!!

Das heißt, das die hierher importierten als wohl noch weit weniger verdienen müssen, sonst würde sich das ja nicht lohnen !!!

Fragen, was die verdienen, kann man die ja nicht, weil die kein deutsch sprechen !!!  X( X( X( X( X( X( X(
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Wilddieb Stuelpner am 14:42:04 Do. 03.März 2005
Was der SWR-Report aus Mainz für die Schlachthäuser im Norden berichtete, das brachte die Sendung glasklar im Bayerischen Rundfunk für Schlachthäuser im Süden Deutschlands.
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 20:33:39 Fr. 25.März 2005
Das Thema ist ein Dauerbrenner, da hier Türen geöffnet werden für verschäfte Ausbeutung in anderen Branchen.  Aktuell hat´s der Stern auch wieder aufgenommen:
http://www.stern.de/wirtschaft/unternehmen/538042.html?nv=hp_rt

Ich muß aber noch auf den TV-Tiltel: ARD/SWR, Sendung "Report aus Mainz": Tatort Schlachthaus - Warum Tausende deutsche Arbeiter gefeuert werden eingehen...

Ich hasse das Fernsehen und seine Journalisten + Redakteure!
Zitat
Warum Tausende deutsche Arbeiter gefeuert werden
Möchte wetten, darunter war so manch Türkischer und Vietnamesischer Arbeiter. Das Problem ist doch nicht die Nationalität, sondern daß es Leute gibt, die man zwingen konnte zu noch mieseren Bedingungen zu arbeiten! Wenn man das an Nationalitäten festmacht dann hätten die Dänen auch Grund die Deutschen als Lohndrücker zu hassen.

Wir sollten aber lieber die Unternehmer hassen, die mit solchen Bedingungen ihre Betriebe führen und Politiker, die das ermöglichen.
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Wilddieb Stuelpner am 00:13:01 Sa. 26.März 2005
Die Journalisten und Redakteure durch die Bank als Geschäftemacher mit dem Elend zu diffamieren, bringt es auch nicht. Für gut und sachlich recherchierte Informationen sollten wir dankbar sein und diese Inforationen als Argumentationsmittel gegen Arbeitsvermittler aus der BA, aus den PSAs, den Zeit- und Leiharbeitsfirmen, gegen Beamten und Politiker und gegen schlafmützige Gewerkschaftsfunktionäre verwenden.

Was wir brauchen sind europäisch festgeschriebene Mindeststandards in sozialen und arbeitsrechtlichen Belangen in allen Mitgliedsländern. Das gleiche gilt für Steuern, für's Arbeits- und Sozialrecht, für Mindestlöhne und -renten. Das Mindeste sollte sich nicht am Schlechtesten, sondern am vorhandenen höchsten Niveau orientieren. Wir brauchen die Angleichung der Konkurrenzbedingungen in ganz Europa. Denn was anderes gibt es nicht. Der angebliche Wettbewerb ist doch wieder nur ein verschleierter und gefälschter Begriff der Bourgeoisie für Konkurrenz und Profittreiberei.

Den faulen, von der Wirtschaft geschmierten Beamtensäcken im Bundeswirtschaftsministerium, die diese Genehmigungen zum Lohn-, Sozial- und Steuerdumping bewilligten, sollte man die Stühle unter dem fetten Hintern anzünden oder gleich das Bundeswirtschaftsministerium, das Europaparlament, die europäischen Parlamente der Politiker und die Firmen von Profitgeiern in Wirtschaft und Banken lodern lassen. Am besten zur gleichen Zeit in ganz Europa.

Georg Büchner sagte schon richtig im Hessischen Landboten:

"Friede den Hütten, Krieg den Palästen!"

Doch dazu bedarf es echter Arbeiter- und Bauernparteien, eines einheitlichen Programms, freiheitlichen Volkswahlen, ein sich solidarisch verhaltenes Volk und der Enteignung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Wenn die Eigentums- und Aneignungsverhältnisse im Produktionsprozess als Quelle der Ausbeutung beseitigt sind, hat das Kapital seine Existenzberechtigung verloren. Solange das phlegmatische Volk seine Schinder erduldet, ist ihm nicht zu helfen.

Man könnte Die Internationale (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Internationale_(Lied)) intonieren, dann würde es deutlich werden:

...

2. Strophe

Es rettet uns kein höh'res Wesen,
Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen,
Können wir nur selber tuen!
Leeres Wort, des Armen Rechte!
Leeres Wort, des Reichen Pflicht! ---> So ein leeres Wort ist die Sozialverflichtung im Grundgesetz
Unmündig nennt man Euch und Knechte!
Duldet die Schmach nun länger nicht!

...

4. Strophe

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
Wir sind die stärkste der Parteien!
Die Müßiggänger schiebt beiseite,
Diese Welt soll unser sein!
Unser Blut sei nicht der Raben
Und der mächt'gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben,
Dann scheint die Sonn' ohn' Unterlaß!

...

Abscheulich blähn sich diese Götzen,
die Herrn von Schacht und Eisenbahn.
Sie machten unser Blut zu Schätzen,
sie haben unser Gut vertan.
In Stahltresoren liegt's vergraben.
Wann machen wir die Rechnung glatt?
Das Volk will ja nur wiederhaben,
was man dem Volk gestohlen hat.

Die Herrscher machten uns betrunken.
Der Zauber muss zu Ende sein.
Drum werft ins Heer der Freiheit Funken!
Dann schlägt es mit dem Kolben drein.
Wenn sie uns zwingen, die Barbaren,
Soldat zu spielen noch einmal,
wir werden unsre Kugeln sparen
für unsren eignen General

--> zur letzten Strophe - Wann begreifen denn die amerikanischen, britischen, deutschen und anderen Soldaten nicht, daß sie ihren Kopf und Leben riskieren für die Geldtöpfe des Kapitals?

Warum verhalten sich die Soldaten nicht wie beim Matrosenaufstand von Kiel und Wilhelmshafen? Die Bundeswehr, die Bundesmarine und die Luftwaffe brauchen an Ihren Kasernentoren keine Namen von Kriegshelden der Wehrmacht und Waffen-SS. Man sollte die Namen von Arbeitersoldaten den Kasernen verpassen, sofern es sich denn mit der BRD um einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat handeln würde. Arbeiter und Angestellten sind die größte soziale Klasse in diesem Land. Und Demokratie heißt bekanntlich Volksherrschaft

Wie wäre es mit Albin Köbis und Max Reichpietsch, den Matrosen von Cattaro, (http://www.jungewelt.de/2003/02-08/028.php) mit Kämpfern aus den Internationalen Brigaden im Spanienkrieg. Das Cattaro des kuk. Österreichs-Ungarn heißt heute Kotor und liegt in Montenegrien. Aber das kann man ja nicht von einem Kapitalistenstaat erwarten. Die Genannten würden Europa würdig vertreten.
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: klaus72 am 07:33:47 Sa. 26.März 2005
Hallo J. Kühnel und Mitleser/innen,

ich möchte gerne Wissen, weshalb die "Deutschen" sehr phlegmatisch verhält.
Ich fühle mich ja sehr bedroht, da die Mehrheit anscheinend über die Lohnsenkung und steigende Mieten still zustimmen. Wäre dieses Problematik in Frankreich der Fall, sind wirklich sehr viele mündige Stimmen der franz. Bürger recht laut.  8o
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Wilddieb Stuelpner am 10:21:32 Sa. 26.März 2005
Sein Verhalten und die Beweggründe dafür, sollte sich jeder selbst beantworten können. Jedenfalls war die deutsche Bevölkerung auch mal aufgeweckter und voller Selbstvertrauen.

Evtl. liegt es an der Korrumpierbarkeit durch ein wenig Wohlstand, Besitz und Eigentum. Wer über ein gewisses Maß an Hab und Gut verfügt, kann seinen sozialen Stadard auch wieder verlieren. Er wird für die Herrschenden erpreßbar. Also hält er stll, um seinen sozialen Status zu halten.

Wer nichts weiter hat als seine Ketten zu verlieren, der wehrt sich, wenn es ihm an die Existenzgrundlage geht. Und die bedrohte Existenz ist der Entzug von Arbeit. Arbeitslosigket ist nichts anderes als von Unternehmern verfügtes Berufs- und Arbeitsverbot mit Duldung der Regierung und der Behörden.

Es stellt sich also die Frage: Warum bestraft man die Täter - die Unternehmer - nicht und zwingt sie, wenn sie wirtschaftlich belastbar sind, arbeitswillige Arbeitslose zu existenzsichernden Bedingungen zu beschäftigen?

Die Antwort darauf: Man schützt ungerechtfertigt das Privateigentum an Produktionsmitteln und die in ihm innewohnenden Eigentums- und Machtfrage - den Erhalt der Ausbeutungsverhältnisse durch Erzielung von Maximalprofiten.
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: aian19 am 15:03:12 Sa. 26.März 2005
@ Topic

Nicht nur in den Schlachtereien, auch bei uns auf dem kläglichen Rest, was noch an Werften geblieben ist, ackern die. Klar bin ich sauer, aber auch ich gebe die Schuld dafür nicht den Polen, Russen oder was auch immer !
Die Politik und die Firmen bzw. ihre Manager sind Schuld, auf die bin ich sauer.

BTW.: Der Zoll hat auf der einen Werft hier ´ne Razzia gemacht, die Polen hier warten auch seit 3 Monaten auf ihren Lohn, haben noch keinen Cent gesehen. Der eine von denen hatte seinen 10jährigen Sohn mitgebracht zum helfen.

Zum anderen...
Zitat
...ich möchte gerne Wissen, weshalb die "Deutschen" sehr phlegmatisch verhält.
Zum einen stimme ich da dem Joachim zu, zum anderen liegt es immer noch daran, daß das Klassensystem und die Neidkampagne der Regierung hier voll aufgeht ! Schau mal ins Tacheles-Forum oder z.T. auch hier, da gibt´s einige Arbeitslose, die sich für bessere Arbeitslose halten als andere und dementsprechend auftreten ! Sei es, weil sie aus dem Angestelltenbereich kommen oder aus der akademischen Richtung oder sie denken, sie seien bessere Arbeitslose als andere, weil sie dem "Reform-Programm" in der Allerwertesten kriechen. Die wachen erst auf, wenn sie trotzdem von diesem unsozialen und undemokratischem System getreten werden !
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: patrick am 16:00:14 Sa. 26.März 2005
lol
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Wilddieb Stuelpner am 17:47:58 Sa. 26.März 2005
Zitat
Original von aian19

...

Zum einen stimme ich da dem Joachim zu, zum anderen liegt es immer noch daran, daß das Klassensystem und die Neidkampagne der Regierung hier voll aufgeht ! Schau mal ins Tacheles-Forum oder z.T. auch hier, da gibt´s einige Arbeitslose, die sich für bessere Arbeitslose halten als andere und dementsprechend auftreten ! Sei es, weil sie aus dem Angestelltenbereich kommen oder aus der akademischen Richtung oder sie denken, sie seien bessere Arbeitslose als andere, weil sie dem "Reform-Programm" in der Allerwertesten kriechen. Die wachen erst auf, wenn sie trotzdem von diesem unsozialen und undemokratischem System getreten werden !

Richtig, die besseren AN, die dem Kapitalisten treu zur Seite standen, bezeichnete man früher markant mit einem Wort - Stehkragenproletarier -.

Äußerliches Kennzeichen: Angestellter mit Schirmblende und Ärmelschoner ausgerüstet. Angestellte hatten auch ihre eigenen Gewerkschaften und Versicherungen, um sich vom Proleten abzuheben.

Mit zunehmender Technisierung, Ökonomisierung und Spezifizierung der Arbeits- und Produktionsbedingungen im Zuge der »industriellen Revolution« (Friedrich Engels, 1845) während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine neue, proletarische Definition des Begriffs »Typograph«, die bis in die späten 1980er Jahre ihre Gültigkeit behielt. Über 150 Jahre lang verstand man darunter nur noch den Beruf des handwerklichen »Schriftsetzers« ( Stehkragenproletarier) oder, wie der »Duden« bis in die 1980er Jahre noch erklärte, eine mechanische »Zeilensetzmaschine«. So vertrieb beispielsweise die »Berliner Typograph GmbH Setzmaschinenfabrik« ihre Satz- und Gießmaschine Modell UB ab 1965 als »Typograph«.

Typolexikon: Die Brotschrift (http://www.typolexikon.de/b/brotschrift.html)

Deutschlandradio, Sendung MerkMal:  (http://www.dradio.de/dlr/sendungen/merkmal/197175/)
Montag bis Freitag • 16:15

5.11.2003 Stehkragenproletarier
Die Welt der Angestellten Margit Bergner

Margit Bergner

Thomas Schwarz ist Mitte dreißig, verheiratet und stellvertretender Leiter für Abwicklung und Verwertung in einer Bank. Er ist die Hauptperson in dem Angestelltenroman "Alles, was zählt" von Georg M. Oswald. Kaum hat Thomas Schwarz am Morgen das Bankgebäude betreten, umfängt ihn das noble Entrée eines postmodernen Geschäftshauses:

Das Foyer ist ein bemerkenswert geschmackvolles Gesamtarrangement aus Carrara-Marmor, Chromblenden, Travertin, Spiegelflächen, Glasfronten und tropischen Hydrokulturen, das mir mein erstes morgendliches Highlight verschafft. Die dezente Glocke, die die Ankunft des Lifts meldet. Ich betrete seinen verspiegelten Innenraum und stehe vor drei Ansichten eines jungen Geschäftsmannes auf seinem Weg ins Büro: adrett, entschlossen, optimistisch. Die leicht bräunliche Tönung des Spiegels gibt meiner Haut einen noch gesünderen Teint, lässt mich noch jünger, frischer und erfolgreicher aussehen, als ich es ohnehin bin. Die Bank tut alles dafür, dass ihre Mitarbeiter sich wohlfühlen. Sie fordert auch viel von ihnen.

Fit und forsch kommt er daher, der leitende Angestellte von heute - lässig und sportlich im legeren Designer-Sakko, ausgestattet mit Kreditkarten, Handy und Laptop. Allen Aktenstaub und alle Büroblässe hat er abgeschüttelt, und nichts ist seinem kultivierten Manager-Image so feind wie der behäbige Ärmelschoner-Träger aus den düsteren Kontoren des 19. Jahrhunderts. Ein solches Kontor hat Charles Dickens in seinem Roman Dombey und Sohn beschrieben:

Das schale und dürftige Tageslicht, das durch die Glasfenster und Oberlichter in den Raum drang und auf den Scheiben eine schwärzliche Ablagerung hinterließ, zeigte die Bücher und Papiere mit den über sie gebeugten Gestalten von beflissenem Trübsinn umgeben und dem Anschein nach so von der Außenwelt abgeschlossen, als seien sie auf dem Meeresboden versammelt, wobei ein schimmerndes Tresorgebäude, in welchem stets eine schwache Lampe brannte, die Höhle eines Seeungeheuers hätte darstellen können.

Welten liegen zwischen dem muffig-düsteren Kontor, das Charles Dickens schildert, und dem lichtdurchfluteten Angestelltenkosmos, den wir in Oswalds Roman betreten. Hundertfünfzig Jahre trennen die beiden Bücher, und in dieser Zeit meisterte der Angestellte seinen gesellschaftlichen Siegeszug.

Anstellen heißet bei einem Gute dem Gesinde und Arbeitern dasjenige anbefehlen, was dieselben von Zeit zu Zeit verrichten sollen,

definierte Zedlers Lexikon im Jahre 1732. Eine "Anstellung" setzte also schon damals eine gewisse Kontinuität der Beschäftigung und damit des Entgelts voraus.
Von "Angestellten" sprach man erst seit dem 19. Jahrhundert. Staatsbedienstete fielen unter diese Kategorie, aber auch Haushofmeister, Kammerdiener oder Schauspieler, alle, die eine relativ feste Dienststellung hatten und Gehalt empfingen. Von ihnen unterschieden sich die weniger vornehmen Lohnempfänger. Sie verrichteten meist niedrige gewerbliche Tätigkeiten, oft auch Gelegenheitsarbeiten, die den Beschäftigten kaum Sicherheit boten und stets tage- oder wochenweise entlohnt wurden, je nach Bedarf und Kalkül des Brotgebers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbargen sich hinter der sogenannten "Lohnarbeiterschaft" schließlich die wachsenden proletarischen Massen, die Tag für Tag in die Werkshallen strömten, wo der Einzelne unter qualmenden Schloten verschwand wie ein Rädchen im Getriebe.

Sie hat die Stelle. Ein schöner Nebenverdienst. Zahlt anständig, der Mann. Stunde 1,50. Dass sie ihre eigene Maschine mitbringen wird, hat sie über die anderen Bewerberinnen siegen lassen. Vielleicht auch, dass sie so ein bisschen verheißungsvoll mit den Augen gekullert hat. So niedliche Von-unten-nach-oben-Blicke wirken bei Männern über fünfzig fast immer. Ferner ist's gut, an Beschützerinstinkte zu appellieren, im richtigen Augenblick solides Selbstbewusstsein durch kleidsame Hilflosigkeit zu ersetzen. Man muss das alles verstehen. Gilgi versteht es. Auf die Arbeitgeber ist man nun mal angewiesen, und ganz ohne Mätzchen ist ihnen nicht beizukommen. Können allein entscheidet nicht - beides zusammen entscheidet meistens.

In Irmgard Keuns Sekretärinnenroman Gilgi, eine von uns sind der adretten Protagonistin 1931 keine Grenzen gesetzt, um missliebige Konkurrentinnen auszustechen. Hauptsache, sie setzt sich durch und muss sich nicht als Nobody in der Fabrik die Hände schmutzig machen...

Mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, der Ausweitung des Nachrichten-, Verkehrs- und Geldwesens, stieg nicht nur die Zahl der Lohnarbeiter. Auch die Anzahl der Gehaltsempfänger, der Angestellten, nahm rasch zu. Neue Spezialberufe entstanden: Einkäufer, Verkäufer, Kassierer, Schreiber, Buchhalter, Registratoren, Prokuristen, Kommissionäre. Der Personalbedarf war so groß, dass weibliche Arbeitskräfte "rekrutiert" werden mussten. Frauen hatten bis dahin höchstens als Gesellschafterinnen oder Gouvernanten, Köchinnen oder Dienstmädchen in privaten Haushalten gearbeitet. Jetzt trat neben den Buchhalter die Buchhalterin, neben den Verkäufer die Verkäuferin!

Die männlichen Kollegen waren allerdings weniger erbaut; sie fürchteten Unruhe und lästige Konkurrenz durch den weiblichen Zuwachs im Geschäft. Aber die meisten Verkäuferinnen unterstanden ohnehin männlichen Vorgesetzten oder bekamen für die gleiche Arbeit weniger Gehalt als die Männer. Noch in den zwanziger Jahren wurden die leitenden Positionen zu 95 Prozent von Männern besetzt, während der Anteil der Frauen zunahm, je weiter die Stufenleiter nach unten führte.

Als die Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert auch den Bürobereich erfasste, strömten ganze Heere von angelernten weiblichen Billigkräften in die kaufmännischen Großbetriebe: In riesigen Bürosälen klapperten Dutzende Schreibmaschinen, eine Erfindung des Amerikaners Philo Remington. Zur ersten öffentlichen Vorführung seiner Novität hatte Remington sich 1873 etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Er ließ die Maschinen von eigens ausgebildeten jungen Frauen präsentieren. Das sorgte für Aufsehen, und die ersten Kunden hätten die Schreiberinnen am liebsten gleich mitgeordert.

Obwohl eine kleine Tippmamsell manchmal sogar weniger verdiente als eine Fabrikarbeiterin, wäre es ihr kaum eingefallen, den Schreibsaal gegen eine Werkshalle einzutauschen. Bei der Arbeit in einem Büro oder Geschäft bestand wenigstens die Möglichkeit, aufzufallen, wenn man sich nur schick genug kleidete und den Kolleginnen die Show stahl. Ein aufmerksamer Blick vom Juniorchef - und schon regte sich der Traum vom besseren Leben, ausgewalzt in zahllosen Kolportageromanen, Schlagern und Filmen, die im Kunstlicht der großstädtischen Angestelltengesellschaft monströse Blüten trieben.

In seinem berühmten Reportage-Essay über Die Angestellten stellte der Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer 1929 fest:

Nichts kennzeichnet so sehr dieses Leben, das nur in eingeschränktem Sinne Leben heißen darf, als die Art und Weise, in der dem Angestellten das Höhere erscheint. Es ist ihm nicht Gehalt, sondern Glanz. Der genaue Gegenschlag gegen die Büromaschine aber ist die farbenprächtige Welt, wie sie in den Schlagern erscheint. Eine Welt, die bis in den letzten Winkel hinein wie mit einem Vakuumreiniger vom Staub des Alltags gesäubert ist.

Das Gefühl der "besonderen Note" prägt laut Kracauer den Sozialcharakter des Angestellten, der stets ein Zwitterwesen zwischen den Fronten war, "geistig obdachlos", wie Kracauer es nannte. Denn weder gehörte er dem bürgerlichen Kaufmannsstand an, noch war er der proletarischen Lohnarbeiterschaft zuzuordnen. Gerade deshalb warben die Parteien in Krisenzeiten besonders eifrig um die Solidarität der Angestellten.

Die Handels-Angestellten haben andere Interessen wie die Chefs, aber dieselben Interessen wie Arbeiter anderer Berufe. Und deswegen müssen die Handels-Angestellten, besonders die Handlungsgehilfen, lernen, sich als Arbeiter zu fühlen, als Arbeiter zu denken.

Das war 1892 in der sozialistischen Publikation "Der Handels-Angestellte" zu lesen. Die Angestellten aber dachten gar nicht daran, sich als Arbeiter zu fühlen und zu denken! Streik war für sie ein Fremdwort, denn schon untereinander betonten sie lieber ihre Besonderheiten, und das einzige, was sie wirklich einte, war der Wunsch, sich als Individuen von der Masse abzuheben. Das nutzten die konservativen Politiker der Bismarck-Ära und servierten den Angestellten ein besonderes Sahnebonbon - das Angestelltenversicherungsgesetz, das 1911 den Sonderstatus der Angestellten im Versicherungswesen festschrieb. Damit war das kollektive Selbstbild der Angestellten zementiert. Mochten sie in Krisenzeiten auch an den Rand des Ruins geraten wie der gelernte Buchhalter Johannes Pinneberg in Hans Falladas Bestsellerroman "Kleiner Mann, was nun?" - an ihrem Statusbewusstsein hielten die Angestellten unbeirrt fest.

Pinneberg müsste nach Hause. Aber er bleibt hier stehen unter den Arbeitslosen, er macht ein paar Schritte, und dann bleibt er wieder stehen. Äußerlich gehört Pinneberg nicht zu ihnen, ist fein in Schale, aber innerlich... Er ist eben bei Lehmann gewesen, beim Personalchef des Warenhauses Mandel, er hat sich dort um eine Stelle beworben, und er hat sie erhalten, das ist eine ganz einfache geschäftliche Transaktion. Aber irgendwie fühlt Pinneberg, trotzdem er nun gerade wieder Verdiener geworden ist, doch viel eher zu diesen Nichtverdienern gehört als zu den Großverdienern. Er ist einer von diesen, jeden Tag kann es kommen, dass er hier steht wie sie, er kann nichts dazu tun. Nichts schützt ihn davor. Ach, er ist ja einer von Millionen. Minister halten Reden an ihn, ermahnen ihn, Entbehrungen auf sich zu nehmen und die staatstragende Partei zu wählen. Ob ich verrecke oder nicht, das ist ihnen ja so egal. Und die, die hier alle stehen, die ungefährlichen, ausgehungerten, hoffnungslos gemachten Bestien des Proletariats, denen geht's wenigstens nicht anders. Das sind die einzigen Gefährten, diese hier, sie tun mir zwar auch was, sie nennen mich feiner Pinkel und Stehkragenprolet, aber das ist vorübergehend. Heute, nur heute, verdiene ich noch, morgen, ach morgen, stemple ich doch...

"Kleiner Mann - was nun?" Johannes Pinneberg kann die Frage nicht beantworten. Ratlos zieht Falladas Romanheld sich in die private Idylle zurück.

Heute leben wir alle in einer Gesellschaft illusionssüchtiger Einzelkämpfer. Die Klassengesellschaft alter Couleur existiert nicht mehr. Überholt scheint die feste lebenslange Bindung an eine Klasse, einen Beruf, eine bestimmte Person. Im Berufs- wie im Privatleben gilt gleichermaßen: Je teamfähiger, mobiler und flexibler einer ist, desto besser. Ob einer Angestellter oder Unternehmer, Mafioso oder Arbeitsloser ist, sieht man ihm weniger denn je an der Nasenspitze an! Doch sobald das Gewand des relativen Wohlstands fällt, hört der Spaß auf und die Provokation beginnt...

Die erste wirklich ernst zu nehmende Depression des Tages überfällt mich, wenn ich die vollgekotzten Rolltreppen zum Bahnsteig hinunterfahre, inmitten von diesem Geschmeiß von Leuten, die mir mit ihrem schlechten Atem, ihren ungewaschenen Haaren, ihren erzdummen Fressen auf die Pelle rücken, ohne das geringste Empfinden für - Privatsphäre. So ist es doch,

so schimpft der Bankangestellte Thomas Schwarz in Georg M. Oswalds Roman "Alles, was zählt". Doch kaum hat der Held das Bankgebäude betreten, gewinnt er seine Ruhe wieder, besänftigt durch die polierte Welt um ihn herum:

Raus aus dem Lift und den Gang mit den echten Mondrians, Kandinskys und Mirós entlang zu meinem Büro! Meine Sekretärin naht mit einem Latte Macchiato auf einem Silbertablett. Anrufe bitte erst ab zehn. Ich werfe meinen Computer an. Ich spiele ein Spiel. Das Spiel heißt 'Virtual Corporation'. Der gnadenlose Wettlauf um die Führungsspitze!' Sie finden es merkwürdig, dass leitende Angestellte einer Bank am Arbeitsplatz Computerspiele spielen? Dieses Spiel wurde auf Anordnung der Geschäftsleitung auf jedem PC im Haus installiert. Die Mitarbeiter sollen es spielen, zur Stärkung ihres Durchsetzungsvermögens. Damit sie auch noch reale Arbeit leisten, ist das Spiel so programmiert, dass es sich nach einer Viertelstunde von selbst abschaltet. Ich spiele jeden Morgen ein Level durch und mehre mein virtuelles Vermögen. Dann gehe ich hochmotiviert an die Arbeit.
Titel: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Wilddieb Stuelpner am 23:41:50 Do. 17.Juli 2008
ZDF-Reportage: Angst um den Arbeitsplatz - Das Geschäft mit Billigarbeitern aus Osteuropa (http://reporter.zdf.de/ZDFde/inhalt/19/0,1872,7224435,00.html) vom 17.07.2008

Reinhard Bauch ist Schlachter. Zusammen mit seiner Frau und neun Kindern wohnt er im Raum Cloppenburg, einer Hochburg der Fleischindustrie. Zweimal hat er seinen Job in den letzten Jahren verloren. Den machen jetzt Arbeiter aus Osteuropa. Die sind billiger, erzählt Schlachter Bauch - und sie würden auch nicht so viel meckern. Oft kommen die osteuropäischen Arbeiter durch Arbeitsvermittler an deutsche Schlachthöfe. Und das nicht immer auf legalem Weg.

...Laut deutschem Entsendegesetz dürfen nur ausländische Schlachthöfe Arbeitskräfte nach Deutschland schicken. Legal ist das dann, wenn sie mehr Arbeitskräfte als Arbeitsplätze haben oder ihre Arbeiter zur Fortbildung nach Deutschland kommen. ...

... Gewerkschafter Matthias Brümmer (NGG) kennt die illegalen Machenschaften. Hinter ausländischen Firmen würden sich oft reine Anwerberbüros verbergen, einen Schlachtbetrieb gebe es nicht, erzählt er und nimmt uns mit nach Budapest, Hauptsitz eines der größten Anwerberbüros Europas. Von hier aus werden Arbeitskräfte nach ganz Deutschland vermittelt.

Und tatsächlich: Beim Firmensitz in Budapest findet Matthias Brümmer keinen Schlachtbetrieb. Trotzdem hat die Firma offenbar beste Kontakte zu deutschen Schlachthöfen. Matthias Brümmer will das unterbinden - er hat Strafanzeige gestellt. Der Gewerkschafter fordert ein konsequenteres Vorgehen gegen die Anwerberbüros und die unseriösen Schlachtbetriebe. Ein Ruf, der bislang nur wenig Gehör findet.

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Am Ende der Sendung befragte der ZDF-Reporter den entlassenen Reinhard Bauch, was er von der Billgstarbeit durch seine ausländischen Kollegen halten und wem er die Schuld für diese Zustände gebe.

Seine Antwort: Die ausländischen Kollegen können nichts dafür. Die müssen ihre Familien wie er auch ernähren. Die Schuld gibt er den AG und der Bundesregierung, die nichts gegen Hungerlöhne unternimmt, sondern erst deren Einrichtung zulässt und organisiert.

Seine Meinung: Wenn wir billige Arbeitskräfte in der Wirtschaft reinholen, dann können wir unsere Politiker und den gesamten Bundestag sofort entlassen und billiger von deren Konkurrenz aus Polen, Bulgarien oder Rumänien machen lassen. Recht hat er!!!
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 14:30:34 Do. 23.Juli 2009
Zitat
Schlachthöfe
Letzte Reise über die Grenze


Von Thomas Öchsner

Billiglohnland BRD: Dänen lassen Schweine zunehmend in Deutschland schlachten, weil Löhne hier viel niedriger sind.

(http://pix.sueddeutsche.de/wirtschaft/81/481551/Schlachthof_dpa459150-1248280007.jpg)


Anfang des Jahrtausends war die Welt für die Mitarbeiter in bundesdeutschen Schlachthöfen noch in Ordnung: Für die Knochenjobs gab es ordentlich Geld - 30 bis 40 Mark die Stunde. Das war einmal.

Heute verdienen die Schlachter so wenig, dass ein ungewöhnlicher Grenzverkehr zwischen Dänemark und Deutschland stark zugenommen hat: Immer mehr dänische Schweine werden in die Bundesrepublik gekarrt, weil das Töten und Zerlegen der Tiere hierzulande viel weniger kostet. Das Beispiel zeigt: In der globalisierten Welt ist Deutschland inzwischen auch als ein Billiglohnland gefragt, in dem es keinen flächendeckenden Mindestlohn gibt.

Exportprodukt Schweinefleisch

Die Dänen züchten schon lange mehr Schweine, als sie selbst benötigen. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei mehr als 700 Prozent. Der größte Teil des produzierten Fleisches wandert also in den Export, die größte Menge - im Jahr 2008 waren es etwa 542.000 Tonnen - geht in die Bundesrepublik.

Neu ist allerdings, dass Schweinemäster und -züchter ihre Tiere zunehmend lebend über die Grenze transportieren, und auch Schweine in norddeutschen Schlachthöfen grob zerlegen lassen, um die Teilstücke wieder zurück nach Dänemark zu schicken. Das liegt vor allem am Lohngefälle zwischen den beiden Nachbarstaaten.

Osteuropäische Schlachter arbeiten in Deutschland für Dänemark


Was früher die Ausnahme war, ist in Deutschland längst die Regel: In der Schlachtindustrie arbeiten vor allem osteuropäische Arbeitnehmer für Niedriglöhne von fünf bis neun Euro, in einzelnen Fällen für sogar noch weniger Geld.

Diese osteuropäischen Schlachter haben in der Regel Werkverträge. Ihr Arbeitgeber, der sie in die deutschen Betriebe schickt, sitzt im Ausland. Möglich ist dies durch das EU-Entsendegesetz. Bernd Maiweg, Referatsleiter für Fleischwirtschaft in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), schätzt, dass inzwischen "mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in den klassischen Schlachtbetrieben der Republik nicht dem deutschen Arbeitsrecht unterliegen".

Die übrig gebliebenen heimischen Mitarbeiter verdienen nach seinen Angaben etwa 15 Euro je Stunde. Aber auch für sie gilt kein Flächentarifvertrag. In der Fleischindustrie gibt es keinen Arbeitgeberverband, mit der die NGG verhandeln könnte. Nicht selten sind deshalb Haustarifverträge.

Personalabbau beim dänischen Branchenriesen


Ganz anders sieht es in den dänischen Schlachthöfen aus. Bislang erhielten Fachkräfte, die fast alle Mitglied einer Gewerkschaft sind, Stundenlöhne von um die 20 Euro. Doch nun müssen sie um ihre berufliche Existenz fürchten.

2600 Mitarbeiter hat der dänische Branchenriese Danish Crown bereits entlassen. Einen weiteren Personalabbau hat das Unternehmen bereits angekündigt. Die NGG wettert deshalb: "Billiglöhne auf deutschen Schlachthöfen vernichten Arbeitsplätze in Dänemark."

Für die Gewerkschaft sind die Zustände in der Branche ein Beispiel dafür, warum in Deutschland eine gesetzliche Lohnuntergrenze notwendig ist. "Wir brauchen einen flächendeckenden Mindestlohn von 7,50 Euro, um Dumpinglöhne zu verhindern", sagt NGG-Referent Maiweg. Und dieser sei möglichst schnell schrittweise zu erhöhen.

Freiwilliger Mindestlohn bei deutschem Fleischvermarkter

Da es dafür aber derzeit keine politische Mehrheiten gibt, hofft die Gewerkschaft zumindest, dass die Fleischindustrie in das neugefasste Mindestarbeitsbedingungen-Gesetz aufgenommen wird. Dies erlaubt Mindestlöhne in Wirtschaftszweigen, in denen die Tarifbindung unter 50 Prozent liegt.

Dass es auch anders geht, zeigt Westfleisch, der drittgrößte Fleischvermarkter Deutschlands. Das Unternehmen zahlt seit Oktober 2007 freiwillig einen Mindestlohn von 7,50 Euro - daran müssen sich auch die osteuropäischen Subunternehmer halten, deren Mitarbeiter bei Westfleisch Schlachttiere zerlegen.

(SZ vom 23.07.2009/kfa/pak)

http://www.sueddeutsche.de/,ra3m1/wirtschaft/81/481551/text/ (http://www.sueddeutsche.de/,ra3m1/wirtschaft/81/481551/text/)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 17:51:28 Mi. 15.Dezember 2010
Zitat
Grotelüschen verantwortlich für Dumpinglöhne

Niedersachsens Agrarministerin Astrid Grotelüschen (CDU). Fotograf: Holger Hollemann Detailansicht des Bildes Niedersachsens Agrarministerin Grotelüschen (CDU) gerät immer stärker unter Druck. Neue Vorwürfe gegen Astrid Grotelüschen (CDU): Nach Recherchen des NDR Magazins "Menschen und Schlagzeilen" hat Niedersachsens Landwirtschaftsministerin als Prokuristin in einem Schlachtbetrieb in Neubrandenburg Dumpinglöhne und fragwürdige Arbeitsbedingungen mit verantwortet. Ähnlich lautende Vorwürfe zu einem Schlachtbetrieb in Wildeshausen, an dem die Familie der Ministerin beteiligt ist, hatte Grotelüschen in den vergangenen Tagen zurückgewiesen: Sie habe in dem betreffenden Betrieb nicht gearbeitet.

Die neuen Anschuldigungen stehen in Zusammenhang mit der "Fitkost Geflügelverarbeitungs- und Vertriebsgesellschaft mbH". In dem Neubrandenburger Betrieb war Niedersachsens Landwirtschaftsministerin über 15 Jahre als Prokuristin tätig und dort nach eigenen Angaben für das Personal zuständig. Mehrere Mitarbeiter, die über einen längeren Zeitraum bei Fitkost beschäftigt waren, berichten von Billiglöhnen und Regel-Arbeitszeiten von 12 bis 13 Stunden pro Tag. Dennoch habe der monatliche Verdienst teilweise nur maximal 680 Euro betragen.

Akkordlohn von 90 Cent in der Stunde


In der Geflügelmast werden oft nicht tiergerechte Mittel eingesetzt. Für bestimmte Arbeiten in der Schlachtung und Zerlegung sei ein Akkordlohn pro Tier bezahlt worden, der für aufwändige Tätigkeiten jedoch extrem ungünstig ausfiel. So kamen die ehemaligen Mitarbeiter beispielsweise beim Schlachten schwerer Puter regelmäßig auf nur 90 Cent realen Stundenlohn. Dieser Niedriglohn wurde zwar durch andere Tätigkeiten aufgebessert. Dennoch habe der auf den Monat umgerechnete reale Stundenlohn regelmäßig nur 3,50 Euro betragen. "Das war pure Sklaverei. Es war ein Horror morgens aufzustehen und zu wissen: Da muss ich hin. Es war ein einziges Verheizen von Leuten", sagte ein ehemaliger Arbeiter dem NDR. Die Mitarbeiter berichten außerdem von "extremem Druck" in dem Schlachthof. Die Anzahl der täglich zu zerlegenden Puten sei von 6.500 auf 9.500 pro Tag gesteigert worden.

"Man hatte keine Rechte im Betrieb"

Durch die schwere Arbeit hätten die Beschäftigten massive Gesundheitseinschränkungen erlitten, beispielsweise an den Handgelenken. "Man hatte keine Rechte im Betrieb", so ein ehemaliger Angestellter. "Wenn man etwas wollte, hieß es: Vor dem Tor stehen genug Leute. Also hat man seinen Mund gehalten." Die "Fitkost Geflügelverarbeitungs- und Vertriebsgesellschaft mbH" schlachtete und zerlegte Geflügel. Das Unternehmen wurde in diesem Sommer geschlossen, die Produktion unter anderem Namen in einen Betrieb in Wildeshausen verlegt. An "Fitkost" war Grotelüschens Familienbetrieb, die Mastputenbrüterei Ahlhorn, mit 50% beteiligt. Von 1995 bis kurz vor ihrem Amtsantritt als Landwirtschaftsministerin im Frühjahr 2010 hatte Astrid Grotelüschen in dem Unternehmen Einzelprokura für alle betrieblichen Funktionen. Auf Anfrage des NDR wollte sich Astrid Grotelüschen nicht zu den neuen Vorwürfen äußern.
http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/grotelueschen165.html (http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/grotelueschen165.html)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 13:23:05 So. 14.April 2013
Zitat
Niedriglöhne in der Fleischproduktion
Die Tricks der Schlachthöfe


(http://www.fr-online.de/image/view/2013/3/13/22362336,19015716,dmFlashTeaserRes,1485060020E37A33.jpg)
Fleischunternehmen in Belgien und den Niederlanden können dem Preisdruck aus Deutschland nicht mehr standhalten.

Schlachten in Deutschland ist so billig wie nirgendwo sonst in Europa. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Beispiel zahlen viele Betriebe Dumpinglöhne und werden dafür vom Staat belohnt.

Ein Euro und drei Cent – für diese Summe kann selbstverständlich kein Mensch ein Schwein kaufen, aber schlachten kann man es für dieses Geld. 1,03 Euro sind der Lohn, den ein rumänischer Werkvertragsarbeiter für diese Arbeit erhält. So geschehen im niederländischen Lebensmittelkonzern Vion in Emstek, im Landkreis Cloppenburg in Niedersachsen. Die Stammbelegschaft, der Vion immerhin 2,50 Euro pro Schwein zahlte, war dem Unternehmen zu teuer geworden. Seit Februar beschäftigt der Schlachthof deshalb Werkvertragsarbeiter, die ihren Lohn von einem rumänischen Subunternehmer erhalten. Der zahlt weniger als fünf Euro die Stunde. Der branchenübliche Tariflohn liegt zwischen zehn und 15 Euro.

Hungerlöhne in der Fleischbranche sind nicht ungewöhnlich, inzwischen aber so weit verbreitet, dass der Politik daraus ein Problem erwächst. Es gab viel Ärger um die Schlachthöfe - in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen und auch in Bayern. Die Gewerkschaften laufen Sturm und im Landkreis Cloppenburg-Vechta schloss sich auch die katholische Kirche dem Protest an.

Nachbarländer sind verärgert


Dort rief der Ärger schließlich auch den Bundestagsabgeordneten Franz-Josef Holzenkamp auf den Plan, immerhin ist es sein Wahlkreis und Emstek ist Holzenkamps Wohnort. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen musste die CDU Federn lassen. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt der Ärger um die Schlachthöfe. Holzenkamp drängt nun darauf, dem missbräuchlichen Umgang mit Werkverträgen in der Fleischbranche ein Ende zu bereiten – eine Forderung, die die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) schon lange erhebt.
Beim neuen niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) wurde im März der belgische Wirtschaftsminister vorstellig, um sich über die Dumpinglöhne in den niedersächsischen Großschlachtereien zu beschweren. Inzwischen liegt die Beschwerde auch der Kommission der Europäischen Union (EU) in Brüssel vor.

Schlachten in Deutschland ist so billig wie nirgendwo sonst in Europa. Das sorgt jenseits der deutschen Grenzen für Unmut. Die Konkurrenzbetriebe in Belgien und den Niederlanden können dem Preisdruck nicht mehr standhalten.
Das Problem könnte noch drängender werden, denn neben dem Preisvorteil, den die deutschen Schlachthöfe daraus ziehen, ihre Personalkosten niedrig zu halten, liegt der Reiz der Werkverträge darin, dass sie die Betriebe in den Genuss einer weiteren Einsparmöglichkeit bringen. Sie können sich von der sogenannten EEG-Umlage befreien lassen. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in Oldenburg-Ostfriesland, Matthias Brümmer, erklärt den Vorgang: „Übersteigt der Anteil der Energiekosten an den übrigen Kosten eines Unternehmens den Grenzwert von 14 Prozent kann es sich nach einer besonderen Ausgleichsregelung des EEG-Gesetzes von der Umlage befreien lassen.“

Die Lohnkosten zu drücken, lohnt sich gleich mehrfach, erklärt Brümmer: „Das Unternehmen beschäftigt kein oder kaum noch eigenes Personal, es zahlt Dumpinglöhne, nicht direkt aber indirekt über einen Subunternehmer, spart die Sozialabgaben und kann die geringeren Kosten auch noch als Sachkosten absetzen. Als energieintensiver Betriebe kann sich das Unternehmen so von EEG-Umlage befreien lassen. Was sich die Bundesregierung dabei gedacht hat, möchte ich wissen.“

Die SPD-Abgeordnete im Niedersächsischen Landtag Renate Geuter wollte im Januar zunächst einmal wissen, was sich die niedersächsische Landesregierung dabei denkt. Sie richtete eine schriftliche Anfrage an den damaligen Umweltminister Stefan Birkner und seinen Kollegen aus dem Wirtschaftsressort Jörg Bode, beide FDP.

Ob sie es für einen Zufall hielten, dass es in der Liste der niedersächsischen Unternehmen, die von der EEG-Umlage befreit worden seien, ein erheblicher Anteil von Firmen aufgeführt würden, die in großem Umfang mit Werkvertragsarbeitern arbeiteten, wollte Geuter wissen.

In seinem Antwortschreiben vom 7. Februar 2013 bestätigte Birkner die Vermutung Geuters: „Wie Sie zutreffend ausführen, können Kosten für Leiharbeiter damit den Betrag der Bruttowertschöpfung vermindern. Im Ergebnis könnte mit dieser Regelung im EEG ein mittelbarer Anreiz verbunden sein, verstärkt Leiharbeiter einzusetzen.“

Legale Einsparmöglichkeiten


Geuter empörte außerdem, dass auch berufsständische Vertretungen und Kammern in Niedersachsen ihre Klientel auf entsprechende „Gestaltungsmöglichkeiten“ hinweisen. Tatsächlich findet sich im Merkblatt des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle unter „Kostenabzugspositionen“ der Hinweis, dass „Kosten für durch andere Unternehmen ausgeführte Lohnarbeiten“ als „betriebsfremde Aufwendungen“ abzugsfähig sind.

All diese „Einsparmöglichkeiten“ sind legal. Es verstößt auch nicht gegen das Gesetz, rumänische Arbeiter zu beschäftigen, die weniger als fünf Euro Stundenlohn erhalten. Die Vion Emstek GmbH hat keine rechtliche Handhabe, in die Lohngestaltung der Subunternehmen und deren Mitarbeiter einzugreifen, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

„Mit den Werkvertragspartnern wird nur der Werklohn für die jeweiligen Gewerke ausgehandelt. Die Lohngestaltung für die Arbeitnehmer obliegt daher ausschließlich unseren Werkvertragspartnern. Deren unternehmerische Freiheit bei der Lohngestaltung können wir als Vertragspartner nicht einschränken.“ Die Geschäftsführung von Vion setze sich überdies „seit Jahren für gesetzliche Mindestlöhne in der Schlachtbranche ein“. Das Unternehmen ist von der Umlage befreit. Der Präsident des Niedersächsischen Landvolks und Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes Werner Hilse war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er sitzt im Aufsichtsrat der Vion Holding.
http://www.fr-online.de/lebensmittel/niedrigloehne-in-der-fleischproduktion--die-tricks-der-schlachthoefe,21868140,22362222.html (http://www.fr-online.de/lebensmittel/niedrigloehne-in-der-fleischproduktion--die-tricks-der-schlachthoefe,21868140,22362222.html)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 21:07:15 So. 23.Juni 2013
Zitat
Skandalöse Verhältnisse in der Fleischindustrie
Lohnsklaven in Deutschland


 Schlechte Bezahlung, unwürdige Unterkünfte, Erniedrigung und Erpressung: Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität.

Von Hans Leyendecker


Die Frau, sie mag Ende dreißig sein, kam aus einem Dorf in Rumänien nach Deutschland, um neu anzufangen. Sie arbeitete in der Verpackung eines Schlachthofs in Norddeutschland am Band. Ihr Arbeitgeber war eine spanische Firma mit rumänischer Geschäftsführerin, die einen Werksvertrag mit der norddeutschen Fleischfirma abgeschlossen hatte. Und der Eigentümer der spanischen Klitsche war ein Deutscher, gegen den inzwischen die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt.

Mit drei anderen Frauen hauste die Rumänin für viel Geld in einem Zimmer. Ein Landsmann hatte als Vorarbeiter das Kommando. Sie arbeitete, wie auch die anderen Frauen, auf Abruf. Auch nachts. Als sie mal Urlaub machen wollte, wurde sie gefeuert. Sie ging zum rumänischen Vorgesetzten, um ihre Papiere fürs Arbeitsamt abzuholen, doch der weigerte sich zunächst. Sie drohte mit einem Anwalt.

"Hast du keine Angst, zum Anwalt zu gehen?" warnte der Vorgesetzte. "Weil es kann dir passieren, dass du über die Straße gehst und ein Auto dich überfährt." Auch könne sie leicht im Graben landen, "der Kopf zwei Meter weiter" und ein Bein "sonst wo". - "Nein, ich habe keine Angst". Er: "Das gilt sogar in Rumänien. Du weißt nicht, ob dein Kind über die Straße geht und ein Auto es vielleicht überfährt." So stellt man sich eigentlich Dialoge mit der Mafia vor oder mit anderen schweren Jungs - nur nicht am Arbeitsplatz.
Drecksarbeit international operierender Werkvertragsfirmen

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Der Wortwechsel zwischen Sklavin und Chef ist Teil eines Films über "Lohnsklaven in Deutschland". Die Autoren, Marius Meyer und Michael Nieberg, haben mit verdeckter Kamera in Rumänien Arbeitsvermittler gefilmt, die viel versprechen. Und dann haben sie versucht, die Drecksarbeit international operierender Werkvertragsfirmen nachzuzeichnen.

Der in solchen Zusammenhängen gern verwendete Begriff von der "Ausbeutung" umschreibt die Lage ungenau, weil er angesichts des tatsächlichen Elends irgendwie abgenutzt wirkt: "Das ist Menschenhandel, das ist Organisierte Kriminalität", sagt Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Fleischregion Oldenburg, im Gespräch mit der SZ.

Im TV-Film fahren dunkle Limousinen vor, und die Männer, die aussteigen, sehen wie dunkle Männer in Kinofilmen aus. Sie tragen Koffer mit Bargeld. Billiglöhner bekommen für 150 Stunden Arbeit vielleicht 600 Euro, und wer krank wird, soll gehen.
Seltsam gewundene Antworten

Menschenunwürdig sind manchmal auch die Unterkünfte. Viele Arbeiter hausen in abbruchreifen Häusern, Vermieter verdienen am Sklavenhandel mit. Neuerdings werden von Werkvertragsfirmen auch spanische Arbeiter angeworben, die mehr Lohn als etwa die Rumänen bekommen, aber bis zu 400 Euro für ein Bett zahlen und auch dem Vermittler daheim Geld geben müssen.

Meist wollen die Fleischarbeiter bleiben. Saisonarbeiter, die zur Erdbeerernte kommen, zum Spargelstechen oder zur Weinernte haben es beim Bauern meist besser. Und sie fahren nach ein paar Wochen wieder nach Hause. Wenn die Fleischfabrikanten Fragen zur Entlohnung der Arbeiter oder zu deren Wohnungen beantworten sollen, fallen die Antworten seltsam gewunden aus: "Mit uns vertraglich verbundene Werksunternehmen sind selbständige Unternehmen, auf deren Geschäftsbereich wir keinen Einfluss haben", schreibt ein Anwalt im Auftrag eines norddeutschen Fleischunternehmens. Ansonsten sei man "Verfechter eines bundesweiten Mindestlohns".

Überdies seien die "Werkvertragsunternehmen gehalten, ihre Mitarbeiter ordnungsgemäß unterzubringen. Soweit uns die Unterbringungsorte bekannt sind, behalten wir uns vor, Überprüfungen durch unabhängige Personen vornehmen zu lassen". Zu "Detailinformationen können wir schon aus Gründen der gebotenen Vertraulichkeit" keine Auskunft erteilen, "da sie Personen und Vertragsverhältnisse betreffen". Von "Missständen" sei allerdings nichts bekannt.

Die Namen der vielen Akteure tun eigentlich wenig zur Sache. Bei dem Fleisch-Sklavenhandel geht es längst nicht um Einzelfälle, sondern um ein seit vielen Jahren bestehendes System, das von der Öffentlichkeit manchmal mit Erstaunen und dann wieder mit bleierner Gelassenheit hingenommen wird. "Der Menschenhandel in dieser Branche wird immer raffinierter und immer schlimmer", sagt der Gewerkschafter Brümmer. Auch Bordellbetreiber gehören zu den Akteuren der Leiharbeiter-Mafia.

"Der Umfang illegaler Tätigkeiten und deren Selbstverständlichkeit sind erschreckend. Das Gewerbe scheint von diesen Straftaten durchdrungen zu sein", hat die Düsseldorfer Richterin Brigitte Koppenhöfer im Dezember 2010 über die Arbeit auf deutschen Schlachthöfen mal gesagt.

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Die 14. Große Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts hatte acht Angeklagte zu Strafen zwischen fünfeinhalb Jahren Haft und Bewährung verurteilt. Die Arbeiter-Verleiher hatten rund tausend meist rumänische Leiharbeiter, die gegenüber den Finanzämtern als Selbständige mit Werkverträgen geführt wurden, in Schlachthöfe geschickt und den Fiskus sowie Sozialversicherungen um 15 Millionen Euro geprellt. Fast jedes Jahr gibt es ein neues Großverfahren.
Es geht ums Geld

Als die Dreharbeiten zu dem NDR-Film noch liefen, suchte die Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Düsseldorf Mitte Mai dieses Jahres nach mehr als zweijähriger Vorbereitung Büros und Privatwohnungen von 22 Beschuldigten an 90 Orten heim.

Die von einem Staatsanwalt geleitete Ermittlungskommission "Karo", die aus Zollfahndern, Steuerfahndern und Kriminalbeamten besteht, untersucht ein Geflecht von mehr als zwei Dutzend Unternehmen und Subunternehmen, die in mehr als zwölf deutschen Schlachthöfen von Rheinland-Pfalz bis Norddeutschland Polen und Rumänen, für die es keine sogenannte Entsendungsgenehmigung gab, untergebracht hatten.

Es geht auch in diesem aufwendigen Verfahren nicht um Lohndumping, nicht um Sklavenhälterei und unmenschliche Arbeitsbedingungen, sondern wieder mal um den Verdacht der Vorenthaltung von Sozialversicherungsabgaben und der Hinterziehung von Umsatzsteuern und Lohnsteuerbeträgen in Millionenhöhe.

Es geht ums Geld.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/skandaloese-verhaeltnisse-in-der-fleischindustrie-lohnsklaven-in-deutschland-1.1703776 (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/skandaloese-verhaeltnisse-in-der-fleischindustrie-lohnsklaven-in-deutschland-1.1703776)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: hoessi666 am 16:41:55 Di. 25.Juni 2013
Eins von den "Schweinen" hat's hier in der Umgebung erwischt:

http://www.derwesten.de/staedte/sprockhoevel/entbeiner-muss-viele-jahre-ins-gefaengnis-id7998925.html (http://www.derwesten.de/staedte/sprockhoevel/entbeiner-muss-viele-jahre-ins-gefaengnis-id7998925.html)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Just B U am 17:07:41 Di. 25.Juni 2013
Ähm...mal was O.T.:

wenn dieses "Schwein" für 500 000,- Euro Steuerhinterziehung schon fast 4 Jahre ins Gefängnis muss...äh...

Was ist eigentlich aus der "Hoeneß-Sache" geworden?

Hatte der  nicht grob geschätzt:  "mindetsens  12 Millionen" Euros Steuern hinterzogen = also den Staat um  12 Millionen Euros BETROGEN???

Dann müßte das "Schwein" doch umgerechnet fairerweise mindestens 24 Jahre ins Gefängnis oder so!

Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Rudolf Rocker am 17:12:03 Di. 25.Juni 2013
Mich wundert ehrlich gesagt, das gegen die "Fleischmafia" nur wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird.

Ich dachte bisher immer das Menschenhandel und Sklaverei in der BRD Straftaten sind.
Muss ich mich wohl geirrt haben!
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Eivisskat am 14:12:23 Sa. 29.Juni 2013
Sollte die Politik jetzt tatsächlich ein Einsehen haben und gegensteuern?

Zitat
Billiglohn im Schlachthof -  „Ausbeuterfleisch“ contra „faires Fleisch“

 Niedersachsens viel kritisierte Schlachtbetriebe bleiben hart beim Thema Lohndumping. Eine freiwillige Selbstverpflichtung für höhere Löhne lehnen sie ab. Die Landesregierung reagiert empört und kündigt eine härtere Gangart auf allen Ebenen an.

http://www.wlz-fz.de/Welt/Buntes/Uebersicht/Schlachthoefe-in-Niedersachsen-lehnen-Mindestlohn-ab


Gar nicht erst ausmalen möchte man sich allerdings den Umgang mit den Tieren in diesen Horrorhöfen, wo dort mit den Menschen schon so verbrecherisch umgegangen wird...

 ::) :o

Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Rudolf Rocker am 15:37:26 Sa. 29.Juni 2013
Zitat
Sollte die Politik jetzt tatsächlich ein Einsehen haben und gegensteuern?

Ganz sicher nicht.
Aber im September sind Wahlen.
Da muss man wenigstens so tun als ob! ;)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Pinnswin am 19:27:34 So. 30.Juni 2013
Die Politik schläft lange aus und ißt dann Kaviar-Schnittchen. Schnöden
Aktionissimuss überlasst "Politik" lieber der sozialen Marktwirtschaft. Nachdem
nun die Russen die Türken aus dem Fleischverarbeitenden Betrieben rausgedrängt
haben...
... aber das ist ja nun auch schon ~5 Jahre her...

*gähn-Popo-kratz-schnarch****
(http://s15.rimg.info/e08a8605e02a0a5d61ece9a4ed4b0bcb.gif) (http://smiles.rc-welt.com/smile.122233.html)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 23:29:38 Mo. 19.September 2016
19.09.2016

Zitat
Bakumer Ehepaar muss ehrenamtliche Hilfe aufgeben

Beratungsstelle schließt wegen Überlastung

Oldenburger Münsterland - Sie kommen aus Osteuropa und wurden Opfer von Ausbeutung. Im Forum der St.-Andreas-Gemeinde hatten Werkvertrag-Arbeiter drei Jahre lang einen Anlaufpunkt.
Gegen 21 Uhr lässt Audra Brinkhus-Saltys die Jalousien herunter. So wie immer freitags. Diesmal aber hat sie zuvor ein Informationsplakat von der Fensterscheibe entfernt. Es zeigt eine Szene mit einem Arbeiter aus einem Schlachthof und darauf steht „Beratungsstelle“. Als Organisator ist das Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt (Mida) vermerkt, dem 16 Gruppen aus Gewerkschaft, Kirche und Politik angehören, darunter ist auch die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB).
Drei Jahre lang haben die Lehrerin Brinkhus-Saltys und ihr Mann, der Rechtsanwalt Johannes Brinkhus, in den Räumen des Forums der katholischen Kirchengemeinde St. Andreas in der Cloppenburger Innenstadt osteuropäischen Arbeitern in Not geholfen.
Der Jurist Brinkhus gab rechtlichen Beistand, führte etliche Prozesse. All das ehrenamtlich. An der Seite des Bakumer Ehepaars war von der ersten Stunde an Julia Bunea aus Rumänien. Sie übersetzte, nahm an Außenterminen und Info-Veranstaltungen teil.
Andrang von Hilfesuchenden massiv
Nun schließt die Beratungsstelle – das landesweit erste Hilfsangebot für ausgebeutete Arbeiter. Seit Oktober 2013 folgte das Land Niedersachsen mit eigenen Anlaufsstellen für mobile Beschäftigte aus Osteuropa. Auch hier ist der Andrang von Hilfesuchenden massiv. Es ist daher ein deutliches Alarmsignal, wenn Brinkhus-Saltys sagt: „Wir schließen wegen zuviel Arbeit.“ Der Ansturm sei „zu groß“, er könne ehrenamtlich nicht mehr bewältigt werden. Etwa 400 Fälle im Jahr gab es im Durchschnitt.
Die Missstände im Umgang mit den osteuropäischen Arbeitern wuchern weiter. Der Mindestlohn ist oft nur Fassade. Das zeigen auch die Fälle, denen sich die Beratungsstelle noch am letzten Tag widmete: Nicolae P.* aus Rumänien musste vier Wochen in seinem Auto leben. Er war bei einem Geflügel-Ausstaller beschäftigt, als er krank wurde, meldete ihn sein Arbeitgeber von der Krankenversicherung ab und warf ihn aus der Betriebswohnung. Brinkhus stellt zudem fest: Auf der Lohnabrechnung von Nicolae P. seien zwar Nachtzuschläge ausgewiesen, diese seien aber nicht ausgezahlt worden.
Während des Urlaubs gekündigt
Monica S.*, ebenfalls aus Rumänien, hat sechs Monate für ein Subunternehmen in einem Schlachthof im Kreis Cloppenburg geschuftet. 300 Stunden pro Monat sei sie im Einsatz gewesen, bei einem Nettoverdienst von 1 100 Euro. Urlaubsgeld habe sie nicht erhalten, da sie nach rumänischem Recht beschäftigt war. Dann folgte eine Anstellung für ein Subunternehmen, das seine Arbeiter in einem Cloppenburger Schlachthof einsetzte. Dort arbeitete Monica S. mit ihrem Mann. Beiden sei während des Urlaubs gekündigt worden. „Ich habe viel geweint“, sagte sie über ihre Lage in Deutschland. Die Beratung durch das Ehepaar Brinkhus habe ihr viel geholfen.
Auf die Schließung der Beratungsstelle reagierte das Offizialat in Vechta „mit Bedauern“, wie Stephan Eisenbart, zuständig für die KAB und einer der Mida-Sprecher, erklärte. Das Netzwerk wolle versuchen, auch in Zukunft die Beratung zu organisieren. „Entweder finden wir Anwälte, die die Aufgabe ehrenamtlich weiterführen, oder es muss irgendwie eine finanzielle Basis geschaffen werden, um die Arbeit zu honorieren“, sagt Eisenbart. Für Anwalt Brinkhus ist die Arbeit derweil noch nicht ganz zu Ende. Etwa 300 Mandanten aus der Beratungsstelle vertritt er noch vor Gericht.
http://www.kreiszeitung.de/lokales/niedersachsen/beratungsstelle-schliesst-wegen-ueberlastung-6762286.html (http://www.kreiszeitung.de/lokales/niedersachsen/beratungsstelle-schliesst-wegen-ueberlastung-6762286.html)

Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 21:48:25 Di. 27.September 2016
Hauptsache Billigfleisch - Vom Kampf gegen Ausbeutung

Podcast: http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2016/09/27/hauptsache_billigfleisch_vom_kampf_gegen_ausbeutung_in_der_dlf_20160927_1840_5f25688a.mp3 (http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2016/09/27/hauptsache_billigfleisch_vom_kampf_gegen_ausbeutung_in_der_dlf_20160927_1840_5f25688a.mp3)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Troll am 09:58:11 Mi. 28.September 2016
Abgepackte Supermarktwürste im Kilobereich für unter 5€ bedingen das Elend in allen Bereichen die mit dieser Wurst zu tun haben.
Die brauch ich nicht mal essen um einen Würgereiz zu bekommen.
Aber was erwarte ich nachdem ein angedachter Fleischfreier Tag in der Woche pures entsetzen ausgelöst hat, "einer" von sieben Tage! Würde jemand zu mir kommen und verlangen das ich an jedem Tag der Woche Fleisch essen muss würde ich ihn für wahnsinnig erklären und zum Teufel jagen.
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Rudolf Rocker am 11:03:43 Mi. 28.September 2016
Zitat
Aber was erwarte ich nachdem ein angedachter Fleischfreier Tag in der Woche pures entsetzen ausgelöst hat, "einer" von sieben Tage!
Aber nur, wenn es von den Grünen kommt! Wenn es die Katholiken machen (Freitags gibt es Fisch!) ist das voll in Ordnung!
(http://www.smiley-paradies.de/smileys/denkend/denkend_0006.gif)


Zitat
Abgepackte Supermarktwürste im Kilobereich für unter 5€ bedingen das Elend in allen Bereichen die mit dieser Wurst zu zu haben.
Nehm ich immer als Antibiotiumprophylaxe! In der Apotheke bekommt man kein Kilo Antibiotikum für 5€ das man auch noch auf den Grill schmeißen kann! (http://www.smiley-paradies.de/smileys/erschrocken/erschrocken_0028.gif)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 16:30:28 Mi. 28.September 2016
Warum nicht mal eine Meldung vom Evangelischen Pressedienst, wenn es passt:


Zitat
28.09.2016
Menschenrechtler: Chicken Nuggets aus sklavenähnlicher Arbeit
"Supermärkte nehmen Ausbeutung in Kauf"

Mehrere deutsche Supermärkte bieten offenbar Produkte mit Hähnchenfleisch an, das in Brasilien unter sklavenähnlichen Bedingungen produziert wird. Vor allem Eigenmarken der Unternehmen seien betroffen, erklärte die Christliche Initiative Romero. 
Namentlich genannt werden von Romero Edeka, Rewe, Lidl und Aldi. Die Unternehmen und deren Produzenten nahmen auf epd-Anfrage zunächst keine Stellung zu den Vorwürfen. 
Für die günstigen Chicken Nuggets oder Knusperdinos sei selbst das Geflügelfleisch aus europäischer Massentierhaltung zu teuer, erklärte die Initiative. Um die Preiserwartungen der Supermärkte und Discounter erfüllen zu können, kauften die produzierenden Betriebe PHW und Stolle Ware aus Brasilien hinzu.
Dort sei in der Geflügelmast und in den Schlachtfabriken ein Akkordmarathon von täglich bis zu 17 Stunden Alltag - zu Löhnen weit unter der Existenzsicherung. Wanderarbeiter, die in Fängerkolonnen in den Zuchtbetrieben arbeiteten, würden in Schuldknechtschaft getrieben.
"Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen"
"Dieser Skandal hat System: Auf der Suche nach dem billigsten Lieferanten, scheuen Supermärkte und Discounter nicht davor zurück, Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen in der Produktion in Kauf zu nehmen", sagte Romero-Referentin Sandra Dusch Silva. Grundlage der Recherchen war der Organisation zufolge eine Studie des brasilianischen Journalistennetzwerks "Repórter do Brasil".
In Brasilien werden laut der Initiative Romero jährlich sechs Milliarden Hühnchen geschlachtet, Tendenz steigend. Damit sei das Land zum größten Geflügelexporteur der Welt aufgestiegen. Für Deutschland gelte Brasilien als wichtigste außereuropäischer Handelspartner in puncto Geflügelfleisch, vor allem bei verarbeiteten Produkten.
(epd)

https://www.domradio.de/themen/sch%C3%B6pfung/2016-09-28/menschenrechtler-chicken-nuggets-aus-sklavenaehnlicher-arbeit (https://www.domradio.de/themen/sch%C3%B6pfung/2016-09-28/menschenrechtler-chicken-nuggets-aus-sklavenaehnlicher-arbeit)

http://www.ci-romero.de/startseite/ (http://www.ci-romero.de/startseite/)

http://supplychainge.org/produkte/gefluegel/?L=de (http://supplychainge.org/produkte/gefluegel/?L=de)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Troll am 18:21:51 Mi. 28.September 2016
Zitat
Abgepackte Supermarktwürste im Kilobereich für unter 5€ bedingen das Elend in allen Bereichen die mit dieser Wurst zu zu haben.
Nehm ich immer als Antibiotiumprophylaxe! In der Apotheke bekommt man kein Kilo Antibiotikum für 5€ das man auch noch auf den Grill schmeißen kann! (http://www.smiley-paradies.de/smileys/erschrocken/erschrocken_0028.gif)

Schöne Idee,  wir müssen beweisen das bestimmte Medikamente gut für das/den/die Wachstum, Gewinn, Gesundheit der fleischproduzierenden Industrie sind und schon können wir uns den Gang zur teuren Apotheke (https://www.chefduzen.de/index.php?topic=28268.msg322788#msg322788) sparen, da gibt's doch was von Aldi/Penny/Rewe/Edeka/.... dafür.

Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: dagobert am 21:33:29 Mi. 28.September 2016
Zitat
Abgepackte Supermarktwürste im Kilobereich für unter 5€ bedingen das Elend in allen Bereichen die mit dieser Wurst zu zu haben.
Nehm ich immer als Antibiotiumprophylaxe! In der Apotheke bekommt man kein Kilo Antibiotikum für 5€ das man auch noch auf den Grill schmeißen kann! (http://www.smiley-paradies.de/smileys/erschrocken/erschrocken_0028.gif)
Dann wird es aber auch höchste Zeit, dass die verwendeten Medikamente auf der Verpackung ausgewiesen werden. Sonst weiß doch gar keiner, welche Wurstsorte er kaufen muss.  :baby:
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 23:28:55 Mi. 28.September 2016
Da muss eine privatinitative Beratungsstelle für Ausgebeutete in der Fleischindustrie schliessen, weil sie es nicht mehr wuppen kann. An den katastrophalen Arbeitsbedingungen hat sich nämlich nichts geändert. Das wird von allen bedauert, auch von den katholischen Kirche. Warum finanzieren die das nicht einfach?

Gleichzeitig thematisieren beide Kirchen sehr wohl das Problem, auch auf internationaler Ebene und nennen sogar Namen. Selbst wenn sich hier im Schweinegürtel die Bedingungen verbessern würden, würde es anderswo so weitergehen, weil es anscheinend genügend Wege gibt, alles möglichst billig zu halten. Das freut den Kunden!

Es betrifft nicht nur die Fleisch-, sondern die gesamte Kette der Nahrungsmittelproduktion, und eigentlich aller anderen Produkte. (Ich bezweifel, dass der Faktor der Ausbeutung und Versklavung von den Befürwortern eines BGE hinreichend bedacht wird, geschweige denn, dass es sich in den H4-Regelsätzen widerspiegelt.)

Da kann man jetzt natürlich weniger Fleisch oder gar keins oder nur gutes Essen oder weniger IKEA-Möbel und weniger Fielmann-Brillen kaufen, das wird nichts bringen, solange dieser kleine private Boykott privat bleibt und nicht konkrete Kämpfe unterstützt.

Anstatt zu witzeln, dass der Fleischthresen eigentlich eine Apotheke ist, wäre es vielleicht interessanter, sich mal zu fragen und zu diskutieren, was wir dazu beitragen können, dass die Sklaverei in der Fleischindustrie sowohl hier als auch in Brasilien und anderswo abgeschafft wird. Das kann man dann womöglich auch auf andere Bereiche übertragen.
Denn eine Antwort habe ich auch nicht...  
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Rudolf Rocker am 12:53:06 Fr. 30.September 2016
Zitat
Denn eine Antwort habe ich auch nicht...
Ich auch nicht! Ich fürchte aber, das wir bei der Fragestellung noch weiter Vorne ansetzen müssen. Nämlich bei der Landwirtschaft.
Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zu diesem Problem irgendwo bei dem Wandel von Bauernhöfen zu Agrarfabriken.
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Troll am 19:28:45 Fr. 30.September 2016
Henne oder Ei?
Den Landwirten ist sicher nicht als erstes eingefallen immer billiger zu produzieren, ok, auch in diesem Bereich rennen Arschlöcher rum die ihre Kollegen unterbieten/verdrängen wollen, deshalb funktioniert es nahezu überall.
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 21:18:02 Fr. 30.September 2016
Ich auch nicht! Ich fürchte aber, das wir bei der Fragestellung noch weiter Vorne ansetzen müssen. Nämlich bei der Landwirtschaft.
Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zu diesem Problem irgendwo bei dem Wandel von Bauernhöfen zu Agrarfabriken.

Naja, es überlegen sich ja nicht einfach die Bauern, jetzt hör ich auf den Hof meines Vaters zu betreiben, ich mach jetzt ne Agrarfabik auf.
Es sind die Rahmenbedingungen, die radikal geändert wurden. Klassische Marktliberalisierung. Brutaler Konkurrenzkampf, ein Großteil der Familienbetriebe ist dabei über die Klinge gesprungen.

Ich bin zwar der Meinung, daß man beim Einkauf sein Hirn nicht ausgeschaltet haben sollte, aber ich halte den "Bewußten Konsumenten" als politische Kraft, die die Welt zum besseren ändern kann, für eine gefährliche illusion.

Ich glaube auch nicht daran, daß man sich immer an "die Politik" und "die da oben" richten sollte. Ich glaube daran, daß der Widerstand in dem wirtschaftlichen Ablauf selbst aufgebaut werden muß. Ich weiß, daß Bauern zu einem Großteil reaktionär und verblödet sind. Es sind da aber auch üble Kräfte unterwegs, die Pharmaindustrie, die Monsantos dieser Welt, Faschos versuchen auch zu rekrutieren und Einfluß zu nehmen. Von links gibt es meines Wissens nur ein paar zaghafte Versuche von der MLPD sich um die Bauern zu kümmern. Wohl aus komischen historischen Gründen, von wegen Hammer und Sichel und so. *seufz*

Und bei den Schlachthöfen muß man sich um die Beschäftigten kümmern. Die rumänischen Leiharbeiter und Werkvertragler sollte man unterstützen mit Informationen über ihre Rechte und Möglichkeiten, Kontakte vermitteln zu Anwälten und Journalisten. Mit ihnen quatschen. Versuchen etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

Öffenlichkeit schaffen ist immer gut bei solchen Mißständen. Ich finde die Unterstützung, die die Sklavenarbeiter von der Kirche kriegen, sehr gut.
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 12:29:40 So. 09.Oktober 2016
Ich halte es für erwähnenswert, daß hier Tierschützer auch die Ausbeutung von Menschen thematisieren.

(http://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.3190682/940x528?v=1475652997000)

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/bauprojekt-aschheims-buerger-entscheiden-ueber-schlachthof-1.3189891 (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/bauprojekt-aschheims-buerger-entscheiden-ueber-schlachthof-1.3189891)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 13:06:00 Fr. 02.Juni 2017
Fleisch wird teurer:

Zitat
Der Bundestag hat in der Nacht zum Freitag eine Stärkung der Rechte von Arbeitnehmern in der Fleischindustrie beschlossen. Die Abgeordneten nahmen einen von Union und SPD eingebrachten Gesetzentwurf an, der einen Missbrauch von Werkverträgen in Schlacht- und Fleischzerlegungsbetrieben verhindern soll. Demnach sollen künftig die Betriebe bei Regelverstößen haften und nicht die von ihnen beauftragten Subunternehmen, über die viele Arbeiter beschäftigt sind. (…)
https://www.afp.com/de/nachrichten/26/bundestag-staerkt-rechte-der-arbeitnehmer-der-fleischindustrie (https://www.afp.com/de/nachrichten/26/bundestag-staerkt-rechte-der-arbeitnehmer-der-fleischindustrie)

Der Gesetzestext:
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/126/1812611.pdf (http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/126/1812611.pdf) , Seite 66

Fleisch wird teurer, wenn sich die Beschäftigten trauen.
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 08:11:42 Mi. 18.Oktober 2017
Zitat
17.10.17
Freispruch im Wiesenhof-Prozess
(...)
Im Prozess um die Beschäftigung von 800 bulgarischen LeiharbeiterInnen bei der Wiesenhof-Tochter Geestland-Putenspezialitäten hat es gestern vor dem Oldenburger Landgericht zwei Freisprüche gegeben. Allerdings nicht, weil Geestland-Geschäftsführer Norbert D. und der ehemalige Wiesenhof-Prokurist und Geschäftsführer der Arbeitsvermittlungsfirma ZVS unschuldig wären – die Taten sind schlicht verjährt.
(...)
Doch auch wenn Frank D. und Norbert D. den Schwurgerichtssaal als freie Männer verlassen, müssen ihre Unternehmen zahlen: Eine seit dem 1. Juli 2017 geltende Gesetzesänderung macht es möglich, die aufgrund von illegalen Geschäften erzielten Werte einzuziehen, und zwar egal, ob die Taten verjährt sind. So muss nun die Geestland-Putenspezialitäten GmbH gut zehn Millionen Euro zahlen, die Personalvermittlungsfirma ZVS, die heute unter dem Namen Pro Work firmiert, immerhin noch gute 70.000 Euro.
(...)
http://www.taz.de/ (http://www.taz.de/)!5453449/
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 20:19:15 Do. 25.Oktober 2018
Zitat
24.10.18
Trickst Schlachtunternehmen Kontrolleure aus?

Nach außen hin ist alles sauber. Vor dem Mietshaus in Kellinghusen (Kreis Steinburg) stehen keine Müllsäcke mehr. Zum Teil wurde frisch gestrichen. Die Öffentlichkeit guckt auf dieses und weitere Häuser, seitdem Anwohner, Gewerkschaften und Politiker die Arbeits- und Wohnbedingungen der Werkvertrags-Mitarbeiter eines Kellinghusener Schlachthofs zum Thema gemacht haben.(...)
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Trickst-Schlachtunternehmen-Kontrolleure-aus,schlachthof350.html (https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Trickst-Schlachtunternehmen-Kontrolleure-aus,schlachthof350.html)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 10:17:18 Mo. 03.Dezember 2018
Zitat
Schlachthöfe In Und Um Oldenburg
Landkreis prangert Ausbeutung von Arbeitnehmern an

„An die Menschlichkeit zu appellieren reicht da nicht – wir müssen Fakten schaffen.“ Die Arbeitsverhältnisse in Schlachthöfen sorgen im Landkreis Oldenburg für Diskussionsstoff. Eine Steuerungsgruppe soll nun gegen die Ausbeutung vorgehen.


Wildeshausen /Landkreis „Eine erschütternde Darstellung.“ So hat die Ausschussvorsitzende Hannelore Hunter-Roßmann (SPD) den Vortrag von Piotr Mazurek zusammengefasst. Es ging um die Ausbeutung von Arbeitnehmern aus ost- und südosteuropäischen EU-Staaten im Landkreis. Und auch bei den weiteren Mitgliedern des Integrations- und Gleichstellungsausschusses des Landkreises rief die Präsentation im Wildeshauser Kreishaus deutliche Reaktionen hervor.

FDP-Frau Marlies Pape: „An die Menschlichkeit zu appellieren reicht da nicht – wir müssen Fakten schaffen.“ „Ich finde es zum Teil sehr beschämend“, monierte Sven Erichsen (AfD).

Komplexes Thema

Das Ergebnis nach einer rund einstündigen Diskussion: Alle Mitglieder stimmten dem Beschlussvorschlag des Ersten Kreisrats Christian Wolf zu, eine „kleine und wirkungsvolle“ Steuerungsgruppe in 2019 einzurichten. Sie dient dem Zweck, ebensolcher Ausbeutung im Landkreis entgegenzutreten. Bei Bedarf müsste die Gruppe Ämter hinzuziehen, Gemeinden dürften nicht außer Acht gelassen werden. Aus der Gruppe müssten zudem regelmäßig Berichte erfolgen. „Das Thema ist vielschichtig und komplex“, fasste Wolf zusammen. Einen Einblick in diese komplexe Thematik gab Mazurek.

Er arbeitet für die Beratungsstelle Faire Mobilität in Oldenburg. Die Beratungsstelle gehört zum Deutschen Gewerkschaftsbund. Sie soll helfen, gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer aus den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchzusetzen. Mazureks Fazit für den Landkreis Oldenburg: „Die Situation sieht nicht viel anders aus als in anderen Landkreisen.“

Bulgaren, Rumänen und Polen würden oft vorrangig in der Fleischindustrie eingesetzt, sie lebten häufig in baufälligen Häusern. Hier spiele besonders die niedrige Entlohnung eine Rolle. Wenn sich Mitarbeiter der „Fairen Mobilität“ im Rahmen von Aktionen vor Schlachthöfen positionierten, „dann haben viele Angst mit uns zu sprechen“. In Kasernensiedlungen klebten immer wieder neue Namensschilder an den Türen, „wir wissen nicht, wie viele Menschen da gemeldet sind“. Durch die Wohnsituation seien die Arbeitnehmer oft isoliert, aufgrund von wechselnden Arbeitsschichten gebe es bezüglich der Beratungsstunden eine große Planungsunsicherheit. Ein Problem seien auch die fehlenden Deutschkenntnisse.

„Zu platt zum Lernen“


Die Sprachbarriere führe wiederum zu breitgefächerten Problemen, gab Elke Szepanski (Grüne) zu bedenken. „Wir brauchen da zeitnahe Vernetzungen.“ Kreszentia Flauger (Linke) ergänzte dazu: „Diese Leute sind zu platt, um noch Deutsch zu lernen.“ Der Grund: Sechs-Tage-Wochen, Arbeitszeiten von bis zu 15 Stunden am Tag. „Es gibt da Gesetzesverstöße und wir kommen nicht ran.“

Wolfgang Sasse (CDU) sagte, dass die „Brennpunkte“ in Ahlhorn und Wildeshausen liegen würden, mahnte aber auch an: „Wir dürfen nicht alle Unternehmen über einen Kamm scheren.“ Von einem positiven Beispiel für die gerechte Behandlung von ost- und südosteuropäischen Arbeitnehmern berichtete Wolfgang Däubler (UWG) – appellierte aber gleichzeitig an den Konsumenten, Billigfleisch nicht zu kaufen.

Man müsse in allen Bereichen den Hebel ansetzen, sagte Dirk Vorlauf (CDU), „am schwierigsten ist wohl der Hebel am Konsumenten“.

Der Präsentation Mazureks war eine Vorstellung von Ergebnissen eines Workshops vorausgegangen. Er war von der Kreisverwaltung im September ausgerichtet worden und beschäftigte sich mit dem Thema. Die Stichworte, die Ute Frankenfeld im Resümee vorstellte: Gebraucht werden, Vernetzung, Beratung, Dolmetscher.
https://www.nwzonline.de/oldenburg-kreis/wirtschaft/wildeshausen-landkreis-schlachthoefe-in-und-um-oldenburg-landkreis-prangert-ausbeutung-von-arbeitnehmern-an_a_50,3,1142933251.html (https://www.nwzonline.de/oldenburg-kreis/wirtschaft/wildeshausen-landkreis-schlachthoefe-in-und-um-oldenburg-landkreis-prangert-ausbeutung-von-arbeitnehmern-an_a_50,3,1142933251.html)
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: counselor am 16:05:50 Mo. 03.Dezember 2018
Wenn die immer von der Macht des Konsumenten reden, dann wollen die was verschleiern: Die Macht des Kapitals, und dass alles so gewollt ist, wie es ist. Warum setzen die Behörden nicht das Arbeitsrecht mittels andauernder Kontrollen in den Schlachthöfen durch?
Titel: Re:Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 12:12:22 So. 27.Januar 2019
Zitat
24.10.18
Trickst Schlachtunternehmen Kontrolleure aus?

Nach außen hin ist alles sauber. Vor dem Mietshaus in Kellinghusen (Kreis Steinburg) stehen keine Müllsäcke mehr. Zum Teil wurde frisch gestrichen. Die Öffentlichkeit guckt auf dieses und weitere Häuser, seitdem Anwohner, Gewerkschaften und Politiker die Arbeits- und Wohnbedingungen der Werkvertrags-Mitarbeiter eines Kellinghusener Schlachthofs zum Thema gemacht haben.(...)
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Trickst-Schlachtunternehmen-Kontrolleure-aus,schlachthof350.html (https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Trickst-Schlachtunternehmen-Kontrolleure-aus,schlachthof350.html)

Und nun die Pressekeule:

Zitat
Jour Fixe Gewerkschaftslinke bekam am Freitag, 18.01.2019, einen 27-seitigen Brief vom Landgericht Hamburg. Veranlasser dieses Briefes ist die Großschlachterei Tönnies, Rheda-Wiedenbrück. Sie hatte die renommierte Anwaltskanzlei Schertz Bergmann (Berlin) mit der Forderung nach einer Unterlassungserklärung beauftragt. (*)

Worum geht es? Wir hatten zum 9.1.2019 zu einem Jour Fixe eingeladen, bei dem es um Informationen und Aufklärung zu den Arbeits- und Wohnbedingungen der im Tönnies-Betrieb Kellinghusen Arbeitenden mit Werksvertrag geht.(...)
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/01/25/stellungnahme-zum-gerichtlichen-vorgehen-der-grossschlachterei-toennies-gegen-jour-fixe-gewerkschaftslinke-hamburg/
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: admin am 12:42:26 So. 27.Januar 2019
Tönnis ist bereits juristisch gegen chefduzen vorgegangen.

Ein zwielichtes Unternehmen, das sich scheinbar vor Öffentlichkeit und öffenlichen Diskussionen fürchtet.
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: admin am 14:03:19 Di. 29.Januar 2019
Wir möchten an dieser Stelle die Stellungnahme vom Jour Fixe Hamburg dokumentieren.

Zitat
Stellungnahme zum gerichtlichen Vorgehen der Großschlachterei Tönnies gegen Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg

https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/01/25/stellungnahme-zum-gerichtlichen-vorgehen-der-grossschlachterei-toennies-gegen-jour-fixe-gewerkschaftslinke-hamburg/

und hier ein zweiteiliger bericht von journalisten von schattenblick, die beim jour fixe am 9.1. dabei waren:
BERICHT/115: Großschlachtung - Werkverträge und Profite ... (1) (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0115.html

BERICHT/116: Großschlachtung - Werkverträge und Profite ... (2) (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0116.html

und hier noch eine bemerkenswerte rede vom prälaten peter kossen aus lengerich, der mit seinem bruder, dem arzt florian kossen seit mehreren jahren front macht.
https://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Lengerich/3602896-Fuer-Wuerde-und-Gerechtigkeit-Peter-Kossens-Rede-in-Stapelfeld

Und hier noch eine Anmerkung zu unserer Stellungnahme:

Zu den Begriffen union busting bzw Fertigmacher/Fertigmachen:

Der Begriff Union Busting stammt aus den USA. Werner Rügemer und Elmar Wigand von der aktion./.arbeitsunrecht hatten sich sich mit den Arbeitsverhältnissen in den USA beschäftigt und das Ausmaß von Union Busting dort entdeckt und in Büchern und Artikel und bei Vorträgen seit über sieben Jahren in Deutschland skandalisiert. Sie hatten belegt, daß ähnliches auch hier in Deutschland vermehrt passiert, durch Anwaltskanzleien, die sich auf Arbeitsrecht spezialisiert haben und nicht nur gegen aktive Betriebsräte sondern jeglichen aktiven Kollegen/Kollegin vorgehen. Rügemer/Wigand haben den Begriff "Union Busting" in Gewerkschaftskreisen ziemlich bekannt gemacht.
Als wir vor über fünf Jahren einen Kreis  zu dem Thema gründeten, vermieden wir jedoch den Begriff Union Busting für uns und nannten uns  bewußt "GewerkschafterInnen gegen Fertigmacher". Weil diese Bezeichnung allgemeiner und treffender ist. Es gibt mehrere kleine Organisationen in Deutschland, die sich mit dem Thema beschäftigen, außer aktion./.arbeitsunrecht und workwatch (beide köln) und uns, auch z.B. einen Kreis in Mannheim: http://www.gegen-br-mobbing.de/konferenz-br-im-visier/197-bossing-und-mobbing-von-betriebsraeten-stoppen

Die bisherigen fünf Konferenzen in Mannheim waren gut besucht, besonders von BetriebsrätInnen und hauptamtlichen VertreterInnen der DGB-Gewerkschaften.

Die Mannheimer focussieren sich jedoch auf „Mobbing gegen Betriebsräte“, wir sehen das als politische Einengung, vielleicht um anschlußfähig zu DGB-Apparaten zu sein.

Nachdem die SPD/FDP-Regierung 1973 (Brandt-Scheel) gesetzlich Leiharbeit in Deutschland eingeführt hatte, natürlich mit Zustimmung der DGB-Gewerkschaften, hat jede Regierung diese Begünstigung des Kapitals erweitert. Leiharbeit, Befristungen, Werkvertragsarbeit sind zu einem Erfolgsrezept des Modell Deutschland geworden, zum Vorteil des Standortes Deutschland und der Sicherung der ökonomischen Vormachtstellung in Europa.

Und das alles mit politischer Absicherung durch die DGB-Gewerkschaften! Deren Rechtfertigung ist so: Wir sind gegen den Mißbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen und für die Gestaltung derselben und ihre faire Anwendung! Das ist, als wenn gegen die Füchse in Deutschland ein Gesetz erlassen würde: Ihr dürft nur Mäuse jagen, aber ihr müßt fair bleiben und in den Dörfern keine Hühner und Gänse erbeuten.

Und wenn der Fuchs trotzdem seinem Instinkt nachgeht und Hühner und Gänse frißt, darf kein Jäger und kein Bauer auf den Fuchs schießen.

Da freut sich der Fuchs über die Zustände in diesem Land!
Da freuen sich Tönnies&Co und ihre Subunternehmer über die Zustände in diesem Land!
Titel: Tönnies Zensurmaschine
Beitrag von: Nikita am 23:32:34 Di. 03.September 2019
Clemens Tönnies Zensurmaschine läuft weiter auf Touren. Wieder gibt es Berichte über zwielichtiges Verhalten der Kanzlei Schertz Bergmann.

http://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/einstweilige-verfuegung-gegen-kritsche-informationen-der-toennies-konzern-geht-gegen-aktion-arbeitsunrecht-vor/

(https://arbeitsunrecht.de/wp-content/uploads/2019/08/FR13Toennies_Aufkleber-Vampirschwein_rot.jpg)

"3. September 2019
Einstweilige Verfügung gegen kritsche Informationen: Der Tönnies-Konzern geht gegen aktion./.arbeitsunrecht vor

Die berüchtigte Berliner Medien(verhinderungs)-Kanzelei, die regelmäßig und berechenbar für den Tönnies-Konzern aktiv wird, konnte vor der Pressekammer des Landgerichts Berlin (Vorsitzender Richter: Holger Thiel) eine einstweilige Verfügung gegen die aktion ./. arbeitsunrechterwirken.
Der Beschluss ist auf verschiedene Weise skandalös: Unser Anwalt erhielt keine Möglichkeit zur Stellungnahme, die Gegenseite konnte keine glaubhafte Vollmacht beibringen, einzelne Punkte sind inhaltlich geradezu hanebüchen…
Doch davon lassen wir uns jetzt – mitten in der Vorbereitung auf den Aktionstag #FREITAG13 – nicht beeindrucken. (…)

 Besonders sensibel reagiert Tönnies offenbar auf Behauptungen zu Lohn und Gerechtigkeit, Lohn-Dumping, eventuelle Arbeitszeitverstöße und zum Aufkauf von anderen Schlachthöfen im Stil einer Heuschrecke.

Wir werden den anstehenden Medien-Prozess durch vertiefende Recherchen und Zeugenaussagen zu einem Tribunal gegen Tönnies und die Praktiken von Schertz Bergmann verwandeln…”

 Pressemitteilung von aktion./.arbeitsunrecht vom 03. September 2019 (per e-mail), in der um Spenden für deren Rechtshilfe-Fonds Meinungsfreiheit in der Arbeitswelt externer Link gebeten wird. Für Arbeitsbedingungen bei Tönnies siehe unsere Rubrik zur Fleischbranche "

Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Nikita am 23:33:04 Di. 03.September 2019
(https://arbeitsunrecht.de/wp-content/uploads/2019/08/Plakat_Freitag13_To%CC%88nnies_13-Sept-2019_640pxl.jpg)
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 23:41:59 Di. 03.September 2019
Bei den geschwärzten Passagen kann man ja jetzt lustig Ratemal spielen:

Vertreter der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG), der IG Werkfairträge und der Faire Mobilität (DGB) berichten von:

systematischem ■■■■ (Lohnraub?)
durch ■■■■■■■■■■■■ (Unterschlagung der?)

Zuschläge für Sonntags- und Nachtarbeit, ■■■■ (Verarschung?)

der Beschäftigten um Bezahlung für Rüst- und Wegezeiten

Tönnies-Werkvertragsarbeiter*innen sollen Gewerkschaftern von ■■■■ (doppelten?)

Schichten berichten.


Man weiß es nicht...
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 09:51:32 Mi. 04.September 2019
Man sieht an dem aggressiven Umgang des Ausbeuters mit öffentlicher Kritik und Protesten von außen, daß Öffentlichkeitsarbeit eine wirkungsvolle Waffe ist und da auch Proteste von Unterstützern Gewicht haben, wenn es nicht möglich ist, daß die Beschäftigten selbst kämpfen.
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 19:53:10 Mi. 04.September 2019
Zitat
Fleischindustrie – zu Lasten von Menschen und Tieren und Erzeugerpreisen
Dr. Florian Kossen und Prälat Peter Kossen:
„Menschen werden verschlissen und entsorgt“

Dr. Florian Kossen, hausärztlich tätiger Internist in Goldenstedt, und Prälat Peter Kossen, Pfarrer in Lengerich, erheben schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in der Fleischindustrie: „Menschen werden benutzt, verbraucht, verschlissen und dann entsorgt!“


Arbeitsmigranten aus Rumänien, Bulgarien und Polen behandelt Dr. Kossen täglich in seiner allgemeinmedizinischen Praxis. Sie arbeiten in Großschlachthöfen in Wildeshausen, Ahlhorn und Lohne. Was er sieht und hört, macht den Mediziner fassungslos und zornig. Die Totalerschöpfung der Patientinnen und Patienten ist fast schon alltäglich: „Viele arbeiten sechs Tage in der Woche und zwölf Stunden am Tag. Sie haben keine Möglichkeit der Regeneration, weil sie durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen ständig physisch und psychisch unter Druck stehen.

Daraus resultieren eine ganze Reihe von Krankheitssymptomen: Von Überlastungsschäden im Bereich der Extremitäten und Wirbelsäule über psychovegetative Dekompensationen bis hin zu wiederholten bzw. hartnäckigen Infekten durch mangelhafte hygienische Zustände in den Unterkünften und gesundheitswidrige Bedingungen an den Arbeitsplätzen. Aber auch eine totale körperliche Erschöpfung, wie ich sie in meinen 20 Jahren ärztlicher Tätigkeit vorher selten gesehen habe.“ Arbeitsunfälle wie Schnittverletzungen seien an der Tagesordnung. „Häufig lassen sich die Verletzten aber nicht krankschreiben, weil ihnen vom Arbeitgeber ganz deutlich gesagt worden ist: Wer mit dem gelben Schein kommt, kann gehen. So geschehen bei einer Arbeiterin mit einer ca. 10 cm langen, mit Naht versorgten, Schnittwunde, die sie sich bei der Arbeit zugezogen hatte. Trotz mehrmaligen dringenden Anratens lehnte sie eine Krankschreibung ab.“

Verätzungen am ganzen Körper sieht Kossen bei Patienten, die für Reinigungsarbeiten in den Schlachthöfen keine ausreichende Schutzkleidung zur Verfügung haben und zudem unter hohem Zeitdruck arbeiten. „Das berichtete ein Mitarbeiter einer Reinigungskolonne auf einem Großschlachthof in Lohne, der sich, übersät mit ausgeprägtesten Verätzungen am ganzen Körper, in der Praxis vorstellte. Sämtliche Arbeiter der Reinigungskolonne, so berichtete er, hätten ähnliche Verätzungen, da es zwar Schutzanzüge gäbe, diese jedoch defekt und völlig unzureichend wären.“ Oft erzählen ihm Patienten von Kolleginnen und Kollegen, die aufgrund von Krankheit sofort aussortiert und ersetzt werden. Entsprechend hoch sei der Druck, trotz Krankheit und Schmerzen durchzuhalten.

Prälat Peter Kossen ergänzt: „Der Nachschub von Arbeitskräften geht den Subunternehmern offensichtlich nicht aus. Dafür sorgt ein florierender Menschenhandel.“  Was den Arbeitern zugesagt worden ist und was sie bekommen, liegt oft weit auseinander. Kürzlich hat ein bulgarischer Werkvertrags-Arbeiter eines Großschlachthofs in Wildeshausen dem Arzt Kossen seine Lohnabrechnung gezeigt: 1200,- € für 255 geleistete Arbeitsstunden. „Zur Ausbeutung kommt die Demütigung: Du bist, deine Arbeitskraft ist, nicht mehr wert!“

Peter Kossen: „Die Fleischindustrie behandelt Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmietet, benutzt und nach Verschleiß austauscht.“ Weil in der Regel ein Großteil der Arbeiter (80% oder mehr) nicht beim Schlachthof angestellt ist, sondern bei einem Subunternehmer, bräuchten sich die Unternehmer der Fleischindustrie bei dieser Form moderner Sklaverei gar nicht die Hände schmutzig machen. Subunternehmen würden vielfach von Kriminellen nach Mafia-Art geführt; Drogenhandel, Frauenhandel und Zwangsprostitution gehörten zum „Geschäft“. Manchmal seien es auch nur Briefkastenfirmen, die bei Problemen vom Markt verschwinden und unter neuem Namen bald wiederauftauchen. „Mit Ausnahme weniger wie Brand in Lohne, Schulte in Lastrup oder Böseler Goldschmaus in Garrel weigern sich die Unternehmen, Verantwortung für die Arbeits- und Lebensbedingungen der eingesetzten Arbeitskräfte zu übernehmen“, so Kossen,

„Und man lässt sie gewähren – auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter und auf (Sozial-)Kosten der Allgemeinheit.“ Überall dort, wo Werkverträge und Leiharbeit das Mittel seien, um Arbeitskräfte wie Verschleißmaterial behandeln zu können, sei die Mitarbeiterfluktuation enorm hoch. Inzwischen würden die Arbeitskräfte aus immer ärmeren Regionen Osteuropas rekrutiert: „Erst waren es Menschen aus Polen, später aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, jetzt kommen sie aus Moldawien oder der Ukraine, dann ist ihr Einsatz nicht selten illegal“, weiß Kossen.

Sein Bruder sieht jeden Tag in der Praxis, „dass diejenigen, die es trotz der Menschenschinderei schaffen, über mehrere Jahre durchzuhalten, chronische Leiden davontragen. Durch die harte körperliche Arbeit in feuchten und sehr kalten Räumen unter ständigem Druck, noch schneller zu arbeiten, ist auch der Stärkste irgendwann physisch und psychisch am Ende.“

Prälat Kossen ergänzt: „Durch die Arbeitszeiten sind die Betroffenen über Jahre hin nicht in der Lage, Sprachkurse oder Integrationsangebote wahrzunehmen. So sprechen viele kaum Deutsch. Rund um die Uhr haben sie bereit zu stehen, Arbeit wird häufig kurzfristig per SMS befohlen, Überstunden werden nicht selten spontan angeordnet.“ Die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben in den Orten sei dadurch sehr erschwert. „Eine Integration der Arbeiter und ihrer Familien findet kaum statt. Parallelwelten sind entstanden.“

Ein Übriges tue die auf Abschottung angelegte Unterbringung. „Rattenlöcher, die zu Wuchermieten mit Werkvertragsarbeitern vollgestopft werden“, daran hat sich nach dem Eindruck der Brüder flächendeckend nichts verändert. „Die Verhältnisse entwickeln sich zurück“, ist Dr. Kossen überzeugt, und weist hin auf das, was Patienten ihm über ihre Wohnverhältnisse anvertrauen, und er nennt als ein Beispiel für viele eine Arbeiterunterkunft in Ellenstedt, bei der das ganz offensichtlich sei.

„Wenn hier nicht Unternehmer und Staat und Kommunen für einen sozialen Wohnungsbau zusammenwirken und Lösungen schaffen, wird sich absehbar nichts ändern, und das Elend und die Abzocke nehmen ihren Lauf“, ist Prälat Kossen sicher. „Erzieherinnen erzählen mir von verstörten, verängstigten und geschwächten Kindergartenkindern, die in solchen Verhältnissen leben und aufwachsen. Manche verschlafen fast den ganzen Kindergartentag, weil sie nachts in den Unterkünften Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch und auch Prostitution miterleben.“

Es brauche einen Neuanlauf der Politik, um die Branche zu zwingen, für die eigenen Leute Verantwortung zu übernehmen und sich nicht zu verstecken hinter dubiosen Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen. Selbstverpflichtungserklärungen der Fleischindustrie hätten allenfalls den Sklaventreibern Luft und Zeit verschafft, ihr menschenverachtendes Geschäft unbehelligt weiter zu betreiben. „Wenn der Rechtsstaat hier nicht völlig ad absurdum geführt werden soll, braucht es eine Behörde, die Recht und Gesetz durchsetzen kann. Die nicht, wie die Kontrollbehörden bisher, der Mafia machtlos hinterher schaut,“ sagt Peter Kossen. „Arbeitsabläufe müssen so gestaltet sein, dass sie die Gesundheit der Arbeitskräfte nicht ruinieren“, fordert Florian Kossen. „Wie lange will die Öffentlichkeit der menschenverachtenden, systematischen Ausbeutung noch zusehen?“

Florian und Peter Kossen fordern: „Das Ausbeuten und Verschleißen von Menschen muss ein Ende haben! Es braucht einen Systemwechsel – jetzt!
http://www.labournet.de/?p=136378
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 15:32:47 Fr. 06.September 2019
Zitat
6.9.19
Schwere Vorwürfe gegen Schlachthof Tönnies in Weißenfels

Osteuropäische Arbeiter haben Rechtsverstöße beim Schlachthof in Weißenfels beklagt. Sie machten ihren Unmut am Donnerstag bei einem Bürgerdialog deutlich. Gabriela Buszala vom Deutschen Gewerkschaftsbund sagte MDR SACHSEN-ANHALT, nach Aussage der Arbeiter werde gegen den Mindestlohn verstoßen. Überstunden würden nicht bezahlt. Zudem sei Gewalt ein Thema: Wenn Arbeitnehmer sich wehrten, würden sie "rausgeschmissen mit den Händen, mit Gewalt".

Ein Sprecher des Unternehmens Tönnies sagte MDR SACHSEN-ANHALT dazu: er könne die Vorwürfe nicht nachvollziehen und halte sie für eine Kampagne der Gewerkschaften. Das Unternehmen beklagt zudem, dass es nicht  zu der Veranstaltung eingeladen war.
https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/morgenticker-freitag-bauhaus-einhundert-jahre-museum-eroeffnung100.html

Zitat
6.9.19
„Die Leute haben Angst“ Mitarbeiter von Tönnies klagen ihr Leid

Weißenfels -

Zunächst ist es relativ leer an dem Info-Stand am Neumarkt in Weißenfels, den Mitarbeiter des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie der Beratung migrantischer Arbeitskräfte (BemA) aufgebaut haben. Sie wollen mit osteuropäischen Mitarbeitern des Weißenfelser Tönnies-Schlachtbetriebs über deren Arbeitssituation zu sprechen.

„Die Leute haben Angst, dass sie wegen ihrer Anwesenheit hier gekündigt werden können“, sagt DGB-Mitarbeiter Piotr Mazurek. Dann finden sich doch immer mehr ein.

Über 1.000 Osteuropäer arbeiten laut NGG im Schlachthof

Über 1.000 Osteuropäer arbeiten laut NGG in dem Schlachthof. Einige Dutzend besuchen den Infostand. Richtig zufrieden scheint keiner von ihnen mit den Arbeitsbedingungen zu sein. Die Beschwerden, die von zwei polnischen Mitarbeitern gegenüber der MZ geäußert werden, reichen von nicht bezahlten Überstunden über nicht eingehaltene Ruhezeiten bis hin zum Anschreien der Arbeitnehmer durch ihre Vorarbeiter.

Von nicht bezahlten Überstunden habe auch Weißenfels’ Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos) gehört. „Wir haben die Versicherung von Tönnies, dass dort alles rechtskonform abläuft, aber der Überblick ist schwierig“, sagt Risch. „Uns fehlt der Einblick in die Szene.“ Die Info-Veranstaltung sei deshalb der richtige Weg, um einmal die Meinung der osteuropäischen Arbeitnehmer zu hören.

Vertreter von Tönnies waren zur Infoveranstaltung nicht eingeladen

Gabriela Ruszala arbeitet für die BemA, ist Dolmetscherin fürs Polnische und des Öfteren mit prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert. Was sie an diesem Tag hört, erstaunt aber auch sie. Hinter vorgehaltener Hand werden gegenüber der MZ noch weitaus gravierendere Mängel genannt. So sollen die Arbeitnehmer absichtlich hingehalten worden sein, was die Anmeldung bei der Krankenversicherung anbelangt.

Vertreter von Tönnies waren zur Infoveranstaltung nicht eingeladen. „Damit die Arbeitnehmer ohne Angst erzählen können, was ihnen auf dem Herzen liegt“, begründet NGG-Regionalgeschäftsführer Jörg Most. Man werde beraten, was gegen die Missstände unternommen werden kann. Auch die MZ bleibt an dem Thema dran und wird sich bei Tönnies natürlich auch um eine Stellungnahme bemühen.
https://www.mz-web.de/weissenfels/-die-leute-haben-angst--mitarbeiter-von-toennies-klagen-ihr-leid-33127466
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 18:45:55 Mo. 09.September 2019
Wir sollten nicht müde werden an die Schweinereien von Tönnies zu erinnern und an den Widerstand dagegen.

Zitat
Sommerfest mit Kinderbelustigung auf dem Schlachthof

Tönnies hatte für Samstag, 7.9. in Kellinghusen (Holstein) zu einem Sommerfest geladen, wie er das in vielen seiner Produktionsstätten macht. Ein Fest mit viel Kinderbelustigung und Wurstständen und Betriebsführungen. Sommerfest im Schlachthof (für diesen Tag keine Schlachtungen!) – schon aus ästhetischen Gründen kommt einem der Widerwille hoch. Das ist wie Kindergeburtstag in einem ehemaligen KZ.

Die Tierrechtsgruppe animal save  hatte vor dem Schlachthof eine Kundgebung angemeldet. Wer das Fest besuchen wollte, muß durch ein Spalier von ca. 100 DemontrantInnen von animal save und peta aus Kiel, Lübeck, Flensburg und natürlich auch Kellinghusen. Direkt am Eingang war ein Zelt aufgebaut mit Info-Material und einem Lautsprecher. Immer wenn eine Gruppe zur Werksbesichtigung ging, wurden das Todesquieken von Schweinen abgespielt.

Es kamen etwa 200 BesucherInnen, aus Kellinghusen und Umgebung, etliche mit ihren Kindern. Die Situation ist völlig anders als in Groß- und Mittelstädten. Außer einer Eisdiele und ein paar Gaststätten am Samstag und Sonntag ist nichts vorhanden. Tote Hose.

Da geht man schon in einen Schlachthof mit Kinderbelustigung und Essen, wenn sowas geboten wird.

An die BesucherInnen wurden von der Initiative Saustarkes Kellinghusen und vom Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg Flugblätter verteilt. Außer einigen Verbiesterten nahmen fast alle das Flugi, mit etlichen kam man in interessante Gespräche. Es waren Kellinghusener BürgerInnen, die aus Neugier gekommen waren und mit denen man völlig dacor war. Es waren auch Bauernfamilien aus der Umgebung gekommen, die einerseits sahen, daß Tönnies die Bauern kaputt macht zugunsten großindustrieller Landwirtschaft „Ich liefere an einen Schlachter in Itzehoe, der noch ein Handwerksbetrieb ist“ – andererseits die Zustände im Schlachthof bagatellisierten, „Unfälle kommen in jedem Großbetrieb vor und geprügelt wird sich immer mal“. Das war die Reaktion zu meiner Argumentation, daß sich ein rumänischer Werkvertragsarbeiter die Hand verstümmelt hatte (Tönnies hatte ihm darauf Selbstverstümmelung unterstellt!) und mindestens zwei Rumänen von Vorarbeitern zusammengeschlagen worden waren.

Ich sprach auch mit vielen der Tierrechtler. Einige haben weniger die Arbeits- und Lebenssituation der Werksvertragsarbeiter im Blick, waren oft kam darüber informiert sondern sind fokussiert auf den Umgang mit Tieren, hier den Schweinen. Sie ließen sich aber doch beeindrucken, wenn man ihnen schilderte, daß die – meist rumänischen – Werksvertragsarbeiter in der Hierarchie der Lohnabhängigen in diesem Lande ganz unten stehen, in welchen Verhältnissen sie arbeiten und wohnen müssen. Einig war man sich dann in der Einstellung gegen die industrielle Landwirtschaft und der Schließung der Großschlachtereien. (DW)

 

Der Bericht der Kollegin Gabriele vom „Stützkreis“ in Kellinghusen:

Moin,

es waren gestern knapp 200 Tierrechtsaktivisten, Bürgerinitiativenmitglieder, Politiker und tönnieskritische Bürger vor dem Schlachthof. Und damit waren es weit mehr als Besucher, die in erster Linie aus Mitarbeitern (Rumänische Familien,  Fahrer etc. ) und Geschäftspartnern bestand. An den Begehungen des Schlachthofs nahmen viele kritische Bürger,  grüne Politiker der LAG Mensch und Tier und Tierrechtsaktivisten teil. Entsprechend wurden unbequeme Fragen gestellt, die nur mangelhaft und/oder nicht zufriedenstellend beantwortet wurden.

Das Tierleid wurde sogar offen zugegeben und die Schuld dem Verbraucher zugeschoben, der ja Billigfleisch haben will. Ich könnte noch endlos über die Eindrücke und das beklemmende Gefühl der Menschen,  die sich das Schlachthaus angesehen haben berichten. Für ALLE war dieser Ort als Arbeitsplatz unvorstellbar.

Ich habe mit sehr vielen Menschen,  die die Begehung gemacht haben gesprochen.

Eine junge Frau bekam einen Weinkrampf, eine andere bekam Atemnot in der Betäubungshalle aufgrund der Luft dort und drohte ohnmächtig zu werden. Die meisten waren sprachlos und geschockt.

Die Tatsache,  dass mehr Menschen VOR dem Schlachthof standen als auf dem Gelände waren, ist bezeichnend und lässt mich hoffen. Bleiben wir dran…..

Wichtig ist, dass sich die Interessengruppen der Menschenrechtler,  Gewerkschaften,  Tierrechtsaktivisten, Tier- und Umweltschützer und Bürgerinitiativen aller Art zusammen schließen und gemeinsam kämpfen bis sich endlich die Politik bewegt und den gesetzlichen Rahmen schafft, damit diese ganzen Verfehlungen der Tierindustrie ausgemerzt werden (können). Bei Tönnies (stellvertretend für die gesamte Fleischindustrie) wird sich NIE freiwillig etwas ändern. Das ist mein persönliches Resümee der letzten 1,5 Jahre. Dies geht nur mit zügig verabschiedeten Gesetzen und den entsprechenden Kontrollen, ob diese denn auch eingehalten werden.

In diesem Sinne

Herzliche Grüße

Gabriele Piachnow-Schmidt
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/09/08/sommerfest-mit-kinderbelustigung-auf-dem-schlachthof/
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 12:54:05 Di. 10.September 2019
#FREITAG13 gegen Tönnies. Mobi-Video zum Aktionstag 13. September 2019:
https://www.youtube.com/watch?v=Qe75i6xwu1E
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 10:01:13 Fr. 13.September 2019
Zitat
Aktionstag gegen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

    Aktivisten kritisieren Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt
    Fridays for Future und Bund-OWL beteiligt
    Kundgebung und Proteste geplant

Um auf vermeintliche Missstände beim Schlacht- und Fleischverarbeitungsunternehmen Tönnies aufmerksam zu machen, gibt es am Freitag (13.09.2019) eine bundesweite Aktion des Vereins "Aktion gegen Arbeitsunrecht". Am Nachmittag ist in Rheda-Wiedenbrück eine Kundgebung mit Protestmarsch zum Schlachthof geplant.
Forderungen der Aktivisten

Anlass der Aktion ist der vermeintliche Unglückstag Freitag, der 13. Die Aktivisten werfen Tönnies unter anderem die "brutale Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt durch Werkverträge, Lohndumping oder Massenschlachtung" vor. Sie fordern die Abschaffung von Werkverträgen und die Einschränkung von Fleisch-Exporten und Tiertransporten.

Die Aktion in Rheda-Wiedenbrück ist unter anderem vom Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung organisiert. Auch Fridays for Future und der BUND-OWL stehen hinter der Aktion. Weitere Proteste sind vor Supermärkten in Paderborn und Bünde sowie in Köln und 21 weiteren Städten geplant.

Nach Angaben der Veranstalter geht das Unternehmen juristisch gegen die Behauptungen der Aktivisten vor.
https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/toennies-rheda-wiedenbrueck-aktion-gegen-arbeitsunrecht-protest-100.html
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 11:13:45 So. 15.September 2019
Bericht und Pressespiegel zu #Freitag13:
https://arbeitsunrecht.de/freitag13-aktionen-gegen-system-toennies-in-35-staedten/

(https://abload.de/img/schertz76kq3.png) (https://abload.de/image.php?img=schertz76kq3.png)
Titel: Das System Tönnies muss gestoppt werden!
Beitrag von: Nikita am 13:15:15 So. 15.September 2019
Großartige Aktion! Richtig Klasse in 35 Städten und Clemens Tönnies bekommt kein Bein auf den Boden mit seiner zwielichtigen Anwaltstruppe.

Tönnies Unternehmen behauptet, sie haben einstweilige Verfügungen gegen Arbeitsunrecht eingereicht, da sie nicht gesprächsbereit waren. Arbeitsunrecht geht von einer Lüge aus, da kein Gesprächsangebot vorliege. Es existiert eine Pressemitteilung der Tönnies Holding, die keine Substanz bietet. Im Wesentlichen findet der Pressesprecher Dr. André Vielstädte das eigene Unternehmen toll und spricht es von Anschuldigen frei.
Link Pressemitteilung
 (https://arbeitsunrecht.de/wp-content/uploads/2019/09/Pressemitteilung_To%CC%88nnies-Buntes-Wochenende-mit-87-Nationen.pdf)

Rede "Das System Tönnies muss gestoppt werden!" von Werner Rügemer zum Aktionstag, #Freitag13. September 2019
Link Das System Tönnies muss gestoppt werden! (https://arbeitsunrecht.de/wp-content/uploads/2019/09/190913_Rede-Werner-Ruegemer_System-Tonnies-Freitag13b_in-Teilen.pdf)
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Nikita am 15:11:19 So. 15.September 2019
(https://arbeitsunrecht.de/wp-content/uploads/2019/08/doppel-currywurst-fr13toennies_schalke04-vfb-stuttgart_dumping-fleisch_640pxl.png)
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Nikita am 12:58:29 Do. 19.September 2019
Zum Maulkorb-System hinter den Tönnies-Anwälten:

Auszüge des Artikels unter https://www.nachdenkseiten.de/?p=54860

"Ein Artikel von Elmar Wigand

Agenda-Cutting: Die Rolle der Berliner Kanzlei Schertz Bergmann als Union-Busting-Dienstleister.

Der Rechtsanwalt Christian Schertz ist der Leitwolf eines Maulkorb-Oligopols. Seine Berliner Kanzlei Schertz Bergmann, Kurfürstendamm 53, ist eine
Adresse, die unter deutschen Journalisten bekannt und gefürchtet ist. Auch brave Gewerkschafter kriegen das Zittern, wenn sie den Namen Schertz Bergmann hören. Nun gehen Schertz Bergmann auch im Auftrag des Fleischproduzenten Tönnies gegen die Aktion gegen Arbeitsunrecht vor. Elmar Wigand von der Aktion gegen Arbeitsunrecht gibt einen Überblick über das relativ neue Phänomen des Agenda-Cuttings.

Schertz Bergmann hat durch eine einstweilige Verfügung der Pressekammer Berlin jetzt schon dafür gesorgt, dass der Aktionstag #FREITAG13 gegen Tönnies keine Eintagsfliege bleiben wird.

Die Öffentlichkeit kennt den Honorarprofessor Dr. Christian Schertz als Promi-Anwalt für Günter Jauch, Alice Schwarzer, Herbert Grönemeyer, Christiano Ronaldo oder auch den Flughafen Berlin Brandenburg. Schertz und seine Leute sind an sich nicht wählerisch, wer genug Geld hat, kann sie mieten. Manchmal schützen sie – völlig zu Recht – auch die Privatsphäre von Prominenten vor Paparazzi und Boulevardpresse, manchmal vertreten sie unsympathische Figuren wie Karl-Theodor zu Guttenberg, manchmal auch widerwärtige Typen wie Thilo Sarrazin.

Wer Jan Böhmermanns Show Neo Magazin Royale verfolgt, kennt vielleicht die Figur des Schertz-Anwalt Dr. Witz, die Christian Schertz persifliert.[1] Weniger bekannt ist die Rolle von Christian Schertz und seiner Kanzlei Schertz Bergmann als Union Buster.

Agenda-Cutting: Themen von der Tagesordnung streichen


Die Verhinderung von Berichterstattung, das Unterdrücken von Themen gehört seit jeher zum Geschäft des Union Busting. Union Busting ist die planmäßige Bekämpfung von Gewerkschaften, Betriebsräten und selbstbewussten Arbeiter*innen mit Hilfe professioneller Dienstleister. Während spezialisierte Union-Busting-Arbeitsrechtler Betriebsräte und Gewerkschafter mit Kündigungen und Abmahnungen zermürben, die oft böswillig konstruiert und fingiert sind, agiert Schertz Bergmann auf ähnliche Weise im Medienrecht.

Eine besondere Waffe ist im Medienrecht das Mittel der einstweiligen Verfügung. So werden Aussagen bis zu einer gerichtlichen Klärung untersagt. Diese gerichtliche Klärung mag irgendwann erfolgen, sie erfolgt in jedem Fall, nachdem ein Aktionstag wie etwa der Schwarze Freitag, der 13. gegen Tönnies längst beendet ist.

Zum Beispiel Maredo

Schertz Bergmann war am wohl spektakulärsten Union-Busting-Manöver der letzten Jahrzehnte beteiligt: die systematische, überfallartige Zerschlagung eines aktiven Betriebsrats und einer NGG-Hochburg bei Maredo in der Frankfurter Freßgass im November 2011.[2]

Am 12. Dezember 2011 sendete RTL in der Prime-Time-Sendung „explosiv“ einen Beitrag, der die Vorkommnisse in der Freßgass auf einer Länge von 5:31 Min. darstellte und aufarbeitete. Die Kanzlei Schertz Bergmann erwirkte daraufhin im Januar 2012 vor dem Landgericht Köln eine einstweilige Verfügung gegen den Beitrag (Az 28 O 1124/11). In einer weiteren Sache (28 O 1/12) ist die Klage vor Bestimmung eines Termins zurückgenommen worden. RTL konnte eine Gegendarstellung vermeiden. Die Sachverhalte, um die es ging, waren teils Nebensächlichkeiten. Eine Maredo-Beschäftigte hatte sich im Interview beispielsweise um 40 Cent vertan, als sie ihren Stundenlohn bezifferte. Mit diesem Erfolg von Schertz Bergmann gegenüber RTL in der Tasche schüchterte Maredo andere Medien wie ZDF WISO, das Handelsblatt, den Osnabrücker Bürgerfunk ein, um Berichterstattung zu verhindern. Und zwar erfolgreich.[3]

Gezielter Druck auf die weiche Stelle im Apparat: die Justiziare

Die Auswirkung dieser Einstweiligen-Verfügungs- und Abmahn-Methode auf Gewerkschaftsapparate, Sender und Zeitungen ist nicht zu unterschätzen. Die Apparate pfeifen ihre Leute oft allzu bereitwillig zurück, wenn Figuren wie Christian Schertz ins Spiel kommen. Die Methode spricht besonders die hausinternen Justiziare an – was kein Zufall ist, denn Christian Schertz begann seine Karriere selbst einst in der Rechtsabteilung des Sender RIAS.

Dass Christian Schertz von dort aus ziemlich weit aufgestiegen ist, dürfte auch daran liegen, dass sein berühmter Vater beste Kontakte in das juristische Milieu hatte. Georg Schertz war Vizepräsident des Amtsgerichts Berlin und wurde 1987 Berliner Polizeipräsident.[4]

Das Maulkorb-Oligopol: Schertz, Prinz, Gauweiler + Höcker

Schertz Bergmann ist der unbestrittene Marktführer im recht überschaubaren Segment des Agenda-Cutting. Also der Verhinderung und Einschüchterung kritischer Berichterstattung. Hier agieren bundesweit im Wesentlichen nur vier Kanzleien, deren Leitwolf bislang Christian Schertz war."

"Schertz-Kanzlei für Tönnies aktiv

Als die Aktion gegen Arbeitsunrecht sich mit Tönnies anlegte, war uns klar, dass wir Post von Schertz Bergmann bekommen würden.

Der Hamburger Jourfixe der Gewerkschaftslinken hatte am 9. Januar 2019 eine gut besuchte Veranstaltung zu Wohn- und Arbeitsbedingungen von Wanderarbeitern am Schlachthof Kellinghusen sowie im Raum Rheda-Wiedenbrück abgehalten. Am 18. Januar erhielt die Initiative einen 27-seitigen Brief von Schertz Bergmann. Sie sollten bestimmte Behauptungen unterlassen und für die Mühen der Medienkanzlei gleich auch noch über 1.800,- Euro bezahlen."

"Schalke-Boss Clemens Tönnies als Campaigner für #FREITAG13

Am 1. August gaben wir bekannt, dass der Tönnies-Konzern – größter Schweinefleisch-Vermarkter Europas – die Online-Abstimmung zum Schwarzen Freitag, den 13. September 2019 mit großem Abstand gewonnen hatte. Konzernboss Clemens Tönnies befeuerte unsere Kampagne sogleich nach Kräften, als er ebenfalls am 1. August 2019 seine berühmte Rede vor der Kreishandwerkerschaft Paderborn hielt.

Tönnies schlug vor, statt den Klimawandel mit höheren Steuern zu bremsen – die etwa Tönnies‘ ökologisch verheerende Produktionsweise bestrafen müssten -, solle man lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika finanzieren. Tönnies Begründung dafür: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“[9]

Wie gesagt: Alle die Tönnies kritisieren, bekommen es mit Schertz Bergmann zu tun. Wir waren darauf gefasst. Es lag wohl an dem medialen Wirbel, den Clemens Tönnies verursacht hatte, dass wir erst am 2. September Post von Schertz Bergmann erhielten. Wir hatten uns schon gewundert.

Strategische Zone: Arbeit und Arbeitsbedingungen in der Produktion


Und was drückte Tönnies und Schertz Bergmann so auf der Seele?


Wir sollen seine Methoden der Ausbeutung nicht mit der freien Meinungsäußerung “Lohnraub” belegen. Tönnies will das Prinzip “Pontius Pilatus” durchsetzen. Tönnies wäscht seine Hände in Unschuld. Er sei nicht verantwortlich für das Treiben seiner Sub-Unternehmer und Zulieferer. Schließlich hätten diese alle Compliance-Vorgaben unterzeichnet und eidesstattliche Versicherungen abgegeben, dass sie sich auch brav an deutsche Gesetze halten würden. Das ist ja prima! Alles andere wäre aber auch ziemlich merkwürdig…
Wir sollen nicht darüber schreiben, wie, warum und wann Werkvertragsarbeiter gefeuert werden. Bei Tönnies wird man schnell gefeuert. Tatsächlich saugt der Tönnies-Konzern Wanderarbeiter aus Bulgarien, Rumänien, Polen an und spuckt sie wie ausgelutschte Pflaumenkerne wieder aus. Wir werden verstärkt Zeugenaussagen sammeln.
Und wir sollen nichts über die Expansion und Arbeitsplatzvernichtung durch den Tönnies-Konzern schreiben. Obwohl Tönnies im Stile einer Heuschrecke in Deutschland und Europa expandiert, Schlachthöfe aufkauft und seine Produktion ganz offensichtlich planmäßig zentralisiert: in die Schlachthöfe Rheda-Wiedenbrück im Westen und Weißenfels, Sachsen-Anhalt im Osten.
Was wird juristisch angegriffen und was nicht?

Rassismus durch den Oberboss, grauenhafte Wohnverhältnisse für Wanderarbeiter in Ostwestfalen und Sachsen-Anhalt, Umweltverschmutzung und Tierleid? Entweder sind diese Dinge zu gut dokumentiert oder aber sie stellen kein größeres Problem für Tönnies dar. Aber wenn es um Arbeit und Ausbeutung geht, reagiert der Konzern. Hier liegt offenbar eine strategische Zone, die es abzuschirmen gilt: Lohn und Profit, Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzung in der Produktion."
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Kuddel am 10:57:24 So. 29.September 2019
Zitat
Ausbau des Auslandsgeschäfts:
Tönnies schlachtet künftig auch in China

Der Fleischkonzern investiert mit einem Partner 500 Millionen Euro in einen Schlacht- und Zerlegebetrieb. Der Standort ist zunächst auf die Schlachtung von 2 Millionen Schweinen im Jahr ausgelegt. Später soll die Kapazität noch steigen.

https://www.faz.net/2.1690/toennies-schlachtet-kuenftig-auch-in-china-16406020.html
Titel: Re: Billiglöhne im Schlachthof
Beitrag von: Fritz Linow am 11:28:14 Sa. 05.Oktober 2019
Zitat
4.10.19
Nach dem Listerien-Skandal kommen weitere Missstände bei Wilke Wurstwaren aus Twistetal ans Tageslicht: Ehemalige Mitarbeiter schildern menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. (...)
https://www.wlz-online.de/panorama/wilke-wurstwaren-twistetal-arbeitsbedingungen-waren-menschenunwuerdig-zr-13070487.html