Autor Thema: Suizid  (Gelesen 3324 mal)

Kuddel

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Suizid
« am: 12:06:18 Mi. 20.Dezember 2017 »
Zitat
Interview
Suizid: «Wir haben die lange Tradition des lachenden Todes vergessen»

Mehr als 800 000 Menschen bringen sich pro Jahr weltweit um. Das sind mehr, als in Kriegen getötet werden. Der Philosoph Thomas Macho erklärt, was daran positiv sein soll.



Der Tod wird pathologisiert, dabei kann der Gedanke daran Trost spenden. La Santa Muerte – der Heilige Tod – wird in Mexiko angebetet.

Herr Macho, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch «Das Leben nehmen», wir lebten in einer «suizidfaszinierten Welt». Ist unsere Gesellschaft nicht viel eher von ewiger Jugend fasziniert?

Beides gehört zusammen. Nehmen wir den Vampir Adam in Jim Jarmuschs Film «Only Lovers Left Alive»: Er leidet an der Unsterblichkeit und denkt sich daher einen raffinierten Suizid aus. Stephen King sympathisiert in seinen letzten Romanen mit der Idee, lieber einen rechtzeitigen und würdigen Tod zu sterben, als das Leben ewig zu verlängern. Die unheimlichen Pläne des Silicon Valley, dem Menschen das ewige Leben zu verkaufen, werfen ihre Schatten voraus.

Die Filme und Romane drücken also eine verbreitete, aber unbewusste Faszination für den Suizid aus?

Eine vorbewusste Faszination. Wir haben noch keine passenden Formen gefunden, um darüber zu reden. Der Jugendkult ist offensichtlich: Wir sprechen über unsere Fitness-Anstrengungen, über gesunde Ernährung und den Schönheitschirurgen, aber nicht über den mit dem Älterwerden wachsenden Wunsch nach dem Ende des Lebens. Die Kunst und die Philosophie dagegen tun das seit langem.

«Alle möglichen Motive werden in den Topf der Depression geworfen. In dieser Optik bringt der freiwillige Tod nur Versager hervor.»

Sie nennen den Suizid das «Leitmotiv der Moderne».


Sehen Sie: In der Antike und besonders in der stoischen Philosophie wird der Suizid positiv bewertet, wenn auch nur für eine schmale männliche Elite. Sich zur rechten Zeit das Leben zu nehmen, gilt als Zeichen von Besonnenheit und Reife. Unter dem Christentum dann wird der Selbstmord bekanntlich zur Todsünde und zum Verbrechen. Friedrich der Grosse, der sich von Voltaire beraten lässt, setzt die Entkriminalisierung in Gang, doch auch nachher noch wird die Leiche des Selbstmörders zur Strafe geschändet und das Familienvermögen konfisziert. In den Vereinigten Staaten wird noch im 19. Jahrhundert ein Sklave, der sich zu töten versucht, wegen Beschädigung fremden Eigentums bestraft. In Grossbritannien erfolgt die Entkriminalisierung erst 1961, in Israel noch später. Heute ist der Suizid keine Sünde mehr und auch kein Verbrechen, aber er ist eine Krankheit. Er ist pathologisiert worden. Dabei kann der Gedanke an ihn tröstlich sein.

Sie haben zum Thema Suizid über fünfhundert Seiten geschrieben, kaum einen einschlägigen Film ausgelassen – das Thema ist wohl eine persönliche Präferenz?

Natürlich, aber diese temporäre Präferenz kennt fast jeder Mensch. Darum geht es mir ja gerade.

Und Sie malen sich aus, welche Suizidmethode Sie wählen würden?

Ja, aber die verrate ich Ihnen nicht.

Reden wir über Statistiken: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) töten sich viele Menschen in Asien, etwas weniger im Westen, am wenigsten in Afrika. Würden Sie daraus eine These von Suizidkulturen ableiten, von fernöstlicher Schamvermeidung und protestantischer Ethik zum Beispiel?

Nein, das wäre zu plakativ, und wissen Sie, diese WHO-Statistiken . . . Höchstens ein Drittel der Zahlen sind verlässlich, viele Länder schönen sie, die Dunkelziffer ist hoch. Über Suizide in Gefängnissen weiss man wenig. Anders als in Japan zum Beispiel gelten Suizide in China als Ausdruck von Egoismus. Bekannt ist die Episode, wie ein Automobilist auf einer Brücke einem Mann, der sich in die Tiefe stürzen wollte, aber durch sein Zögern einen Stau verursachte, den entscheidenden Stoss versetzte. Einer, der sich töten will, so die Überzeugung, soll ruhig sterben. Sicher ist aber, dass sich viel mehr Menschen das Leben nehmen, als man denkt, weltweit mindestens 800 000 jährlich. Die Zahl übertrifft die der Kriegstoten deutlich. Und die Reaktion ist fast immer die gleiche: Wie schlimm! Man schweigt, fühlt sich schuldig, schämt sich.

Gerade bei einem Adoleszenten ist die Selbsttötung aber wirklich schlimm, nicht zuletzt für die Eltern.

Das bestreite ich nicht. In vielen Fällen ist der Suizid eine Tragödie, die vielleicht hätte verhindert werden können. Aber wenn wir nur in der Terminologie von Prävention und Pathologie darüber reden, verbauen wir uns einen anderen Umgang mit dem Tod. Laut der WHO haben 90 Prozent der Suizide eine psychische Erkrankung als Ursache. Das ist schwer übertrieben: Da werden alle möglichen Motive in den Topf der Depression geworfen. In dieser Optik bringt der freiwillige Tod nur Versager hervor: Der Suizident hat vor dem Leben versagt, und die Angehörigen und Freunde haben versagt, weil sie ihm nicht zugehört haben. Vielleicht gebührt dem Menschen, der eigenhändig sein Leiden beendet, einfach nur Respekt?
Zitat
Mit dem Tod per Du

uha. · Der Kulturphilosoph Thomas Macho hat unter anderem zu Totenkulten, zur Beziehung zwischen Tier und Mensch, zu Science-Fiction und zur Zeitrechnung publiziert. Er analysiert unsere Gesellschaft, indem er sie von den Rändern her denkt. Sein jüngstes Buch, «Das Leben nehmen», soeben bei Suhrkamp erschienen, geht dem Suizid in der Moderne nach. Macho ist Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. Bis 2016 war er Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Soll ein Lebensmüder sich von einem Arzt helfen lassen dürfen, wenn er sterben will, statt dass er vor den Zug springt?


Sie sprechen die aktive und die passive Sterbehilfe an: Die rechtliche Lage ist in Europa höchst komplex. Natürlich soll ein alter Mensch sterben dürfen, wenn er nicht mehr leben will. Man muss den Einzelfall beurteilen. Viel akuter scheint mir das Problem des sich ausdehnenden Zwischenreichs zwischen Leben und Tod zu sein: Was tun, wenn jemand sterben will, aber nicht mehr in der Lage ist, diesen Wunsch mitzuteilen? Und was tun, wenn jemand eine Patientenverfügung dazu aufgesetzt hat, unter welchen Umständen er sterben will, inzwischen aber seine Meinung geändert hat, die er nicht mehr artikulieren kann? Für dieses Problem gibt es kaum eine Lösung. Viele Ärzte ermöglichen ihren Patienten ein qualfreies Sterben, indem sie die Morphiumdosis erhöhen und so das Leben im Zwischenreich verkürzen; aber diese Praxis wird verschwiegen, weil sie häufig strafbar wäre.

Palliativmediziner warnen vor dem wachsenden Druck auf die kranken Alten, endlich zu sterben, weil sie für Gesellschaft und Angehörige nur noch eine Last seien, auch eine finanzielle.

Dieser Faktor wird überbewertet. Das Alt- und Krankwerden legt nun einmal den Gedanken an das Abschiednehmen näher. Viele alte Menschen nehmen sich das Leben. Man müsste die Stigmatisierung des Alterssuizids aufbrechen. Vor einigen Jahren ist an der Deutschen Oper Berlin bei einer Aufführung von Wagners «Tristan und Isolde» das sterbende junge Paar durch ein altes ersetzt worden, worauf das Publikum mit Buhrufen reagiert hat. Dabei hat der Liebestod eines alten Paars, wie ihn etwa Michael Haneke in seinem Film «Amour» zeigt, etwas Berührendes, Befreiendes.

Ist nicht der Tod einfach nur schrecklich?


Wir haben die lange Tradition des lachenden Todes vergessen: Denken Sie an die Totentänze, an den «Día de los Muertos» in Mexiko, an den morbiden Humor, den Enrique Vila-Matas in seinen Erzählungen über «vorbildliche Selbstmorde» demonstriert. Diese Kontexte haben wir verschüttet, als müsste jeder Tod grässlich sein, jeder Suizid pathologisch. Dabei teilen die Menschen ihre Sterblichkeit miteinander. Was uns trennt, verbindet uns.

Sie schreiben: «Wer sich das Leben nimmt, ergreift es.» Was meinen Sie damit?


Dass jemand sein Leben abrundet, indem er es beendet. Kafka soll dem Arzt, der ihm die tödliche Spritze gab, gesagt haben, er solle nicht fortgehen, worauf dieser erwiderte, er gehe nicht weg. Darauf sagte Kafka: Aber ich . . . Und schloss die Augen.

Die Kehrseite des Projekts des selbstbestimmten Sterbens ist: Muss ich mich jetzt auch noch um meinen Tod kümmern?

Ich würde sagen: Sie haben immerhin die Möglichkeit.

Kann Suizid ein subversiver Akt sein?


Sicher! Die politische Dimension des Suizids hat schon Sokrates hervorgehoben, der freiwillig den Giftbecher getrunken haben soll. Michel Foucault hat den Suizid sehr positiv bewertet. Der Suizident behauptet sich gegen die Todesdrohung politischer, staatlicher oder ökonomischer Macht. Er erteilt ihr eine Absage.

Zugleich erteilt er eine Absage an eine höhere, göttliche Macht, die das Ende des Lebens bestimmt?


Genau. Die politische Dimension des Suizids sollte respektiert werden. Wir aber begegnen den Suizidenten immer nur mit Mitleid oder Vorwurf.
https://www.nzz.ch/gesellschaft/wer-sich-das-leben-nimmt-ergreift-es-ld.1326101

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Re:Suizid
« Antwort #1 am: 19:07:24 So. 19.August 2018 »
Zitat
Trotz Gerichtsurteil 
Arzneimittel-Institut lehnt Anträge auf Sterbehilfe-Medikamente ab

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat nach einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" bislang sieben Anträge auf den Erwerb von Sterbehilfe-Medikamenten abgelehnt. Dabei hatte das Bundesverwaltungsgericht das Institut verpflichtet, entsprechende Anträge zu prüfen.

"Das BfArM bescheidet Anträge stets nach sorgfältiger Einzelfallprüfung unter Berücksichtigung der individuellen Umstände", teilte die Behörde demnach auf Anfrage des Blattes mit. Tatsächlich werden Anträge laut "Tagesspiegel" (Montagsausgabe) dagegen trotz eines anderslautenden Gerichtsentscheids grundsätzlich abgelehnt.

Urteil wird umgangen
...
...

Kriterien für eine Freigabe tödlich wirkender Medikamente zu entwickeln "würde die bisherige ethisch-politische Linie von Herrn Minister konterkarieren", hieß es demnach bezogen auf Spahns Amtsvorgänger Hermann Gröhe (CDU) in einem Vermerk bereits vier Tage nach dem Urteil. Die Vermerke habe das Blatt nach einer erfolgreichen Informationsklage einsehen können.

Quelle: t-online

Klar, gegen die ethisch-politische Linie eines Ministers kann ein Urteil nur abstinken. Das hat sicher etwas mit diesen Werten und Normen zu tun, die stehen ungeschrieben sogar über dem Gesetz.
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Re:Suizid
« Antwort #2 am: 08:17:26 Mo. 20.August 2018 »
Oh ja, die westliche Wertegemeinschaft!
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Re:Suizid
« Antwort #3 am: 19:10:06 Mi. 05.September 2018 »
In Belgien und den Niederlanden gibt es die "Pill van Drion."

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Re:Suizid
« Antwort #4 am: 09:46:47 Do. 06.September 2018 »
In Belgien und den Niederlanden gibt es die "Pill van Drion."

Ist alles in Niederländisch was ich dazu gefunden habe, es lässt sich daraus etwas zusammenreimen aber informativ ist anders, daß unsere unabhängige Qualitätspresse ggf. so ein Thema lieber nicht thematisiert spricht für sich, unser(e) Minister sollen ja nicht leiden.

Nachtrag:
Sterbehilfe Niederlande bringt bessere Suchergebnisse, seit 2002 in den Niederlanden erlaubt, hab auch schon vom gesellschaftlichen Gewöhnungseffekt gelesen, jedes Jahr sterben dadurch Menschen, mal mehr, mal weniger, ist also furchtbar grausam, wir sperren das Leid und Siechtum lieber weg, oder gehen den legalen Weg über mehr "verantwortungsvolle" Kriegsbeteiligung.

Noch ein Nachtrag:
Zitat
Tödliche Feldversuche

Ganz harmlos? Völkerrechtlich geächtet, ist Pfefferspray im Kriegseinsatz verboten. Doch in Deutschland darf es bei Demos eingesetzt und mit einem Aufkleber ("Zur Tierabwehr") an Minderjährige verkauft werden. Zwei aktuelle Todesfälle verdeutlichen das Gefahrenpotenzial.
...

Quelle: kontextwochenzeitung
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Re: Suizid
« Antwort #5 am: 10:28:56 So. 16.Juni 2019 »
Zitat
Suizid
Der dunkle Spiegel der USA

Ein hausgemachter Knackpunkt: Suizid wird zum "nationalen Problem" in den USA. Das liegt an einem zunehmenden gesellschaftlichen Druck und einer konstanten Unzufriedenheit. Es gibt einen Zusammenhang zwischen ökonomischen Niedergang und Suizid, behauptet eine Soziologin.


Erst Kate Spade, dann Anthony Bourdain: Der Tod der vielgeliebten Designerin und des scheinbar so unverwüstlichen Kochs und TV-Stars haben die USA schockiert.

Aber die Suizide haben viele Amerikaner auch endlich zum Reden gebracht über ein Thema, das immer noch tabu ist. Dabei brennt es unter den Nägeln, denn die Suizidraten steigen stark und seit Jahren.

Fast 45 000 Amerikaner haben sich 2016 das Leben genommen - das sind 25 Prozent mehr als 1999 und mehr als doppelt so viele wie 2016 ermordet wurden: Just in der Woche von Spades und Bourdains Tod legt die US-Gesundheitsbehörde CDC neue Zahlen vor.

"Verstörend" nennt Anne Schuchat, stellvertretende CDC-Geschäftsführerin, die Daten. "Die weitgestreute Natur dieses Anstiegs, in allen Staaten außer einem, legt wirklich nahe, dass das ein nationales Problem ist, das so gut wie alle Orte betrifft."

In der Tat sind alle Altersgruppen, Geschlechter und Ethnien betroffen - wenn auch unterschiedlich stark. Generell gilt: Mehr als vier Fünftel der Suizidopfer sind Weiße und etwa drei Viertel Männer.

Mittlerer Westen häufig betroffen

Besonders heftig ist der Trend in den Flächenstaaten des mittleren Westens: North Dakota verzeichnet zwischen 1999 und 2016 einen Anstieg von 57 Prozent, und in Montana ist es schlimmsten.

Hier liegt die Selbsttötungsquote bei 29,2 pro 100 000 Einwohner. 13,4 sind es im US-Durchschnitt. Einzig in Nevada ist die Rate leicht gesunken – allerdings trotzdem auf hohem Niveau.

Zum Vergleich: In Deutschland lag die Quote laut den jüngsten verfügbaren Zahlen im Jahr 2015 bei 12,3.

Unterm Strich sieht es in Staaten mit strikteren Waffengesetzen etwas besser aus. Denn vor allem weiße Männer greifen häufig zur Waffe, wenn sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen.

Trotzdem bleibt die Frage: Woher kommt dieser drastische Anstieg? Gesundheitsexperten sehen ebenso wie Ökonomen und Soziologen einen Grund in der Finanzkrise, die das Land 2008 mit voller Wucht traf.

Ursprung Finanzkrise?

"Forschungen haben über viele Jahre und soziale wie gesundheitspolitische Felder hinweg gezeigt, dass es einen starken Bezug zwischen ökonomischem Niedergang und dem Anstieg von Selbsttötungen gibt", erläutert die Soziologin Sarah Burgard (University of Michigan) in der "Washington Post".

Auch die Opioidkrise spielt hinein: Hier sind Suizide und unbeabsichtigte Überdosierungen nicht leicht auseinanderzurechnen. Die CDC geht aber davon aus, dass sich Selbsttötungen durch die superstarken und abhängig machenden Schmerzmittel von 1999 bis 2014 fast verdoppelt haben.

Wer psychische Probleme hat, an Depressionen oder Angsterkrankungen leidet, hat es zudem oft schwer, wirksame medizinische und therapeutische Hilfe zu bekommen. Dazu braucht es Geld, eine Krankenversicherung und vor allem mehr als nur einen Besuch in der Krankenhausnotaufnahme im Extremfall.

Ein dunkler Spiegel

"Der Anstieg der Suizide hält der amerikanischen Gesellschaft einen dunklen Spiegel vor", schreibt die "New York Times". Darin zu sehen: ethnische Spannungen, eine zersplitterte Kultur, ein fadenscheiniges Gesundheitssystem und die Verzweiflung vieler Einzelner, die hinter Wogen lächelnder Social Media Fotos und putziger Emoticons verschwinden.

Menschen in schweren Krisen, aber auch Familien von denjenigen, die sich das Leben nahmen, leiden an diesem Schweigen. Dabei könnte mehr Offenheit auch Gefährdeten helfen, sagt John Draper vom Präventionsnetzwerk National Suicide Prevention Lifeline. "Wenn Menschen offener darüber reden, wie sie Selbstmordgedanken überwunden haben (...), gibt es deutlich Hinweise, dass das einen positiven Effekt hat auf Leute, die sich gerade in einer suizidalen Krise befinden."

Zumindest einige der Betroffenen haben sich jetzt hervorgewagt und ihre Geschichten geteilt: In "USA Today" berichtet die Kolumnistin Kirsten Powers von ihrer schweren Depression nach dem Tod und der Krankheit naher Menschen. Sie glaubt, dass auch eine Kultur, die Impulse des Immer-mehr-haben-Wollens anstelle echter Bindungen fördert, ein Grund für die wachsende Verzweiflung ist. "Ich wollte nur noch sterben." Aber sie habe letztlich überlebt – ebenso wie Oprah Winfrey oder Halle Berry – und sei heute dankbar dafür.

Erzählungen in sozialen Medien

Auch auf Twitter meldeten sich Betroffene zu Wort. "Es ist sechs Jahre her, dass ich barfuß auf dem Geländer einer Brücke stand, im Regen", beginnt Josh Raby einen langen Twitter-Thread, der von über 90 000 Menschen verfolgt wurde. Ausgerechnet ein Nachbar in einem "Toy Story"-Kostüm habe ihn gerettet – einfach, indem er da war.

Die Filmkritikerin Sheila O'Malley twittert, wie Freunde ihr in der tiefsten Krise Hilfe förmlich aufdrängten. "Dieser Plan hätte sehr gut nach hinten losgehen können." Aber Freunde sollten dieses Risiko eingehen und sich einmischen.
https://www.aerztezeitung.de/panorama/article/967458/suizid-dunkle-spiegel-usa.html

Zitat
In der amerikanischen Bevölkerung steigt die Suizidrate kontinuierlich. Mit 43 000 Opfern erreichte sie letztes Jahr den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten. Auch im amerikanischen Militär sind seit 2001 mehr aktive Soldaten durch eigene Hand gestorben als durch Frontkämpfe im Irak und in Afghanistan zusammen: fast jeden Tag einer.

Die Suizidrate von Kriegsveteranen bewegt sich jedoch in gänzlich anderen Dimensionen: Anfang 2013 schätzte das Veteranenministerium die Opferzahl anhand von Sterbeurkunden aus 21 amerikanischen Gliedstaaten auf 22 pro Tag.
https://www.nzz.ch/gesellschaft/die-gebrochenen-helden-ld.1326621

Ich denke, die Erklärung "ökonomischer Niedergang" ist zu kurz gegriffen.
Es ist ja nicht nur die Verarmung und der Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung (für Arme gibt es quasi keinerlei Behandlung psychischer Krankheiten, dafür jede Menge Meth, Crack und Opiate), es ist nicht die Verarmung selbst, sondern die Verarmung angesichts gewaltigen gesellschaftlichen Reichtums, die so erniedrigend für den Einzelnen ist.

Es ist auch das gesamte verlogene Wertesystem, das in den USA herrscht. Die dreiste Lüge, es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen zu können, der die Gesellschaft vergiftendende Rassismus, der bigotte religiöse Wahn mitsamt seiner Prüderie,  der Patriotismus und Militarismus, die Soldaten, die vielleicht glaubten irgendwelche "Werte" zu verteidigen, finden sich ich einer mordenden Söldnertruppe wieder, die für Wirtschaftssinteressen in alle Welt geschickt wird. Wer es nicht zum höchsten aller amerikanischen Werte, dem Reichtum, schafft, bleibt noch der religiöse Wahn oder der Rassenhass. Drogengebrauch findet seine Grenzen, wenn Geldbeutel und Körper nicht mehr mitspielen.

Die USA sind noch immer kulturelles Vorbild in Deutschland, trotz aller Kritik und Einschränkungen.

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Re: Suizid
« Antwort #6 am: 11:03:20 So. 16.Juni 2019 »
Zitat
Suizid-Krise in Nordindien: Der Preis der Pestizide

Das einst wohlhabende Punjab wird von einer sozialen Tragödie heimgesucht: Von Schulden erdrückt, nehmen sich jährlich Tausende Bauern das Leben
Der Tag, der Harpeet Kaurs Leben für immer ver­ändern sollte, begann mit einem rauschenden Fest: Während die heute 26-Jährige die Hochzeit ihres Bruders besuchte, versprach ihr Mann Raj, sich um den Haushalt und die Landwirtschaft zu kümmern. Stattdessen jedoch entdeckte ein Nachbar in den frühen Abendstunden den Körper des 32-jährigen Bauern leblos vom Dachbalken hängen. Raj Singh hatte am 10. November 2018 seinem Leben ein Ende gesetzt – genau wie sein älterer Bruder ein paar Jahre zuvor.
Wenige Wochen später sitzt Harpeet auf einem indischen Tagesbett im Innenhof, die Schwiegermutter reicht gezuckerten Milchtee, der Vater lauscht stumm der Unterhaltung. Jenes unverputzte Familienhaus im Dorf Balran, in dem ihr Mann sich erhängte, sagt Harpeet, sollte das Familienglück mit den zwei Kindern vollenden. Stattdessen jedoch setzte der dafür aufgenommene Kredit einen Teufelskreis in Gang:
Quelle: taz

Via NDS

Dieses Konkurrenz- Wettbewerbsdenken ist auch in dieser Hinsicht fatal, ein Gewinner und Milliarden mit Nichtbeachtung gestrafter, übergangener Verlierer.
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Re: Suizid
« Antwort #7 am: 16:18:45 Mi. 03.Juli 2019 »
Zitat
Sterbehilfe: Grundsatzurteil erwartet

In Leipzig wird eine Grundsatzentscheidung erwartet: Der Bundesgerichtshof (BGH) befasst sich heute mit Sterbehilfe und Sterbebegleitung durch Ärzte. Die Richter müssen klären, ob sich ein Mediziner strafbar macht, wenn er bei einem Patienten, der ausdrücklich sterben möchte und tödliche Medikamente dazu einnimmt, der Achtung des Patientenwillens höhere Priorität einräumt als dem Ergreifen lebensrettender Maßnahmen.

Arzt war in Hamburg freigesprochen worden

Unter den beiden verhandelten Fällen ist einer aus Hamburg: Es geht um einen Arzt, der 2012 vereinbarungsgemäß anwesend war, als sich zwei 85 und 81 Jahre alte, miteinander befreundete Frauen mittels von ihm empfohlener Medikamente selbst das Leben nahmen. Beide litten an mehreren nicht lebensbedrohlichen, aber ihre Lebensqualität zunehmend einschränkenden Krankheiten und wandten sich an den "Verein Sterbehilfe Deutschland".
Das Mittel zur Selbsttötung besorgten sie selbst. Der angeklagte Arzt beobachtete die Einnahme und protokollierte den Sterbevorgang. Nach Eintritt der Bewusstlosigkeit leitete er dem Wunsch beider Frauen entsprechend keine Rettungsbemühungen ein, stellte dann den Tod fest und rief die Feuerwehr. Das Landgericht Hamburg sprach den Arzt später vom Vorwurf eines Tötungsdelikts frei.

...

Quelle: NDR

Aus dem verlinkten Artikel Bezug Hamburg:
Zitat
"Wir müssen es auch nicht verstehen"

Die beiden Frauen hätten aktiv im Leben gestanden, führte der Richter aus. Sie seien viel gereist, hätten Bridge gespielt und ihre Verwandten besucht. Sie hätten altersbedingte Beschwerden, aber keine lebensbedrohenden Krankheiten gehabt. Am 10. November 2012 jedoch schluckten sie zusammen einen Giftcocktail. Warum bleibt unklar. "Wir müssen es auch nicht verstehen", sagte der Richter. Möglicherweise hätten sie Angst vor einer Pflegedürftigkeit gehabt und Sorge, dass ihre Finanzen nicht ausreichten. Die Entscheidung der beiden Frauen sei wohlüberlegt gewesen. Alleine darauf komme es an.

"Wir müssen es nicht verstehen", genau das ist der Punkt! Akzeptieren ohne es zu verstehen ist sehr schwer.
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Re: Suizid
« Antwort #8 am: 16:38:40 Mi. 03.Juli 2019 »
Der Punkt ist, dass zum Leben auch Lebensqualität gehört. Schätzt man diese als zu negativ ein, dann kann sich ein Todeswunsch ergeben.
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Re: Suizid
« Antwort #9 am: 19:53:27 Mi. 03.Juli 2019 »
Lebensqualität ist etwas sehr subjektives, und da sind wir direkt beim selbst bestimmten Sterben, wer bestimmt was ausreichende Lebensqualität für irgend jemand ist, welche Maßstäbe möchte/sollte man ansetzen?
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Re: Suizid
« Antwort #10 am: 20:16:46 Mi. 03.Juli 2019 »
Philosophisch halte ich Suizid für ein Recht, das jedem Menschen zusteht.
Politisch bekämpfe ich die Entwicklungen in Richtung einer Sterbehilfewirtschaft.
Es ist die Vorbereitung zum Aussondern nicht lebenswerten Lebens.
An andere Stelle wird hier bereits diskutiert, wie eng "Depressionen" und gesellschaftliche Verhältnisse miteinander verknüpft sind.
Ich habe mal gehört, daß in den Niederlanden die Sterbehilfe zu einer verbreiteten Todesursache geworden ist...
Zitat
Demenzkranke lassen sich töten, Depressive, Menschen mit Borderline-Störung, Behinderte. So steht es in den Berichten der Regionalen Kommissionen zur Sterbehilfe-Kontrolle (RTE).

Sterbehilfe begann vor 40 Jahren in den Niederlanden als Bewegung für mehr Selbstbestimmung von Patienten – doch inzwischen steht das Land vor einer Frage, die zugespitzt lauten könnte: Treibt mehr Individualismus beim Sterben eine Gesellschaft in einen kollektiven Flirt mit dem Suizid?

Die Zahlen sind drastisch: Zwischen 2012 und 2016 stieg die Zahl der Sterbehilfe-Fälle in den Niederlanden um 31 Prozent. Allein 2017 gingen 38 Prozent mehr Anfragen in den sogenannten Lebensende-Kliniken ein, wie ein aktueller Bericht zeigt. 2015 wählten 5516 Menschen in dem Land den Tod durch eine Injektion. 2016 waren es bereits 6091. Das sind vier Prozent aller Sterbefälle in den Niederlanden.
https://www.zeit.de/2018/08/aktive-sterbehilfe-niederlande-selbstbestimmung-kritik
...und die Familie mit dem Arzt abspricht, daß Opas Sterbetermin nicht mit den eigenen Urlaubsplänen kollidiert.

Wenn das menschliche Leben im Kapitalismus sowieso mit seiner Verwertbarkeit abgewogen wird, ist die Erleichterung des organisierten Ablebens ein echtes Horrorszenario.

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Re: Suizid
« Antwort #11 am: 20:39:10 Mi. 03.Juli 2019 »
Ja, die kapitalistische Verwertbarkeit tötet alles andere.
Nachtrag:
Aber das ist ja der Grund weshalb es hier Thema ist, kein noch so offener Mensch möchte einen McTot.
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Re: Suizid
« Antwort #12 am: 20:51:00 Mi. 03.Juli 2019 »
Wenn du ordentlich Geld zurücklegst, kriegst du Tod deluxe mit allen Extras, damit kannst auf ganz anderem Niveau ableben als diese asozialen Penner bei McTot.

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Re: Suizid
« Antwort #13 am: 09:52:44 Do. 04.Juli 2019 »
Was das Geld anbelangt kann man schnell in den Genuß von ableben deluxe kommen, erst mal im Gesundheitsmoloch angekommen bekommt man dich ganz schnell um die Ecke operiert oder sie fahren ihr Austauschprogramm, Lebensqualität gegen lukratives Siechtum.
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Re: Suizid
« Antwort #14 am: 11:39:31 Do. 04.Juli 2019 »
... erst mal im Gesundheitsmoloch angekommen bekommt man dich ganz schnell um die Ecke operiert.
Die fahren ein Austauschprogramm, Lebensqualität gegen lukratives Siechtum.

Jaja, ein schönes aktuelles Beispiel dafür aus Kiel fand vor kurzem den Weg in die Presse:

Zitat
Damals hatte sich der Arzt Dr. Hans-Peter Gockel in der Neurochirurgie des UKSH eine Stimulationssonde ins Hirn implantieren lassen, um das Alterszittern in der rechten Hand loszuwerden. Bei der OP kam es zu Komplikationen. Anschließend wurde der 76-Jährige auf den Intensivstationen der Neurochirurgie und der Anästhesie behandelt. Als er nach einem Koma das UKSH schließlich verließ, war er blind, konnte sich nicht mehr bewegen und nicht mehr kommunizieren. Die siebeneinhalb Jahre bis zu seinem Tod musste er rund um die Uhr gepflegt werden.
https://www.kn-online.de/Nachrichten/Schleswig-Holstein/Pflegefall-nach-OP-Familie-verklagt-UKSH-Chef-Scholz

Ich gehe davon aus, daß so etwas nicht so selten ist, doch selten hat man eine Familie mit ausreichend Kohle, Einfluß und Kontakten hinter sich, die es schafft, mit so einem Fall in die Medien und Gerichte zu kommen.