Autor Thema: Kritik an linken Projekten  (Gelesen 2570 mal)

Kuddel

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #15 am: 11:30:05 Di. 02.Februar 2021 »
Wir müssen uns mit vielen Dingen, die als links gelten, kritisch auseinandersetzen.

China, die Sowjetunion, die DDR und erst recht Nordkorea haben einen derart schlechten Ruf (zum Teil zurecht) in der Bevölkerung, daß sie mit linken Ideen und praktischen Kämpfen nichts zu tun haben will. Die Leute glauben, linke Politik läuft sowieso auf autoritäre, repressive Verhältnisse mit einer Mangelversorgung hinaus.

Wir müssen uns ansehen, was da warum falsch gelaufen ist. Wir müssen klarstellen, wie wir eine Wiederholung verhindern wollen. Unsere Vorstellungen und Kämpfe gehen nicht in Richtung einer Wiederholung des "real existierenden Sozialismus" des "Ostblocks".

Die Befreiungsbewegungen der 60er und 70er Jahre Lateinamerikas wurde von riesigen Hoffnungen der Linken hierzulande begleitet. Daß die "befreiten" Ländern dann nicht zu den hoffnungsvollen Inseln einer neuen Gesellschaft wurden, der man im Rest der Welt nachstrebt, führte zu einer Resignation vieler Linker.

Das sind alles Beispiele für die Notwendigkeit eines kritischen Rückblicks auf linke Großprojekte.

Es ist aber auch eine radikale Kritik an der heutigen linken Praxis notwendig.

Selten war Antifapolitik so wichtig wie heute.

Die Antifa ist stark unterwandert von den Antideutschen. Deren wirrer bis reaktionärer Scheiß wird dort gern nachgeplappert.

Die Antifa verhält sich oft wie eine Jugendsubkultur, die ihre Kräfte mit dem faschistischen Gegner messen will, sich aber um die gesellschaftlichen Verhältnisse und Kräfte herzlich wenig kümmert.
Die Autonome Antifa macht Ottonormalverbraucher Angst. Eine Antifa ist erst dann wirklich brauchbar, wenn die einfachen Leute erkennen, daß die Antifa sie beschützt vor dem militanten Arm des Kapitals. So lange sich die Antifa nicht für die Bevölkerung, bzw. die Klasse interssiert, und deren Bedürfnisse und Ängste nicht kennt, wird sie den rechten Tendenzen weiterhin wenig entgegensetzen können.

Ich halte das Interview mit Michael Wengraf "die unheilvolle Allianz zwischen Links- und Neoliberalismus" für einen interessanten Beitrag über die Verwirrung der heutigen Linken. https://www.heise.de/tp/features/Corona-beweist-Auch-Populisten-koennten-Grund-und-Freiheitsrechte-nicht-besser-abbauen-5036628.html

Nikita

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #16 am: 19:05:45 Do. 16.September 2021 »
Hier geht mal wieder ein linkes Projekt kaputt, das ich gern gelesen habe. Die linke Szene bleibt in der ewigen Selbstzersetzung.
Zu "Analyse & Kritik", Graswurzelrevolution und der FAU Hamburg frage mich:
What's left?

https://zuendlumpen.noblogs.org/

Zuendlumpen:  Rest in Peace


Kuddel

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #17 am: 12:27:42 Fr. 17.September 2021 »
Ich werde nicht recht schlau aus dem Posting.

Ich bin gelegentlich über die Seite "Zündlumpen" gestolpert und fand sie gut und wichtig. Jetzt ist wohl Schluß. Die Gründe dafür erkenne ich weder aus diesem Posting, noch aus ihrer eigenen Homepage.

"What's left" ist ein Wortspiel. Was ist links? Was ist geblieben?
Was will uns das sagen?

"Analyse & Kritik" (AK), Graswurzelrevolution und FAU Hamburg sind auch in der Krise? Vor der Auflösung?

Falls ja, was sind die Ursachen?

"Ewige Selbstzerstörung der Linken"?? Das Ganze in der Rubrik "Kritik an linken Projekten".
Ist eine interne politische Selbstkritik der Grund der "Selbstzerstörung"?

Ich habe zahlreiche linke und selbstverwaltete kulturelle Projekte den Bach runtergehen sehen. Immer kam die Zersetzung von innen und nicht von einem äußeren Feind. Bei den mir bekannten Fällen waren es nie interne Debatten über die Ausrichtung und Zielsetzung des Projekts, die zu der Auflösung geführt haben, sondern das Fehlen dieser Debatten.

Manchmal vermischen sich persönliche und politische Gründe. Zum Knall kommt es dann, wenn diese Gründe nicht benannt und diskutiert werden. Oftmals sind es persönliche Enttäuschungen über unerfüllte Hoffnungen. Es sollte kein Problem sein, ein Projekt zu verlassen, wenn man den Glauben an die Sache verloren hat. Das wird im Allgemeinen nicht offen angesprochen, sondern es werden irgendwelche Dinge vorgeschoben, um die es nicht geht. Unehrlichkeit, Unterstellungen und Ausweichen werden kaum eine Lösung bringen, sondern eher zu einer Auflösung führen.

Man sollte politische Differenzen ebenso offen diskutieren, wie man zwischenmenschlichliche Probleme ernst nehmen muß. Daß dies nicht versucht wird, ist in meinen Augen oft der Grund für die Auflösung von Gruppen und Projekten.

Kuddel

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #18 am: 21:03:45 Mo. 27.September 2021 »
Huhu Nikita,
meine Frage war ernst gemeint. Weißt du mehr über die Konflikte bei Zündlumpen, AK und FAU Hamburg?
Bei Zundlumpen habe ich immerhin verstanden, daß die wohl am Ende sind. Warum? Keine Ahnung.
Beim AK und der Fau Hamburg hatte ich noch nichtmal einen Schimmer, daß es da überhaupt Konflikte gibt.
Oder habe ich dich falsch verstanden?

Nikita

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #19 am: 21:17:47 Mo. 27.September 2021 »
Zitat
"Analyse & Kritik" (AK), Graswurzelrevolution und FAU Hamburg sind auch in der Krise? Vor der Auflösung?
Nein.

Zuendlumpen gibt sie u.a. als Gründe an, weshalb sie ihr Magazin und die Website einstellen. Siehe hier:
https://zuendlumpen.noblogs.org/post/2021/09/15/das-wars/

"ist während der letzten anderthalb Jahre eine regelrechte Hetzkampagne gegen unsere Zeitung ins Rollen geraten."

"Erst waren es die Zentralorgane des linksidentitären Konformismus wie die konkret und die Analyse & Kritik, die uns – wenig plausibel – unterstellten, sozialdarwinistische Positionen zu vertreten. Dem schloss sich das „anarcho“konformistische Traditionsblatt schlechthin, die Graswurzelrevolution an und setzte den Zündlumpen und „den Insurrektionalismus“ mit Neonazis gleich (bzw. befand ihn für phänomenologisch ähnlich, wie Lou Marin später betonen würde) und schließlich folgten die etwas weniger in Konformismus geübten, dank ihrer Wissenschaftsgläubigkeit orientierungslos gewordenen, anarchistischen Schwurbelbekämpfer*innen der FAU Hamburg und anderer irrelevanter Gruppen; und irgendwelche plattformistischen Stümper versuchten sich relativ erfolglos am öffentlichkeitswirksamen Verbrennen des Zündlumpens. Vor allem letzteres hat uns zu Denken gegeben: Wenn dieses Blatt nicht einmal seinem Namen gerecht wird, wozu taugt es dann überhaupt?

Unterdessen fängt eine „Linke Szene“ an, zu raunen und zu spekulieren: Nicht einmal das Maul halten können diese Leute noch. Erst flüstert der Arthur der Anna etwas zu, dann die Anna dem Christoph. Der Christoph versucht sich sogar als Hobbybulle und versucht aus den Handschriften irgendwelcher Münchner Graffiti schlau zu werden. Mutmaßungen über die Urheber*innenschaft des allseits verhassten Blattes machen die Runde und wer es wagt zuzugeben, dass sie eigentlich doch ganz spannend findet, was da so geschrieben steht, die muss sich immer häufiger anhören, was der Freund vom Arthur bei Twitter von Anna gelesen hat, die zwar selbst nicht den Artikel gelesen, aber doch immerhin von einer Freundin erzählt bekommen hat, was deren Freund sagt, dass darin stünde. Nein, wirklich, das ist kein Witz. Das ist das Niveau, auf dem der Zündlumpen unter Linken mehr oder weniger erfolgreich diffamiert wird. Kein Wunder, dass man mit solchen Jasagern schon vor einiger Zeit gebrochen hat. Gefährlich sind die Spekulationen in diesen Kreisen jedoch nichtsdestotrotz. Nicht weil diese Leute irgendeine Ahnung hätten, sondern vielmehr, weil der Repression auch die wildeste Spekulation zum Vorwand gereichen kann, wenn sie ihr gerade gelegen kommt."

Gesamter Text im
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Kuddel

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #20 am: 21:07:20 So. 03.Oktober 2021 »
Diesen Text kannte ich. Hat mich nicht schlauer gemacht. Habe nur Bahnhof verstanden.

Es ist eher die Regel, denn die Ausnahme, daß linke Projekte nur zeitlich begrenzt funktionieren. Ich finde es interessant herauszufinden, woran es liegt. Ein Bekannter hat mir gesagt, daß er nicht mehr mit Studenten politisch zusammenarbeitet. Es haben sich immer die gleichen Erfahrungen wiederholt: Erst kann ihnen alles nicht radikal genug sein. Nach 2-3 Jahren sind sie weg. In einer anderen Stadt. Dann steht ein prekärer Job oder eine Karriere an. Und wenn noch ein Kind kommt, ist sowieso alles vorbei. Die Radikalinskis von gestern sind für Aktivismus nicht mehr zu haben. Sie interessieren sich auch nicht mehr sonderlich für Politik.

War das bei Zundliumpen möglicherweise auch so? Ich werde aus dem verquarsten Text voller linker Codes und Insiderwortspielen nicht schlau. Es wird eine Parole der Roten Hilfe benutzt und verstehe sie so, daß Leute zuviel gequatscht haben über Dinge, über die man nicht quatscht. Auch wenn es nicht direkt den Bullen erzählt wurde, machte es indirekt die Runde und erreichte vielleicht Ohren, die es nicht hören sollten. Und das Hinweisen auf die FAU Hamburg? Was sollte das? Man sagt der hamburger FAU nach, sie sei von den Antideutschen unterwandert. Hatte der Zündlumpen des gleiche Problem?

Warum nur linker Insidersprech? Warum werden die Probleme nicht benannt??
Ich bin Anhänger einer Geschichtsschreibung von unten. Das sind auch die Geschichten des Widerstands. Und dazu gehören auch die Fehler und Niederlagen. Aus ihnen kann man mehr lernen, als an der Selbstbeweihräucherung der Aktivist:innen.

Kuddel

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #21 am: 11:27:43 Sa. 08.Januar 2022 »
Zitat
Rosa Luxemburg zur Russischen Revolution

Vor genau einhundert Jahren erschien Rosa Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki. Der Parteikommunismus hat sie dafür an den Rand gedrängt.


(...) Auch die politischen Formen der Revolution gaben ihr bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zu denken. Wegweisend an ihren Ausführungen ist, dass sie dabei »sozialistische Demokratie« und eine »revolutionäre Diktatur des Proletariats« nicht als Gegensätze behandelte sondern in eins setzte. In genau diesem Zusammenhang steht auch ihre berühmte Bemerkung über die »Freiheit des anders Denkenden«.

Luxemburg spricht hier gegen die Diktatur einer Partei und von der Freiheit auf der Grundlage der Revolution. Die Revolution bedarf der Freiheit um ihrer selbst willen. Diese kann nicht auf den Sanktnimmerleinstag verschoben werden, denn mit der Revolution beginnt die Freiheit, sie ist ihr Lebenselixier: »Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als die Diktatur des Proletariats.«

Dass die Revolution mit drakonischen Maßnahmen gegen das bürgerliche Eigentum einhergeht, zieht Luxemburg nicht in Zweifel. (...)
https://jacobin.de/artikel/rosa-luxemburg-zur-russischen-revolution-bolschewiki-lenin-russland-freiheit-des-andersdenkenden/

dagobert

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Re: Kritik an linken Projekten
« Antwort #22 am: 12:50:45 Sa. 08.Januar 2022 »