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Hauptstadttourismus: Arbeitsbedingungen in Hotellerie und Gastronomie

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Kater:

--- Zitat ---Schuften für wenig Geld: Der Tourismus boomt, aber die Beschäftigten haben davon nichts
Karin Schmidl, Eva-Dorothee Schmid

Der Tourismus in Berlin boomt. Immer mehr Hotels entstehen, jährlich werden neue Gästerekorde vermeldet. Für sein Geld bekommt der Gast in der Hauptstadt am meisten Kultur, das beste Nachtleben und die günstigsten Zimmer, sagt Berlins oberster Tourismuswerber Burkhard Kieker. Mit dem Slogan "Value for money" (etwa: Hier gibt's was fürs Geld) will er 2009 werben.

Doch der Boom geht nach Auffassung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) vielfach auf Kosten der Mitarbeiter. "Nach außen wird eine Glitzerfassade aufgebaut, aber in den Betrieben sind die Bedingungen oft zum Kotzen", sagt Gewerkschafts-Sekretär Sebastian Riesner. Er schätzt, dass in weniger als 20 Prozent der Gaststätten und maximal der Hälfte aller Hotels nach Recht und Gesetz gearbeitet wird. Vielfach würden Mitarbeiter zu Schwarzarbeit genötigt, unter Tarif bezahlt und in "Schnupperwochen" ohne Lohn beschäftigt. Sie müssten willkürlich festgelegte Arbeitszeiten und zu wenig Urlaub akzeptieren sowie regelmäßig Mehrarbeit leisten, die nicht honoriert werde. "Eines der Hauptübel vor allem in der Gastronomie ist die Schwarzarbeit", sagt Riesner. Egal ob Club, Kneipe oder Nobelrestaurant - die Beschäftigten erhielten oft Verträge mit sehr geringem Lohn. Riesner: "Den Rest gibt's nach BAT, das heißt bei uns Bar Auf Tatze." Doch von der Methode "brutto gleich netto" profitiere nur der Arbeitgeber, der Steuern und Abgaben spare. Der Beschäftigte stelle irgendwann fest, dass er nur wenig Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegegeld sowie ein kleine Rente erhält.

An der Tagesordnung sei auch die Bezahlung unter Tarif. Dieser liegt für einen Facharbeiter aktuell bei 10,01 Euro Stundenlohn. Für Hilfskräfte, die Tische abräumen oder Gemüse putzen, beträgt er 8,63 Euro. Die unterste Lohngruppe, etwa Spüler in Küchen, erhält 7,54 Euro. Riesner: "Viele Facharbeiter kriegen sogar noch weniger." Laut Angaben aus dem Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga) haben sich von den 1 336 Mitgliedern nur 152 Betriebe verpflichtet, den Tarifvertrag einzuhalten.

Die Gewerkschaft kennt auch Verträge, in denen den Beschäftigten neben dem (niedrigen) Bruttogehalt eine "Anwesenheitsprämie" gezahlt wird. Bei "Arbeitsunfähigkeit, Teilnahme an Streikmaßnahmen oder sonstigen Abwesenheiten" werde Geld gekürzt. Zunehmend werde laut Riesner auch "kreative Lohngestaltung" praktiziert. Dabei gebe es zum "Basislohn" eine Pauschale für Sonntags- und Feiertagsarbeit. Das Ergebnis heißt "Effektivlohn". Riesner: "Der Arbeitgeber spart so Steuern und Abgaben, weil die Zuschläge davon befreit sind." Nachteil für die Beschäftigten: Arbeitslosen- und Krankengeld sowie Rente gibt's nur für den "Basislohn." Laut NGG wird für solche Verträge sogar schon eine Standard-Software angeboten. Fazit für den Gewerkschafter: "Wir brauchen mehr Kontrollen gegen Schwarzarbeit sowie einen verbindlichen Mindestlohn."

Bei der Dehoga Berlin bestreitet man sittenwidrige oder gesetzwidrige Praktiken nicht. Dehoga-Präsident Willy Weiland, Chef des Hotels Interconti, will auch, dass Schwarzarbeit effektiv bekämpft wird. "Denn sie ist wettbewerbsverzerrend." Dehoga-Vizepräsident Klaus-Dieter Richter hält die von der NGG aufgezeigten Fälle für "schwarze Schafe". Es gebe auch viele Mitarbeiter, die über Tarif bezahlt würden. Schwarzarbeit sei seiner Meinung nach auch mit dem hohen Kostendruck in der Branche zu erklären. Richter: "Wenn es in einer Bar 50 Prozent auf alles gibt, sollten Gäste mal darüber nachdenken."

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Tourismus in Berlin

Im Jahr 2008 wurden in Berlin etwa 17,7 Millionen Übernachtungen gezählt, 1993 waren es nur 7,3 Millionen. Die Brutto-Umsätze der Branche lagen 1993 bei 3,4 Milliarden Euro, 2007 wurden bereits 8,4 Milliarden Euro umgesetzt.

36 000 Menschen sind in Hotellerie und Gastronomie sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Vom Tourismus leben in Berlin insgesamt rund 255 000 Menschen.

Die 660 Hotels, Gästehäuser und Campingplätze verfügen über 97 700 Betten. Die Auslastung lag im vergangenen Jahr bei 45 Prozent. Laut Deutschem Hotelverband liegt der Durchschnitts-Zimmerpreis mit 87 Euro auf dem Niveau von Budapest oder Tallinn. In London zahlt man 192 Euro, in Paris 217 Euro.

Gaststätten gibt es insgesamt 10 037, darunter 5 927 Restaurants, 2 131 Imbisse, 884 Schankwirtschaften und 329 Cafés. Im Berliner Hotel- und Gaststättenverband Dehoga sind lediglich 1 336 Betriebe Mitglied - 360 Hotels und 976 Gaststätten. Nur 152 von ihnen unterliegen laut Dehoga der Tarifbindung.
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http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0119/berlin/0029/index.html


--- Zitat ---Täglich Angst vor Razzia
Karin Schmidl
Zuerst war noch alles in Ordnung. 160 Euro durfte Sebastian Müller* jeden Monat zum Arbeitslosengeld dazuverdienen. In einem Club half er einmal die Woche ein paar Stunden als Barkeeper aus. Doch sein Chef drängte ihn, öfter zu kommen. "Die 160 Euro sollten dem Arbeitsamt offiziell gemeldet werden, alles weitere sollte ich bar auf die Hand kriegen, also Schwarzgeld." Weil er Schulden hatte, willigte Müller ein. Knapp tausend Euro hatte er so jeden Monat, für die weder Steuern noch Abgaben entrichtet wurden. Ähnlich lief es danach in einer Bar, wo er sogar angestellt wurde. "Dort erhielt ich 750 Euro regulären Lohn, weitere 500 Euro schwarz." Sein Chef habe ihn zudem angewiesen, jeden Abend in den ersten eineinhalb Stunden nichts in die Kasse einzubuchen. "Der hat die Steuer betrogen, mit dem Geld hat er mich schwarz bezahlt." In einer Ausflugsgaststätte jobbte Müller zuletzt für sieben Euro regulär pro Stunde, dazu kamen jeden Abend zusätzlich 50 Euro "auf die Hand". "Ich hatte täglich panische Angst, bei einer Razzia erwischt zu werden." (sk.)
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http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0119/berlin/0083/index.html


--- Zitat ---KELLNER
Moderne Sklaverei
Karin Schmidl
Hotelfachmann Adam Schulz* arbeitet seit 20 Jahren in der Gastronomie, hat Erfahrungen in Hotels, Clubs, Gaststätten und bei Cateringfirmen. Noch nie, sagt er, sei er nach Tarif bezahlt worden. "Bei einem Vorstellungsgespräch wurde mir gleich gesagt, dass keine Tariflöhne gezahlt werden", sagt er. Falls er damit ein Problem habe, würde man einen anderen nehmen. Acht Euro pro Stunde stand im Arbeitsvertrag, laut Tarif stünden ihm zehn Euro zu. Plus Zuschläge für Nacht- und Feiertagsarbeit. Doch von Zuschlägen, Arbeitszeiten oder Urlaub stand nichts im Vertrag. "Ich war froh, dass ich als Arbeitsloser mit Schulden einen Job bekam und unterschrieb." Nach dem ersten Monat, in dem er teilweise 16 Stunden täglich arbeitete, wurden ihm 650 Euro überwiesen. Nach Abzug für die Miete blieben 130 Euro. "Ich musste mir vom Jobcenter noch rund 300 Euro zum Leben holen, das war entwürdigend." Bei seinem jetzigen Arbeitgeber komme er auf monatlich 910 Euro netto - für 160 Stunden Arbeit. Gastronomie, sagt Schulz, ist "die moderne Sklaverei". (sk.)
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http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0119/berlin/0084/index.html

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