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Handel & Dienstleistung => Medien & Telekommunikation => Thema gestartet von: tv-junkie am 20:38:49 Mo. 17.Februar 2003

Titel: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: tv-junkie am 20:38:49 Mo. 17.Februar 2003
Ein Freund von mir ist in einem Medienjob gelandet. Er würde sich wohl nie selbst bei CHEFDUZEN melden, weil er nicht zugeben würde, wie doll er sich verarschen läßt. Er wollte Kameramann werden und sein Schulabschluß taugte nicht für ein Studium. Er griff gleich zu, als eine Kieler Firma eine "Ausbildung zum Kameramann" anbot. Er wollte nichts davon hören, daß das alles Etikettenschwindel zu völlig unmöglichen Bedingungen war. Es gab keinen schulischen, theoretischen Teil, es gab noch nichteimal einen anerkannten Abschluß, sonder nur das Versprechen nach 3 Jahren bei der Firma als Kamaramann übernommen zu werden. Die Bezahlung, ein absoluter Witz, für´s Palettenschieben bei ALDI gibt´s mehr. Und die voraussetzung war, daß er sich erteinmal ein Handi und ein Auto zulegt.
Und dann war er ein reiner Hiwi, fahren, Material schleppen, Tonangel halten("Kannst du mal nach Hamburg fahren und das Stativ da abholen!?!").
Er hat sich trotzdem das ganze ich-bin-bei-den-Medien-Gehabe sofort angeeignet und den Fachjargon selbst im Privatleben nachgeplappert. Tag und Nacht hat man abrufbereit zu sein. Es kam schon mal vor, daß er 5 Wochen am Stück keinen Tag (auch keinen Sonntag) frei hatte.
Nach vielleicht einem Jahr hatte er erst eine Kamera in der Hand und eignete sich das an, was man dafür bei dieser Firma wissen mußte. Würde er einmal eine andere Kamera, wohlmöglich eine Filmkamera (statt Video oder DV) in die Hand kriegen, wäre er wahrscheinlich aufgeschmissen.
Aber nach 3 Jahren von diesem entwürdigenden Schwachsinn fühlt er sich als "Kamaramann", kriegt hin und wieder mal den Lohn ausgezahlt und wartet darauf, daß die Firma pleitegeht.
Titel: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: DeadBoy am 02:01:48 Mi. 26.Februar 2003
bei einem großen Musiksender arbeitet die Hälfte der Belegschaft als unbezahlte Praktikanten. Der Ich-bin-bei-MTV-Faktor ist noch effektiver
Titel: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: TV-Junkie am 13:05:22 Di. 16.März 2004
Beim NDR hatten die Mitarbeiter recht vernünftige Arbeitsbedingungen für sich durchgesetzt. Dagegen gab es dann die Strategie Arbeiten an Fremdfirmen zu geben, die ihre Leute schlecht bezahlen und schlecht behandeln.

Ich nehme an, es wird Widerstand gegeben haben (doch ich weiß nicht in welcher Form), denn es ändert sich nichts von selbst zum Besseren:
Der NDR entschied sich nun nur noch Aufträge an Firmen zu geben, die die tariflichen Bestimmungen einhalten. Dann kam aber heraus, daß es für den Bereich garkeine Tarife gibt und man einigte sich auf Leiharbeitstarife...
Titel: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 15:23:12 Di. 25.Januar 2005
Bei Labournet gibt´s ein paar Hintergrundinfos (http://www.labournet.de/branchen/medien-it/beruf/index.html), die sich alle unbedingt reinziehen sollten, die so gern "irgendwas in den Medien" machen wollen.
Titel: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: ManOfConstantSorrow am 18:55:48 Di. 22.Februar 2005
Medien als Beruf

Einladung zum Tarifdumping. Neues Gesetz ermöglicht Dauer-Leiharbeit statt Festanstellung:

Bericht von Verdi (http://www.verdi.de/0x0ac80f2b_0x01e7aa63)
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Kuddel am 20:31:16 Mi. 12.März 2014
Zitat
"Eine Arbeitswelt inszenieren, in der sich Sklaverei wie Freiheit anfühlt"

Mit seinem Buch Das Geschäft mit der Musik - Ein Insiderbericht hat der Tourneeveranstalter Berthold Seliger eine umfassende und grundlegende Abrechnung mit dem Musikbusiness vorgelegt.


Die Künstler und Kulturarbeiter stehen als flexible und selbstverantwortliche Subjekte Modell für eine Neuorganisation der Gesellschaft. Man kann das sehr genau an der gängigen Narration in der Musikindustrie beobachten. Im Kern sind die meisten in der Kreativindustrie tätigen Menschen ja "Arbeiter", wenn man diesen altmodischen Begriff wieder einführen möchte, nämlich "Kulturarbeiter", ein Begriff, den zu verwenden ich bevorzuge - ob Aufnahmeleiter oder Arbeiterin im Presswerk, ob die Verkäufer in den Plattenfirmen, die sich so gern als "Produktmanager" bezeichnen, in Wahrheit aber natürlich alles andere als Manager sind, sondern Verkäufer eines industriell hergestellten Produkts, bis hin zu den Komponisten und Interpreten, die ja nach dem Stand der kulturellen Produktionsverhältnisse am ehesten privilegierte produzierende Facharbeiter im Sektor Dienstleistungen sind, wenn man sie soziologisch einordnen möchte, und keineswegs Unternehmer.

Sich selbst würden aber all die lohnabhängigen Arbeiter und Manager, die in der Musikindustrie arbeiten, und all die Künstler jedoch kaum als "Arbeiter", sondern eben als "Manager" bezeichnen oder im Fall der Künstler als "Selbständige", als "Unternehmer". Und da sind wir eben mitten in der Ideologie des neoliberalen Kapitalismus - die Zuschreibung ist ja: Selbst schuld, wenn du arm bleibst! Selbst schuld, wenn du einen unattraktiven Job machst! Du bist Unternehmer deiner selbst! Du bist für deine Selbstoptimierung, für dein neoliberales Selbst verantwortlich. Und all die "Kreativen", wie es immer so schön heißt, spielen vergnügt die ihnen vom System zugewiesene Rolle als autarke "Miniaturkapitalisten".

Zum einen haben wir entsprechend all die wirtschaftlich brutal schlecht bezahlten Jobs - im Extremfall: unbezahlte oder skandalös gering bezahlte Praktika - in der "Kreativwirtschaft", oder Musiker, deren durchschnittliches Jahreseinkommen laut KSK eben nur 12.005 Euro beträgt. Nur etwa 50 Prozent der Beschäftigten in der Kulturbranche haben überhaupt noch einen festen Arbeitsplatz und die Bezahlung liegt oft nur knapp über Hartz IV-Niveau. Und von den anderen 50 Prozent, den Freiberuflern, leben zwei Drittel in prekären Verhältnissen.

Also hat das System im Grunde ein ideologisches Problem, die in der Kulturindustrie Tätigen müssten eigentlich Sturm laufen gegen ihre soziale Marginalisierung. Die "Kreativwirtschaft" hat es aber geschafft, den Menschen vorzugaukeln, dass sie Teil von etwas ganz Tollem sind, im Sinne von "es kommt darauf an, dass man sich selbst optimiert, etwas Interessantes macht, dann zwar schlecht bezahlt wird, aber als Mensch total relevant bleibt". Das ist die Generation, die Thatchers There's no such thing as society verinnerlicht hat. Auf der Homepage des Bundeswirtschaftsministerium prangte 2011 der Slogan: "Die Kreativwirtschaft ist das Leitbild für die Industrie von morgen." Mission accomplished, würde ich sagen.

Das war nur der Beginn eines arschgeilen Interviews. Es lohnt sich, den nicht kurzen Text bis zum Ende durchzulesen.

Ich würd' ihn am liebsten einigen Leuten eintätowieren!

http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/1.html (http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/1.html)

Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: dagobert am 23:53:41 Mi. 12.März 2014
Es lohnt sich, den nicht kurzen Text bis zum Ende durchzulesen.
Stimmt, absolut lesenswert.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: BGS am 23:58:13 Mi. 12.März 2014
Es lohnt sich, den nicht kurzen Text bis zum Ende durchzulesen.
Stimmt, absolut lesenswert.

Definitiv.

MfG

BGS
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Troll am 10:34:18 Do. 13.März 2014
Sehr gut, mich hat es z.T. an folgenden Artikel erinnert:

Eingeebnete Gegensätze
http://ad-sinistram.blogspot.de/2009/07/eingeebnete-gegensatze.html (http://ad-sinistram.blogspot.de/2009/07/eingeebnete-gegensatze.html)

Der Neoliberalismus macht uns seit Jahrzehnten weis das es keine Gegensätze mehr gäbe, wir würden alle für ein Ziel "kämpfen" und die Ausgebeuteten haben es zu einem großen Teil gefressen, sie glauben ein Ziel erreichen zu können wenn sie sich zu wertvollen "Leistungsträgern" Sklaven degradieren lassen.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Dirk76 am 17:08:26 Di. 04.November 2014
Die Medienbranche ist die absolute Härte. Dort heißt es kämpfen oder sterben - die meisten vegitieren langsam vor sich hin. Ausgebeutet und unterbezahlt.
Meine Schwester arbeitet beim BR als freie Reporterin. Sie wird nach Beitrag bezahlt und muss sich für ihre Recherchen ein Kamerateam buchen. Das wird allerdings halbtags oder ganztags bezahlt. D.h. während meine Schwester die Sachen schnell im Kasten haben will, um den Beitrag taggleich noch fertig zu kriegen oder sogar einen zweiten zu schaffen, sitzen die Kameraleute rum und versuchen das ganze hinauszuzögern, damit sie einen ganzen Tag angerechnet bekommen! Das ist doch kein System, wenn man in der Produktion auch noch gegeneinander arbeitet! Soviel zu den gelobten öffentlich rechtlichen...

Hier noch ein interessanter, wenn auch schon etwas älterer Artikel zum Thema (https://www.freitag.de/autoren/hotcha/hab-studiert-will-geld). Die eigentliche Seite, auf der er erschienen ist, gibts leider nicht mehr.

Gruß
Dirk
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Pinnswin am 20:44:59 Di. 04.November 2014
Kann ditt sein, das deen/e Freund/Schwester/Bruder/Schwägerin vielleicht
doch lieber einen richtigen Job hätte erlernen sollen?/! Also: Wo man auch was
verdient ohne ständig irgendwem in den Popo zu krabbeln?

Z. Bspl.: Krankenpfleger oder Altenschwester?? [^hust^]
- - - -  >:D - > autsch autsch - - - jaaaa - bin ja schon weg ...  :-*
gggg  ;D
(http://s20.rimg.info/fa37f438140bf313de50c178cc9420c0.gif) (http://smiles.rc-welt.com/smile.177724.html)

Zitat
"Was ist heute guter Journalismus?"...
http://derunertraeglichestandpunkt.de/index.php?nodeID=199 (http://derunertraeglichestandpunkt.de/index.php?nodeID=199)
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Troll am 09:38:30 Mi. 05.November 2014
"Wie sollte guter Journalismus aussehen?" wäre die bessere Frage.

Was heute "guter" Journalismus ist sehen und lesen wir tagtäglich, sie machen ihre Arbeit wie sie von ihrem Arbeitgeber verlangt wird.
Es kommt immer auf den Standpunkt an, wie das erfolgreiche Deutschland, in Regierungskreisen und deren Milieu in dem sie sich bewegen ist die Agenda 2010 tatsächlich ein grandioser Erfolg, diesem Milieu gehören z.B. auch die Chefs der schreibenden Zunft an, also dürfen wir beständig über einen Erfolg lesen mit dem der größte Teil der Bevölkerung nichts zu tun hat.

Mit anderen Worten, der Sklavenhalter schwärmt von der Sklaverei.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Dirk76 am 12:31:55 Mi. 05.November 2014
Kann ditt sein, das deen/e Freund/Schwester/Bruder/Schwägerin vielleicht
doch lieber einen richtigen Job hätte erlernen sollen?/!

Das ist sicher auch für meine Schwester keine Dauerlösung. Sie ist eben gut in dem was sie macht und deshalb zieht sie es durch.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Rudolf Rocker am 15:19:48 Mi. 05.November 2014
Es gibt, so weit ich das überblicken kann auch nicht wirklich einen Beruf in dem das anders währe.
Vielleicht noch bei freischaffenden Künstlern oder bei gaaaanz seltenen Berufen.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Troll am 18:14:28 Mi. 05.November 2014
Dort wo es keine Konkurrenz gibt, bzw. in Branchen wo harmonisch koexistiert wird, ähnlich wie unsere deutschen Energiemonopolisten.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Dirk76 am 11:49:49 Fr. 07.November 2014
Ob es bei den Energiekonzernen immer harmonisch zu geht, nur weil sie "friedlich koexistieren", bezweifle ich...
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Troll am 13:07:32 Fr. 07.November 2014
Sie lieben sich nicht, wenn ein Konzern die Möglichkeit bekommt den anderen zu übernehmen oder auszulöschen wird er dies Bedenkenlos tun, aber so lange diese Möglichkeit nicht besteht arrangiert man sich lieber als sich konkurrenz zu machen und im Zweifelsfall Gewinneinbußen hinzunehmen.
Titel: Re:Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Kuddel am 20:36:03 Mi. 04.Oktober 2017
Zitat
„Viele Schauspieler leben in prekären Verhältnissen“

Hans-Werner Meyer spricht im Interview über geringe Gagen und eine schlechte Altersabsicherung in seinem Beruf.


Als Hans-Werner Meyer mit Anfang zwanzig an der Schauspielschule in Hannover vorsprach, gab es in seinem Jahrgang ungefähr 800 Bewerber. Ein Bruchteil von ihnen wurde angenommen. In seiner Klasse gab es dann acht Studenten, von denen heute noch zwei in ihrem erlernten Beruf arbeiten. Viele wollen Schauspieler werden, doch nur wenige können davon leben. Um die Position der darstellenden Künstler zu stärken, hat Meyer gemeinsam mit Kollegen wie Jasmin Tabatabai, Herbert Knaup und Matthias Brandt 2006 eine eigene Branchengewerkschaft gegründet, den Bundesverband Schauspiel (BFFS). Meyer ist von Beginn an ehrenamtlich im Vorstand mit dabei. Seit fünf Jahren vergibt der BFFS auch einen eigenen Schauspielerpreis.

Herr Meyer, gibt es nicht schon genug Preise? Was unterscheidet den Schauspielerpreis vom Deutschen Filmpreis oder vom Deutschen Fernsehpreis?
Erstens zeichnen hier Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Kollegen aus und zweitens machen wir keinen Unterschied zwischen den Genres. Die schauspielerische Arbeit und ihre inspirierende Wirkung auf die Kollegen ist das Kriterium, nicht die Art der Verbreitung. Ob sie also in einem Fernsehfilm, einer Serie oder einem Kinofilm stattfindet, ist nebensächlich. Und wir haben den Anspruch, das gesamte Schaffen eines Jahres im Blick zu haben.

Ihr Verband hat 3000 Mitglieder. Wie groß ist die Berufsgruppe insgesamt?

Es sind zirka 15 000 Schauspieler bei der Sozialversicherung gelistet, wir gehen aber davon aus, dass nur um die 5000 regelmäßig in diesem Beruf arbeiten.

Was machen die anderen?

Manche werden Autoren, manche schulen um, werden Heilpraktiker, kellnern oder schlagen sich mit Jobs durch, viele geben irgendwann auf.

Reich und berühmt wird man in Ihrer Branche also eher nicht.

Es gibt eine Studie, nach der etwa vier Prozent der Schauspieler in Deutschland  mehr als 100 000 Euro im Jahr verdienen und 70 Prozent unter 30 000, 60 Prozent sogar unter 20 000 Euro. Die übrigen 26 Prozent liegen irgendwo dazwischen. Vielen geht es nicht besonders gut. Sie leben in prekären Verhältnissen.

Wie haben sich die Arbeitsmarktreformen der jüngeren Zeit auf die Lage der Schauspieler ausgewirkt?

Hartz IV ist eine Katastrophe für Schauspieler. Wer da hineingerät, braucht einen Großteil seiner Energie, um die Bürokratie zu bedienen. Es ist sehr schwer, weil man zum Beispiel für Ein-Euro-Jobs zur Verfügung stehen muss, aus denen man dann nicht mehr herauskommt, falls doch mal wieder ein Drehtag kommt. Die Hartz-IV-Spirale ist für Schauspieler oft das Ende. Manche Kollegen lösen lieber ihre Lebensversicherung auf, als Hartz-IV zu beantragen.
http://www.fr.de/kultur/hans-werner-meyer-viele-schauspieler-leben-in-prekaeren-verhaeltnissen-a-1355284 (http://www.fr.de/kultur/hans-werner-meyer-viele-schauspieler-leben-in-prekaeren-verhaeltnissen-a-1355284)
Titel: Re: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Kuddel am 13:38:36 Mi. 13.Februar 2019
(https://pbs.twimg.com/media/Dy5-pXXXQAArFrn.jpg:large)
Titel: Re: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Kuddel am 10:45:47 Sa. 20.Juli 2019
In Japan knallte es spektakular:

Zitat
Schön sind in Japans Trickfilm-Industrie nur die Produkte

Der Brandanschlag auf ein Anime-Studio in Kyoto ist das verheerendste Attentat in Japan seit fast zwanzig Jahren. Neben der allgemeinen Erschütterung beschäftigt die Nation auch der Vorwurf der Ausbeutung, den der Tatverdächtige dem Betrieb gemacht haben soll.


«A Silent Voice» hat diese schöne Botschaft. Aus dem Off fragt da die Stimme: «Was ist nötig, um in eine Welt zu passen, die dich nicht hört?» Der international gefeierte Zeichentrickfilm von 2016 handelt von Mobbing auf einer japanischen Schule, wo am Ende nicht nur das Opfer, sondern auch der Täter zu leiden hat. Isoliert vom Rest der Klasse, nähern sich die beiden Hauptfiguren wieder einander an, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. So prangt schon im Trailer des Films ein Plädoyer für Empathie: «Manchmal ist die Antwort einfach zuzuhören.»

Es sind Sätze, die in Japan derzeit nicht ohne ein tiefes Schlucken heruntergehen. Das Studio, das «A Silent Voice» produziert hat, ist zur Ruine verkommen, am Donnerstag brannte es stundenlang. Um die dreissig Feuerwehrwagen rückten an, um es zu löschen, nachdem es zuvor mutmasslich mit Brennstoff angesteckt worden war. Den Tatverdächtigen, der dabei selbst verletzt wurde, fasste die Polizei noch am selben Tag und lieferte ihn verletzt in ein Spital ein. Bei dem Brandanschlag auf Kyoani, wie das weltweit beliebte Studio auch genannt wird, kamen 33 Personen ums Leben, 35 wurden verletzt.

Eine gestohlene Geschichte

Es war der Anschlag mit den meisten Todesopfern in Japan seit dem Jahr 2001. So ist die Unternehmenszentrale schon einen Tag später zu einer kleinen Pilgerstätte geworden. Zahlreiche Menschen legten Blumen vor dem ausgebrannten Gebäude nieder und beteten für die Verstorbenen. Premierminister Shinzo Abe verurteilte den Anschlag auf Twitter als «zu grausam, um Worte zu finden». Eine internationale Online-Spendenaktion für die Opfer brachte schon binnen 24 Stunden eine Summe von knapp 1,5 Millionen Dollar ein.

Dabei scheint es, als wäre die Tat nicht nur eine wilde Wahnsinnstat, sondern ein gezielter Vergeltungsschlag gegen den Betrieb in Kyoto. «Sterbt!», habe der 41-Jährige laut Augenzeugen gerufen, als er das Gebäude in Brand setzte. Und als ihn die Polizei verhörte und nach seinen Motiven fragte, ehe er ins Krankenhaus kam, sei das Wort «pakuri» gefallen, was sich übersetzen lässt mit Ideenklau, Plagiat oder Abzocke.

Später berichtete der Präsident von Kyoto-Animation, Hideaki Hatta, dass in den letzten Jahren vermehrt Morddrohungen im Haus eingetroffen seien. So titelte die Tageszeitung «Asahi Shimbun» am Freitag schon: «Hinter dem Brandanschlag könnte Wut über eine gestohlene Story stecken.» Auch die Nachrichtenagentur Kyodo News gab diese Information heraus.

Zwar ist der Tatverdächtige kein Mitarbeiter des Betriebes und lebt von Arbeitslosenhilfe. Zudem fand der öffentliche Rundfunk NHK am Freitag heraus, dass der Mann zuvor schon einmal wegen Ladendiebstahls verhaftet worden war. Trotzdem fragt sich die japanische Öffentlichkeit nun, ob die Tat in einem Zusammenhang mit einem früheren Ideenklau stand. Denn solche Vorwürfe wären für Japans weltweit erfolgreiche Kreativbranche an sich nichts Neues. Ausbeutung ist immer wieder ein Thema.

Umkämpfter Milliardenmarkt

Die auf einer jahrtausendealten Tradition der illustrierten Geschichtenerzählung aufbauende Welt der Anime und Manga ist nicht nur kulturell einzigartig, sondern auch ökonomisch. Nachdem Animationen über Jahrzehnte auf dem japanischen Markt beliebt waren, kamen in den 1990er Jahren Geschichten wie «Die tollen Fussballstars» und «Sailor Moon» erstmals auf dem Weltmarkt gross raus. Es folgten «Pokémon» und «Dragonball», heute gehören «Naruto» und «One Piece» zu den beliebtesten Werken. Neben dem starken Inlandsmarkt hat vor allem die Globalisierung dazu geführt, dass die Animationsbranche in den letzten 20 Jahren ihre Erlöse verdoppelt hat, auf 2,15 Billionen Yen im Jahr 2017 (rund 19 Milliarden Franken).

Entsprechend umkämpft ist der Markt für gute Ideen. Täglich wird ins Blaue und für den Papierkorb produziert, weil führende Redakteure und Verleger aus einem grossen Pool von Storys und Protagonistenentwürfen das Beste auswählen wollen. Pro Zeichnung wird den Schöpfern meist um die 200 Yen (zirka 1,83 Franken) bezahlt. Dafür geht allerdings oft mehr als eine Stunde ins Land, zumal die Branche stolz darauf ist, auch kleinste Details in den Zeichnungen zu berücksichtigen. Für viele Autoren führt dies neben geringen Einkommen auch zu Überarbeitung.

Als vor gut zwei Jahren der Zeichner von «Naruto», Kazunori Mizuno, mit 52 Jahren am Arbeitsplatz starb, wurde nach längerem Schweigen die Todesursache im immensen Arbeitspensum vermutet. Drei Jahre zuvor hatte sich ein Zeichner das Leben genommen, nachdem er 600 Stunden im Monat hatte arbeiten müssen. Dies sind zwar Extremfälle, geben aber darüber Auskunft, wie rau das Arbeitsklima generell ist.

Laut dem Berufsverband der Anime-Arbeiter kommt der Durchschnitt aller Zeichner unter 40 Jahren bloss auf Jahreseinnahmen unterhalb der Armutsgrenze von 2,2 Millionen Yen (rund 20 000 Franken). Erst später in der Karriere erreicht man in der altershierarchischen Branche ein Auskommen, das den Lebensunterhalt auch wirklich sichert. Viele Autoren gehen aber schon davor finanziell unter.

Besser als der Rest der Branche

Nun ragt ausgerechnet Kyoto Animation aus der Branche heraus: Das Unternehmen ist dafür bekannt, seine Belegschaft vorbildlich zu behandeln, inklusive Festanstellungen, Ferienzeiten und anderen Arbeitnehmerrechten. Zugleich gehört Kyoto Animation zu jenen Studios, die regelmässig Preisausschreiben veranstalten, bei denen freie Autoren in Hoffnung auf einen Vertrag ihre Geschichtenideen einreichen. In der Branche erzählt man sich, dass im Wettbewerb nicht gekürte Beiträge später auf abgewandelte Weise gelegentlich doch erscheinen, nur eben nicht unter dem Namen des Autors, der sie ursprünglich einreichte.

Diese Praxis passt zum Vorwurf des Attentäters von Kyoto, auch wenn bis anhin keine Details, welche Geschichte ihm gestohlen worden sein soll, bekannt sind. In jedem Fall hat er «A Silent Voice», den geliebten Film des von ihm verhassten Studios, wohl entweder nicht gesehen oder nicht verstanden. Da taucht schliesslich die Frage auf: «Was braucht es, um erlöst zu werden?» Und wieder die Botschaft: Man müsse gerade demjenigen die Hand reichen, von dem man sich schlecht behandelt fühlt.
https://www.nzz.ch/panorama/brand-in-anime-studio-in-japan-ausbeutung-in-trickfilm-industrie-ld.1497098

Ausbeutung, auch Extremausbeutung in der Medienindustrie, ist kein speziell japanisches Phänomen.

Gerade der Ideendiebstahl bei Autoren ist gang und gäbe, auch bei unseren Öffentlich Rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF.
Titel: Re: Der ich-bin-bei-den-Medien-Faktor
Beitrag von: Troll am 11:19:40 Sa. 20.Juli 2019
Das gehört zur enormen Kreativität der Branche, daß verstehst du nicht!