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Krank => Lieber Krankfeiern als gesund schuften! => Gesund? => Thema gestartet von: Kuddel am 12:29:13 Mi. 27.Dezember 2017

Titel: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 12:29:13 Mi. 27.Dezember 2017
Zwei Artikel über den Zusammenhang von psychischen Krankheiten und gesellschaftlichen Verhältnissen.

Zitat
Gesellschaft
„Die Welt ist von einer Angst-Epidemie befallen“

In der Beschleunigungsfalle: Zeitforscher Hartmut Rosa spricht im FR-Interview über Steigerungslogik, Demokratie und zunehmende Entfremdung.


(...)Burn-out-Erkrankungen nehmen weltweit zu. Die Welt wird zunehmend freudloser, sie ist von einer kollektiven Angst-Epidemie befallen. (...)

Wir werden weniger von der Gier, als von der Angst getrieben, die reale Ursachen hat. Wenn wir uns nicht ständig optimieren, sind wir in Gefahr aus dem Hamsterrad herauszufallen. Deshalb lässt sich dieses Problem nicht individuell lösen. (...)
http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026 (http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026)


Zitat
Mehr über Ursachen von Depressionen

Politische Brisanz einer millionenfach vorkommenden psychischen Störung


Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2013 wurde bei 6,0% der Deutschen (knapp 5 Millionen Menschen) innerhalb der letzten zwölf Monate eine Depression diagnostiziert. Im Laufe eines Lebens bekämen 11,6% (knapp 10 Millionen Menschen) mindestens einmal die Diagnose gestellt.
(...)
die Symptome und das Leid sind real, daran besteht kein Zweifel - und doch ist Depression eine Definition, über die sich Experten am Konferenztisch verständigen ("Es gibt keine Depressionen").
(...)
Die Schlussfolgerung der Stiftung, die Bevölkerung müsse biologische Faktoren als relevanter, psychosoziale als weniger relevant ansehen, lässt sich jedenfalls nicht halten.

Dass die Medien, etwa das ZDF, der SWR, der Focus, Spiegel Online, die Welt oder Radio Berlin Brandenburg die Pressemitteilung der Deutschen Stiftung Depressionshilfe in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bahn Stiftung kritiklos übernehmen und hier ohne wissenschaftliche Notwendigkeit eine arbeitgeberfreundliche, neoliberale Haltung einnehmen, wirft kein gutes Bild auf sie. Auch war keine der genannten Redaktionen bisher dazu bereit, ihre Berichterstattung zu überdenken.

Wahrlich: Depressionen sind ein politisch brisantes Thema.
https://www.heise.de/tp/features/Mehr-ueber-Ursachen-von-Depressionen-3918688.html?seite=all (https://www.heise.de/tp/features/Mehr-ueber-Ursachen-von-Depressionen-3918688.html?seite=all)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 14:08:44 Mi. 27.Dezember 2017
In den letzten Jahren haben die krank machenden Veränderungen der Umwelt und der Gesellschaft in zahlreichen Ländern zu einer epedemieartigen Zunahme psychischer Krankheiten geführt. Vor allem Depressionen und Erschöpfungszustände, aber auch Angstzustände, Persönlichkeitsstörungen und Suchtkrankheiten belasten immer mehr Menschen. Die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems bildet die materielle Grundlage, auf der Umweltvergiftung, Dauerstress, Überausbeutung und soziale Unsicherheit Ängste auslösen. Das System der kleinbürgerlichen Denkweise verstärkt mit seinem Negativismus, Skeptizismus und modernen Antikommunismus die Perspektivlosigkeit vieler Menschen. Sie werden unfähig, sich gegen depressive Gefühle allgemeiner Ohnmacht oder Wertlosigkeit zu wehren.

Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen stark zu. Bei mehr als jedem fünften Kind oder Jugendlichen in Deutschland finden sich Hinweise auf eine psychische Auffälligkeit. Zu den komplexen Ursachen gehören Umweltgifte, Stress und Mobbing, Bewegungsarmut, elende Lebensverhältnisse und Fehlernährung, übermäßiger Medienkonsum. Die vereinfachende Summierung all dieser Probleme unter der Diagnose "Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom" (ADHS) ist allerdings höchst fragwürdig - und noch mehr die zunehmende Behandlung mit dem Medikament Ritalin.

Eine wichtige Rolle bei der Zunahme psychischer und physischer Krankheiten spielen neurotoxische Umweltgifte, etwa Dioxine, PCB oder Schwermetalle. Sie schädigen das Nervengewebe, stören den Stoffwechsel im Gehirn, die Funktionen der Botenstoffe. Psychische Erkrankungen sind dann oft die Folge.

(zit. nach Stefan Engel, Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?, Verlag Neuer Weg, März 2014, S.223)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 11:32:36 Fr. 29.Dezember 2017
Zitat
...von der Angst getrieben, die reale Ursachen hat. Wenn wir uns nicht ständig optimieren, sind wir in Gefahr aus dem Hamsterrad herauszufallen. Deshalb lässt sich dieses Problem nicht individuell lösen...

Ich hatte eine längere Zeit Schlafprobleme und einen gereizten Magen.
Ich wußte genau, woher es kam: Es waren ernste Geldprobleme.

Ich war stinksauer, als ein Freund mir empfahl, es mit Autogenem Training oder Yoga zu versuchen.
Ich will meine Probleme nicht gelassen betrachten, ich will sie lösen!
Immer mehr Menschen sind von Streß- und Geldproblemen betroffen.
Da helfen keine individuellen Therapien, da muß Abhilfe bei den Ursachen geschaffen werden. Das geht nur kollektiv.
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: BGS am 12:06:29 Fr. 29.Dezember 2017
Korrekt. Man muss bei den Ursachen anfangen, nicht den Auswirkungen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse gehören schleunigst auf den Kopf gestellt.
Von uns Ausgebeuteten.
MfG

BGS
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Wernichtsweissmussallesgl am 21:05:58 Fr. 29.Dezember 2017
Ich bin auch schon wieder seit 3 Monaten Krankgeschrieben und ein weiterer Monat ist heute dazugekommen. Alles wegen der Psyche.
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 12:13:53 Do. 19.April 2018
Zitat
Wie Bayern für psychisch Erkrankte wie mich zur No-Go-Area wird

Die bayerische Regierung hat einen Gesetzesentwurf abgesegnet, der Menschen, die Hilfe brauchen, behandelt wie Straftäter.
https://www.vice.com/de/article/wj7knz/psychisch-kranken-hilfe-gesetz-wie-bayern-fur-psychisch-erkrankte-zur-no-go-area-wird (https://www.vice.com/de/article/wj7knz/psychisch-kranken-hilfe-gesetz-wie-bayern-fur-psychisch-erkrankte-zur-no-go-area-wird)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 16:35:20 Mi. 25.April 2018
Zitat
AOK-Statistik - Psychische Probleme in Nordbayern besonders stark gestiegen

Die Zahl der Arbeitnehmer in Bayern, die wegen psychischer Probleme krank geschrieben werden, hat in den vergangen Jahren stark zugenommen. Wie die AOK mitteilte, ist der Norden des Freistaats besonders betroffen.

Quelle: https://www.br.de/nachrichten/unterfranken/inhalt/aok-psychische-probleme-in-nordbayern-besonders-stark-gestiegen-100.html (https://www.br.de/nachrichten/unterfranken/inhalt/aok-psychische-probleme-in-nordbayern-besonders-stark-gestiegen-100.html)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 12:08:57 Sa. 28.April 2018
Zitat
Das „Menschenmaterial“, die Ware Arbeitskraft, wird derzeit derart so erbarmungslos „verbrannt“ wie kein anderer Rohstoff.

Dass dies auch zu massiven seelischen Problemen führt, ist offensichtlich. Jedes Jahr veröffentlichen die Krankenkassen Berichte, die zeigen, dass sowohl die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz wie auch Dauer und Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte infolge seelischer Störungen massiv zunehmen. Es sind vor allem Depressionen und Burn-out-Zustände, die epidemieartig um sich greifen.
Zitat
Es gäbe also für einen sozialpolitisch engagierten Gesetzgeber übergenug Anlass, auf dem Feld der an Häufigkeit und Schwere zunehmenden seelischen Erkrankungen tätig zu werden – am besten im Sinne einer vorbeugenden Schadensvermeidung (= Prävention), das heißt bei der Verhinderung einer Überbeanspruchung unseres Zentralnervensystems und des in ihm beheimateten Ensembles von Regulationsvorgängen, die man „Seelenleben“ nennt. Das genaue Gegenteil eines solchen sozial verpflichteten, sozialmedizinischen Handelns kann man freilich im aktuellen Entwurf zum neuen bayerischen „Psychiatriegesetz“ erkennen. Hier geht es nicht darum, den Ursachen seelischen Leidens vorzubeugen
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/in-der-strafkolonie (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/in-der-strafkolonie)

Zitat
Krankheit als Verbrechen

Der erste Teil des Entwurfs regelt die Einrichtung eines landesweiten, rund um die Uhr erreichbaren Krisendiensts – eine Maßnahme, die auf breite Zustimmung stößt und sich an dem orientiert, was in anderen Bundesländern längst Usus ist. Doch im zweiten, ungleich umfassenderen Teil, lag der Hund begraben. Denn dort ging es um die „öffentlich-rechtliche Unterbringung“, also um die nicht allzu häufigen Fälle, in denen Menschen mit psychischen Problemen per gerichtlicher Anordnung in eine psychiatrische Klinik gebracht werden. Die Geschichte der Psychiatrie ist von menschenunwürdigen Praktiken geprägt, weshalb dies aus guten Gründen nur in Ausnahmefällen passieren soll. Es betrifft vor allem Menschen mit starken Psychosen, die nicht mehr in der Lage sind, einen Beschluss zur Behandlung selbst zu fassen und dabei für ihre Mitmenschen nicht mehr handhabbar sind oder eine Gefahr darstellen. Außerdem betrifft es immer wieder Menschen mit Depressionen, die sich das Leben nehmen wollen und deshalb von der Polizei „eingeliefert“ werden, wie der Volksmund sagt.
(...)
So sollten „Einschränkung, Untersagung, Überwachung oder das Anhalten von Schrift- und Paketverkehr, von Bild-, Ton- oder Datenträgern und von ähnlichen Formen der Nachrichtenübermittlung“ erlaubt sein, außerdem massive Einschränkungen des Besuchsrechts und „ständige Überwachung“ – auch des Telefons. Obendrein sollten für alle Formen der Kommunikation nach außen die entsprechenden Regelungen aus dem Bayerischen Sicherungsverwahrungsvollzugsgesetzes (BaySvVollzG) gelten. Das heißt, Menschen, die Hilfe brauchen, sollten behandelt werden wie verurteilte Schwerverbrecher. Die dagegen Sturm laufenden Psychiater wurden nicht müde zu betonen, dass es einen himmelweiten Unterschied zwischen der Regelung der forensischen Psychiatrie und der allgemeinen gebe. Denn Erstere betrifft Straftäter, die gerichtlich aufgrund einer psychischen Störung für schuldunfähig befunden werden und, quasi als Strafersatz, in die Psychiatrie kommen. Letztere die Heilung kranker, aber unbescholtener Menschen.
(...)
Denn Bayern – so prangt es auf der Homepage der regierenden CSU – ist „Sicherheitsland Nr. 1“ und soll das bleiben. Wer abweicht und in irgendeiner Weise eine Gefahr darstellt, wird zum Ziel engmaschiger Überwachung.
(...)
Insofern kann das BayPsychKHG nicht losgelöst vom neuen Polizeiaufgabengesetz verstanden werden, dass das Kabinett in München wenige Zeit vorher auf den Weg gebracht hatte. Die CSU hat in ihrem Wahn der inneren Sicherheit den Rechtsstaat, die Bürgerrechte und wohl auch die grundlegenden Menschenrechte längst aus den Augen verloren.
https://www.freitag.de/autoren/lfb/psychiater-auf-den-barrikaden (https://www.freitag.de/autoren/lfb/psychiater-auf-den-barrikaden)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 07:55:15 So. 29.April 2018
Zitat
Der gefährliche Irre in unseren Köpfen

Sie wurden misshandelt, entrechtet, ermordet: Die Stigmatisierung und Verfolgung psychisch Kranker hat eine lange Geschichte. Hinter Bayerns Plänen steckt derselbe Geist.
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/psychiatrie-gesetz-bayern-psychkhg-stigmatisierung-psychisch-kranke-nationalsozialismus/komplettansicht (https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/psychiatrie-gesetz-bayern-psychkhg-stigmatisierung-psychisch-kranke-nationalsozialismus/komplettansicht)

Lesenswert!
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 12:00:46 Fr. 15.Juni 2018
Psychische "Gesundheit" bleibt ein zentrales Thema. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind durch und durch krank. Die herrschende Moral ist verlogen. Jegliches Tun und jegliche menschliche Regung soll irgendwie verwertbar sein oder gilt als abnorm und krank.

Zitat
Sozial abweichendes Verhalten an sich gilt ebenfalls nicht als psychische Störung. Bei solchen Abgrenzungsversuchen schwingen natürlich überall gesellschaftliche Normen und Werturteile mit.

An dieser Stelle ist auch der Hinweis angebracht, dass die Experten selbst - also vor allem Psychiater und klinische Psychologen - wegen der sozialen Selektion des Bildungssystems überwiegend aus einer wohlhabenden, gut ausgebildeten Bevölkerungsschicht stammen. In Deutschland ist unterhalb eines 1,0er-Abiturs (Medizin) oder 1,3er-Schnitts (Psychologie) ein entsprechendes Studium an den meisten Unis allenfalls nach langer Wartezeit möglich. Dies prägt tendenziell auch die Möglichkeit der Fachleute, sich in die Situation von Menschen aus anderen Schichten hineinzuversetzen.
https://www.heise.de/tp/features/Aus-Sicht-der-Wissenschaftstheorie-3936040.html (https://www.heise.de/tp/features/Aus-Sicht-der-Wissenschaftstheorie-3936040.html)

Die Freiräume sind verschwunden. Sie fand man in kollektivem Widerstand oder in Gegen- und Subkulturen. Die sind längst intergriert, gekauft und Teil des Systems. Mir erscheint die "Krankheit" manchmal als letzter Freund des Menschen und als einziger Notausgang aus dem herrschenden Wahnsinn.

Doch selbst die Krankheit soll sich der Verwertungslogik unterordnen:
Zitat
Bei der psychischen Gesundheit geht es um einen Milliardenmarkt. Dabei hat die Mehrheit der Fachleute, die über die amtliche Fassung entscheiden, nachweislich Verbindungen zur Pharmaindustrie. Aber auch unabhängig davon passen sich viele an die Marktlogik an. Diese wird schlicht von der vorherrschenden Wissenschafts- und Gesundheitspolitik diktiert. Nutzen- und Effizienzmaximierung, Kostenreduzierung und Wettbewerb stehen dabei im Vordergrund.
(Quelle: s.o.)

Weitere Gedanken zum Thema unter der Überschrift: "Wenn es ums Geld geht"
https://www.heise.de/tp/features/Wenn-es-ums-Geld-geht-3936036.html?seite=all (https://www.heise.de/tp/features/Wenn-es-ums-Geld-geht-3936036.html?seite=all)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 15:21:04 Fr. 15.Juni 2018
Mir erscheint die "Krankheit" manchmal als letzter Freund des Menschen und als einziger Notausgang aus dem herrschenden Wahnsinn.
Psychische Krankheiten sind genauso wenig erstrebenswert wie körperliche Krankheiten. Ich halte nichts davon, psychische Krankheiten antikapitalistisch zu mystifizieren.
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 09:10:06 Sa. 16.Juni 2018
Psychische Krankheiten sind genauso wenig erstrebenswert wie körperliche Krankheiten. Ich halte nichts davon, psychische Krankheiten antikapitalistisch zu mystifizieren.

Dein Argument trifft schon zu einem Teil, doch wollte ich nicht mystifizieren, sondern den Begriff der Psychischen Krankheit hinterfragen.

Zum Einen bin ich der Meinung, daß viele, die als erfolgreich gelten, kraftstrotzend und glücklich durchs Leben schreiten, keinesfalls gesund sind, sondern völlig durchgeballert und gemeingefährlich.

Zum anderen bin ich damit groß geworden, daß psychische Probleme tabuisiert wurden. Wenn jemand in der Verwandschaft mit Alkohol, Medikamentenabhängigkeit oder psychischen Krankeiten Probleme hatte, dann hieß es immer, "guck nicht hin!" oder "da spricht man nicht drüber!". Mich hat diese Haltung schon als Kind angekotzt. Dieses Nichtfunktionieren war mir oftmals sympathischer, als die lauten zotenreißenden Onkels, die den Ton jeder Familienfeier bestimmten.

In dem Telepolisartikel weist man darauf hin, daß man Krankheit als Teil des Lebens akzeptieren sollte.

Zitat
Es geht also schlicht um eine Sichtweise auf den Menschen, um ein Menschenbild. Die hier berechneten indirekten Kosten gibt es nur dann, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch auch wirklich 100% seiner vertraglich vereinbarten Arbeitszeit arbeitet. Diese Annahme ist aber unrealistisch, ja naiv.

Ein Recht auf Krankheit


Genauso wie man einkalkuliert, dass Menschen Schlaf, Urlaub und andere Freizeit brauchen, muss man auch einkalkulieren, dass Menschen manchmal krank sind: der eine mehr, die andere weniger. Man erwirtschaftet mit seiner Arbeit also auch ein historisch errungenes Recht, krank zu sein, schlicht weil das natürlich und menschenwürdig ist.
https://www.heise.de/tp/features/Wenn-es-ums-Geld-geht-3936036.html?seite=all (https://www.heise.de/tp/features/Wenn-es-ums-Geld-geht-3936036.html?seite=all)

Der Druck, der heute im Alltag auf jedem Einzelnen liegt, ist nicht für jedermann auszuhalten. Es ist nicht nur der Arbeitsdruck, es ist ja auch das sozialle Mobbing gegen Kinder, die keine Markenklamotten tragen, Menschen die "es nicht geschafft" haben und diejenigen, die "der Allgemeinheit auf der Tasche liegen". Für die ist "Krankheit" der einzig mögliche und gesellschaftlich akzeptierte Notausgang.

Gleichzeitig gehen mir diejenigen auf den Sack, die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: rebelflori am 09:55:54 Sa. 16.Juni 2018
Gleichzeitig gehen mir diejenigen auf den Sack, die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Blaaablaaaaa
Woher willst du denn wissen, wie viel Kraft die haben zum Kämpfen??
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 10:07:55 Sa. 16.Juni 2018
Dein Argument trifft schon zu einem Teil, doch wollte ich nicht mystifizieren, sondern den Begriff der Psychischen Krankheit hinterfragen.
Problem hierbei ist, dass psychische Krankheiten einen Leidensdruck erzeugen. Daher halte ich den Krankheitsbegriff für gerechtfertigt.
Zum Einen bin ich der Meinung, daß viele, die als erfolgreich gelten, kraftstrotzend und glücklich durchs Leben schreiten, keinesfalls gesund sind, sondern völlig durchgeballert und gemeingefährlich.
Da gibt es sicher viele mit narzistischen Persönlichkeitszügen
In dem Telepolisartikel weist man darauf hin, daß man Krankheit als Teil des Lebens akzeptieren sollte.
Volle Zustimmung. Man wird krank, weil man lebt. Im Kapitalismus darf man aber nicht länger krank sein, wie der Kapitalist es kalkuliert hat. Hat er 16 Kranktage kalkuliert und Du bist mehr als 16 Tage krank, dann bist Du für den Kapitalist ein Problem auf zwei Beinen. Genauso, wenn Du aufgrund von Krankheit zu langsam arbeitest.

Der Druck, der heute im Alltag auf jedem Einzelnen liegt, ist nicht für jedermann auszuhalten. Es ist nicht nur der Arbeitsdruck, es ist ja auch das sozialle Mobbing gegen Kinder, die keine Markenklamotten tragen, Menschen die "es nicht geschafft" haben und diejenigen, die "der Allgemeinheit auf der Tasche liegen". Für die ist "Krankheit" der einzig mögliche und gesellschaftlich akzeptierte Notausgang.
Das sind alles soziale Mißstände im Kapitalismus, die krank machen können. Ob Du davon krank wirst, hängt ganz von Deinen inneren Gegebenheiten. Krankheit ist aber ein objektiver Tatbestand, den man sich nicht so ohne weiteres erschleichen kann und soll.
Gleichzeitig gehen mir diejenigen auf den Sack, die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Naja, das ist auch nur eine Minderheit. Die meisten wollen normal und mit Respekt behandelt werden.

Was mir in der Diskussion fehlt, sind die Bedingungen, in denen psychisch Kranke leben. Viele sind arbeitslos oder haben Minirenten und werden in Werkstätten zu stagnierenden Minilöhnen ausgebeutet. Hier ist genug zu tun für Linke, eine Verbesserung der Lebenslage einzufordern. Aber niemand interessiert sich dafür wirklich ...
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 10:09:09 Sa. 16.Juni 2018
Zitat
... die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Fühlt sich da etwa wer angesprochen?
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 10:59:20 Sa. 16.Juni 2018
Problem hierbei ist, dass psychische Krankheiten einen Leidensdruck erzeugen. Daher halte ich den Krankheitsbegriff für gerechtfertigt.
Ich bin der Meinung, daß nichts heilig und unumstößlich ist. Man sollte sich nicht scheuen, alles in Frage zu stellen.

Natürlich erzeugen viele psychische Krankheiten einen Leidensdruck. Aber selbst dieses Leiden und der Schmerz können einen Sinn haben. Eine Depression kann eine Notbremese sein, die die Seele zieht, damit man aufhört so weiterzumachen wie bisher. Es kann eine erzwungene Auszeit sein, die einen zwingt, das eigene Leben zu hinterfragen. Es ist sicherlich oftmals viel komplizierter, doch sollte man nicht erwarten, daß das Leben nur toll und voller Genuß ist. Schmerz und Abgründe gehören auch dazu.

...damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Naja, das ist auch nur eine Minderheit.
Auch wenn es eine Minderheit sein mag, so gibt es sie. Ich habe Probleme mit solchen Leuten umzugehen und habe keine Lust, ihre Erwartungen zu erfüllen.

Was mir in der Diskussion fehlt, sind die Bedingungen, in denen psychisch Kranke leben. Viele sind arbeitslos oder haben Minirenten und werden in Werkstätten zu stagnierenden Minilöhnen ausgebeutet. Hier ist genug zu tun für Linke, eine Verbesserung der Lebenslage einzufordern. Aber niemand interessiert sich dafür wirklich ...
Da sind wir uns einig. Dieses Thema darf nicht unter den Tisch fallen, es ist aber eines von vielen Themen, die unter den Nägeln brennen...

Wie sagte schon Gevatter Marx? »…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. «
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 14:46:41 Sa. 16.Juni 2018
Auch wenn es eine Minderheit sein mag, so gibt es sie. Ich habe Probleme mit solchen Leuten umzugehen und habe keine Lust, ihre Erwartungen zu erfüllen.
Naja, psychisch Kranke sind behindert, aber nicht bescheuert. Es gilt hier: "Jeder nach seinen Fähigkeiten".

Zum Verhältnis von Gesellschaft und Psyche habe ich weiter oben schon Stellung bezogen.

Es kommt darauf an, die Lebensverhältnisse der Betroffenen zu verbessern. Geld haben die Sozialkonzerne "Arbeiterwohlfahrt", "Caritas", "Diakonie" und "Lebenshilfe" genug. Sie wollen es nur nicht an die Behinderten ausschütten und berufen sich dabei auf Gesetze, die sie selbst federführend gestaltet haben.
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: rebelflori am 12:27:33 So. 17.Juni 2018
Auch wenn es eine Minderheit sein mag, so gibt es sie. Ich habe Probleme mit solchen Leuten umzugehen und habe keine Lust, ihre Erwartungen zu erfüllen.
Muss man mit jeder Minderheit umgehen können? Ich glaube nicht, aber trotzdem muss man sie respektieren.
Ich komme besonders gut mit Menschen klar, die auf Minderheit einprügeln. >:D >:D

Was würde eigentlich passieren wenn, ich das Wort Faule ersetzten würde durch Flüchtlinge?
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 13:01:09 So. 17.Juni 2018
rebelflori,
was laberst du denn wieder für einen wirren Scheiß!?!

Natürlich muß man nicht jede Minderheit respektiern. Ich werde weder Faschos noch Bonzen respektieren.
Und wer hat hier von Faulen gesprochen?  ???
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 09:32:06 Sa. 14.Juli 2018
Zitat
Das Psychiatriegesetz ist verabschiedet, der Protest bleibt

13. Juli 2018 — Das Gesetz hat den Landtag passiert. Trotz von Grünen und MUT Partei nach wie vor kritisierter eklatanter Fehler wie einer namentlichen Meldung von fremdgefährdenden zwangseingewiesenen Patienten, die von der Klinik als GEHEILT! entlassen wurden.Wir sind nicht zufrieden, werden weiter auf die Fehler im Gesetz hinweisen.

Quelle: https://www.change.org/p/13128689/u/23004859 (https://www.change.org/p/13128689/u/23004859)
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 12:12:08 Mi. 26.Dezember 2018
Zitat
„Kapitalismus ist asozial“

Die WHO legt fest, was als krank gilt. Der Psychologin Nora Ruck fehlen dabei soziale Aspekte


Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat kürzlich ihren neuen Krankheitskatalog ICD-11 vorgestellt. Darin wird auch bestimmt, wer als psychisch krank gilt. In Zukunft werden sich Krankenkassen darauf berufen, wenn sie entscheiden, ob eine Störung behandlungsbedürftig ist oder nicht.

Ich weiß nicht, ob wir „leichter krank“ werden. Ich glaube, dass sich die Form der Ausbeutung heute verändert hat, nämlich so, dass sie mehr in die Psyche eingreift. Alle Zeitdiagnosen, die sich auf Begriffe wie Postfordismus, unternehmerisches Selbst und so weiter beziehen, haben eines gemeinsam, nämlich die Beobachtung, dass wir unser „Selbst“ stärker in die Arbeit einbringen müssen. So wichtig die Kritik an entfremdeter Arbeit in fordistischen Verhältnissen war, schuf Entfremdung doch zumindest psychischen Abstand zur Arbeit. Das schaffen wir nicht mehr, wenn wir gleichzeitig psychisch Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin sein müssen, aber ohne die reale Macht von Arbeitgeberinnen.
...
Der Blick auf das große Ganze deprimiert da und macht zumindest anfänglich ohnmächtig, vor allem, wenn man so gar nichts weiß über kollektive Strategien.
...
Mir ist herzlich egal, ob Donald Trump oder Sebastian Kurz als narzisstisch zu diagnostizieren wären. Wenn sie nicht gewählt würden, müssten wir uns darüber nicht unterhalten. Mir wäre lieber, wenn die darin verpackte Gesellschaftskritik auch als solche geäußert würde, also zum Beispiel: Kapitalismus ist asozial, er spaltet und er spielt Menschen gegeneinander aus.
...
Depression hat auch viel mit Ohnmacht zu tun, und die ist für viele heute sehr real.
...
Die Verhältnisse machen die Einzelnen krank!
...
Ein gutes Interview: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kapitalismus-ist-asozial (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kapitalismus-ist-asozial)

Der psychische Druck lastet auf den Menschen so schwer, daß sie sich nicht aufraffen können zu Protesten und Gegenwehr.
Die Gelbwestenproteste in Frankreich zeigen aber, daß auch politisch abgeschriebene Teile der Bevölkerung aus ihrer Depression und kollektiven Lähmung ausbrechen können.
Titel: Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: BGS am 14:06:22 Mi. 26.Dezember 2018
Die gesellschaftlichen Zustände und Verhältnisse haben schon immer Menschen krank gemacht. Diese werden zusätzlich herabgesetzt und verleumdet, von Anderen, welche nach oben buckeln und nach unten treten. Weil sie meinen, es sich herausnehmen zu können.

Noch defizitärere Subjekte erklären sich flugs zu unersätzlichen "Leistungsträgern", einer "Elite" gar, hinter deren Kulissen ich lieber keinen Blick werfen möchte ob der Abgründe. Ausgerechnet von denen liest man dann im neoliberalen Blatte seiner Wahl, es müsse endlich der "Vollkasko-Mentalität" ein Ende gesetzt werden". Sie leben oft von "Zinsen", obwohl Geld nicht die Eigenschaft hat, sich zu vermehren.

Kapitalismus ist krank, macht krank und wird sich nicht halten können. Wir sollten unseren Gegnern erstmal eine Stange Geld "kosten",so viel und oft, wie möglich. Das schmerzt. Macht vielleicht Anderen Mut.

Das die kollektive Lähmung nun langsam auftaut ist ein zumindest Hoffnungsschimmer.

Mit welchem Recht darf irgendein Bürokrat einem irgendetwas vorschreiben?!

MfG

BGS



Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 16:37:21 Di. 14.Mai 2019
Ein guter Radiobeitrag zum Thema.

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2019/04/20/arbeit_und_psychische_erkrankungen_therapie_statt_drk_20190420_1730_d8b363eb.mp3

Zitat
Arbeit und psychische Erkrankungen
Therapie oder Arbeitskampf – was hilft gegen Burnout?

Der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Arbeitsunfähigkeitstagen steigt seit Jahren an. Ein Zeitgeistphänomen? Oder liegt es an der neuen Arbeitswelt, die den „ganzen Menschen“ fordert? Wären dann die Leidenden zu therapieren – oder das System?


In der heutigen Arbeitswelt sind wir gefordert, uns als ganze Persönlichkeit in die Arbeit einzubringen, uns mit unserer Arbeit zu identifizieren, sagt die Soziologin Stefanie Graefe von der Universität Jena. Zwar seien die Handlungs- und Entscheidungsspielräume für viele Menschen größer geworden, die Autonomie habe also zugenommen. Doch seien ihr durch gesetzte Termine und geforderte Leistungen wiederum enge Grenzen gesetzt.

Parallel hat die „Therapeutisierung des Sozialen“ dazu geführt, dass bei Arbeitsüberlastung nicht die Bedingungen der Arbeit, sondern der überlastete Mensch als Problem angesehen wird. Therapie soll dann beispielsweise die Stressresistenz erhöhen.

(...)
https://www.deutschlandfunkkultur.de/arbeit-und-psychische-erkrankungen-therapie-oder.990.de.html?dram:article_id=446695
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: counselor am 16:52:56 Di. 14.Mai 2019
Und die Psychiater wundern sich, dass viele ihrer klassischen Therapien nicht anschlagen. Und für Mobbing gibt es gar keine Therapie und keine rechtliche Sanktion.
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Onkel Tom am 13:30:36 Mi. 15.Mai 2019
Therapien setzen meistens nur darauf, künftig mit Situationen besser umgehen zu können.
Was nützt es jedoch, wenn anbei das Thema Ursachenbekämpfung ein Tabu bleibt ?

Mensch kann mit Maschiene und Profitmaximierung nicht mehr mit halten. Der Leistungsdruck
sorgt für den Rest, irgendwann einen Nervendoc aufsuchen zu müssen.

Ich finde, das die Arbeitswelt erkrankt ist und darin zu therapieren gilt, die Leistungsfähigkeiten
von Mitarbeitern nicht mehr zu überfordern..

Wat verkakkte Problematik.. Entweder hat mann zu viel Arbeit oder gar keine. Da wieder auf ein
Mittelmaß zu kommen traut man sich kaum ran. Und von Arbeitgeberinteresse auch nicht gewollt.

Heutzutage geht man in D nicht mehr arbeiten, sondern wird verheizt oder darf sich vom Jobcenter
terrorisieren lassen.. Was mich wundert, das die Krankenkassen anbei so still sind..
Die wissen doch am besten, wo die Ursachen liegen..

 :(
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 13:26:00 Do. 23.Mai 2019
Das ist jetzt alles nicht so überraschend gekommen.

Bereits vor 10 Jahren erklärte Dr. Wolfgang Hien in einem Interview der ZEIT:
Zitat
"Das ganze System ist krank"
Psychische Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit. Wie man mit psychisch kranken Kollegen umgeht, erklärt der Arbeitswissenschaftler Wolfgang Hien.


ZEIT ONLINE: Herr Hien, in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Krankschreibungen abgenommen, jedoch sind die Ausfälle aufgrund von psychischen Störungen in den vergangenen Jahren um 20 Prozent gestiegen. Sind Depressionen und Burn-out in der modernen Arbeitsgesellschaft das, was körperlicher Verschleiß früher einmal war?

Wolfgang Hien: Es hat eine Schwerpuntkverlagerung stattgefunden. Jede dritte Frühberentung erfolgt aufgrund von psychischer Erkrankung. Die Arbeitswelt ist ungesund: Druck, Stress, enger Handlungsspielraum, Unsicherheit und Angst nehmen drastisch zu. Es ist wissenschaftlich gut untersucht, dass aus der Kombination von ungünstigen Faktoren der Arbeitssituation und ungünstigen Personenvariablen psychische Erkrankungen wie Depressionen und Burn-out entstehen können. Das führt zu immensen wirtschaftlichen Kosten. Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen hat untersucht, dass durch die ungesunden Arbeitsbedingungen im Jahr ein Schaden von 50 bis 100 Millionen Euro entsteht. Von dem Leid des Einzelnen einmal ganz abgesehen.
(...)
ZEIT ONLINE: Aber was kann ein Einzelner verändern? In einer Krisenzeit sollte man doch froh darüber sein, wenn man überhaupt einen Arbeitsplatz hat.

Hien: Genau diese Denkweise führt zur Aufrechterhaltung des Status quo. Das ganze System ist krank. Der Einzelne kann vielleicht nicht viel bewirken, aber er kann "Nein" sagen und seine Grenze aufzeigen. Er kann sich wehren und sich auf seine Menschenrechte besinnen. Er kann sich mit anderen zusammenschließen. Und er sollte bereit sein, dafür auch gewisse Nachteile in Kauf zu nehmen. Wenn wir krank werden und uns vor die Frage gestellt sehen, was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein, dann werden die meisten Menschen nicht die materiellen Güter nennen, sondern die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen. (...)
https://www.zeit.de/karriere/beruf/2009-11/leistungsdruck-depressionen-job/komplettansicht
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: milchbrötchen am 19:07:07 Sa. 01.Juni 2019
Zitat
    ... die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...

Fühlt sich da etwa wer angesprochen?
Kuddel, ich bin da ganz bei dir. Sich so weit verschleißen zu lassen, bis es nicht mehr geht, ist zu oft nicht aufzuhalten. Die Menschen stecken im System und Zwängen fest. Mit seinem "Schein" rumzuwedeln und zu tun als hätte man damit das große Los gezogen ist irgentwie dumm. Mensch ist aus dem System rausgefallen, weil Mensch wegen Krankheit  unbrauchbar geworden (mich schüttelts, wenn ich das schreibe, aber das ist Systemkonform). Wenn Mensch den Mut und die Sicht gehabt hätte vorher auszusteigen, gesund und munter, mit der Aussage: Stopp, bis hierher und nicht weiter! Ich bin Mensch! Respekt! So habe ich den Verdacht, dass der der da mit seinem "Schein"wedelt, dies auch nur aus lauter Verunsicherung tut. Die Selbstachtung ist dahin. Nichts tun, nicht belastbar sein...alles das gilt als Schwäche. Die kann man in dieser Gesellschaft nicht zugeben. Also wird so getan als hätte man das große Los gezogen. Du, ich mein, das musst du positiv sehen, ne. Im tiefen Innern sitz das Gefühl des Versagens. Sich davon zu befreien braucht viel Selbsterkenntnis.
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: BGS am 19:32:56 Sa. 01.Juni 2019
Gut ausgedrückt, Danke.

MfG

BGS
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: dagobert am 21:10:55 Sa. 01.Juni 2019
Die Selbstachtung ist dahin. Nichts tun, nicht belastbar sein...alles das gilt als Schwäche. Die kann man in dieser Gesellschaft nicht zugeben. Also wird so getan als hätte man das große Los gezogen. Du, ich mein, das musst du positiv sehen, ne. Im tiefen Innern sitz das Gefühl des Versagens. Sich davon zu befreien braucht viel Selbsterkenntnis.
Das erinnert mich an was:
Zitat
Ich arbeite, also bin ich
http://forum.chefduzen.de/index.php/topic,28165.msg295917.html#msg295917
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 17:54:16 Di. 11.Juni 2019
Zitat
Psychisch Kranke, vereinigt euch!

Einem immer größeren Teil der ArbeiterInnen werden psychische Krankheiten attestiert. Was sind die Ursachen dafür und was können wir dagegen tun? – Ein Kommentar von Dirk Paul Shevek

Laut einer Studie des bayrischen Versicherungsunternehmens Swiss Life scheiden 37% aller ArbeiterInnen und Angestellten auf Grund von Erkrankungen wie Burn-Out, Depressionen oder Angststörungen vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Vor zehn Jahren waren es noch 26,6%.

Die Verteilung unter den Geschlechtern ist höchst ungleich: Fast die Hälfte aller Frauen (44%) werden berufsunfähig durch psychische Krankheiten. Bei den Männern sind es 28%. Für die Studie wertete Swiss Life seine eigenen Kundendaten aus. Die Zahlen der Rentenversicherung des Bundes bestätigen aber die Tendenz: 2018 wurden über 170.000 stationäre Rehabilitationen wegen psychischer Krankheiten bewilligt, über 50.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Hoher Stress und Leistungsdruck könnten mögliche Ursachen für die Krankheiten sein, meint Amar Banerjee, Leiterin von Swiss Life.

Aus den Zahlen allein kann man jedoch noch nicht ableiten, dass die Anzahl der Erkrankten gestiegen ist. Erfasst werden lediglich diagnostizierte Fälle. Es ist also unklar, ob der Anstieg der Diagnosen auf mehr Krankheitsfälle verweist oder auf eine größere Sensibilität beim Thema psychischer Leiden bei ÄrztInnen und PatientInnen. Tatsächlich sind viele PsychotherapeutInnen AnhängerInnen des zweiten Erklärungsansatzes.

Psychische Erkrankungen seien nicht mehr ein solches Tabu wie zu früheren Zeiten. ÄrztInnen würden heute ihren PatientInnen viel häufiger und früher eine therapeutische Behandlung empfehlen. Bei vielen VertreterInnen dieses Ansatzes klingt es so, als würde es also gar kein Problem geben. Andere WissenschaftlerInnen hingegen sehen veränderte Arbeitsbedingungen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts als Ursache für steigende psychische Erkrankungen an. Höhere Flexibilisierung des Arbeitslebens sowie die Vereinnahmung des ganzen Menschen, samt seines sozialen und emotionalen Lebens, seien der Grund für erhöhte Erschöpfungszustände der Bevölkerung. Nach diesem Erklärungsansatz machen also vor Allem die besonderen Arbeitsbedingungen des Neoliberalismus psychisch krank. Man könnte meinen, ein Zurück zum Normal-Arbeitsverhältnis der 60er-Jahre könnte das Problem beseitigen.

Was die aktuellen Zahlen auf jeden Fall offenbaren, ist, dass sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft unter psychischen Erkrankungen leiden. Entweder sind es mehr als früher oder es waren schon vor 40 Jahren genauso viele. Beides ist alarmierend und beides spricht nicht gerade für den Gesundheitszustand unserer Gesellschaft.

Aus dem Blick verloren werden in der Diskussion zudem all jene, bei denen keine manifeste Krankheit in Erscheinung tritt, die aber mit allerlei psychischen Problemen als Gesunde durchgehen. Gier, Geiz, Machtstreben, Langeweile, emotionale Abgestumpftheit und weiteres sind psychische Probleme, die in unserer Gesellschaft nicht als krankhaft eingestuft werden. Im Gegenteil gelten sie teilweise als tugendhaft und erstrebenswert. Diese Eigenschaften sind nicht nur gesellschaftlich bedingt, sie sind sogar notwendig für das Funktionieren des Kapitalismus. Vielleicht zeigt der Anstieg der diagnostizierten psychischen Erkrankungen auch einfach die schwindende Fähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, ihre BürgerInnen mit ihren zahlreichen Defekten als vermeintlich gesund leben zu lassen.

In der Zunahme von manifesten psychischen Krankheiten könnte sich also auch ein wachsendes Bewusstsein der Menschen darüber äußern, dass sie leiden. Das Bewusstsein, ein Problem zu haben und zu leiden, bietet die Chance für einen Heilungsprozess. Es kommt dann darauf an, die Ursachen des Leidens zu erkennen, sowie zu erkennen, was nötig ist, um diese Ursachen zu beseitigen und dieses dann auch tun. Wir stehen also vor der Wahl, uns um die Widerstandfsähigkeit gegen die krankmachenden Bedingungen und die Anpassung an sie zu bemühen – oder aber, diese Bedingungen zu beseitigen.

Dirk Paul Shevek
Linker Aktivist, Marxist
https://perspektive-online.net/2019/04/psychisch-kranke-vereinigt-euch/
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 09:12:29 Do. 25.Juli 2019
Zitat
Die Zahl der Krankschreibungen in Deutschland wegen psychischer Probleme hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdreifacht.
https://www.deutschlandfunk.de/krankmeldungen-psychische-probleme-immer-haeufiger-die.2932.de.html?drn:news_id=1031502
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Troll am 11:19:35 Do. 25.Juli 2019
[zyn] Weicheier! [/zyn]

Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 12:24:12 Mo. 05.August 2019
Zitat
Vandalismus und Gesellschaft
Zeit der Monster
Der Kapitalismus zerstört systematisch menschliche Bindungen, die das einzig wirksame Gegenmittel gegen Gewalt sind. Vandalismus und der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft
https://www.jungewelt.de/artikel/357377.vandalismus-und-gesellschaft-zeit-der-monster.html

Die Zerstörung der menschlichen Bindungen, die Vereinzelung, ist die Seuche der heutigen Zeit.
Viele suchen dann den Halt in behaupteten Gemeinschaften. "Wir Deutsche" ist immer wieder gern genommen.
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 14:10:17 Di. 05.November 2019
Zitat
Psychische Krankheit im Kapitalismus:
Optimiere dich selbst


Achtsamkeit, Spiritualität, positive Psychologie: Glücklichsein ist im Kapitalismus zum Zwang geworden. Gestresste und depressive Subjekte sind einfach zu unproduktiv. In seinem Bestseller »The Culture of Narcissism. American Life in an Age of Diminishing Expectations« von 1979 beschrieb der amerikanische Kritiker und Historiker Christopher Lasch ein gesellschaftliches Klima, das ihm zufolge von einer »therapeutischen Sensibilität« gekennzeichnet war, die überkommene, vor allem religiöse Heilsvorstellungen durch eine Besessenheit mit psychischer Gesundheit ersetzt hatte, und zwar unter Bedingungen, die diese immer stärker gefährdeten. Für Lasch stellte die neue Aufmerksamkeit, die der »happiness« vor allem in der Gegenkultur zukam, trotz des emanzipa­torischen Sounds dieses Diskurses eine sich abzeichnende repressive Moral eines neuen, permissiven Kapitalismus dar...
http://www.labournet.de/?p=156791
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 12:23:25 Do. 21.November 2019
Zitat
Depression schon in der Grundschule
Fast jeder sechste junge Patient erhält Antidepressivum

Unruhe, Selbstzweifel, kaum Energie: Zehntausende Schulkinder sind einer Studie der Kasse DAK zufolge betroffen – Mädchen viel häufiger als Jungen.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/depression-schon-in-der-grundschule-fast-jeder-sechste-junge-patient-erhaelt-antidepressivum/25253274.html
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 13:05:07 Fr. 22.November 2019
Zitat
Jedes vierte Schulkind über zehn Jahren in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten

Das geht aus einem Bericht der Krankenkasse DAK hervor. Bei mehr als vier Prozent der Kinder und Jugendlichen wurde demnach eine Depression oder Angststörung festgestellt. Chronische körperliche Erkrankungen sowie Adipositas erhöhen laut der Untersuchung das Depressionsrisiko im Jugendalter erheblich.

DAK-Vorstandschef Storm forderte eine bessere Versorgung der Betroffenen mit ambulanten Therapie-Angeboten. Würden die Patienten in der Psychiatrie behandelt, sei dies mit „Stigmatisierung“ verbunden und belaste zusätzlich.

Für den Bericht wurden die Abrechnungsdaten von mehr als 370.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 17 Jahren für das Jahr 2017 ausgewertet.
https://www.deutschlandfunk.de/dak-studie-fast-zwei-prozent-der-schulkinder-haben-eine.2932.de.html?drn:news_id=1072508
Titel: Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
Beitrag von: Kuddel am 14:34:59 Mi. 25.Dezember 2019
Zitat
Verrückt sind die, die noch können
Depressionen und Suizide. Sie sind ständiger Begleiter der modernen Welt. Wer nicht so kann, wie er soll, wird zurechtgebogen oder bleibt auf der Strecke.
https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/verrueckt-sind-die-die-noch-koennen